Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/vhn2022.art01d
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Das provokative Essay: Das Narrativ von Behinderung
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Christian Mürner
Behinderung braucht ein neues Narrativ. Dieses Narrativ ist das, was Behinderung in der Gesellschaft als sinnstiftende Meta-Erzählung angemessen repräsentiert. Es beabsichtigt, die alten Vorurteile und Vorstellungen, d.h. das Opfer-, das Mitleids- oder das Heldennarrativ abzulösen. Das Trendwort „Narrativ“ als Substantiv ist zu unterscheiden von den vielen verschiedenen einzelnen Erzählungen, es bildet vielmehr aus diesen ein verallgemeinertes Muster, das sowohl analysiert als auch interpretiert wird im Kontext kulturell dominierender Ansichten. Das Narrativ lässt sich exemplarisch veranschaulichen „über Märchen, Behinderung und Teilhabe“ - so lautet der Untertitel des 2021 auf Deutsch erschienenen Buches „Entstellt“ („Disfigured“, 2020) der kanadischen Autorin Amanda Leduc. Märchen eignen sich für diese Auseinandersetzung zur Darstellung von Inklusion und Exklusion behinderter Figuren besonders, weil sie über soziale Schichten, kulturelle Gegensätze und historische Unterschiede hinweg in ähnlicher Weise Interesse oder Diskurse provozieren. Leduc beginnt damit, dass sie das tradierte Narrativ von Behinderung im Märchen darstellt, deren Kontinuität in den Disney-Filmen abhandelt und die weitgehende Übereinstimmung mit gesellschaftlichen Normalitätskonstrukten kritisiert.
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1 VHN, 91. Jg., S. 1 -5 (2022) DOI 10.2378/ vhn2022.art01d © Ernst Reinhardt Verlag Das Narrativ von Behinderung Christian Mürner Hamburg Zusammenfassung: Behinderung braucht ein neues Narrativ. Dieses Narrativ ist das, was Behinderung in der Gesellschaft als sinnstiftende Meta-Erzählung angemessen repräsentiert. Es beabsichtigt, die alten Vorurteile und Vorstellungen, d. h. das Opfer-, das Mitleids- oder das Heldennarrativ abzulösen. Das Trendwort „Narrativ“ als Substantiv ist zu unterscheiden von den vielen verschiedenen einzelnen Erzählungen, es bildet vielmehr aus diesen ein verallgemeinertes Muster, das sowohl analysiert als auch interpretiert wird im Kontext kulturell dominierender Ansichten. Das Narrativ lässt sich exemplarisch veranschaulichen „über Märchen, Behinderung und Teilhabe“ - so lautet der Untertitel des 2021 auf Deutsch erschienenen Buches „Entstellt“ („Disfigured“, 2020) der kanadischen Autorin Amanda Leduc. Märchen eignen sich für diese Auseinandersetzung zur Darstellung von Inklusion und Exklusion behinderter Figuren besonders, weil sie über soziale Schichten, kulturelle Gegensätze und historische Unterschiede hinweg in ähnlicher Weise Interesse oder Diskurse provozieren. Leduc beginnt damit, dass sie das tradierte Narrativ von Behinderung im Märchen darstellt, deren Kontinuität in den Disney-Filmen abhandelt und die weitgehende Übereinstimmung mit gesellschaftlichen Normalitätskonstrukten kritisiert. Schlüsselbegriffe: Märchen, Narrativ, Behinderung, Normalität, Teilhabe The Narrative of Disability Summary: Disability needs a new narrative. This narrative is what adequately represents disability in society as a meaningful meta-narrative. It intends to replace the old prejudices and ideas, i. e. the victim narrative, the pity narrative or the hero narrative. The trendy word “narrative” as a noun is to be distinguished from the many different individual narratives; rather, it forms a generalised pattern from these, which is both analysed and interpreted in the context of culturally dominant views. The narrative can be exemplified “through fairy tales, disability and participation” - this is the subtitle of the book “Disfigured” by Canadian author Amanda Leduc, published in 2020. Fairy tales are particularly suited to this exploration of the representation of inclusion and exclusion of disabled characters because they similarly provoke interest or discourse across social classes, cultural contrasts and historical differences. Leduc begins by depicting the traditional narrative of disability in fairy tales, tracing their continuity in Disney films and critiquing their extensive conformity to social constructs of normality. Keywords: Fairy tale, narrative, disability, normality, participation DAS PROVOK ATIVE ESSAY Märchen haben einen „Nährboden für behindertenfeindliche Narrative geschaffen“ (Leduc, 2021, S. 13), behauptet Amanda Leduc. Zwar werden in Märchen nicht selten behinderte Figuren erwähnt, aber dann wird die Bedeutung der Behinderung nicht mehr in Betracht gezogen, sie am Schluss zum Verschwinden gebracht und dies zum Happy End erklärt. Leduc fragt demonstrativ, warum es „immer das Individuum [war], das sich ändern musste, und nie die Welt? “ (ebd., S. 12). Es gibt keine Erzählungen ohne Leit- und Nebenfiguren. (Die Formulierungen von „Protagonist*innen“ oder von „der*die Held*in“ [ebd., S. 46/ S. 109] folgen derzeitigen Diktionen.) VHN 1 | 2022 2 CHRISTIAN MÜRNER Das Narrativ von Behinderung DAS PROVOK ATIVE ESSAY Das soziale Verhalten in der Märchenwelt wird durch individuell imaginierte Charakterisierungen zur Verantwortung gezogen, toleriert, abgelehnt oder vage gehalten. Die Beziehung zwischen innerer und äußerer Perspektive ermöglicht die Auseinandersetzung und die Beteiligung in der Lektüre. Diese Offenheit braucht jede intensive Geschichte. Zu diesen denkbaren Einsichten regt Leducs Essay an, auch wenn mehrmals gegenüber individuellen zuerst wenig konkretisierte gesellschaftliche Veränderungen gefordert werden. Durch ihre Darstellungsweise, die methodisch interessante Koppelung von den Sachverhalten der Märchen mit den autobiografischen Erfahrungen der Autorin, ergibt sich die widerspenstige, originelle Ambivalenz von sozialem und familiärem Umgang, medizinischen Befunden und ärztlicher Behandlung sowie Chancen und Risiken persönlicher Aktivitäten. Leducs erweiterte Initiative, Märchen oder Disney-Geschichten aus der „Perspektive der Behindertenrechtsbewegung zu beleuchten“, um das „Narrativ von Behinderung zurückzuerobern“ (ebd., S. 12f.), das heißt Raum zu schaffen, für „eigene“ Narrative, ist nachvollziehbar und pointiert. Dass es allerdings „erstaunlich wenig zu dem Thema gebe“, trifft für den deutschen Sprachraum kaum zu. Es gibt dazu prägnante Publikationen und Auseinandersetzungen, die bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhundert zurückreichen, u. a. von Udo Sierck (1983) und Susanne Schriber (2007) sowie von Max Lüthi (1966) und Hans-Jörg Uther (1981). Musternarrativ Das erste Märchen, das Leduc als Musternarrativ präsentiert, ist „Hans mein Igel“ (Grimms Märchen, 108, 1837). Ein reicher Bauer sagt im Zorn, weil er von den Leuten wegen Kinderlosigkeit verspottet wird, er wolle endlich ein Kind haben „und sollts ein Igel sein“. Seine Frau bringt darauf ein Kind zur Welt, das oben ein Igel und unten ein Junge ist. Sie taufen ihn „Hans mein Igel“ und verstecken ihn jahrelang hinter dem Ofen. Dann reitet Hans mein Igel auf einem Göckelhahn mit einem Dudelsack in den Wald, hütet und züchtet Schweine, die er seinem Vater zum Schlachten übergibt. Im Wald trifft er einen König, der sich verirrt hat. Auf dessen Bitte verhilft er ihm zur Heimkehr. Das Versprechen, ihm dafür seine Tochter zu geben, widerruft der König. Als „Lohn für seine Falschheit“ wird die Königstochter von Hans’ Igelhaut blutig zerstochen. Die Begegnung mit einem zweiten vom Weg abgekommenen König verläuft anders. Hans mein Igel erhält dessen Tochter. Sie ermöglicht ihm sein Igelgesicht abzustreifen und zu verbrennen. Zunächst ist er zwar noch „kohlschwarz“, durch eine Salbe wird er weiß und regiert das Königreich. Alle freuen sich, auch sein Vater, der Hans mein Igel zuerst gar nicht wiedererkennt. Das Märchenmuster: Nach dem Problem (Kinderlosigkeit, verwünschtes Kind) folgt die Problemlösung (normgerechter Körper, glückliches Ende). Der Märchentyp, in dem Figuren durch das Andersseins, durch eine Abweichung, durch eine Besonderheit sich von ihrer Umgebung abheben, wird meistens mit deren Verwandlung oder Normalisierung abgeschlossen. Märchen wie „Hans mein Igel“ verfahren nach dem „medizinischen Modell von Behinderung“, konstatiert Leduc, da dieses ähnlich wie das Wohltätigkeitsmodell prinzipiell normabweichende Beeinträchtigungen und Einschränkungen von Personen als verbesserungs-, korrektur- und ergänzungsbedürftig erachtet. „Im medizinischen Modell ist Behinderung immer der Bösewicht“, so Leduc (2021, S. 41; vgl. auch S. 61). Nach dem „sozialen Modell“ wären es die Familie und die Gesellschaft, die sich umstellen müssten und die Hans mein Igel in seiner Eigenart zu akzeptieren hätten. Leduc notiert: „‚Hans mein Igel‘ [als Märchen] ist deshalb interessant, weil es sowohl von der Selbst- VHN 1 | 2022 3 CHRISTIAN MÜRNER Das Narrativ von Behinderung DAS PROVOK ATIVE ESSAY ermächtigung des Protagonisten als auch von den tiefer liegenden sozialen Erwartungen handelt“ (ebd., S. 45). Warum wird ‚Hans mein Igel‘ stets von Neuem weiter so genannt? Mythologisch gilt der Igel gewöhnlich als resistent, aber auch als sensibel, es wird ihm seit der Antike ein Blick auf die eine „große Sache“ zugeschrieben. Zerebralparese Amanda Leduc ist vier Jahre alt, als sie das Krankenhaus verlassen kann. Ihr wurden, nachdem ein Shunt nicht funktionierte, Teile einer Zyste im Gehirn operativ entfernt. Die Diagnose ein Jahr zuvor lautete: Zerebralparese. Das medizinische Fachwort erklärt sie detailliert. Ihren Krankenhausarzt schildert sie als „medizinischsachlich und zugleich warmherzig“ (ebd., S. 34). Geht daraus hervor, dass es gilt, das „medizinische Modell“ von der ärztlichen Behandlung zu unterscheiden? Beim Verlassen des Krankenhauses trägt sie ein blassgrünes Kleid. „Ich fühle mich wie eine Prinzessin.“ - „Ich bin das Happy End, das meine Eltern sich erhofft hatten, und gleichzeitig bin ich es für mich selbst irgendwie auch nicht“ (ebd., S. 48). Auch ihr rechter Fuß wurde „gerichtet“ (ebd., S. 29f.), doch wird sie in der Schule wegen ihrer schiefen Hüfte, ihres leichten Hinkens und ihrer Spezialschuhe gemobbt (ebd., S. 149). Sie verliebt sich, wird aber nicht beachtet. Mit zehn Jahren lernt sie im Kino und über VHS-Kassetten die „Disneyfizierung“ (ebd., S. 97) bekannter Märchen kennen: „Sneewittchen“ (Grimms Märchen, 53, 1837), geläufig als „Schneewittchen und die sieben Zwerge“. Laut Leduc erfasste Walt Disney, dass die „sieben Körper, die anders sind“, sich für „befreiende Komik“ eignen „und uns von dem ablenken, was in den gesunden lauert“ (Leduc, 2021, S. 98). Die Disney-Fankultur betrachtet Leduc als etwas „von der Sorte ‚Es ist kompliziert‘“ (ebd., S. 114). Eine kleinwüchsige Frau aus einer der Gruppen der Behindertenbewegung, mit denen Leduc zum Thema im Kontakt war, bemerkte, dass, wenn sie zusammen zu siebt in einem Auto seien, bestimmt Witze gemacht würden, aber es sei zu berücksichtigen, dass Witze darüber von nicht kleinwüchsigen Personen etwas anderes seien (ebd., S. 103, vgl. auch S. 249f.). Märchensammlungen Übernahmen, Abwandlungen und Umarbeitungen gehören ihrem mündlichen Ursprung gemäß zu den Märchen. Die ersten Sammler westlicher Märchen finden sich in Italien Anfang des 17. Jahrhunderts, z. B. Giambattista Basile (1575 - 1632). Es überrascht, dass Leduc (ebd., S. 72) nicht erwähnt, dass in Basiles „Pentamerone“ (1634/ 36 / 1982) die fünfzig Märchen an fünf Tagen von zehn explizit behinderten Frauen erzählt werden - von der „lahmen oder hinkenden Zeza, der krummen Cecca, der kropfigen Meneca, der großnäsigen Tolla, der buckligen Popa, der geifernden oder sabbernden Antonella, der breitmäuligen oder gesichtzuckenden Ciulla, der schiefmäuligen oder triefäugigen Paola, der grindigen Ciommetella und der stumpfnäsigen oder kreischenden Ghiacova“ (Basile, 1634/ 36 / 1982, Bd. 1, S. 20). Ein Prinz wählte die Frauen aus, um mit dem Zaubermittel der Märchen die ihm zugedachte, verschlafene Prinzessin zurückzugewinnen. Der bekannteste französische Märchensammler war Charles Perrault (1628 - 1703). Der imposante „Riquet mit dem Schopf “ (Perrault, 1695/ 97 / 1986, S. 105ff.) lässt sich in den Zusammenhang mit „Die Schöne und das Biest“ stellen. Auf die französische Bezeichnung Contes de fées gehen die englischen fairy tales zurück (vgl. Leduc, 2021, S. 78). Den deutschen Märchen der Brüder Grimm attestiert Leduc einen „Hang zu Nationalismus“, von dem es „nicht weit zu Nazideutschland“ (ebd., S. 25; S. 89) sei sowie zur Eugenik und „Euthanasie“ behinderter Menschen. (Die Brü- VHN 1 | 2022 4 CHRISTIAN MÜRNER Das Narrativ von Behinderung DAS PROVOK ATIVE ESSAY der Grimm hatten Beziehungen zu einigen jüdischen Persönlichkeiten, aber eine differenzierte Darstellung ihrer antisemitischen Äußerungen steht erst in den Anfängen.) Wilhelm Grimm (1786 - 1859) hat die Märchen für Kinder umgearbeitet, „unter seiner redaktionellen Hand nahm die Prävalenz von Behinderung in den Märchen zu“. Diese Ergänzungen spezifischer Figurencharakterisierungen nennt Leduc „narrative Prothese“. Sie nimmt einerseits an, dass Grimm dadurch „die Figuren einzigartig und unvergesslich“ machen wollte, andererseits verweist sie auf seinen prekären „Gesundheitszustand“ (ebd., S. 83f.). Nachwirkungen von Scharlach und Asthma als Jugendlicher beeinträchtigten ihn im Erwachsenenalter durch unregelmäßige Herzfrequenz, Schwindel und Benommenheit. Ähnlich wie bei Wilhelm Grimm referiert Leduc die gesellschaftliche und gesundheitliche Situation von Hans Christian Andersen (1805 - 1875) in Bezug auf seine Kunstmärchen. Andersen war groß, galt als linkisch und neigte zu hypochondrischem und paranoischem Habitus. Eines seiner bekanntesten Märchen sei „Andersen in reinster Form“, sagt Leduc und fügt hinzu: „In Wirklichkeit ist das hässliche Entlein jedoch niemals hässlich - sondern die Welt vermittelt ihm nur das Gefühl, hässlich zu sein. Seine eigene Schönheit sieht es erst, als es erkennt, dass es wie andere aussieht“ (ebd., S. 170). Spricht dies gegen eine vorschnelle Inklusion und eher für verschiedene autonome „Communitys“ sowie ihre spezifischen Narrative? Autobiografie Nach dem Schulabschluss verlässt Amanda Leduc das Elternhaus, um fern der Heimat ein unabhängiges Leben zu realisieren. Sie studiert im schottischen Edinburgh und macht den Master-Abschluss. Sie schreibt einen Roman. Sie stellt fest, „ich dachte, es würde sich etwas ändern, wenn ich einen Roman veröffentliche, doch es änderte sich nichts“ (ebd., S. 181f.). Sie kehrt zurück nach Kanada, es fühlt sich für sie an wie eine Niederlage. Sie arbeitet im Krankenhaus, in dem sie einst lag, in der Notfallpsychiatrie, um die Studienkredite abzuzahlen. Literarisch ist sie nicht mehr tätig. Sie zieht sich zurück, liegt im Bett und sieht stundenlang fern. Eine Kollegin sagt ihr, dass sie aufgrund der depressiven Situation nicht mehr sie selbst sei. Sie entscheidet sich für eine Therapie und begreift ihre Genesung als Privileg (ebd., S. 198, S. 207). Ist es einleuchtend, die Auseinandersetzung, Auswahl und Deutung von Leducs „Märchenbuch“ ähnlich, wie sie es bei Wilhelm Grimm und Andersen vorschlägt, in einen autobiografischen Zusammenhang zu setzen? Leduc ist fasziniert von Prinzessinnen, weißen Kleidern und Stöckelschuhen, die sie nie tragen kann (ebd., S. 243). Diese Identifizierungen erzeugen Ambitionen, die unerfüllbar bleiben, das Märchen unterscheidet sich von der Realität. Die Anklage richtet sich dann gegen beide, die individuell heroische Leitfigur und das stereotype gesellschaftliche Leitbild. Auch für die Lektüre gibt es kein Entweichen. Märchen bieten eine Projektionsfläche für (Über-)Interpretationen, wenn beispielsweise vom Hans-mein-Igel-Syndrom (Borderline) gesprochen wird. Auch wenn Märchen trösten, Zuhören beruhigt und Lesen andere Gedanken anregt, hat erzählende Literatur wenig mit therapeutischen Intentionen zu tun. Aber auch der Zwischenruf, „es ist nur eine Geschichte“ (ebd., S. 209), ist unerheblich, denn die Wirkung narrativer Beispiele ist nicht zu unterschätzen. „Keine der Prinzessinnen trägt eine Brille. Es gibt keine Gehhilfen, keine Rollstühle“, bemerkt Leduc. Nicht jedoch die Figuren, sondern die „Geschichten müssen anders werden“ (ebd., S. 212). Wie anders? Weniger eindimensional, weniger ausgerichtet an den „idealen Körpernormen“ und der erhabenen Leistungsfähigkeit. Leduc will im Sinn einer Art Wiedergutma- VHN 1 | 2022 5 CHRISTIAN MÜRNER Das Narrativ von Behinderung DAS PROVOK ATIVE ESSAY chung Geschichten, die „die Welt so umgestalten, dass die Unterschiede normal sind“. Was heißt normal? Leduc differenziert ihre Analyse, es brauche auch Individuen, „die sich ändern, so dass die Welt sich ändern und verbessern kann, um ihnen direkt zu begegnen“ (ebd., S. 220). Neue Märchen Lassen sich mit oder gegen die klassischen Märchen neue Mythen, Bilder und Narrative erfinden? Märchenbetrachtungen zu beschränken auf ihre behinderten Figuren ermöglicht ungewöhnliche Assoziationen. Amanda Leduc reduziert und übertreibt, aber sie hat eine klare Perspektive. Ihr Ansatz erscheint weniger provokant als konsequent. Er betont am Schluss die Komplexität eines Narrativs und damit von dem, was Behinderung genannt wird. Das herkömmliche Narrativ von Behinderung ist geradlinig festgelegt in einer Antithese. Die behinderte Figur kann zwar eine Hauptrolle übernehmen, wird aber erst anerkannt, wenn sie die Behinderung überwindet oder sie ihr irgendwie abhanden kommt. Das neue Narrativ von Behinderung endet dagegen „nicht zwangsläufig mit der Wiederherstellung des normgerechten Körpers oder dem Absturz in die Verzweiflung“, sondern kann „auch einfach so weitergehen“ (ebd., S. 264f.). Es vermeidet Verniedlichung und Verherrlichung, aber kann nicht auf die magischen Kräfte der Märchen verzichten und löst nachdenkliche Erwartungen aus. Wie sind fixierte Ideale und Normalitätsvorstellungen oft latent eingefügt? Wo eröffnen sich durch das von der Realität und dem Leben zu unterscheidende, durchaus auch vergnügliche, scheinbar bedeutungslose Imaginieren einfallsreiche Möglichkeiten? Zum gesellschaftlichen Wandel zählen die zunehmende gestalterische Aufmerksamkeit für Inklusion, Teilhabe, Diversität und die Perspektive der Behinderung (u. a. Blindenmarkierungen auf dem Gehsteig, Rampen bei öffentlichen Verkehrsmitteln, Gebärdensprache im TV, selbstbestimmte Beratungsstellen/ Peer Counseling). Als Ausgangspunkt für Geschichten spielt die Erwähnung weiterhin bestehender sozialer Achtlosigkeiten ebenso eine Rolle wie individuelle Kapazitäten und Handlungswege. Literatur Andersen, H. C. (1843/ 44 / 1975). Das hässliche junge Entlein. In Andersens Märchen, Band 1, 301 - 312. Frankfurt a. M.: insel. Basile, G. (1634 / 36 / 1982). Das Märchen aller Märchen. Das Pentamerone. 5 Bände. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Walter Boehlich. Frankfurt a. M.: insel. Brüder Grimm (1837/ 1985). Hans mein Igel. In Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen, gesammelt durch die Brüder Grimm, 108, herausgegeben von H. Rölleke, 460 -465. Frankfurt a. M.: Deutscher Klassiker Verlag. Brüder Grimm (1837 / 1985). Sneewittchen. In Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen, gesammelt durch die Brüder Grimm, 53, herausgegeben von H. Rölleke, 235 -244. Frankfurt a. M.: Deutscher Klassiker Verlag. Leduc, A. (2021). Entstellt. Über Märchen, Behinderung und Teilhabe. Hamburg: Edition Nautilus. Lüthi, M. (1966). Gebrechliche und Behinderte im Volksmärchen. Pro Infirmis, 25 (12), 358 -373. Perrault, C. (1695 / 97 / 1986). Sämtliche Märchen. Übersetzung und Nachwort von Doris Distelmaier-Haas. Stuttgart: reclam. Schriber, S. (2007). „Das hässliche junge Entlein…“ Märchen als Angebot zur Lebensorientierung für behinderte Kinder. In F. Crain (Hrsg.), Dummlinge, bucklige Hexen, böse Stiefschwestern und Zwerge, 161 -176. Bern: Haupt. Sierck, U. (1983). Krüppel im Märchen. Krüppelzeitung, 5 (2), 5 -10. Uther, H.-J. (1981). Behinderte in populären Erzählungen. Berlin: De Gruyter. Anschrift des Autors Dr. phil. Christian Mürner Brunsberg 26 D-22529 Hamburg E-Mail: c.muerner@t-online.de
