eJournals Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete91/1

Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/vhn2022.art07d
5_091_2022_1/5_091_2022_1.pdf11
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Rezension: Ricken, Gabi / Degenhardt, Sven (Hrsg.) (2019): Vernetzung, Kooperation, Sozialer Raum. Inklusion als Querschnittaufgabe

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2022
Erik Weber
Wie rezensiert, wie nähert man sich einem Herausgeberwerk, in dem sich 103 (!) Autor/innen in sechs thematischen Blöcken auf insgesamt 339 Seiten in unterschiedlichster und vielfältigster Form zu aktuellen (hier: bezogen auf das Jahr 2018) Perspektiven sonderpädagogischer Forschung zu Wort melden? Zunächst erkennen erfahrene Lesende, dass es sich hier um einen weiteren Band der gleichnamigen Reihe aus dem Klinkhardt-Verlag handelt, im Namen der Sektion Sonderpädagogik der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE), wiederum he­rausgegeben von Christian Lindmeier, Birgit Lütje-Klose und Vera Moser. Noch konkreter: Es handelt sich um den Sammelband mit insgesamt 45 Beiträgen zur 53. Tagung der Sektion Sonderpädagogik der DGfE, welche im Jahr 2018 an der Universität Hamburg unter dem Thema „Vernetzung, Kooperation, Sozialer Raum - Inklusion als Querschnittaufgabe“ stattfand - eine Tagung in Zeiten vor der Pandemie wohlgemerkt.
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VHN 1 | 2022 78 REZE NSION E N Ricken, Gabi; Degenhardt, Sven (Hrsg.) (2019): Vernetzung, Kooperation, Sozialer Raum. Inklusion als Querschnittaufgabe Bad Heilbrunn: Klinkhardt. 365 S., € 22,90 Wie rezensiert, wie nähert man sich einem Herausgeberwerk, in dem sich 103 (! ) Autor/ innen in sechs thematischen Blöcken auf insgesamt 339 Seiten in unterschiedlichster und vielfältigster Form zu aktuellen (hier: bezogen auf das Jahr 2018) Perspektiven sonderpädagogischer Forschung zu Wort melden? Zunächst erkennen erfahrene Lesende, dass es sich hier um einen weiteren Band der gleichnamigen Reihe aus dem Klinkhardt-Verlag handelt, im Namen der Sektion Sonderpädagogik der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE), wiederum herausgegeben von Christian Lindmeier, Birgit Lütje- Klose und Vera Moser. Noch konkreter: Es handelt sich um den Sammelband mit insgesamt 45 Beiträgen zur 53. Tagung der Sektion Sonderpädagogik der DGfE, welche im Jahr 2018 an der Universität Hamburg unter dem Thema „Vernetzung, Kooperation, Sozialer Raum - Inklusion als Querschnittaufgabe“ stattfand - eine Tagung in Zeiten vor der Pandemie wohlgemerkt. Und es fällt dem Rezensenten nicht leicht, die Erfahrungen der letzten anderthalb Jahre beim Lesen von die Disziplin vor Corona bewegenden Fragen außer Acht zu lassen. Insbesondere die Deutung und Bedeutung sozialer Räume hat durch die Pandemie eine andere Färbung erhalten - und ebenso haben die Begriffe bzw. Konzeptionen im Kontext von Vernetzung und Kooperation andere Konnotationen erhalten (und hier muss nicht gleich mit digitaler Vernetzung und/ oder Kooperation argumentiert werden). Eine gute Orientierung in diesem Band, der zudem auch in einer digitalen und barrierefreien Form publiziert ist [vgl. die Erläuterungen dazu im Vorwort von Ricken und Degenhardt (12)], bietet zunächst das Vorwort der o. g. Herausgebenden, die sich die Mühe machen, alle Beiträge kurz inhaltlich zu skizzieren. Dies sei Lesenden ausdrücklich empfohlen und soll hier im Kontext des zu Rezensierenden nicht wiederholt werden. Der Band ist sodann, ähnlich dem hinterlegten Tagungsformat, in sechs größere inhaltliche Blöcke gefasst: Eine Einführung enthält, neben dem erwähnten Vorwort, ein sich insbesondere dem Diskurs um Inklusion als Querschnittaufgabe widmendes Grußwort Christian Lindmeiers zur Tagung selbst und drei das Tagungsthema in unterschiedlicher Weise aufgreifende grundlegende Aufsätze [Dlugosch zu Vernetzung, Kooperation und Sozialem Raum, Kessl zum Sozialraumbegriff, Hüninghake et al. zum Universal Design for Learning - was den im Vorwort erwähnten zweiten Tagungsschwerpunkt aufgreift, nämlich die „pädagogische Gestaltung von Lern- und Entwicklungsbedingungen (…) für Lernende mit unterschiedlichen Voraussetzungen“ (11)]. Der Block „Inklusion lehren und lernen an Universitäten und Hochschulen“ eröffnet dann das breite inhaltliche Tableau, gefolgt vom umfangreichen (über 100 Seiten) Block „Kooperative Arbeit in multiprofessionellen Teams“ und den Blöcken „Gestaltung von Übergängen und Einbeziehung von Sozialräumen“, „Unterrichtskonzepte für heterogene Gruppen“ und letztlich „Lernende mit unterschiedlichen Voraussetzungen fördern“. Hier lässt sich ggf. bereits, alleine aufgrund des Umfangs der einzelnen Blöcke, erkennen, wo der eigentliche Schwerpunkt des Bandes liegt: in der Skizzierung der Notwendigkeit kooperativer, netzwerkgestützter Arbeit in multiprofessionellen und sozialraumbezogenen Teams. Dass dies gerahmt wird von der immer noch nicht selbstverständlichen Einbettung des gesamten Diskurses im Sinne von Inklusion als Querschnittaufgabe wird von Lindmeier in seinen erwähnten einordnenden Ausführungen zu diesem Begriff (vgl. das Grußwort, S. 17 -20) prägnant erläutert. Was zeigt dieser Band noch? Zum einen eine teilweise recht unübersichtliche Forschungslandschaft zum Oberthema. Dies mag ggf. auch der Tatsache geschuldet sein, dass im Kontext der dem Band zugrunde liegenden Tagung auch immer gezeigt wird, wer gerade woran arbeitet, mit wem und mit welchen Fördermitteln. Somit erfüllt der Band in erster Linie auch eine Dokumentationspflicht des fortschreitenden (Forschungs-)Diskurses. Hier zeigen sich dann auch VHN1 | 2022 79 REZE NSION E N z. T. recht kurze, skizzenhafte Einzelbeiträge, aber auch die Darstellung größerer Forschungsverbünde und -vorhaben. Leider liefern einige Beiträge nur erste Ergebnisse eines initiierten Forschungsweges und die Lesenden bleiben erst einmal in Unwissenheit, was den Fortgang der Einzelprojekte angeht (und es erscheint dem Rezensenten fast unmöglich, hier alle offenen Einzelfragen durch Einzel- und Nachrecherche auf einen aktuellen Stand zu bringen). Zudem ist dieser Band, wie eingangs betont, auch ein „prä-Corona-Band“. Dies sei deswegen angemerkt, da davon auszugehen ist, dass etliche hier dargelegte Forschungsvorhaben durch die Pandemie nachjustiert werden mussten, es Verzögerungen gab oder gewisse Designs umgearbeitet werden mussten. Dies schmälert ein wenig den übergeordneten Erkenntnisgewinn des Bandes, was aber auch daran liegen mag, dass er nun bereits seit einem Jahr vorliegt und weitere (thematisch verwandte) Tagungen der Sektion Sonderpädagogik der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) folgten bzw. folgen werden. Letztlich irritiert es in der Summe etwas, dass sich die Vielheit der Einzelbeiträge nur vereinzelt und nicht im Sinne einer erkennbaren einheitlichen Theorielinie auf einen konsensualen Sozialraum-Begriff bezieht. Somit bleiben die Lesenden auf den grundlegenden Beitrag von Kessl verwiesen, der in der Tat eine „Sortierung einer unübersichtlichen Debatte“ (31) vornimmt. Er plädiert dafür, den „Sozialraum als relationale Figur“ (41) zu denken, gewissermaßen als Grundlage für Vernetzung und Kooperation. Hier verwundern zwar kürzere Nebenbemerkungen hinsichtlich außerschulischer Kontexte [bspw. „Die großen Anstalten prägen nicht mehr das pädagogische Tun“ (40) (was zwar prinzipiell stimmt, aber es gibt sie unter anderen Namen und organisationalen Rahmungen immer noch und hier ist das sozialräumliche Denken in o. g. Sinne vielerorts noch nicht angekommen], Kessls abschließend gestellte Frage „Unter welchen sozialräumlichen Bedingungen findet unser pädagogisches Tun und Denken, und das Tun und Denken unserer Adressatinnen und Adressaten statt - und wie sind diese Bedingungen im Sinne von Handlungsoptionen für diese Leute zu gestalten? “ (41), könnte hingegen leitend für den Diskurs um Vernetzung und Kooperation in den sozialen Räumen sein. Dieser Impuls wird von den Einzelbeiträgen des Sammelbandes leider viel zu wenig aufgegriffen, und der Rezensent sucht zudem vergeblich nach Beiträgen, die dies im Kontext der Lebenssituation von Menschen mit komplexen Behinderungen und hohen Unterstützungsbedarfen diskutieren - ist dieser Personenkreis aus dem sonderpädagogischen Inklusionsdiskurs verschwunden? (Eine ins Auge fallende Ausnahme bildet hier der Beitrag von Angela Ehlers bezüglich Kindern und Jugendlichen mit herausfordernden Verhaltensweisen [S. 188 -193]). Eine Bemerkung zum Ende: Die Bedeutung der Kooperation im inklusiven Kontext wurde bereits durch Georg Feuser (in den 1980er Jahren, zuletzt 2019) in die Integrations(! )Debatte eingebracht - das sucht man vergeblich als epistemologische Traditionslinie in dem Band. Insgesamt gesehen lohnt sich der Blick in den Band, lohnt sich auch das intensive Durcharbeiten einiger übergeordneter Beiträge kritischer Natur [bspw. Hoppmann und Kluge zu „(multi)professionellen Zuständigkeitsreklamationen“ (128ff.), Trescher und Hauck zu „Sozialraumbegehungen zwischen Teilhabe und Ausschluss“ (227ff.) oder Arndt et al. (239ff.) mit der bemerkenswerten Beobachtung, „dass sich die makrostrukturelle Unterscheidung im deutschen Schulsystem (Regelschulen und Förderschulen) auf die Mikroebene in inklusiven Schulen verlagert und sich hier reproduziert“ (242)], ohne den vielen anderen Beiträgen ihr Engagement für die Notwendigkeit und den Aufbau einer - wie Würtz et al. (96ff.) es in ihrem Beitrag nennen - „Netzwerkexpertise“ (99) in einem weiterhin auszugestaltenden inklusiven (Schul-)System abzusprechen. Literatur Feuser, G. (2019). Lernen durch Kooperation am Gemeinsamen Gegenstand. In A. Behrendt, F. Heyden & T. Häcker (Hrsg.), Das Mögliche, das im Wirklichen (noch) nicht sichtbar ist, 5 -30. Düren: Shaker-Verlag. Prof. Dr. Erik Weber D-35032Marburg DOI 10.2378/ vhn2022.art07d