Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
5
0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/vhn2023.art30d
5_092_2023_3/5_092_2023_3.pdf71
2023
923
Aktuelle Forschungsprojekte: InDiVers - Inklusive Diagnostik in Verfahren zur Feststellung sonderpädagogischen Förderbedarfs? Zwischen angemessener Förderung und institutioneller Diskriminierung
71
2023
Julia Gasterstädt
Katja Adl-Amini
Florian Cristobal Klenk
Anna-Lisa Kistner
Julia Kadel
Mit der Forderung nach diskriminierungsfreier wie auch gleichberechtigter Teilhabe aller Menschen an einem inklusiven Bildungssystem geht die Notwendigkeit einher, individuell angemessene Vorkehrungen zu treffen, um die Bedürfnisse der Einzelnen zu berücksichtigen sowie den Zugang zu Bildungseinrichtungen zu sichern (Art. 24 UN-BRK). Dazu müssen einerseits entsprechende Bedürfnisse festgestellt werden, ohne andererseits potenziell diskriminierende Zuschreibungen vorzunehmen. Die pädagogische Praxis bewegt sich somit in einem Spannungsfeld zwischen einer individuumsbezogenen Beschreibung notwendiger Hilfen und schulischer Unterstützungsangebote sowie der Gefahr von Stigmatisierung und Diskriminierung. Diskutiert wird dieses Spannungsverhältnis u.a. in der Debatte um DeKategorisierung (z.B. Katzenbach, 2015; Walgenbach, 2018) sowie um Ent/Dramatisierung von Differenz (Budde & Hummrich, 2013; Messerschmidt, 2015). Auf Ebene der Institution und Organisation Schule schließt daran insbesondere die Frage nach der Ausgestaltung einer förderorientierten, prozess- und systembezogenen Diagnostik sowie nach den strukturellen Bedingungen an, die eine inklusive Diagnostik (z.B. Prengel, 2016; Simon & Simon, 2014) bis dato erschweren bzw. in Zukunft ermöglichen könnten. Das Verbundprojekt „InDiVers“ fokussiert eine Lupenstelle der Bearbeitung dieses Spannungsfeldes im Bildungsbereich: die Feststellung von sonderpädagogischem Förderbedarf (SPF), zu welcher bisher kaum wissenschaftliche Erkenntnisse vorliegen.
5_092_2023_3_0008
VHN 3 | 2023 245 AK TU E LL E FORSCHUNGSPROJ E K TE wobei insbesondere auf Sichtweisen, Deutungsmuster und Sinnkonstruktionen der Interviewten eingegangen wird. Ziele Ziel der Untersuchung ist es, den Beitrag von erwachsenen Menschen mit Beeinträchtigungen für das Zusammenleben in unserer Gesellschaft ein Stück weit aufzuzeigen sowie diese Vielfalt als Bereicherung und als möglichen Impuls für gesellschaftlichen Wandel darzustellen. Die gewonnenen Erkenntnisse über die Beiträge und die Wirkung von Menschen mit Beeinträchtigungen sollen dazu beitragen, die gleichberechtigte Anerkennung zu erhöhen und damit Vorurteilen, Fehlvorstellungen sowie damit einhergehenden Benachteiligungen entgegenzuwirken. Die Verbesserung der Lebensqualität von Menschen mit Beeinträchtigungen durch den Abbau von diskriminierenden Strukturen und sozialer Ungleichheit findet sich auch als ein zentrales Anliegen der UN-BRK wieder. Die darin beschriebene Überwindung von einstellungsbedingten Barrieren und die Bewusstseinsbildung für die Fähigkeit und den Beitrag von Menschen mit Beeinträchtigungen bildet ebenfalls ein zentrales Interesse des Forschungsprojektes. Außerdem stellt die Studie eine Bestandsaufnahme des beruflichen Selbstverständnisses und der Praxisarbeit des professionellen Begleitumfeldes in anthroposophischen Zusammenhängen dar. Kontext Das Forschungsprojekt findet unter der Trägerschaft des Anthroposophic Council for Inclusive Social Development und Anthrosocial (ehemals Verband für anthroposophische Heilpädagogik und Sozialtherapie vahs) in Kooperation mit dem Kompetenzzentrum Lebensqualität und Behinderung der Hochschule Luzern (HSLU) statt. Das Projekt wird von Juli 2022 bis Juni 2024 durchgeführt. Weitere Informationen sind auf https: / / www.hslu.ch/ de-ch/ hochschule-luzern/ forschung/ projekte/ detail/ ? pid=6204 zu finden. Kontakt für interessierte Lesende: Stefanie Schälin, s.schaelin@inclusivesocial.org DOI 10.2378/ vhn2023.art29d InDiVers - Inklusive Diagnostik in Verfahren zur Feststellung sonderpädagogischen Förderbedarfs? Zwischen angemessener Förderung und institutioneller Diskriminierung Julia Gasterstädt 1 , Katja Adl-Amini 2 , Florian Cristobal Klenk 2 , Anna-Lisa Kistner 1 , Julia Kadel 2 1 Universität Kassel 2 Technische Universität Darmstadt Das Projekt „InDiVers“ wird im Rahmen der Förderrichtlinie „Förderbezogene Diagnostik in der inklusiven Bildung“ vom deutschen Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert (FKZ: 01NV2101A-B) und wird als Verbundprojekt an der TU Darmstadt und der Universität Kassel durchgeführt. Es hat eine Laufzeit von Mai 2021 bis Oktober 2024. Problemaufriss Mit der Forderung nach diskriminierungsfreier wie auch gleichberechtigter Teilhabe aller Menschen an einem inklusiven Bildungssystem geht die Notwendigkeit einher, individuell angemessene Vorkehrungen zu treffen, um die Bedürfnisse der Einzelnen zu berücksichtigen sowie den Zugang zu Bildungseinrichtungen zu sichern (Art. 24 UN-BRK). Dazu müssen einerseits entsprechende Bedürfnisse festgestellt werden, ohne andererseits potenziell diskriminierende Zuschreibungen vorzunehmen. Die pädagogische Praxis bewegt sich somit in einem Spannungsfeld zwischen einer individuumsbezogenen Beschreibung notwendiger Hilfen und schulischer Unterstützungsangebote sowie der Gefahr von Stigmatisierung und Diskriminierung. Diskutiert wird dieses Spannungsverhältnis u. a. in der Debatte um De Kategorisierung (z. B. Katzenbach, 2015; Walgenbach, 2018) sowie um Ent/ Dramatisierung von Differenz (Budde & Hummrich, 2013; Messerschmidt, 2015). Auf Ebene der Institution und Organisation Schule schließt daran insbesondere die Frage nach der Ausgestaltung einer förderorientierten, prozess- und systembezogenen Diagnostik sowie nach den strukturellen Bedingungen an, die eine inklusive Diagnostik (z. B. Prengel, 2016; Simon & Simon, 2014) bis dato erschweren bzw. in Zukunft ermöglichen könnten. VHN 3 | 2023 246 AK TU E LL E FORSCHUNGSPROJ E K TE Das Verbundprojekt „InDiVers“ fokussiert eine Lupenstelle der Bearbeitung dieses Spannungsfeldes im Bildungsbereich: die Feststellung von sonderpädagogischem Förderbedarf (SPF), zu welcher bisher kaum wissenschaftliche Erkenntnisse vorliegen. Forschungsstand und Relevanz Sowohl internationale als auch nationale bildungsstatistische Erhebungen lassen erkennen, dass die Feststellung von SPF von hoher Kontingenz geprägt ist (Desforges & Lindsay, 2010; Gasterstädt, Kistner & Adl-Amini, 2020; Klemm, 2018). Darüber hinaus weisen eine Reihe empirischer Studien auf Einflussfaktoren bei der Feststellung von SPF auf unterschiedlichen Ebenen hin, z. B. diagnostische Instrumente, Vorgehensweisen und Interpretationen der Lehrkräfte und das regionale Schulangebot. Außerdem bleiben Definitionen von SPF ungenau und folgen weitestgehend dem klassischen Klientelzuschnitt der Sonderpädagogik in Bezug auf ein medizinisches Behinderungsmodell. Daran schließt eine sonderpädagogische Diagnostik an, die vor allem testdiagnostische Verfahren nutzt. Es scheint damit fraglich, inwieweit die Diagnostik im Rahmen der Feststellung von SPF den Anspruch eines inklusiv ausgerichteten Bildungssystems erfüllen kann, wenn sie sich primär an den Defiziten der individuellen Schüler/ innen orientiert. Trotz oder gerade aufgrund der partiellen Reformierung der Verfahren in unterschiedlichen Bundesländern (z. B. Hessen 2022), ist anzunehmen, dass die Verfahren zur Feststellung von SPF in Deutschland als solche erhalten bleiben - nur in wenigen Bundesländern bzw. Regionen gibt es bisher Bestrebungen, die verwaltungsrechtliche Feststellung des SPF abzuschaffen. Diese Einblicke in den Forschungsstand weisen auf die Notwendigkeit hin, die komplexe Situation der Feststellung von SPF eingebettet in bundeslandspezifische und regionale Strukturen und aus der Perspektive der daran beteiligten Akteure zu analysieren. Erst vor diesem Hintergrund kann nach einem professionellen Agieren im Sinne einer inklusiven Diagnostik und der dafür notwendigen Aus- und Fortbildung gefragt werden. An diese Desiderate schließt das Verbundprojekt InDiVers an. Fragestellungen und theoretische Perspektiven Zentrale Fragestellungen des Projekts sind, wie die Entscheidung über und Legitimation von Inklusion/ Exklusion ausgehandelt und die dem zugrunde liegende schulische Differenzordnung hervorgebracht werden. Im Projekt wird darüber hinaus danach gefragt, wie der Anspruch auf Förderbedarf an einzelnen Schüler/ innen festgemacht wird, welche diagnostischen Verfahren dabei warum genutzt werden und wie Akteure, z. B. professionell Handelnde oder Erziehungsberechtigte, in den different strukturierten und regional eingebetteten Feststellungsverfahren vor dem Hintergrund je spezifischer Handlungslogiken und Normen agieren. Mit den theoretischen Perspektivierungen von institutioneller Diskriminierung (Gomolla & Radtke, 2009) und Intersektionalität nimmt das Projekt dabei besonders Macht- und Ungleichheitsverhältnisse in den Strukturen der beteiligten Institutionen und Organisationen und den in ihnen agierenden Professionen, deren Regeln und Routinen in den Blick. Projektkonzeption Im Projekt werden diese Fragestellungen vergleichend in vier deutschen Bundesländern (Rheinland-Pfalz, Hessen, Saarland und Sachsen- Anhalt) mittels einer qualitativen Mehrebenenanalyse bearbeitet, die sowohl regionale Akteurskonstellationen und Strukturen als auch die konkrete Gestaltung der Verfahren zur Feststellung von SPF im individuellen Fall einbezieht. Entsprechend gliedert sich das Forschungsdesign in zwei eng miteinander verknüpfte Teilprojekte. Das Teilprojekt „Regionale Konstellationen“ (TP 1) an der Universität Kassel fokussiert auf regional ausgebildete Akteurskonstellationen, Regeln, Routinen und Handlungslogiken im Rahmen der Feststellungsverfahren. Dazu werden je Region 8 -12 Expert/ inneninterviews mit Akteuren der lokalen Bildungslandschaft geführt, relevante Dokumente (etwa Verordnungen, Formulare oder Handreichungen) und schulstatistische Daten zur Feststellung von SPF rekonstruktiv ana- VHN 3 | 2023 247 AK TU E LL E FORSCHUNGSPROJ E K TE lysiert und trianguliert. Als Expert/ innen werden Akteure der Schuladministration auf Landessowie regionaler Ebene, des Schulträgers, der Kinder- und Jugendhilfe, der Beratungs- und Förderzentren und der inklusiven bzw. Regelschulen (jeweils Leitung und beteiligte Lehrkräfte), der Selbstvertretung (z. B. Elternvereine) sowie der Schulpsychologie adressiert. In den gleichen Regionen verfolgt das Teilprojekt „Fallbezogene Konstellationen“ (TP 2) an der TU Darmstadt ein längsschnittliches Design, mit dem in mindestens acht Fällen Verfahren zur Feststellung von SPF begleitet werden. Dazu werden in zentralen Situationen (also etwa während der vorbeugenden Maßnahmen, der Diagnostik und in konkreten Unterrichtssituationen oder Beratungsgesprächen) im Prozess der Feststellungsverfahren Protokolle teilnehmender Beobachtung, Audioaufnahmen sowie offene Interviews bspw. mit Eltern, beteiligten Lehrkräften oder Schulleitungen erhoben, die durch die Analyse relevanter Dokumente (z. B. Gutachten) ergänzt werden. Integriert werden die unterschiedlichen Ebenen und Daten mithilfe der Methoden der Grounded Theory Methodology (GTM) und der Situationsanalyse. Begleitet werden beide Teilprojekte von Transferstrategien, innerhalb derer anwendungsbezogen und gemeinsam mit Akteuren aus den Bundesländern die strukturellen Rahmenbedingungen sowie die Professionalisierung von (angehenden) Lehrkräften für Möglichkeiten einer inklusiven Diagnostik und der Weiterentwicklung der Feststellungsverfahren diskutiert werden können. Zum einen werden bei TransRe in den untersuchten Regionen Workshops für regionale Akteure angeboten, in denen eine Austauschmöglichkeit über die konkreten Verfahren vor Ort, die Projektergebnisse sowie Entwicklungsmöglichkeiten etabliert wird; zum zweiten werden bei TransPro in einem ko-konstruktiven Prozess mit Personen aller Lehrkräftebildungsphasen aus den vier Bundesländern projektbegleitend Konzepte und Materialien für die Lehrkräfteaus-, fort- und -weiterbildung entwickelt, erprobt und formativ evaluiert. Kontakt: Prof.in Dr. Julia Gasterstädt, Universität Kassel, gasterstaedt@uni-kassel.de Prof.in Dr. Katja Adl-Amini, Technische Universität Darmstadt, katja.adl-amini@tu-darmstadt.de DOI 10.2378/ vhn2023.art30d
