eJournals Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete91/4

Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/vhn2022.art40d
5_091_2022_4/5_091_2022_4.pdf101
2022
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Aktuelle Forschungsprojekte: Bringing Mentalisation-based Education to Switzerland (MentEd.ch)

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Pierre-Carl Link
Nicola-Hans Schwarzer
Holger Kirsch
Peter Fonagy
Noëlle Behringer
Tillmann Kreuzer
Agnes Turner
Michael Wininger
Melanie Henter
Mentalisierungsbasierte Pädagogik fokussiert auf die reflexive Professionalisierung schulischer Heilpädagog/innen und Psychomotoriktherapeut/innen auf Basis sinnverstehender psychoanalytischer, entwicklungspsychologischer und soziale Kognition betreffender Konzepte, um mit Kindern und Jugendlichen, die auffälliges Verhalten zeigen, in Beziehung treten zu können. MentEd.ch setzt sich zum Ziel, die Mentalisierungsbasierte Pädagogik in der Schweizer Heilpädagogik zu adaptieren. Dies geschieht auf hochschulischer Ebene durch die curriculare Verankerung über die HfH mit Unterstützung durch ein international etabliertes Netzwerk. Nach erfolgreichen Förderphasen durch die DFG und Erasmus+ erreicht die Arbeit des Netzwerkes durch MOVETIA eine neue Reichweite und leistet einen Beitrag zur Qualität und Innovation des Schweizer Bildungssystems.
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VHN 4 | 2022 336 AK TU E LL E FORSCHUNGSPROJ E K TE rung der letzten quantitativen und qualitativen Datenerhebungen im Frühlingssemester 2022 sowie den ersten Analysen der querschnittlichen Daten vor allem die Bereinigung aller Daten, sodass in einem nächsten Schritt die Datensätze verbunden und längsschnittliche Analysen durchgeführt werden können. Zudem werden die Interviewdaten laufend transkribiert, damit möglichst rasch mit den geplanten qualitativen Auswertungen begonnen werden kann. Im Rahmen der Projektarbeit entstehen zwei Dissertationen, wovon eine die quantitativen Fragestellungen (1 -3) in den Blick nimmt und die andere die qualitative Fragestellung (4) beantwortet. Das Projekt StAr läuft noch bis im Frühjahr 2024, eventuell mit Aussicht auf Verlängerung. Weitere Angaben sowie Literaturangaben: caroline.sahli@phbern.ch www.phbern.ch/ star DOI 10.2378/ vhn2022.art39d Bringing Mentalisation-based Education to Switzerland (MentEd.ch) Pierre-Carl Link 1 , Nicola-Hans Schwarzer 2 , Holger Kirsch 3 , Peter Fonagy 4 , Noëlle Behringer 3 , Tillmann Kreuzer 2 , Agnes Turner 5 , Michael Wininger 6 , Melanie Henter 7 , Joost Hutsebaut 8 , Stephan Gingelmaier 2 1 Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik Zürich (Lead) 2 Pädagogische Hochschule Ludwigsburg 3 Evangelische Hochschule Darmstadt 4 University College London 5 Universität Klagenfurt 6 Bertha von Suttner Privatuniversität St. Pölten 7 Universität Koblenz-Landau 8 De Viersprong Institute & Tilburg University Abstract Mentalisierungsbasierte Pädagogik fokussiert auf die reflexive Professionalisierung schulischer Heilpädagog/ innen und Psychomotoriktherapeut/ innen auf Basis sinnverstehender psychoanalytischer, entwicklungspsychologischer und soziale Kognition betreffender Konzepte, um mit Kindern und Jugendlichen, die auffälliges Verhalten zeigen, in Beziehung treten zu können. MentEd.ch setzt sich zum Ziel, die Mentalisierungsbasierte Pädagogik in der Schweizer Heilpädagogik zu adaptieren. Dies geschieht auf hochschulischer Ebene durch die curriculare Verankerung über die HfH mit Unterstützung durch ein international etabliertes Netzwerk. Nach erfolgreichen Förderphasen durch die DFG und Erasmus+ erreicht die Arbeit des Netzwerkes durch MOVETIA eine neue Reichweite und leistet einen Beitrag zur Qualität und Innovation des Schweizer Bildungssystems. Gefördert wird das Projekt von der Schweizerischen Stiftung für die Förderung von Austausch und Mobilität MOVETIA im Rahmen ihres Internationalen Programms (Projektnr.: 2022-1-CH01- IP-0046; Laufzeit: Oktober 2022 - Oktober 2024). Ausgangslage Im Zentrum des Projekts steht das noch junge und zunächst klinisch geprägte Mentalisierungskonzept, welches seit den 1990er-Jahren von der Gruppe um Peter Fonagy und Kolleg/ innen am University College London entwickelt wird und Beiträge verschiedener Disziplinen in einer Theorie des Mentalen integriert. Mentalisieren ist „ein imaginatives Wahrnehmen oder Interpretieren von Verhalten unter Bezugnahme auf intentionale mentale Zustände“ (Allen, Fonagy & Bateman, 2011, S. 24). Die Mentalisierungsfähigkeit gestattet es demnach, dass „psychische oder mentale Befindlichkeiten genutzt werden, um zu verstehen, wie sich das eigene und das Verhalten anderer begründet“ (Taubner, 2015, S. 17f.). Mentalisierende Beziehungserfahrungen können die Mentalisierungsfähigkeit verbessern (Fonagy & Allison, 2014) und wirken unterstützend bei der Wiederherstellung und Aufrechterhaltung von Affektregulation und psychischer Gesundheit (z. B. De Meulemeester et al., 2018), dem kognitiven, sozio-emotionalen Lernen (Fonagy et al., 2015) und dem Interagieren in sozialen Bezügen (Fonagy et al., 2021). Folglich ist anzunehmen, dass das Mentalisierungskonzept auch für die Heil- und Sonderpädagogik anschlussfähig ist. Die Mentalisierungsbasierte Pädagogik ist ein innovativer Praxis- und Forschungsansatz, des- VHN 4 | 2022 337 AK TU E LL E FORSCHUNGSPROJ E K TE sen Grundannahme darin besteht, dass sowohl gelingende als auch misslingende Lernprozesse mithilfe des Mentalisierungsansatzes besser verstanden werden können. Das bedeutet, dass Emotionsregulierung, Verstehen, Lernen und pädagogische Beziehung im Vordergrund stehen. Das internationale und interdisziplinäre Forschungsnetzwerk MentED (MentEd.net) wurde - zunächst noch ohne Schweizer Beteiligung - mit dem Ziel gegründet, diesen umfassenden, klinischen, entwicklungspsychologischen und anthropologischen Ansatz auf die Pädagogik zu übertragen. Die ersten beiden Förderphasen des Projektes waren (1.) ein DFG-gefördertes wissenschaftliches Netzwerk, das von der PH Ludwigsburg koordiniert wurde, sowie (2.) eine Erasmus+ geförderte Strategische Partnerschaft von 2019 bis 2022 unter der Leitung der EH Darmstadt. Aktuell fand in der zweiten Förderphase der wissenschaftliche Austausch und der Transfer auf die Praxisebene über das Programm Erasmus+ Strategische Partnerschaft statt, in dessen Rahmen pädagogische Fachpersonen geschult wurden. Das University College London, die Pädagogische Hochschule Ludwigsburg, Evangelische Hochschule Darmstadt, Universität Klagenfurt, Bertha von Suttner Privatuniversität St. Pölten, Tilburg University (NL), De Viersprong Institute (NL) und die Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik (HfH) beantragten erfolgreich eine Fortführung des Forschungsnetzwerks, das unter der Leitung der HfH unter dem Titel „MentEd.ch - Bringing mentalisation-based education to Switzerland“ im Zeitraum von Oktober 2022 bis 2024 bewilligt wurde. Damit beginnt die dritte Förderphase des Projektes mit Reichweite in die Schweizer Heil- und Sonderpädagogik auf Tertiärstufe unter Leitung der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik. Entwicklungskonzept und Vorgehen Durch den von MOVETIA geförderten vorbereitenden Besuch (Internationales Meeting am Anna Freud Center) in London (UK) im März 2022 wurde das Institut für Verhalten, sozio-emotionale und psychomotorische Entwicklungsförderung IVE der HfH Zürich als erste Schweizer Wissenschaftseinrichtung mit heilpädagogischem Fokus in das internationale Team eingebunden. Gemeinsam mit den Partner- und Kooperationsinstitutionen wurde ein Antrag an das Internationale Programm von MOVETIA gestellt, um das Entwicklungsprojekt „Bringing mentalisationbased education to Switzerland“ (MentEd.ch) zu realisieren. Die Genehmigung wurde im Juni 2022 erteilt. Die Umsetzung erfolgt auf Basis der Ergebnisse der bisherigen geförderten Netzwerkarbeit durch die DFG und ERASMUS+ Strategische Partnerschaft. Das Projekt dient folgenden Zielen des Internationalen Programms von MOVETIA: n Aufbau neuer internationaler Partnerschaften/ Stärkung internationaler Partnerschaften (Internationale Vernetzung und Kapazitätsaufbau), n transnationaler Wissens- und Erfahrungsaustausch zwischen Institutionen sowie n der Umsetzung innovativer Ansätze in der Bildung. Die bereits etablierte Kooperation, die sich durch die zwei abgeschlossenen Förderphasen erweitert und stabilisiert hat, kann durch eine dritte Förderperiode erstmalig in Leitung und Koordination an eine Schweizer PH gehen. Auf dem bisherigen Forschungsweg zeigt sich eine Herausforderung, die durch die Schweizer Einbindung konstruktiv gelöst werden kann: Die systematische Einbindung von Studierenden, die sich berufsbegleitend in der Heilpädagogik professionalisieren. Ein internationaler Dialog zu praxisrelevanten Fragestellungen sowie die konkrete Konzeptanwendung stehen im Mittepunkt des aktuellen Projekts. Der Praxistransfer, im Rahmen dessen Studierende ohne Berufserfahrung geschult wurden, zeigt, dass eine Anwendung auf berufsbegleitend in der Heilpädagogik Tätige einen Kompetenzzuwachs in der Mentalisierungsfähigkeit verspricht. Drei Meilensteine respektive Arbeitspakete strukturieren das Projekt: I. Einführungs- und Konsolidierungsphase des Netzwerks in der Schweiz II. Adaption der Mentalisierungsbasierten Pädagogik im Schweizer Bildungssystem (Heil- und Sonderpädagogik) III. Durchführung eines Curriculums und Folgeantrag VHN 4 | 2022 338 AK TU E LL E FORSCHUNGSPROJ E K TE Relevanz des Projekts und Ziele Nach Projektende soll Mentalisieren als ein für die Heilpädagogik in der Schweiz sinnvoller und verstehender Zugang zum inklusiven Umgang mit Verhaltensproblemen, Verstehens- und Beziehungsprozessen, mit Lehrer- und Schülergesundheit sowie Lernprozessen bekannt sein. Studierende Lehrpersonen können das Konzept curricular an der HfH kennenlernen sowie im schulischen Praxisfeld erproben. Die Ausbildung von Multiplikatoren ist ein weiteres Projektziel, ebenso wie das Mentalisieren in das Schulsystem einzubringen und Inklusion zu fördern, v. a. bei einer Population von Schüler/ innen mit psychosozialen Beeinträchtigungen. Durch die Bereitstellung eines Rahmens, der auf die Beziehungsbedürfnisse dieser Schüler/ innen zugeschnitten ist, wird ein Beitrag geleistet, um das Auftreten schwerwiegenderer psychosozialer Probleme und Verhaltensauffälligkeiten zu reduzieren oder zu verhindern. Am Ende des Projekts steht ein Antrag, der auf eine umfassende Evaluation der Wirksamkeit des Trainings mit Schweizer Lehrpersonen zielt. In einem nächsten Schritt soll die Kooperation mit Schweizer Hochschulen und Schulen ausgebaut werden. Die Homepage mented.ch wird die Resultate nachhaltig sichern und niederschwellig zur Verfügung stellen. Zur Anbahnung der Vernetzung in die französisch- und italienischsprachige Schweiz werden Lehrfilme und Materialen in diesen Sprachen verfügbar sein. Weitere Informationen und Literaturangaben können bezogen werden bei Prof. Pierre-Carl Link oder unter der Projekthomepage: pierre-carl.link@hfh.ch https: / / mented.de/ Weitere Informationen und eine Video- Kurzpräsentation können auf der HfH-Webseite eingesehen werden: https: / / www.hfh.ch/ antrittsvorlesungpierre-carl-link DOI 10.2378/ vhn2022.art40d Liebe Abonnentinnen und Abonnenten, der Bezugspreis der Zeitschrift Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete (VHN) für private Direktkunden erhöht sich ab 2023 auf € 59,-. Für Nicht-Private/ Institutionen wird der Preis für das Jahres-Einzelabonnement auf € 99,- angehoben. Institutsabos mit Mehrplatzlizenz für Bibliotheken/ Universitäten kosten ab dem nächsten Jahr € 340,-. Jeweils zzgl. Versandspesen, die gleich bleiben. Als besonderen Service bieten wir eine kostenlose Online-Recherche in den Volltexten aller Fachbeiträge der Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete (VHN) an, die seit Heft 3/ 2004 erschienen sind. AbonnentInnen können diese Beiträge darüber hinaus als zitierfähige PDF-Datei ohne Zusatzkosten aufrufen und herunterladen (im Abo-Preis inbegriffen). Nutzen Sie unser Online-Angebot unter www.reinhardt-journals.de. Ihr Ernst Reinhardt Verlag