Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Rezension: Fasching, Helga / Tanzer, Lena (2022): Inklusive Übergänge von der Schule in Ausbildung und Beruf
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Mechthild Richter
Der Band gibt einen grundlegenden und gleichzeitig detaillierten Überblick über das komplexe Themenfeld der nachschulischen Übergänge, bei dem der „Diskurs zur Pädagogik der Vielfalt und Inklusion sowie der Diskurs um die Pädagogik der Übergänge“ zusammengedacht werden sollen.
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VHN 4 | 2022 348 REZE NSION E N Im Teil 2 folgen fächerspezifische Unterrichtsideen, die aufzeigen, wie bspw. Arrangements zur Förderung von Lesefreude oder kreative Schreibimpulse den Unterricht bereichern. Die Ideen sind praxiserprobt und lassen sich themenunabhängig einsetzen. Die Impulse für den Mathematikunterricht sind in die übergeordneten Bereiche „komplexe Fragestellungen“ und „Denken und Rechnen“ aufgegliedert, in welche konkrete Vorschläge und Aufgabenformate eingepasst werden. In Sachunterricht wird je ein Anwendungsbeispiel einer Fördereinheit für die Fächer Physik, Chemie und Biologie präsentiert. Teil 3 zur Förderung von Kindern mit Hochbegabung im Rahmen von Arbeitsgemeinschaften nimmt im Buch nur wenig Raum ein und widmet sich ausgesuchten Themenwelten (z. B. Erfinder/ innenwerkstatt). Das Buch liefert vielfältige Impulse, wie anregender Unterricht für hochbegabte Kinder umgesetzt werden kann. Gleichzeitig weckt die intendierte Verschränkung von Theorie und Praxis den Anspruch, dass das vermittelte Wissen theoretisch abgestützt ist und sich die Publikation insofern von einschlägiger Ratgeberliteratur unterscheidet. Dieses Versprechen wird durch den ersten Teil des Buches, in welchem pädagogisch-psychologisches Fachwissen zum Themenbereich Hochbegabung dargelegt und mit Prinzipien inklusiven Unterrichts in Beziehung gesetzt wird, zu weiten Teilen eingelöst. Gleichzeitig bleibt die Publikation ein Buch für die Praxis, was u. a. darin zum Ausdruck kommt, dass der Gegenstandsbereich inhaltlich breit und mit bewusst eingeschränktem Differenzierungsgrad ausgebreitet wird. Das überblickartig vermittelte Basiswissen wird durch Kapitel mit Praxisideen für den Unterricht (und zusätzlichem Onlinematerial) ergänzt, wobei diese Anwendungen mehr als die Hälfte des Buchinhalts ausmachen. In dieser Kombination wird der interessierten Praktikerin sowie Lehramt-Studierenden in Modulen mit hohem Anwendungsfokus in ansprechender Weise ein (ausbaufähiges) Fundament vermittelt, das Wege aufzeigt, wie auf hochbegabte Kinder zugeschnittene Förderung im inklusiven Unterricht umgesetzt werden kann. Dr. phil. Sabine Tanner Merlo CH-6003 Luzern DOI 10.2378/ vhn2022.art41d Fasching, Helga; Tanzer, Lena (2022): Inklusive Übergänge von der Schule in Ausbildung und Beruf Stuttgart: Kohlhammer. 198 S., € 34,- Der Band gibt einen grundlegenden und gleichzeitig detaillierten Überblick über das komplexe Themenfeld der nachschulischen Übergänge, bei dem der „Diskurs zur Pädagogik der Vielfalt und Inklusion sowie der Diskurs um die Pädagogik der Übergänge“ zusammengedacht werden sollen. Die ersten beiden Kapitel sind zum einen eine Bestandsaufnahme der aktuellen Situation von Pflichtschulabgänger/ innen und der Strukturen des österreichischen Schulsystems, des Arbeitsmarkts sowie des Übergangssystems dazwischen mit besonderem Fokus auf Schüler/ innen mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Es werden die Herausforderungen beleuchtet, die mit dem Schulaustritt einhergehen, und in den Kontext von Globalisierungstrends gestellt. Inklusive Übergänge werden hier als chancengerechte Bedingungen verstanden, die Jugendlichen mit Differenzmerkmalen den Zugang zu regulären Systemen der Bildung, Ausbildung und Beschäftigung ermöglichen. Die nächsten Kapitel gehen erst allgemein auf theoretische Übergangssowie (Berufs-) Entscheidungsmodelle ein und führen dann verschiedene Leitprinzipien im Übergangskontext ein. In Anlehnung an die historische Entwicklung der Übergangsforschung skizzieren die Autorinnen prekäre Übergänge sowie Übergänge im Kontext von Differenzdimensionen. Dies bietet die Basis für die Diskussion von Bewältigungsstrategien und die Nutzbarmachung des Gerechtigkeitsverständnisses des Capability Approach für inklusive Übergänge. Die in Kapitel 4 erläuterten Leitprinzipien dienen als Grundlage zur Einführung und kritischen Betrachtung der Maßnahmen in den folgenden Kapiteln. Das fünfte Kapitel beleuchtet pädagogische Handlungsfelder zu unterschiedlichen Phasen des Übergangs. Es geht kritisch auf die Feststellung VHN 4 | 2022 349 REZE NSION E N der Ausbildungsreife ein und stellt dem die Individuum-Umfeld-Diagnostik sowie die biografische Diagnostik gegenüber. Viel Raum wird dem Thema der Beratung gewidmet, das kritisch und differenziert betrachtet wird, gerade in Hinblick auf die Prinzipien aus Kapitel 4. Coaching und Case Management werden als Ansätze vorgestellt, die über Beratung hinausgehen. Zuletzt werden Assistenz sowie das Konzept der Unterstützten Beschäftigung diskutiert, die den konkreten Einstieg in den Arbeitsmarkt begleiten können. Kapitel 6 widmet sich den Unterstützungsmaßnahmen im schulischen und außerschulischen Kontext. Dazu gehören Instrumente der Übergangsplanung und der schulischen Berufsorientierung mit einem Augenmerk auf die Verantwortung von Lehrkräften. Im letzten Kapitel geht es um die Kooperation diverser Akteur/ innen in allen Phasen des Übergangs. Es werden in Hinblick auf Inklusion verschiedene Konzepte und Ebenen von Kooperation erläutert und diskutiert. Der Fokus liegt zum einen auf der Rolle von Familienmitgliedern und zum anderen auf der intra- und interprofessionellen Kooperation, die bei der unklaren professionellen Zuständigkeit im Übergang auf diverse Fachkräfte zukommen kann und auf Offenheit, Anerkennung und Gleichberechtigung basieren sollte. Das Werk gibt einen umfassenden ersten Überblick über die „Nahtstelle Schule - Beruf“, zeigt die verschiedenen Dimensionen auf und stellt sie in den Kontext aktueller Theoriediskurse. Theorie und Praxis werden sinnvoll miteinander verwoben, um ein „prozessorientiertes Transitionsverständnis“ zu entwickeln. Die Publikation richtet sich explizit an Studierende und ist didaktisch passend aufgebaut, um das Themenfeld des nachschulischen Übergangs in seiner Komplexität systematisch zu erhellen und zu kontextualisieren. Jedes Kapitel verfügt am Anfang über eine kurze Zusammenfassung des Inhalts und endet mit einer übersichtlich gehaltenen Literaturliste zum Weiterlesen. Um ein Gesamtbild darzustellen und widersprüchliche Logiken stärker beleuchten und diskutieren zu können, wäre weitere Vertiefung notwendig, aber als Annäherung an das Thema ist das Buch sehr geeignet. Übergänge haben generell seit einiger Zeit Einzug in die erziehungswissenschaftliche Forschung erhalten und sind als kritische und relevante Lebensphasen identifiziert worden. Der nachschulische Übergang ist sicher einer der komplexesten in der Bildungslaufbahn, da er parallel zum Einstieg in das Erwachsensein aus der klaren Schulstruktur hinaus und in ein im deutschsprachigen Raum sehr ausdifferenziertes und unübersichtliches System der Bildung, Ausbildung, der Überbrückung oder der Beschäftigung führt. Der Band ermöglicht es, genau dieses System zu durchdringen, das für Jugendliche mit Differenzmerkmalen (der Fokus liegt auf Behinderung) oft noch komplexer und differenzierter wird. Der kritische Blick darauf - gerade im Kontext der Inklusionsbemühungen im Schulsystem - lässt fragen, inwiefern man wirklich von inklusiven Übergängen sprechen kann, und zeigt damit, dass der Diskurs auch über das Schulsystem hinaus intensiviert werden muss. Dr. Mechthild Richter D-06110 Halle DOI 10.2378/ vhn2022.art42d
