Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/vhn2023.art24d
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2023
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Das Provokative Essay: „Jeder ist seines Glückes Schmied“ - Tatsächlich?
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Barbara Jeltsch-Schudel
Wer sein Glück schmieden will, muss erst wissen, was er oder sie unter Glück versteht und wie er oder sie das selbst gesetzte Ziel erreicht. Wie einfach oder wie schwierig sich dies gestaltet, ist Inhalt dieses Essays. Individuelle Normen und Singularität spielen dabei eine wesentliche Rolle. Sind – so wird weiter überlegt – Besonderheiten wie das Phänomen Behinderung für die Singularisierung förderlich, hemmend oder was sonst?
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177 VHN, 92. Jg., S. 177 -184 (2023) DOI 10.2378/ vhn2023.art24d © Ernst Reinhardt Verlag „Jeder ist seines Glückes Schmied“ - Tatsächlich? Barbara Jeltsch-Schudel Winterthur Zusammenfassung: Wer sein Glück schmieden will, muss erst wissen, was er oder sie unter Glück versteht und wie er oder sie das selbst gesetzte Ziel erreicht. Wie einfach oder wie schwierig sich dies gestaltet, ist Inhalt dieses Essays. Individuelle Normen und Singularität spielen dabei eine wesentliche Rolle. Sind - so wird weiter überlegt - Besonderheiten wie das Phänomen Behinderung für die Singularisierung förderlich, hemmend oder was sonst? Schlüsselbegriffe: Glück, individuelle Normen, Singularität, Normalität “Everyone is the Architect of His Own Fortune” - Really? Summary: Everyone who wants to construct his or her own fortune has to find out his or her understanding of it based on individual criterions and the ways to success. In this essay I discuss the difficulties and possibilities of this process and the role of singularity and individual norms thereby. Further, I ask in what kind the phenomenon of disability influences the singularity: as support or inhibition or what else? Keywords: Fortune, individual norms, singularity, normality DAS PROVOK ATIVE ESSAY Und schließlich ist noch die Verwendung des ,übrigens‘ zu erwähnen, das die Darstellung auf Ab-, Um- und Nebenwege leitet, wodurch ein unüblicher Blick auf die Sache ermöglicht wird. Dieses ganze Vokabular der ‚Möglichkeitserwägung‘ (…) bringt den Leser als wahrnehmende und wertende Instanz ins Spiel. Er wird vor die Frage gestellt, was an der Sache wahr und wirklich ist. Aber er erhält vom Text keine Antwort. (Bude, 1989, S. 533) Vorbemerkungen Das titelgebende Sprichwort - in einer anderen Version heißt es: „Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied“ - verweist darauf, wie wichtig es für den Menschen offenbar ist, Glück zu haben oder genauer: sich sein Glück zu machen. Wer also Glück hat, ist genauso selber schuld daran wie der Glücklose, der es eben nicht geschafft hat. Dabei geht es beim Streben nach Glück nicht um ein allgemeines Glück für die ganze Menschheit, sondern um das eigene. Damit stellen sich vor allem zwei Fragen: Was muss ich tun, um glücklich zu werden (und zu bleiben)? Und auch: Was heißt Glück für mich überhaupt? Diese beiden Fragen sind mehr miteinander verstrickt, als es auf den ersten Blick erscheint. Denn hedonistisches Streben steht in einem sozialen Kontext. Wer ist erfolgreich? Welches sind die Voraussetzungen für den Erfolg? Wer erreicht ein höheres oder gar das höchste Glück? Antworten auf und Überlegungen zu diesen Fragen lassen sich in verschiedenen, vor allem soziologischen Analysen der letzten Jahre finden. Einige Erkenntnisse daraus werden in einem ersten Teil dieses Essays skizziert. Bekanntlich sind Menschen verschieden. Allerdings sind die Verschiedenheiten unterschiedlich. Manche individuellen Merkmale oder Eigenschaften erweisen sich als gute Voraussetzungen, andere als Erschwerungen für die Glücksrealisierung. Welche individuellen VHN 3 | 2023 178 BARBARA JELTSCH-SCHUDEL Jeder ist seines Glückes Schmied - Tatsächlich? DAS PROVOK ATIVE ESSAY Besonderheiten erregen die Bewunderung und Anerkennung anderer Menschen und verhelfen zu Glück und Erfolg? Welche sind mit negativen Zuschreibungen behaftet und können zu Diskriminierungen und Ausschlüssen führen? Auf der Suche nach Antworten fokussiere ich (als Sonderpädagogin) in einem zweiten Teil das Phänomen Behinderung, das in seinen Bedeutungsdimensionen eine Vielfalt an Anregungen verspricht. Der abschließende Teil greift das Sprichwort wieder auf. Ob es tatsächlich so ist, dass jeder seines eigenen Glückes Schmied ist, wird sich weisen. Vielleicht sind Differenzierungen und Vorbehalte angebracht: „Vielleicht ist alles auch ganz anders, lautet die essayistische Schlußerwägung“ (Bude, 1989, S. 532). I Jeder Mensch soll also die Verantwortung für sein eigenes Glück übernehmen, mithin für seine Gesundheit, seinen beruflichen Erfolg, seine sozialen Kontakte und vieles weitere mehr, auch entsprechend seinen individuellen Interessen. Aber: Was bedeutet diese Verantwortung und wie kann der Mensch sie übernehmen? Wie kann er erfolgreich sein eigenes (individuelles) Glück gestalten? Bringt er genügend emotionale und rationale Voraussetzungen dazu mit? Welche Strategien oder Hilfsmittel benutzt er, um das Glücksziel zu erreichen? Zum Beispiel: Gesundheit. Als Voraussetzung für ein langes Leben ohne Leid trägt eine gute Gesundheit zum Glück bei. In allen Medien springen einen Möglichkeiten an, wie die eigene Gesundheit gestaltet werden kann (und soll): gesunde Ernährung in verschiedensten Varianten und sich daraus ergebende (auch widersprüchliche) Empfehlungen - regelmäßige Bewegung und Sport in reichhaltigem Angebot - und Weiteres mehr. Wesentlich dabei ist es, die Effekte zu kontrollieren, diese möglichst genau zu messen und zu speichern. Es genügt dann allerdings nicht, die Werte beschreibend festzuhalten, sondern es gilt, deren Verbesserung anzustreben, also schlanker zu werden, tiefere Cholesterinwerte zu haben, schneller zu laufen … Selbstoptimierung wird zur Pflicht für alle, um das eigene Glück selber - und besser - schmieden zu können. Eine Antwort auf die Frage danach, was Glück heißen kann, geben Cabanas und Illouz (2019, S. 11): „… Glück gilt in unseren Zeiten vielmehr als eine Geisteshaltung, die sich willentlich herbeiführen lässt, als Resultat der Mobilisierung unserer inneren Stärken und unseres ‚wahren Selbst‘, als einziges Ziel, das anzustreben sich lohnt, als der Maßstab, an dem wir den Wert unserer Biographien, die Größe unserer Erfolge und Niederlagen sowie den Stand unserer psychischen und emotionalen Entwicklung messen müssen.“ Das Herbeiführen des Glücks obliegt also dem Individuum, seiner Verantwortung und wird deshalb auch als sein Verdienst betrachtet. Was genau unter dem „wahren Selbst“ verstanden und wie Glück definiert wird, lässt sich allerdings nicht allgemein festlegen, sondern wird individuell gesetzt und dient der Selbstverwirklichung. Der Mensch orientiert sich somit an sich selbst. Vertreter der Positiven Psychologie sehen diesen Zusammenhang: Glück zeigt sich in der Selbstverwirklichung und Selbstverwirklichung wird als Glück verstanden. In der von Seligman entwickelten Glücksformel (zitiert in Cabanas & Illouz, 2019, S. 72) wird diesem Zirkelschluss insofern begegnet, als hohe Anteile am Erreichen des Glücks genetisch bedingt seien und vor allem auch willensmäßigen, kognitiven und emotionalen Faktoren zugeschrieben werden. Die Umwelt spiele eine sehr untergeordnete Rolle. Mit dieser Gewichtung individueller Faktoren wird das Glück individualisiert und dem Individuum überlassen, wie es sein Glück schmiedet. VHN 3 | 2023 179 BARBARA JELTSCH-SCHUDEL Jeder ist seines Glückes Schmied - Tatsächlich? DAS PROVOK ATIVE ESSAY Seinen Antrieb dazu sieht Charim (2022) in einer Anrufung: diese kommt aus dem Streben nach dem narzisstischen Ich-Ideal, dem sich das Individuum freiwillig unterwirft. Im Kontext des Neoliberalismus wird das individuelle Ich-Ideal jedoch beeinflusst von den Anforderungen, die dieser setzt: immer besser und gleichzeitig der/ die Beste zu werden, ein Streben nach Ich-Steigerung bis zum Ideal. „Das Ideal gibt also beides vor: ständige Annäherung und notwendiges Scheitern“ (Charim, 2022, S. 48), denn der Beste kann sich nicht weiter verbessern. Zur Unterstützung des Strebens nach Glück tauchen vielerorts und immer zahlreicher Angebote und Ansprüche auf: Zu erwähnen sind Formen der Naturbegegnung und des Umgangs mit Achtsamkeit bis hin zu den Diskussionen über Quiet Quitting; gemeinsam scheint diesen Hypes die dem Individuum zugemessene Bedeutung, die es prioritär zu respektieren gilt. Doch: geht es vor allem um das Glück des Individuums? Oder steht dahinter die neoliberale Absicht der Steigerung von Leistungsfähigkeit und Effizienz? Die zentrale Bedeutung des Individuums in seinem hedonistischen Streben dürfte deutlich geworden sein. Damit liegt das Augenmerk auf dem einzelnen Menschen mit all seinen Merkmalen und Besonderheiten. Es geht hier jedoch nicht mehr nur um den historischen Prozess der Individualisierung, sondern in der Moderne hat sich - so Reckwitz (2021) - aus der sozialen Logik des Allgemeinen, in der Standardisierungen, Generalisierungen, Rationalisierungen im Zentrum stehen, eine Logik des Besonderen entwickelt. Singularitäten sind im Fokus: sie sind einzigartig. Singularitäten sind nicht fixiert, sondern werden fortwährend fabriziert: doing singularity (ebd., S. 64). Weitere Charakteristika sind, dass Singularitäten bewertet, valorisiert werden und dass sie affiziert, d. h. mit emotionalen Werten versehen werden. Für die Spätmoderne stellt Reckwitz (2021) fest, dass - beginnend in den 1970er-Jahren - sich ein Primat der Singularitäten entwickelt hat aus der Koinzidenz dreier Faktoren: „die sozio-kulturelle Authentizitätsrevolution, getragen vom Lebensstil der neuen Mittelklasse; die Transformation der Ökonomie hin zu einer postindustriellen Ökonomie der Singularitäten; technische Revolution der Digitalisierung“ (ebd., S. 103). Die Lebensqualität wird wichtig, Selbstverwirklichung zentral. In der Gesellschaft der Singularitäten reicht es allerdings nicht hin, sich selbst zu verwirklichen, vielmehr muss dies auch erfolgreich geschehen. Das Individuum strebt also nach erfolgreicher Selbstverwirklichung, indem es Singularität fabriziert. Denkt man Glück und Selbstverwirklichung zusammen, so ergibt sich daraus, dass auch das „singularisierte“ Individuum aktiv und selbstverantwortlich sein Glück schmiedet. Der Anruf, dies anzustreben, ergibt sich aus der Affizierung. Was die Singularität ausmacht, gründet im Besonderen und damit im Individuellen, was auf eine Orientierung an den eigenen Normen hinweist. Auch für das doing singularity lässt sich eine freiwillige Unterwerfung (Charim, 2022) annehmen. Verbunden mit Normen - hier als vom Individuum gesetzt verstanden - ist eine Vorstellung von Normalität. Normalität, so versteht es Link (2013), wird produziert, ist also keine feste Größe. Für die hier diskutierte Thematik ist interessant, dass Link für den Umgang mit den verschiedenen Aspekten und Dynamiken von Normalität zwischen zwei Strategien unterscheidet: der protonormalistischen, die ihr Verständnis von Normalität an klaren und enggefassten Kriterien festmacht, und der flexibel-normalistischen. Letztere Strategie orientiert sich an einem breiten und offen angelegten Konzept von Normalität, mit flexiblen Formen und weichen Grenzen und damit verbunden „einem breiten Spektrum von ‚Behinderungen‘“ (ebd., S. 57). VHN 3 | 2023 180 BARBARA JELTSCH-SCHUDEL Jeder ist seines Glückes Schmied - Tatsächlich? DAS PROVOK ATIVE ESSAY Als Subjekt-Taktiken werden „Selbst-Normalisierung, Selbst-Adjustierung und selbstständiger Risiko- und Kompensationskalkül“ genannt - Taktiken, die mit der Orientierung des Menschen an sich selbst einhergehen. Chance für das Subjekt ist „Authentizität“, wesentliches Merkmal auch für die Singularität des Individuums. Dass der Mensch im Schmieden seines Glücks auf sich selber angewiesen ist, indem er sich an seinen individuellen Normen orientiert, bedeutet zum einen, dass er große Freiheiten hat; es bedeutet zum andern aber auch, dass er auf sich selbst zurückgeworfen ist. „Das heutige Individuum ist autonom, darin aber fragil; gebildet, aber strukturell überfordert; moralisch, aber normativ verunsichert; räsonierend, aber hochemotional“ (Amlinger & Nachtwey, 2022, S. 95). Sie erkennen darin eine „gekränkte Freiheit“, die darauf zurückzuführen sei, dass die gesteigerten Bedürfnisse und Ansprüche in spätmodernen Gesellschaften nicht eingelöst werden können. Die gesteigerten Bedürfnisse können als Ausdruck einer erhöhten Sensibilität sich selber und auch anderen gegenüber und einer (dadurch) erhöhten Verletzlichkeit (Flasspöhler, 2021) verstanden werden. Ausschließlich auf sich selbst bezogen ist das Individuum in seinem Streben nach Glück indes nicht, spielen doch Außenstehende bzw. deren Bewunderung und Anerkennung eine ausschlaggebende Rolle dabei. Die Bewertung von außen lässt sich einordnen in das Verständnis der „Gesellschaft der Singularitäten“ (Reckwitz, 2021). „Bei Singularitäten handelt es sich um Entitäten, die innerhalb von sozialen Praktiken als besondere wahrgenommen und bewertet, fabriziert und behandelt werden. Singularitäten sind das Ergebnis von sozialkulturellen Prozessen der Singularisierung“ (…) und sie sind „einzigartig und werden als solches zertifiziert“ (Reckwitz, 2021, S. 50f., Hervorh. i. Orig.). Singularität erfordert also eine Valorisierung. Die Kultur ist die Sphäre von Valorisierung und auch von Entvalorisierung: „Kultur ist dort, wo gesellschaftlich Wert zugeschrieben wird“ (ebd., S. 79). Diese Bewertungsprozesse beeinflussen verschiedene Bereiche, die für die Gestaltung des eigenen Lebens wesentlich sind, so die postindustrielle Ökonomie und die Arbeitswelt. Die bereits gemachten Überlegungen, weshalb ein Individuum überhaupt nach Selbstoptimierung strebt, lassen sich mit jenen zu Singularitäten und deren Valorisierung verbinden: Es ist das Individuum, das - orientiert an sich selbst und entsprechend selbstoptimiert - seine Singularität schafft mit einer Valorisierung, die ihm eine erfolgreiche Selbstverwirklichung ermöglicht. Ausgeblendet wird dabei die Möglichkeit von Scheitern und Misserfolg. Auch die Ressourcenthematik wird nicht in den Blick genommen, also die Frage nach den Voraussetzungen, oder anders: Können sich alle Menschen in ihren Verschiedenheiten gleich gut (nach individuellem Maßstab) singularisieren? II „Behinderung“ ist ein Begriff, der viel diskutiert wurde und wird und verschieden konzeptualisiert ist (siehe hierzu Jeltsch-Schudel & Schindler, 2020). Für dieses Essay relevant erscheint mir die Sichtbarkeit des Phänomens Behinderung. Diese wird als Alterität des Körpers wahrgenommen und als solche eingeordnet, also valorisiert. Beispielhaft sei hier Carl Herrmann Unthan (1848 - 1929) genannt, der eine Autobiografie verfasste; in diesem „Pediscript“ beschreibt er seine Erlebnisse als Mensch, der ohne Arme geboren wurde: er reiste viel und machte sich vor allem als „armloser Geiger“ einen Namen. Wer sich Geigenspiel ohne Arme nicht vorstellen kann, findet entsprechende Bilder im Inter- VHN 3 | 2023 181 BARBARA JELTSCH-SCHUDEL Jeder ist seines Glückes Schmied - Tatsächlich? DAS PROVOK ATIVE ESSAY net (z. B. Wikipedia). Auch im Pediscript illustrieren Fotos, wie er sich (mit den Füßen) rasiert oder auf einer Schreibmaschine schreibt (Unthan, 1970, S. 6). Dass Unthan seine Füße überhaupt so geschickt einzusetzen lernte, ist den „Geboten“ seines Vaters zu verdanken, die - an seine Familie und Lehrer adressiert - auf die Selbstständigkeit bereits des kleinen Kindes ausgerichtet waren, beginnend damit, dass Unthan auch in der kalten Jahreszeit keine Schuhe trug. Erfolg und Anerkennung gehörten ebenso zu den Erfahrungen seines außergewöhnlichen Lebens wie Abwertungen und Ausschlüsse. Seine Lebensgeschichte ist eingebettet in den damaligen gesellschaftlich-historischen Kontext und dessen Formen des Umgangs mit Besonderheiten. Kontrastierend zu Unthans Lebenszeit und Lebenssituation stehen Künstler/ innen, die ihre Andersheit heute zum Thema machen. In der Ausstellung des Kunsthauses Zürich „Take Care“ vom 8. April bis 17. Juli 2022 waren Werke zu sehen, die dies in unterschiedlichen Formen (bildende Kunst, Filme) zum Ausdruck brachten. „Michelle Miles gehört (…) zu einer sehr jungen - nach 1990 geborenen - Generation von Künstler: innen, die die Besonderheit ihres Körpers weder als dysfunktional noch als von der Norm abweichend versteht, sondern als eine unter vielen respektiert sehen will. Damit spiegelt sie zum einen die Gesellschaftsentwicklung wider, wonach fraglich geworden ist, ob es so etwas wie einen ‚normalen‘ Körper in unserer Welt der Singularitäten überhaupt noch geben kann“ (Zürcher Kunstgesellschaft/ Kunsthaus Zürich, 2022, S. 248). Singularität und Normalität: sind sie gleichzusetzen oder sind sie gegensätzlich zu verstehen? Seine Essays, in denen Tobin Siebers (2009) Kunst, Ästhetik und Behinderung thematisiert, überschreibt er mit „Zerbrochene Schönheit“ und notiert einführend: „Der menschliche Körper ist zugleich Subjekt und Objekt der ästhetischen Produktion: Er erschafft, etwa in der Kunst, andere Körper, die deshalb geschätzt werden, weil sie unsere Empfindungen beeinflussen können - und dieses Vermögen rührt daher, dass sie den Anschein einer sonst nur dem Menschen selbst zugeschriebenen Lebendigkeit wecken. Nun sind aber nicht alle Körper gleich, was ihre ästhetische Wahrnehmung und die ästhetische Reaktion auf sie betrifft“ (ebd., S. 7). Auf der Basis der Idee der Schönheit von Behinderung entwirft er eine „Ästhetik der Behinderung“, die dazu führen soll, menschliche Vielfalt und Verschiedenheit (besser) zu tolerieren und als Folge auch positiv zu konnotieren. Führt die Ästhetisierung einer Besonderheit zu Singularität? Alison Lapper und Mary Duffy, zwei Künstlerinnen singularisieren sich, setzen in künstlerischer Absicht und Inszenierung ihren (anderen, besonderen) Körper in Beziehung zu einem Kunstwerk: „Alison Lapper Pregnant“ ist eine Skulptur aus Marmor von Marc Quinn. Sie zeigt die Künstlerin, die mit einer Phokomelie geboren wurde, als nackte Schwangere (Mayer, 2005). Diese 3,5 m hohe Statue war 2005 bis 2007 auf dem Trafalgar Square in London zu sehen, in unmittelbarer Nähe zu jener des berühmten Admiral Nelson. Auch sein Körper zeigt Besonderheiten: auffallend ist vor allem das Fehlen des rechten Armes - er musste ihm infolge einer Verletzung, die ihm in einer Schlacht zugefügt wurde, amputiert werden. Beide Monumente zeigen singuläre Körper, die sich jedoch in der Verursachung ihrer Differenz (zum „normalen“ Körperbild) unterscheiden und deshalb auch unterschiedlich bewertet werden. Zu Mary Duffy schreibt Siebers (2009): „Die Venus von Milo, bei der beide Arme an der Schulter abgebrochen sind, repräsentiert eines der höchsten Ideale weiblicher Schönheit in der VHN 3 | 2023 182 BARBARA JELTSCH-SCHUDEL Jeder ist seines Glückes Schmied - Tatsächlich? DAS PROVOK ATIVE ESSAY westlichen Kunst, während Mary Duffy, eine ohne Arme geborene Performance-Künstlerin, für die meisten Zuschauer eine Bedrohung darstellt. Wenn sie ihren nackten Körper in weiße Tücher hüllt, erscheint sie wie eine Abbildung der berühmten Venus von Milo (…) ‚Ich halte all den Leuten, die mich zuvor mit ihren Blicken ausgezogen haben, einen Spiegel vor‘, erklärt sie“ (ebd., S. 43, Hervorh. i. Orig.). Beinhaltet für Menschen mit sichtbaren und weitgehend negativ konnotierten Besonderheiten (hier: Behinderungen) eine Selbstoptimierung eine ästhetische Komponente? Film und Theater, in der Rollenübernahme als Schauspieler/ in, sind weitere Medien, die ein Treten vor die Öffentlichkeit beinhalten. Dies bedeutet: die eigene singuläre Art, sich zu bewegen, zu sprechen und zu agieren, wird sichtbar in diesen Tätigkeiten. Es sind nicht unmittelbar wahrnehmbare Differenzen des Körperbildes wie etwa bei Menschen ohne Arme, sondern die Andersheit wird erst allmählich offenbar. Filme, in denen die Diversität der Darsteller/ innen hoch ist - und mittlerweile nicht nur gewollt und erfolgsdienlich ist, sondern zunehmend zur Pflicht wird -, lassen sich einfach finden. Dies zeigte eine Recherche von Studierenden der Klinischen Heilpädagogik und Sozialpädagogik während des Fernunterrichts wegen der Corona-Pandemie: Menschen mit Behinderungen sind nicht nur in Dokumentarfilmen zu sehen, sondern sind auch an Spielfilmen als Schauspieler/ innen beteiligt. Schon seit Langem waren Menschen mit sichtbaren Besonderheiten in Filmen zu sehen, allerdings anders als heute. In der Zwischenkriegszeit, 1932, wurde der Film „Freaks“ gedreht. Der Regisseur Tod Browning vereinigte Schauspieler/ innen, die nicht den Normvorstellungen entsprachen, in der damaligen Diktion eben „Freaks“, also „Missgeburten“. Dass dieser auf einer Kurzgeschichte basierende Film auch als Horrorfilm bezeichnet wurde, liegt vermutlich nicht nur daran, dass diese so unterschiedlichen Menschen durch ihre Andersheit als abstoßend und bedrohlich wahrgenommen wurden, sondern vor allem auch an der Filmhandlung. Die „Freaks“ leben in einer Art Zirkus, zu dem auch ein Artist und eine Artistin gehören, deren Körper „makellos“ sind. Diese beiden mokieren sich nicht nur über die „Freaks“, sondern beuten sie aus, bis hin zu Mordabsichten. Die „Freaks“ verbindet ein Ehrenkodex, aufgrund dessen sie sich an den beiden furchtbar rächen. Mit anderen Worten: Die „Bösewichte“ werden von den „Missgeburten“ besiegt. Die Reaktionen auf diesen Film sind jedoch nicht einhellig, handelt es sich doch nicht um einen eindeutigen Sieg der „Guten“, sondern um eine Rache. Wie weit diese Ambivalenz dem damaligen Zeitgeist geschuldet ist, bleibe offen. Wie sieht es heute aus? In der Schweiz ist Julia Häusermann eine bekannte Schauspielerin, Mitglied des Theaters Hora, Trägerin des Alfred- Kerr-Darstellerpreises für die beste Nachwuchsschauspielerin des Berliner Theatertreffens 2013. Die Mitglieder der Theatergruppe Hora sind behindert. Sie tritt in der ganzen Welt auf, 2013 mit dem „Disabled Theater“. „Die Schauspielerinnen und Schauspieler spielen sich selbst - und erzählen von ihrer Behinderung. Das ist berührend und spaltet das Publikum. Freakshow oder genial? (…) Darf man das? Diese Frage hat sich der französische Choreograph Jérôme Bel auch gestellt“ und antwortet: „Ja, man darf - und soll sogar. Gerade weil damit eine wichtige Diskussion angestoßen wird“ (Pfalzgraf, 2012). Denn zum Sich-Selber-Spielen gehört, dass sich die Schauspieler/ innen auf der Bühne selber vorstellen. Julia Häusermann sagt: „Ich habe das Down-Syndrom - und es tut mir leid“. In einem kleinen Ausschnitt ist diese kurze Szene zu sehen (Link bei Pfalzgraf, 2012). VHN 3 | 2023 183 BARBARA JELTSCH-SCHUDEL Jeder ist seines Glückes Schmied - Tatsächlich? DAS PROVOK ATIVE ESSAY Auch wenn sich diese beiden Beispiele in vielem unterscheiden und die Absicht, dass Menschen mit Behinderungen eine tragende Rolle spielen, eine völlig andere ist bei „Freaks“ als bei „Disabled Theater“, so sind die Reaktionen des Publikums ambivalent - auch wenn die Ambivalenzen sich ebenfalls unterscheiden. Denn: die schauspielerische Leistung von Julia Häusermann wird nicht bestritten, hat sie doch einen Preis errungen, den vor ihr offenbar noch kein/ e Schauspieler/ in mit Behinderung erhalten hat. „Sie weiß um ihr Talent. (…) Häusermann wird gefeiert. Aber sie weiß auch, dass sie ein Einzelfall ist“ (Wald, 2022). In ihrem Beitrag im Tagesspiegel fährt Wald (2022) fort, dass Inklusion nicht nur als Theorie verstanden werden soll: „Inklusives Theater möchte das ändern. Personen mit kognitiven und körperlichen Beeinträchtigungen sollen nicht nur in die Vermittlungsarbeit eingebunden werden, sondern auch als Schauspieler: innen, Regisseur: innen und Autor: innen mitwirken. Ein Ansatz, der zum zeitgenössischen Diskurs um Diversität passt.“ Gibt es einen Zusammenhang zwischen Singularität und Inklusion von Menschen mit Besonderheiten? Das Beispiel von Julia Häusermann verweist zudem darauf, dass - so scheint mir - ihre Singularität als Künstlerin weniger unbestritten ist als bei der fast gleichaltrigen Michelle Miles. Dies hängt damit zusammen, dass eine kognitive Beeinträchtigung nochmals anders konnotiert wird als eine sichtbare Andersheit des Körpers. Die Diskussion, ob Menschen, die als geistig behindert bezeichnet werden, imstande sind, „Kunst“ zu schaffen, wurde und wird immer wieder geführt. Dies zeigen Ausstellungen, die sensibilisieren und zu Akzeptanz und Inklusion führen sollen. Erwähnt sei die Europäische Wanderausstellung der Künstler aus Stetten, die im April/ Mai 1987 im Lichthof der Universität Zürich zu sehen war, in deren Katalog zu lesen ist, dass „der künstlerisch tätige Behinderte überwiegend selbständig sein Thema findet, und dann ebenfalls eigenständig die bildnerischen Probleme löst, die mit der Darstellung verbunden sind“ (Kläger, 1987, S. 20). Seither wurden weitere Ausstellungen gestaltet, so etwa die Wanderausstellung „Ebenbilder. Mensch werden ist eine Kunst“ (Mecherlein, Mürner & Scheibner, 2000) oder die Ausstellung „Collection de l’Art Brut - Kunst im Verborgenen“ 2019 im Aargauer Kunstmuseum Aarau. (Diese etwas willkürlich erscheinende Auswahl hängt mit meinem eigenen Augenschein zusammen). Wird die Singularität der Künstler/ innen mit Besonderheiten nicht durch ihre Kunst, sondern vielmehr durch die Besonderung der Form/ des Ortes ihrer Präsentation hergestellt? III Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied! - Tatsächlich? Literatur Amlinger, C. & Nachtwey, O. (2022). Gekränkte Freiheit. Aspekte des libertären Autoritarismus. Berlin: Suhrkamp. Bude, H. (1989). Der Essay als Form der Darstellung sozialwissenschaftlicher Erkenntnisse. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 41 (3), 526 -539. Cabanas, E. & Illouz, E. (2019). Das Glücksdiktat - und wie es unser Leben beherrscht. Berlin: Suhrkamp. Charim, I. (2022). Die Qualen des Narzissmus - Über freiwillige Unterwerfung. Wien: Paul Zsolnay. VHN 3 | 2023 184 BARBARA JELTSCH-SCHUDEL Jeder ist seines Glückes Schmied - Tatsächlich? DAS PROVOK ATIVE ESSAY Flasspöhler, S. (2021). Sensibel. Über moderne Empfindlichkeit und die Grenzen des Zumutbaren. Stuttgart: Klett-Cotta. Jeltsch-Schudel, B. & Schindler, A. (2020). Behinderung als Leitbegriff in der Sonderpädagogik - Suche nach stringenter Definition oder Umgang mit Widersprüchen? Ein Kommentar zum Diskurs von Andreas Kuhn und Jan Kuhl. In M. Grosche, C. Gottwald & H. Trescher (Hrsg.), Diskurs in der Sonderpädagogik - Widerstreitende Positionen, 70 -79. München: Reinhardt. Kläger, M. (1987). Geistig behinderte Menschen als künstlerisch Tätige. In P. Oberacker (Hrsg.), Künstler aus Stetten, Menschen mit geistiger Behinderung stellen aus, 20 -38. Katalog zur Europäischen Wanderausstellung. Stuttgart: Konrad Wittwer. Link, J. (2013). Versuch über den Normalismus - Wie Normalität produziert wird. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. Mayer, A. (2005). Berühmte behinderte Frauen: Die Künstlerin Alison Lapper. Abgerufen am 20.3.2023 von https: / / archiv-behindertenbewegung.org/ weitere-themen/ beruehmte-behinderte-frauen/ alison-lapper-1965/ Mecherlein, K., Mürner, C. & Scheibner U. (Hrsg.) (2000). Ebenbilder. Mensch werden ist eine Kunst. Malerei aus 20 Kunstabteilungen der Werkstätten für Behinderte. Katalog zur Wanderausstellung. Frankfurt: Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für Behinderte. Pfalzgraf, A. (2012). Julia Häusermann wird Schauspielerin | Leben mit Down-Syndrom | Doku | SRF Dok. https: / / www.youtube.com/ watch? v= aZllbSC4AW8 Reckwitz, A. (2021). Die Gesellschaft der Singularitäten. 4. Aufl. Berlin: Suhrkamp. Siebers, T. (2009). Zerbrochene Schönheit. Essays über Kunst, Ästhetik und Behinderung. Bielefeld: transcript. https: / / doi.org/ 10.1515/ 9783839411 322 Unthan, C. H. (1970, Orig. 1925): Das Pediscript. Berlin: Marhold. Unthan, C. H. (o. J.). Bild von Unthan als armloser Geiger. Abgerufen am 20. 3. 2023 von https: / / de. wikipedia.org/ wiki/ Carl_Herrmann_Unthan Wald, C. (2022). Inklusion am Theater. Julia hat viele Gesichter. Tagesspiegel vom 7. 2. 2022. Abgerufen am 20. 3. 2023 von https: / / www.tages spiegel.de/ kultur/ julia-hat-viele-gesichter-430 7602.html Zürcher Kunstgesellschaft/ Kunsthaus Zürich (Hrsg.) (2022). Take Care, Kunst und Medizin. Katalog zur Ausstellung. Köln: Wienand Verlag. Anschrift der Autorin Prof. tit. em. Dr. Barbara Jeltsch-Schudel Rychenbergstr. 59 a CH-8400 Winterthur E-Mail: barbara.jeltsch@gmx.ch
