eJournals Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete92/2

Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/vhn2023.art16d
5_092_2023_2/5_092_2023_2.pdf41
2023
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Aktuelle Forschungsprojekte: Institutionelle Übergänge in der Unterstützten Kommunikation

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2023
Jan M. Stegkemper
Dominika Baumann
Hannah Huttner
Vanessa Schmitt
Christoph Ratz
An Maßnahmen der Unterstützten Kommunikation sind, neben den Nutzer/innen selbst, oft weitere Professionen, Institutionen bzw. Bezugspersonen beteiligt und ihre Kooperation wird als ein wichtiger Gelingensfaktor beschrieben. Berichte aus der Praxis sowie vereinzelt vorliegende Forschungsergebnisse legen aber nahe, dass sich die Zusammenarbeit der Stakeholder oftmals herausfordernd darstellt, insbesondere an (institutionellen) Übergängen. Vor diesem Hintergrund geht das Projekt „Institutionelle Übergänge in der Unterstützten Kommunikation“ mit einem qualitativ-rekonstruktiven Zugang der Frage nach, wie institutionelle Übergänge Kommunikationsbiografien und die kommunikative Teilhabe von Personen mit komplexen Kommunikationsbedürfnissen über die Lebensspanne beeinflussen. Dazu führen wir narrative Interviews bzw. teilnehmende Beobachtungen mit UK-Nutzer/innen und/oder Personen aus deren Umfeld im häuslichen Bereich sowie in Kindertagesstätten, schulvorbereitenden Einrichtungen, Schulen bzw. Einrichtungen der Behindertenhilfe durch. Die Datengewinnung und -auswertung orientieren sich am Forschungsstil der Grounded Theory. Die Projektergebnisse sollen dazu beitragen, UK-Maßnahmen und institutionsübergreifende Versorgungsstrukturen zu verbessern.
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VHN 2 | 2023 160 AK TU E LL E FORSCHUNGSPROJ E K TE Institutionelle Übergänge in der Unterstützten Kommunikation Jan M. Stegkemper, Dominika Baumann, Hannah Huttner, Vanessa Schmitt, Christoph Ratz Julius-Maximilians-Universität Würzburg Zusammenfassung An Maßnahmen der Unterstützten Kommunikation sind, neben den Nutzer/ innen selbst, oft weitere Professionen, Institutionen bzw. Bezugspersonen beteiligt und ihre Kooperation wird als ein wichtiger Gelingensfaktor beschrieben. Berichte aus der Praxis sowie vereinzelt vorliegende Forschungsergebnisse legen aber nahe, dass sich die Zusammenarbeit der Stakeholder oftmals herausfordernd darstellt, insbesondere an (institutionellen) Übergängen. Vor diesem Hintergrund geht das Projekt ‚Institutionelle Übergänge in der Unterstützten Kommunikation‘ mit einem qualitativ-rekonstruktiven Zugang der Frage nach, wie institutionelle Übergänge Kommunikationsbiografien und die kommunikative Teilhabe von Personen mit komplexen Kommunikationsbedürfnissen über die Lebensspanne beeinflussen. Dazu führen wir narrative Interviews bzw. teilnehmende Beobachtungen mit UK-Nutzer/ innen und/ oder Personen aus deren Umfeld im häuslichen Bereich sowie in Kindertagesstätten, schulvorbereitenden Einrichtungen, Schulen bzw. Einrichtungen der Behindertenhilfe durch. Die Datengewinnung und -auswertung orientieren sich am Forschungsstil der Grounded Theory. Die Projektergebnisse sollen dazu beitragen, UK-Maßnahmen und institutionsübergreifende Versorgungsstrukturen zu verbessern. Ausgangslage In einer zeichenhaft verfassten Welt können sich für Menschen mit kognitiven und/ oder sprachlich-kommunikativen Beeinträchtigungen weitreichende Barrieren ergeben, die ihre Teilhabe in unterschiedlichen Lebensbereichen erschweren (Pfeffer, 1984; Beukelman & Mirenda, 2013). Um dem entgegenzuwirken, haben sich im Bereich der Unterstützten Kommunikation (UK) vielfältige Strategien, Formen und Hilfsmittel etabliert, die dazu beitragen können, Teilhabe substanziell zu erweitern. Aufgrund der Interaktionalität und Verwobenheit von Kommunikation sind an Maßnahmen zur Kommunikationsförderung, neben UK-Nutzer/ innen selbst, i. d. R. weitere Professionen, Institutionen bzw. Bezugspersonen beteiligt. Inwieweit diese Stakeholder im Förderprozess zusammenarbeiten, wird als ein wichtiger Gelingensfaktor der UK ausgemacht (Uthoff et al., 2021; Richter, 2016; Greathead et al., 2016; Scholz, Stegkemper & Wagner, 2020). Berichte aus der Praxis sowie vereinzelt vorliegende Forschungsergebnisse legen nahe, dass sich eine Zusammenarbeit besonders an (institutionellen) Übergängen herausfordernd darstellen kann. Seien es Übergänge in neue Systeme (z. B. Kindergarten - Schule; Schule - Beruf) oder in andere Kontexte und Lebensbereiche (z. B. Wohnen - Arbeit; Elternhaus - Schule) (Hanke, Eckerth & Hein, 2020; Griebel & Niesel, 2011; McNaughton & Beukelman, 2010; Sevcik, Barton-Hulsey & Romski, 2008; Lage & Knobel Furrer, 2015). Zugleich ist noch unklar, wie sich institutionelle Übergänge genau auf UK-Maßnahmen auswirken und wie sie individuelle Kommunikationsbiografien und die kommunikative Teilhabe von UK-Nutzer/ innen über die Lebensspanne beeinflussen. Forschungsinteresse Im Projekt ‚Institutionelle Übergänge in der UK‘ gehen wir deshalb der Frage nach, wie institutionelle Übergänge Kommunikationsbiografien von Personen mit komplexen Kommunikationsbedürfnissen beeinflussen. Dabei nehmen wir die gesamte Lebensspanne von der vorschulischen Lebensphase bis ins Erwachsenenalter mehrperspektivisch in den Blick. Die Ergebnisse sollen dazu beitragen, langfristige UK-Maßnahmen und institutionsübergreifende Versorgungsstrukturen zu verbessern. Methodisches Vorgehen Das Projekt sucht einen qualitativ-rekonstruktiven Zugang. Wir gewinnen Daten mittels narrativer Interviews mit UK-Nutzer/ innen und/ oder Personen aus deren Umfeld im häuslichen Bereich sowie in Kindertagesstätten, schulvorbereitenden Einrichtungen, Schulen bzw. Einrichtungen der Behindertenhilfe. Zudem wird mittels teil- VHN 2 | 2023 161 AK TU E LL E FORSCHUNGSPROJ E K TE nehmender Beobachtungen und deren ‚dichter Beschreibungen‘ (Geertz, 1983) gearbeitet. Wir sammeln Informationen zur Kommunikationsentwicklung bzw. zu kommunikativer Teilhabe aus vorliegenden Akten und fotografieren individualisierte Gebärdensammlungen, Kommunikationsoberflächen, UK-Materialien usw. Das Vorgehen der Datengewinnung und -auswertung orientiert sich am Forschungsstil der Grounded Theory (Charmaz, 2014), ergänzt um qualitativ-rekonstruktive Analysestrategien (Bohnsack, Nentwig-Gesemann & Nohl, 2013; Nohl, 2013). Projektbausteine Das Projekt besteht aus sechs Bausteinen (Abb. 1). Die Projektlaufzeit ist von 2021 -2024. Die Finanzierung des Projekts, mit Beteiligung eines Postdocs und dreier Doktorandinnen, erfolgt aus Eigenmitteln des Lehrstuhls für Pädagogik bei Geistiger Behinderung der JMU Würzburg. Das Projekt wird, mit Blick auf alle Projektphasen und -bausteine, durch einen Beirat begleitet. Ihm gehören UK-Nutzer/ innen, Eltern von UK-Nutzer/ innen, Lehrkräfte, Therapeut/ innen, Kommunikationsfachkräfte sowie Wissenschaftler/ innen an. Baustein 1: Erarbeitungen von ‚Kommunikationsbiografien‘ und praktische Bestandsaufnahme zur (Nicht-)Gestaltung von UK-Übergängen Ziel ist es, das Konzept einer ‚Kommunikationsbiografie‘ theoretisch auszuarbeiten und damit den Forschungsgegenstand präzise zu bestimmen. Das Konzept soll dabei nicht nur theoretisch, sondern auch empirisch gesättigt werden, anhand qualitativ-rekonstruktiver Analysen von Kommunikationsbiografien erwachsener UK-Nutzer/ innen (s. Baustein 5). Baustein 2: Promotionsprojekt zur Mehrperspektivität in der UK Dominika Baumann geht in ihrem Promotionsprojekt der Frage nach, welche Bedeutung Mehrperspektivität in der UK zukommt. Dazu untersucht sie in einem Mixed-Methods-Design, unter Bezugnahme auf Daten der Schülerschaftsstudie ‚SGFE II‘ (Baumann et al., 2021), wie sich Eltern und Lehrkräfte bei der Einschätzung kommunikativer Kompetenzen kaum oder nicht lautsprachlich kommunizierender Schüler/ innen mit dem Schwerpunkt Geistige Entwicklung unterscheiden und wie hohe bzw. niedrige Übereinstimmungswerte zu erklären sind. Durch die qualitative Analyse 20 ergänzender Fallbeispiele werden Praktische Implikationen Entwicklung von Konzepten und Materialien Theoretische Erarbeitung Kommunikationsbiografien Praktische Bestandsaufnahme zur (Nicht-)Gestaltung von UK-Übergängen Promotionsprojekt Mehrperspektivität in der Unterstützten Kommunikation ( ➝ Projekt ,SFGE II‘) Promotionsprojekt Übergang Kita - Schule Promotionsprojekt Übergang Schule - Erwachsenenwelt Projektseminar Kommunikationsbiografien Abb. 1 Bausteine des Projekts ‚Institutionelle Übergänge in der Unterstützten Kommunikation‘ VHN 2 | 2023 162 AK TU E LL E FORSCHUNGSPROJ E K TE Einschätzungen unterschiedlichster Kommunikationspartner/ innen weitergehend ergründet und Erkenntnisse zur Bedeutung von Mehrperspektivität generiert, die u. a. zur Gestaltung institutioneller Übergänge bedeutsam sind. Baustein 3: Promotionsprojekt zum Übergang Kita - Schule Das Projekt von Vanessa Schmitt fokussiert den Übergang vom vorschulischen in den schulischen Lebensbereich von Kindern mit komplexen Kommunikationsbedürfnissen. Da zu dieser frühen Lebensphase noch wenig Informationen aus Akten oder narrativ gewonnen werden können, wird ein ethnografisch-beobachtender Zugang gewählt. Die Kinder werden in der Zeit vor bzw. nach dem Übergang vom Kindergarten in die Schule begleitet. Zudem werden ihre Eltern und weitere relevante Bezugspersonen interviewt. In der Analyse werden dabei ablaufende Prozesse sowie Besonderheiten von (UK-)Übergängen zu dieser frühen Lebensphase ergründet. Baustein 4: Promotionsprojekt zum Übergang Schule - Erwachsenenwelt Hannah Huttner untersucht die Übergänge von Menschen mit komplexen Kommunikationsbedürfnissen von der Schule in die nachschulische Lebenswelt. Dabei nimmt sie Personen in den Blick, die diesen Übergang hinter sich haben, und kann deshalb i. d. R. auf mehr Informationen ‚zurückblicken‘, als es im vorschulischen Bereich möglich ist. Entsprechend werden Daten in narrativen Interviews mit UK-Nutzer/ innen, Akteuren aus deren sozialem Umfeld sowie durch das Sammeln vorliegender Dokumente, Materialien und Fotografien gewonnen. Anhand der Rekonstruktion des Übergangs in die nachschulische Lebenswelt soll aus einem systemischen Blickwinkel mehrperspektivisch ergründet werden, wie Kommunikationsbiografien durch diesen Übergang beeinflusst werden. Baustein 5: Projektseminar zum Thema ‚Kommunikationsbiografien‘ Im Sommersemester 2022 wurden in einem Projektseminar an der JMU Würzburg mit 26 Studierenden und in Kooperation mit zwei fränkischen Werkstätten für Menschen mit Behinderungen die Kommunikationsbiografien von acht Erwachsenen mit komplexen Kommunikationsbedürfnissen untersucht. Gewonnene Daten wurden durch Studierende einer Kurzauswertung unterzogen und werden den Einrichtungen zur Weiterarbeit zur Verfügung gestellt. Im Rahmen des Gesamtprojekts sollen die Daten sekundäranalysiert werden, um Merkmalsausprägungen von ‚Kommunikationsbiografien‘ von Menschen mit komplexen Kommunikationsbedürfnissen zu ergründen. Baustein 6: Ableiten praktischer Implikationen Aufgrund aller Projektbausteine sollen zum Ende des Forschungsprojekts praxisrelevante Schlussfolgerungen abgeleitet werden. Dabei denken wir sowohl an konzeptionelle Vorschläge als auch an die Erarbeitung von Materialien. Die Ergebnisse sollen dazu beitragen, UK-Nutzer/ innen in unterschiedlichen Lebenssituationen besser zu verstehen und mehr institutionsübergreifende UK-Maßnahmen sowie Versorgungsstrukturen zu ermöglichen. Weitere Informationen erhalten Sie unter https: / / go.uniwue.de/ institutionelle-uk-ueber gaenge und bei Herrn Dr. J. M. Stegkemper. E-Mail: jan.stegkemper@uni-wuerzburg.de DOI 10.2378/ vhn2023.art16d