eJournals Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete92/1

Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/vhn2023.art07d
5_092_2023_1/5_092_2023_1.pdf11
2023
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Aktuelle Forschungsprojekte: Pilotstudie zur Förderung der Benennungsgeschwindigkeit bei leseschwachen Grundschülern durch ein adaptives, softwaregestütztes Training

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2023
Joana Wolfsperger
Franziska Diel
Katrin Geiss
Andreas Mayer
Zahlreiche Studien konnten belegen, dass sich lese-rechtschreibschwache Kinder als Gruppe betrachtet durch ein Defizit in der Benennungsgeschwindigkeit (Rapid Automatized Naming: RAN) charakterisieren lassen (Mayer, 2021) und die Benennungsgeschwindigkeit orthografieübergreifend einen stabilen Prädiktor für die Leseleistung von Kindern, insbesondere die direkte Worterkennung darstellt (Landerl et al., 2019). Dabei „[meint] die Benennungsgeschwindigkeit (…) die Fähigkeit, eine Abfolge gleichzeitig sichtbarer vertrauter Bilder oder Symbole (z.B. Buchstaben, Zahlen) möglichst schnell visuell zu verarbeiten und zu identifizieren, die entsprechenden verbalen Repräsentationen im mentalen Lexikon zu aktivieren, einen artikulatorisch-motorischen Plan zu entwerfen und das entsprechende Wort (oder den entsprechenden Laut) schließlich zu artikulieren“ (Mayer, 2021, S. 99).
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VHN 1 | 2023 63 AK TU E LL E FORSCHUNGSPROJ E K TE differenzierte Förderdiagnostik konkrete und individuelle Maßnahmen für den Förderplan erarbeitet. In der zweiten Projektphase werden die entwickelten Vorgehensweisen in der diagnostischen Praxis in Schleswig-Holstein implementiert. Hierfür werden die praktisch tätigen Diagnostiker/ innen zunächst im Umgang mit den Standards geschult. Neben Sonderpädagog/ innen an Förderzentren übernehmen zukünftig auch Sonderpädagog/ innen an einem so genannten Diagnostikzentrum die Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs. Anschließend wird der Einsatz im Feld engmaschig begleitet. Entlang der Erfahrungen und Rückmeldungen aus der Praxis werden die Standards formativ evaluiert und überarbeitet. In der dritten Projektphase steht die summative Evaluation im Mittelpunkt. Dabei soll auch der Frage nachgegangen werden, inwiefern das Diagnostikzentrum einen Gewinn für die Durchführung des Feststellungsverfahrens darstellt. Förderung: Ministerium für Allgemeine und Berufliche Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Schleswig-Holstein Laufzeit: November 2021 bis Dezember 2024 Kontakt: Dr. Ann-Kathrin Hennes, Universität zu Köln, E-Mail: ann-kathrin.hennes@uni-koeln.de https: / / osf.io/ 8gp5k/ DOI 10.2378/ vhn2023.art06d Pilotstudie zur Förderung der Benennungsgeschwindigkeit bei leseschwachen Grundschülern durch ein adaptives, softwaregestütztes Training Joana Wolfsperger, Franziska Diel, Katrin Geiss, Andreas Mayer LMU München Theoretische Einbettung der Pilotstudie Zahlreiche Studien konnten belegen, dass sich lese-rechtschreibschwache Kinder als Gruppe betrachtet durch ein Defizit in der Benennungsgeschwindigkeit (Rapid Automatized Naming: RAN) charakterisieren lassen (Mayer, 2021) und die Benennungsgeschwindigkeit orthografieübergreifend einen stabilen Prädiktor für die Leseleistung von Kindern, insbesondere die direkte Worterkennung darstellt (Landerl et al., 2019). Dabei „[meint] die Benennungsgeschwindigkeit (…) die Fähigkeit, eine Abfolge gleichzeitig sichtbarer vertrauter Bilder oder Symbole (z. B. Buchstaben, Zahlen) möglichst schnell visuell zu verarbeiten und zu identifizieren, die entsprechenden verbalen Repräsentationen im mentalen Lexikon zu aktivieren, einen artikulatorisch-motorischen Plan zu entwerfen und das entsprechende Wort (oder den entsprechenden Laut) schließlich zu artikulieren“ (Mayer, 2021, S. 99). Da bei Kindern mit Defiziten im Bereich der Benennungsgeschwindigkeit von langfristigen Schwierigkeiten in der Entwicklung von Lese-Rechtschreibfähigkeiten auszugehen ist (Mayer, 2021), empfiehlt sich ein frühzeitiges und wirksames Training der Benennungsgeschwindigkeit. Ziel eines solchen Trainings der Benennungsgeschwindigkeit sollte es sein, die Schnellbenennung von vertrauten Symbolen zu trainieren. Bei Kindern im Grundschulalter bedeutet das konkret, dass insbesondere eine schnellere visuelle Identifikation und Verarbeitung einzelner Buchstaben sowie der automatisierte Zugriff auf die entsprechenden verbalen Repräsentationen notwendig ist, um häufig vorkommende Buchstabenfolgen als wiederkehrende orthografische Muster zu erkennen, abzuspeichern und für die direkte Worterkennung zu nutzen (Bowers & Newby-Clark, 2002). International liegen bislang jedoch nur sehr wenige Studien vor, die die Effektivität eines Trainings der Benennungsgeschwindigkeit evaluiert haben. Berglez (2002) versuchte die Benennungsgeschwindigkeit von Vorschulkindern zu verbessern, indem Farben und vertraute Objekte, hochfrequent, möglichst schnell benannt werden sollten. Dass sich die Benennungsgeschwindigkeit aller untersuchten Kinder im Zeitraum eines halben Jahres verbesserte, sich aber keine Unterschiede zwischen trainierten und nicht trainierten Gruppen zeigten, kann als Beleg dafür gewertet werden, dass die Verbesserung nicht auf das Training, sondern eher auf reifungsbedingte Entwicklungsfortschritte zurückgeführt werden kann. Zu einem vergleichbaren Fazit kommen Jong und Vrielink (2004), denen es nicht gelang, die Schnellbenennung von Buchstaben in einer Gruppe niederländi- VHN 1 | 2023 64 AK TU E LL E FORSCHUNGSPROJ E K TE Methodik Zur Studienvorbereitung und Erprobung des Trainings wurde von Mai bis Juni 2022 eine Pilotstudie an einer süddeutschen Grundschule mit insgesamt 10 Kindern der zweiten Jahrgangsstufe durchgeführt. Da es sich um eine Pilotstudie handelt, die vorrangig das Ziel verfolgte, das computergestützte Trainingsprogramm zu erproben, kamen keine Ein- oder Ausschlusskriterien zum Einsatz. Stattdessen wurden alle Kinder der von der Schule ausgewählten zweiten Klasse in die Studie aufgenommen, deren Eltern der Teilnahme zustimmten. Je nach Anwesenheit der Kinder fanden zwischen sieben und neun Trainingstage statt. An den ersten drei Tagen wurden die Kinder mit dem Computerprogramm vertraut gemacht. Zudem wurde die individuelle Benennungsgeschwindigkeit für Buchstaben, Ziffern und Farben als Ausgangsleistung bestimmt. Ab dem vierten Studientag fand das eigentliche Training statt, wobei die Kinder in jeweils drei Durchgängen 50 in unterschiedlicher Reihenfolge präsentierte Items aus den drei Kategorien Buchstaben, Ziffern und Farben so schnell wie möglich benennen sollten. Das Training zielte darauf ab, die Benennungsgeschwindigkeit der Kinder zu erhöhen, indem die Kinder aufgefordert waren, ihre Benennungen an die Geschwindigkeit eines von Item zu Item springenden roten Rechtecks anzupassen. Nach jedem erfolgreichen Abb. 1 Durchschnittliche Veränderung in der Benennungsgeschwindigkeit (Items/ s) 2.5 2 1.5 1 0.5 0 Veränderung in der Benennungsgeschwindigkeit vor und nach dem Training Items/ s zu Beginn des Trainings Items/ s zum Ende des Trainings Buchstaben Ziffern Farben scher Erstklässler durch ein zehntägiges Training innerhalb von zwei Wochen zu verbessern. Ebenso wenig gelang es Conrad und Levy (2011), durch ein Training der hochfrequenten Benennung von Buchstaben bei Kindern mit einem Defizit in der Benennungsgeschwindigkeit eine Leistungssteigerung in diesem Bereich, geschweige denn Auswirkungen auf Lese- und Rechtschreibleistungen nachzuweisen. Was die methodische Vorgehensweise angeht, bestand das Training darin, dass den Teilnehmern die Stimuli auf einem Blatt präsentiert wurden und sie die Aufgabe hatten, diese so schnell wie möglich, aber letztendlich in einem selbst gewählten Tempo zu benennen. Das Training beinhaltete keine Möglichkeit, die Kinder z. B. durch eine sukzessiv erhöhte Präsentationszeit zu einer schnelleren Verarbeitung zu „zwingen“. An dieser Forschungslücke setzt unsere aktuelle Studie „Förderung der Benennungsgeschwindigkeit durch ein adaptives, softwaregestütztes Training“ an. Das Ziel des adaptiven, computerbasierten Trainings besteht darin, die Verarbeitung der Stimuli und den Zugriff auf phonologische Repräsentationen, angepasst an die eingangs gemessene aktuelle Benennungsgeschwindigkeit, durch eine immer schnellere Präsentation der zu benennenden Items (Buchstaben, Ziffern, Farben) sukzessive zu erhöhen. VHN 1 | 2023 65 AK TU E LL E FORSCHUNGSPROJ E K TE Durchgang wurde die Geschwindigkeit des „springenden Rechtecks“ erhöht und die Kinder damit zu einer höheren Verarbeitungsgeschwindigkeit gezwungen. Ergebnisse Die Auswertung der Pilotstudie ergab, dass sich die Kinder über die gesamte Trainingsdauer beim schnellen Benennen von Buchstaben um durchschnittlich 28,38 %, von Ziffern um durchschnittlich 20,3 % und von Farben um 12,96 % verbesserten (Abb. 1). Diskussion und Ausblick Die Ergebnisse der Pilotstudie deuten darauf hin, dass es mithilfe des Trainings möglich ist, die Benennungsgeschwindigkeit von Buchstaben, Ziffern und Farben zu erhöhen. Mithilfe der Pilotstudie konnten die Tauglichkeit des Trainingsprogramms überprüft und notwendige Nachbesserungen am Programm sowie dessen Manual vorgenommen werden. Im kommenden Schuljahr wird das Training an einer deutlich größeren Stichprobe (ca. 100 Kinder) an süddeutschen Grundschulen und Förderzentren durchgeführt. Die Ergebnisse der geplanten Trainingsstudie - insbesondere zur Frage nach der Stabilität der Trainingseffekte und der Auswirkungen auf die Leseflüssigkeit - bleiben gespannt abzuwarten. Literatur Berglez, A. (2002). Prävention von Lese-Rechtschreibschwierigkeiten: Ein Training der Benennungsgeschwindigkeit. Dissertation. Universität Bielefeld. Bowers, P. G. & Newby-Clark, E. (2002). The role of naming speed within a model of reading acquisition. Reading and Writing, 15 (1 -2), 109 -126. Conrad, N. J. & Levy, B. A. (2011). Training letter and orthographic pattern recognition in children with slow naming speed. Reading and Writing, 24 (1), 91 -115. https: / / doi.org/ 10.1007/ s11145- 009-9202-x Jong, P. F. de & Vrielink, L. O. (2004). Rapid automatic naming: easy to measure, hard to improve (quickly). Annals of Dyslexia, 54 (1), 65 -88. https: / / doi.org/ 10.1007/ s11881-004-0004-1 Landerl, K., Freudenthaler, H. H., Heene, M., Jong, P. F. de, Desrochers, A., Manolitsis, G., Parrila, R. & Georgiou, G. K. (2019). Phonological awareness and rapid automatized naming as longitudinal predictors of reading in five alphabetic orthographies with varying degrees of consistency. Scientific Studies of Reading, 23 (3), 220 - 234. https: / / doi.org/ 10.1080/ 10888438.2018.15 10936 Mayer, A. (2021). Lese-Rechtschreibstörungen (LRS). 2. Auflage. München: Ernst Reinhardt Verlag. Weitere Auskünfte und Literaturhinweise können eingeholt werden bei Frau Dr. Joana Wolfsperger Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Sprachheilpädagogik (Förderschwerpunkt Sprache und Sprachtherapie), LMU München, E-Mail: Joana.Wolfsperger@edu.lmu.de DOI 10.2378/ vhn2023.art07d Forschungsprojekt „Effekte der Entwicklungspsychologischen Sprachtherapie (E-EST)“ Mirja Bohnert-Kraus, Martina Vetsch Good, Anna Zimmermann-Stübe Schweizer Hochschule für Logopädie Rorschach Hintergrund und Ziel der Studie Seit mehreren Jahrzehnten bewährt sich in der Schweiz die Entwicklungspsychologische Sprachtherapie (EST) für die Behandlung kleiner Kinder mit Spracherwerbsverzögerungen und -störungen. Dabei ist es das Ziel, dass die Kinder Sprache als bedeutungsvolles Kommunikationsinstrument und Symbolsystem entdecken (Dürmüller, 2020; Zollinger, 2015). Die wissenschaftliche Beschreibung von Einzelfällen (Bürki, 2007; Zollinger, 2015; Vetsch Good et al., 2021) liefert Hinweise darauf, dass die Entwicklungspsychologische Sprachtherapie nach Zollinger die Sprachentwicklung der Kinder positiv beeinflusst. Das vorliegende Projekt knüpft an die Pilotstudie W-EST (Vetsch Good et al., 2021) an und hat zum Ziel, die Effekte der EST erstmals an einer größeren Stich-