eJournals Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete91/3

Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/vhn2022.art30d
5_091_2022_3/5_091_2022_3.pdf71
2022
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Aktuelle Forschungsprojekte: Inklusive Hochschulbildung partizipativ. Wissenschaftliche Begleitung am Annelie-Wellensiek-Zentrum für Inklusive Bildung

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2022
Christina Mechler
David Dörrer
David Scheer
Karin Terfloth
Vera Heyl
Infolge der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention ist Inklusion seit über einem Jahrzehnt Gegenstand von gesellschaftlichen Diskussionen, Schulentwicklungsprozessen und Forschungsvorhaben. Entsprechend werden auch Theorien und Konzepte zum Thema in der akademischen Hochschullehre aus verschiedenen wissenschaftstheoretischen Perspektiven bearbeitet. Die Perspektive von Menschen mit Behinderungserfahrungen findet hierbei jedoch nur am Rande und kaum systematisch Berücksichtigung. Für Lehre zur Querschnittsthematik Inklusion ist es allerdings wesentlich, theoretische Konzepte vor dem Hintergrund von persönlichen Inklusions- und Exklusionserfahrungen zu reflektieren. Dies erfordert neue Wege in der Hochschullehre, um Studierende für ihre Berufspraxis als Lehrkräfte oder Sozialarbeiter/innen zu qualifizieren. An diesem Punkt setzt das Konzept der Bildungsfachkräfte an: Menschen mit Behinderungserfahrungen, die zuvor an einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen tätig waren, berichten im Rahmen von Bildungsangeboten an Hochschulen über ihre Inklusions- und Exklusionserfahrungen. Entscheidend für diese Tätigkeit ist eine dreijährige Vollzeitqualifizierung, in der die angehenden Bildungsfachkräfte darauf vorbereitet werden, eigene Lebenserfahrungen zu reflektieren und in Bildungsangeboten darzustellen. Auch grundlegende hochschuldidaktische Methoden sowie deren Erprobung und die Reflexion der eigenen Methodenkompetenz gehören zur Qualifizierung der Bildungsfachkräfte. Dieses Qualifizierungskonzept wird seit 2013 ausgehend vom Institut für Inklusive Bildung Kiel eingesetzt und aktuell in fünf Bundesländern angeboten (weitere Informationen dazu unter https://inklusive-bildung.org). In Baden-Württemberg haben sich bisher sechs Menschen mit Behinderungserfahrungen im Rahmen einer dreijährigen Vollzeitqualifizierung (von 2017 bis 2020) zu Bildungsfachkräften qualifiziert.
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VHN 3 | 2022 249 AK TU E LL E FORSCHUNGSPROJ E K TE Inklusive Hochschulbildung partizipativ. Wissenschaftliche Begleitung am Annelie-Wellensiek- Zentrum für Inklusive Bildung Christina Mechler 1 , David Dörrer 1 , David Scheer 2 , Karin Terfloth 1 , Vera Heyl 1 1 Pädagogische Hochschule Heidelberg 2 Pädagogische Hochschule Ludwigsburg Inklusion in der Hochschulbildung - Qualifizierung zur Bildungsfachkraft Infolge der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention ist Inklusion seit über einem Jahrzehnt Gegenstand von gesellschaftlichen Diskussionen, Schulentwicklungsprozessen und Forschungsvorhaben. Entsprechend werden auch Theorien und Konzepte zum Thema in der akademischen Hochschullehre aus verschiedenen wissenschaftstheoretischen Perspektiven bearbeitet. Die Perspektive von Menschen mit Behinderungserfahrungen findet hierbei jedoch nur am Rande und kaum systematisch Berücksichtigung. Für Lehre zur Querschnittsthematik Inklusion ist es allerdings wesentlich, theoretische Konzepte vor dem Hintergrund von persönlichen Inklusions- und Exklusionserfahrungen zu reflektieren. Dies erfordert neue Wege in der Hochschullehre, um Studierende für ihre Berufspraxis als Lehrkräfte oder Sozialarbeiter/ innen zu qualifizieren. An diesem Punkt setzt das Konzept der Bildungsfachkräfte an: Menschen mit Behinderungserfahrungen, die zuvor an einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen tätig waren, berichten im Rahmen von Bildungsangeboten an Hochschulen über ihre Inklusions- und Exklusionserfahrungen. Entscheidend für diese Tätigkeit ist eine dreijährige Vollzeitqualifizierung, in der die angehenden Bildungsfachkräfte darauf vorbereitet werden, eigene Lebenserfahrungen zu reflektieren und in Bildungsangeboten darzustellen. Auch grundlegende hochschuldidaktische Methoden sowie deren Erprobung und die Reflexion der eigenen Methodenkompetenz gehören zur Qualifizierung der Bildungsfachkräfte. Dieses Qualifizierungskonzept wird seit 2013 ausgehend vom Institut für Inklusive Bildung Kiel eingesetzt und aktuell in fünf Bundesländern angeboten (weitere Informationen dazu unter https: / / inklusive-bildung.org). In Baden-Württemberg haben sich bisher sechs Menschen mit Behinderungserfahrungen im Rahmen einer dreijährigen Vollzeitqualifizierung (von 2017 bis 2020) zu Bildungsfachkräften qualifiziert. Partizipative Lehre am Annelie-Wellensiek-Zentrum für Inklusive Bildung Das Annelie-Wellensiek-Zentrum für Inklusive Bildung (AW-ZIB) ist eine wissenschaftliche Einrichtung und Inklusionsabteilung der Pädagogischen Hochschule Heidelberg (PHHD). Am AW-ZIB sind seit 2020 sechs qualifizierte Bildungsfachkräfte im Rahmen des Tarifvertrags der Länder [TV-L] fest angestellt. Sie bringen Bildungsangebote an der PHHD sowie an anderen Hoch- und Fachschulen in Baden-Württemberg aus. Darin stellen sie eigene Inklusions- und Exklusionserfahrungen in verschiedenen Lebensbereichen dar, aktivieren die Studierenden zur Auseinandersetzung mit Teilhabebarrieren und diskutieren mit ihnen, wie Barrieren reduziert werden können. Die Bildungsangebote sind in die akademische Lehre eingebettet. Die Erfahrungsexpertise stellt somit eine Ergänzung dar und verfolgt das Ziel, die Wissensvermittlung zur Querschnittsthematik Inklusion in konstruktive Handlungsfähigkeit der Studierenden zu überführen sowie deren Selbstlern- und Problemlösekompetenz zu stärken. Für die Bildungsfachkräfte bieten sich Möglichkeiten des Empowerments, für die Hochschullehrenden neue Reflexionsaspekte für die eigene Lehre. Für alle am Prozess Beteiligten kann die Auseinandersetzung mit pädagogischen Beziehungs- und Interaktionsdynamiken als weiteres Sensibilisierungsmoment genutzt werden. Die Begleitforschung am AW-ZIB Einen wesentlichen Tätigkeitsbereich am AW-ZIB stellt die Begleitforschung zu den Angeboten der Bildungsfachkräfte dar. Im Rahmen einer Nachwuchsgruppe forschen die professorale Leitung des Zentrums, eine Juniorprofessur und derzeit zwei Promovierende (abgeordnete Lehrkräfte) zu Fragestellungen im Zusammenhang mit der Bildungsarbeit. In drei Forschungslinien (FL) werden die Wirkungen der Bildungsarbeit (FL 1) untersucht und die Bildungsangebote (FL 2) sowie die Qualifizierung zur Bildungsfachkraft (FL 3) evaluiert und weiterentwickelt. VHN 3 | 2022 250 AK TU E LL E FORSCHUNGSPROJ E K TE Forschungslinie 1: Wirkungen der Bildungsarbeit Ein Teil dieser Forschungslinie ist die Untersuchung der Wirkungen der Bildungsangebote auf Lehramtsstudierende. Die Bildungsinhalte zielen auf die Reflexion über und die Veränderung von Überzeugungen und Werthaltungen zu Inklusion, inklusivem Unterricht und Menschen mit Behinderungen. Die Wirkhypothese der Bildungsangebote beruht auf der Kontakthypothese nach Allport, die davon ausgeht, dass es aufgrund von Intergruppenkontakt, der unter bestimmten Bedingungen stattfindet, zu einem Abbau von Vorurteilen zwischen den Gruppen kommt. Trotz dieser theoretischen Wirkannahmen liegen aktuell noch keine belastbaren Befunde dazu vor, ob sich durch Bildungsfachkräfte ausgebrachte Lehrangebote tatsächlich auf Einstellungen und Sichtweisen sowie ggf. weitere Merkmale der Teilnehmenden auswirken. Daraus ergeben sich für die Studie folgende Fragestellungen: 1. Wie wirken sich die Bildungsangebote auf die Sichtweisen und Einstellungen auf Inklusion, inklusiven Unterricht und Menschen mit Behinderungen aus? 2. Auf welche weiteren inklusionsbezogenen Kompetenzen und Dispositionen wirken sich die Bildungsangebote der Bildungsfachkräfte aus? Um diese Fragen zu beantworten, wurde ein Mixed-Methods-Design in drei Teilstudien entwickelt, um Methoden der quantitativen und qualitativen Forschung komplementär zu verbinden. So werden einerseits Tests zur Einstellungsmessung, andererseits qualitative Items und Gruppendiskussionen mit Lehramtsstudierenden eingesetzt mit dem Ziel, ein möglichst umfassendes Bild von den erwarteten Wirkungen der Bildungsangebote zu erhalten. Weitere Forschungsvorhaben, insbesondere zu den Wirkungen der Bildungsarbeit auf die Bildungsfachkräfte, sind in Planung. Forschungslinie 2: Evaluation und Weiterentwicklung der Bildungsangebote Gegenstandsbereich der Forschungslinie 2 ist die evaluative Untersuchung der Bildungsangebote. Im Zentrum stehen die unterschiedlichen subjektiven Erfahrungen der an den Bildungsangeboten beteiligten Personengruppen (Bildungsfachkräfte, Hochschullehrende, Teilnehmende). Die multiperspektivische Betrachtung der Bildungsangebote dient einer möglichst weitreichenden Erfassung der Angebote als komplexe Lehr- und Lernprozesse. Ziel dieser qualitativ angelegten Prozessevaluation ist die Identifikation von Gelingensbedingungen und Stolpersteinen bei der Konzeption und Einbettung der Bildungsangebote in hochschulische Lehre, auf deren Grundlage die Bildungsangebote weiterentwickelt werden. Als Erhebungsinstrumente kommen qualitativ ausgerichtete Fragebögen und Interviewleitfäden zum Einsatz, mittels derer die Studienteilnehmenden zu ihren Erfahrungen mit den Bildungsangeboten befragt werden. Die inhaltlichen Dimensionen und Fragen der Erhebungsinstrumente orientieren sich an den Perspektiven und Bedarfen der jeweiligen Personengruppen, die nach Durchführung von Expertenrunden Eingang in die Erhebungsinstrumente fanden. Die Erhebungsinstrumente umfassen sowohl personengruppenspezifische Fragestellungen als auch Fragen, die allen Personengruppen gestellt werden, wodurch die Vergleichbarkeit der Aussagen zwischen den Personengruppen gewährleistet wird. Ein zweites Teilprojekt der Forschungslinie zur Evaluation nimmt die Entwicklung eines quantitativen Erhebungsinstruments zur Evaluation von Bildungsangeboten in den Blick. Die Evaluation von Lehrveranstaltungen mittels Studierendenbefragungen über skalierte Fragebögen ist ein Standardverfahren der Qualitätssicherung an Hochschulen. Auch die Bildungsangebote des AW-ZIB sollen an einem solchen Verfahren partizipieren, um ihre Qualität zu sichern und eine Weiterentwicklung der Bildungsangebote zu ermöglichen. Jedoch zeigt sich, dass bestehende Instrumente der Lehrevaluation für das Format der Bildungsangebote wenig geeignet sind. Daher wurde am AW-ZIB in einem mehrstufigen Verfahren ein Fragebogen entwickelt, der im Lauf des Wintersemesters 2021/ 22 einer ersten psychometrischen Evaluation unterzogen wurde. VHN 3 | 2022 251 AK TU E LL E FORSCHUNGSPROJ E K TE Forschungslinie 3: Evaluation und Weiterentwicklung der Qualifizierung Im Mittelpunkt der Forschungslinie 3 stehen Fragen nach der Evaluation und Weiterentwicklung der Qualifizierung. Zudem soll eruiert werden, welche Möglichkeiten es gibt, die Tätigkeit der Bildungsfachkräfte in ein Berufsbild zu überführen. Konkrete Planungen zu Forschungsvorhaben in dieser Linie erfolgen in enger Verzahnung mit der Vorbereitung neuer Qualifizierungsdurchgänge. Für das Frühjahr 2022 ist eine dreijährige Qualifizierung von zwei weiteren Bildungsfachkräften geplant, um der hohen Nachfrage nach den Bildungsangeboten dauerhaft gerecht werden zu können. In Vorbereitung des neuen Durchgangs wird derzeit das bestehende Modulhandbuch überarbeitet. Fazit und Ausblick Der Aufbau des AW-ZIB als Inklusionsabteilung, in der akademische und erfahrungsbezogene Expertise in Lehre und Forschung verknüpft werden, stellt ein Novum in der Hochschullandschaft dar. Um die Qualität und Wirkung der inklusionsorientierten Bildungsarbeit zu prüfen und sicherzustellen, ist die Begleitforschung ein wichtiger Teil der Arbeit des Zentrums. Ein nächster Schritt, um diesen Weg konsequent weiterzugehen, liegt in der Etablierung einer partizipativen Forschungsstrategie am AW-ZIB. In einer Forschungsgruppe aus akademisch Forschenden und Bildungsfachkräften wird ein Forschungsprojekt zur Umsetzung von Inklusion an Hochschulen angestrebt, das - losgelöst von der bereits bestehenden Begleitforschung zur Bildungsarbeit - von Anfang an gemeinsam entwickelt und durchgeführt wird. Die zu erwartenden Forschungsergebnisse können dazu beitragen, inklusionssensible Hochschulentwicklung differenzierter zu analysieren und damit wissenschaftliche Impulse für weitere inklusionsorientierte Entwicklungen in der Hochschullandschaft zu setzen. Weitere Informationen finden Sie unter https: / / www.ph-heidelberg.de/ aw-zib/ und bei Frau Prof. Dr. Vera Heyl: heyl@ph-heidelberg.de DOI 10.2378/ vhn2022.art30d