eJournals Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete91/2

Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/vhn2022.art18d
5_091_2022_2/5_091_2022_2.pdf41
2022
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Aktuelle Forschungsprojekte: Langfristige Bildungsverläufe von ehemaligen Regelschüler/innen mit integrativen schulischen Maßnahmen (LABIRINT)

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2022
Caroline Sahli Lozano
Kathrin Brandenberg
Sara Lustenberger
Janine Hauser
Sergej Wüthrich
Im Zuge von schulischen Integrationsbestrebungen wurden in den letzten zwanzig Jahren schweizweit verschiedene integrative schulische Maßnahmen eingeführt und ausgebaut. Mithilfe dieser Maßnahmen soll eine bestmögliche schulische und soziale Entwicklung für Lernende mit besonderem Bildungsbedarf in zunehmend heterogener werdenden Klassensettings in Regelschulen gewährleistet werden (Luder, 2018).
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VHN 2 | 2022 157 AK TU E LL E FORSCHUNGSPROJ E K TE Langfristige Bildungsverläufe von ehemaligen Regelschüler/ innen mit integrativen schulischen Maßnahmen (LABIRINT) Caroline Sahli Lozano, Kathrin Brandenberg, Sara Lustenberger, Janine Hauser, Sergej Wüthrich Pädagogische Hochschule Bern/ CH Ausgangslage und Problemstellung Im Zuge von schulischen Integrationsbestrebungen wurden in den letzten zwanzig Jahren schweizweit verschiedene integrative schulische Maßnahmen eingeführt und ausgebaut. Mithilfe dieser Maßnahmen soll eine bestmögliche schulische und soziale Entwicklung für Lernende mit besonderem Bildungsbedarf in zunehmend heterogener werdenden Klassensettings in Regelschulen gewährleistet werden (Luder, 2018). Das hier vorgestellte Forschungsprojekt fokussiert auf die integrativen schulischen Maßnahmen Integrative Förderung (IF), Reduzierte individuelle Lernziele (RILZ) und Nachteilsausgleich (NA), welche auf Primar- und Sekundarschulstufe I im Kanton Bern vergeben werden. Diese unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht (Erziehungsdirektion des Kantons Bern [ERZ], 2019). IF kann als präventive Maßnahme betrachtet werden. Sie wird eingesetzt, sobald bei Schüler/ innen „Lern-, Leistungs- oder Verhaltensprobleme[n], bzw. Lernauffälligkeiten oder -störungen“ (ebd., S. 23) vermutet oder beobachtet werden. Die Maßnahme wird ergänzend zum ordentlichen Unterricht durchgeführt und erfolgt durch eine Lehrperson für Spezialunterricht in Kooperation mit der Regellehrperson. Sie kann allein oder in Kombination mit RILZ oder NA eingesetzt werden (ERZ, 2019). RILZ gelten für Kinder mit einem durch die Lehrperson niedrig eingeschätzten Leistungspotenzial und können durch die Schulleitung ohne zugrunde liegendes ärztliches oder psychologisches Attest vergeben werden. Durch die Reduzierung der Lernziele erfolgt eine inhaltlich angepasste Förderung. Die Vergabe von RILZ wird im Zeugnis vermerkt. Der NA hingegen gilt für Kinder mit regulär bis hoch eingeschätztem Leistungspotenzial, aber mit explizit angenommener und begründeter Benachteiligung. Der Kanton Bern empfiehlt, die Maßnahme auf Basis eines ärztlichen oder psychologischen Attests durch die Schulleitung zu vergeben. An wen solche Maßnahmen in der Praxis vergeben und wie sie umgesetzt werden und welche längerfristigen Auswirkungen sie auf die Bildungsverläufe von Schüler/ innen mit besonderem Bildungsbedarf haben, ist bislang wenig erforscht. Erste Ergebnisse einer Längsschnittstudie der PHBern, bestehend aus den Teilprojekten SECABS (t1) und CHARISMA (t2), deuten darauf hin, dass integrative schulische Maßnahmen in Bezug auf den beabsichtigten Chancenausgleich der Maßnahmen kritisch zu betrachten sind: so werden die Maßnahmen je nach Schulort unterschiedlich häufig vergeben (Sahli Lozano et al., 2016; 2020). Weiter profitieren Kinder aus Familien mit höherem sozioökonomischem Status häufiger von einem NA als vergleichbare Kinder aus Familien mit niedrigem sozioökonomischem Status. Demgegenüber sind Lernende von Eltern mit niedrigem sozioökonomischem Status stärker von stigmatisierenden integrativen Maßnahmen wie RILZ betroffen. Unter Kontrolle der Leistungsvariablen verliert der sozioökonomische Hintergrund jedoch an Einfluss (Sahli Lozano et al., 2018; Sahli Lozano & Wüthrich, 2019). Primarschüler/ innen mit RILZ fühlen sich schlechter sozial integriert und werden von den Lehrpersonen bezüglich ihrer kognitiven Grundfähigkeiten schlechter eingeschätzt als vergleichbare Mitschüler/ innen ohne RILZ (Sahli Lozano et al., 2017; Greber et al., 2017). Zu den Langzeiteffekten der Maßnahmen liegen bisher keine Ergebnisse vor. Hier knüpfen die Fragestellungen des Projektes LABIRINT an. Fragestellungen und Hypothesen Das vom Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) und der PHBern geförderte Projekt LABIRINT (Langfristige Bildungsverläufe von Regelschüler/ innen mit integrativen schulischen Maßnahmen) möchte die unterschiedlichen Bildungsverläufe und Integrationsprozesse von Schüler/ innen mit und ohne integrative Maßnahmen aufzeigen und setzt sich hierzu mit folgenden übergeordneten Fragestellungen auseinander: VHN 2 | 2022 158 AK TU E LL E FORSCHUNGSPROJ E K TE 1 ) Welche Auswirkungen haben integrative schulische Maßnahmen, die während der obligatorischen Schulzeit vergeben werden, auf die weitere Ausbildungs- und Berufslaufbahn betroffener Schüler/ innen? 2 ) Wie wirken sich diese Maßnahmen auf das Selbstkonzept, die soziale Integration und das Wohlbefinden der Schüler/ innen aus? 3 ) Erhalten Schüler/ innen, welche während der obligatorischen Schulzeit integrative Maßnahmen hatten, weiterführende Unterstützungsmaßnahmen auf Sekundarstufe II und wenn ja, welche? 4 ) Wie werden die Maßnahmen von den Betroffenen subjektiv erlebt und eingeschätzt und welche fördernden und hemmenden Faktoren in Bezug auf einen erfolgreichen Übertritt auf Sekundarstufe II werden von den jungen Erwachsenen genannt? Aufgrund bestehender Theorien und bisheriger empirischer Erkenntnisse im Bereich der Sonderklassenbeschulung versus Integration (Sahli Lozano, 2012) kann vermutet werden, dass insbesondere Schüler/ innen mit niedrig eingeschätztem Leistungspotenzial und der im Zeugnis vermerkten Maßnahme RILZ beim Übergang in die Berufsausbildung auf Schwierigkeiten stoßen könnten. Der Vermerk RILZ im Zeugnis hat Signalcharakter und könnte bei der Lehrlingsauswahl als einfaches, rasches Selektionskriterium dienen (Imdorf, 2014). RILZ kann zu Stigmatisierungsprozessen führen (Greber et al., 2017), was negative Auswirkungen auf die zukünftige ausbildungsbezogene und persönliche Entwicklung der Betroffenen haben könnte (Powell & Pfahl, 2019; Sahli Lozano, 2012). Mithilfe der Maßnahme NA, welche sich an Schüler/ innen mit (über-) durchschnittlichen kognitiven Fähigkeiten und einer spezifischen Beeinträchtigung richtet, kann aufgrund bisheriger Erkenntnisse eher eine Reduktion der Chancenungleichheit erzielt werden und es ist mit weniger Nachteilen auf Sekundarstufe II zu rechnen. Der NA geht zwar mit einer Modifikation der Rahmenbedingungen einher, die Lernziele werden jedoch nicht angepasst. Auch im Zeugnis wird der NA nicht aufgeführt (ERZ, 2018). Abb. 1 Erhebungszeitpunkte im Rahmen der Längsschnittstudie Befragung aller Schulleitungen (N = 232, 64 %) Datenerhebung an 66 6. Klassen Befragung der Lehrpersonen (N = 63) Befragung und Testung der Schüler/ innen (N Tot = 1128; N rILZ = 65; N NAG = 52; N IF = 86) Befragung der Eltern (N = 814, 72 %) Befragung aller Schulleitungen (N = 147, 78 %) Datenerhebung an 110 9. Klassen Befragung der Lehrpersonen (N = 110) Befragung und Testung der Schüler/ innen (N Tot = 2228; N rILZ = 64; N NAG = 54; N IF = 157) Online-Befragung der Schüler/ innen (N Tot ≈ 2000) Leitfadeninterview mit den Schüler/ innen (N Tot ≈ 20) SECABS 2015 / 2016 (t1) Datenerhebung auf Primarschulstufe CHARISMA 2017 / 2018 (t2) Datenerhebung auf Sekundarschulstufe I LABIRINT 2022 (t3) Datenerhebung auf Sekundarschulstufe II VHN 2 | 2022 159 AK TU E LL E FORSCHUNGSPROJ E K TE Forschungsdesign und Methodik Das Projekt LABIRINT mit einer Laufzeit von vier Jahren ist im August 2021 gestartet. Anhand einer quantitativen Online-Befragung (kombiniert mit einer Telefonbefragung derjenigen jungen Erwachsenen, die den Online-Bogen nicht ausfüllen) der Schüler/ innen, welche bereits seit dem Projekt SECABS resp. CHARISMA an unserer Längsschnittstudie teilnehmen (siehe Abb. 1), werden mit bewährten Skalen Daten zur nachobligatorischen Laufbahn, zu Unterstützungsmaßnahmen sowie zum Selbstwert, zum Wohlbefinden und zur wahrgenommenen sozialen Integration erhoben. Aufgrund des Längsschnittcharakters der Studie können für die Beantwortung der Fragestellung relevante Variablen aus der Schulzeit herbeigezogen werden. Subjektive Einschätzungen sowie förderliche und hemmende Faktoren beim Übergang zur Sekundarstufe II aus Sicht der jungen Erwachsenen mit Maßnahmenvergangenheit werden anhand von Leitfadeninterviews erhoben und inhaltsanalytisch ausgewertet. Bedeutung des Projekts Da alle Kantone vor der Herausforderung stehen, längerfristig ein integratives Bildungssystem zu etablieren (UN-Behindertenrechtskonvention, 2006, Art. 24) und in der Volksschule zunehmend integrative Maßnahmen entwickelt und umgesetzt werden (Luder, 2018), sind unsere Forschungsergebnisse für die nationale Bildungsplanung und -steuerung von hoher Relevanz (vgl. Becker & Schoch, 2018). Sie bilden ab, wie sich Lernende mit integrativen Maßnahmen beim Übergang in die Berufsausbildung entwickeln, wie sie unterstützt werden und inwiefern integrative Maßnahmen auf der Sekundarstufe II zum Einsatz kommen. Anhand dieser Daten sollen der Berufsbildung ein detaillierter Einblick in die Situation von jungen Erwachsenen mit besonderem Bildungsbedarf während und unmittelbar nach dem Übertritt in die Sekundarstufe II geboten sowie Stärken und Herausforderungen des Berufsbildungssystems hinsichtlich der Begleitung und Unterstützung dieser jungen Erwachsenen aufgedeckt werden. Das Längsschnittdesign unserer Studie erlaubt es überdies, erstmals Aussagen über die Auswirkungen unterschiedlicher integrativer schulischer Maßnahmen auf die Bildungslaufbahn sowie auf soziale Integrationsprozesse von Betroffenen zu machen. Weitere Informationen sowie Literaturangaben: www.phbern.ch/ labirint caroline.sahli@phbern.ch DOI 10.2378/ vhn2022.art18d Zur Schülerschaft an Sonderschulen für Lernende mit Körper- und Mehrfachbehinderungen (Förderbedarf körperlich-motorische Entwicklung, kmE) in der Deutschschweiz Melanie Willke, Susanne Schriber Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik Zürich Im Januar 2021 erfolgte die Datenerhebung, im Sommer dieses Jahres wurde das Projekt ausgewertet und abgeschlossen. Es ist ein Projekt des Institutes für Behinderung und Partizipation der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik Zürich. Das Projekt wurde durch Mittel der Schweizerischen Stiftung Cerebral mitfinanziert. Ausgangslage Lernende mit primärer Beeinträchtigung in der körperlich-motorischen Entwicklung finden sich in der deutschsprachigen Schweiz in der Integration und in unterschiedlichen separativen Schulformen. Der größte Anteil besucht Schulen mit dem Profil „Schule für Kinder mit Körper- und Mehrfachbehinderungen“, wie sie in der Schweiz mehrheitlich aufgeführt und nachfolgend als Schulen im Förderschwerpunkt körperlich-motorische Entwicklung (kmE) bezeichnet werden. Erhebungen in Deutschland (Hansen, 2012; Hansen & Wunderer, 2010; Lelgemann & Fries, 2009) zeigen, dass sich die Zusammensetzung der Schülerschaft an Schulen mit dem Förderschwerpunkt kmE in den letzten Jahren deutlich verändert hat. Im Besonderen werden vermehrt Herausforderungen im Bereich der sozial-emotionalen Entwicklung sowie eine Zunahme von