eJournals Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete92/4

Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/vhn2023.art38d
5_092_2023_4/5_092_2023_4.pdf101
2023
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Rezension: Scherzinger, Marion/ Wettstein, Alexander (2022): Beziehungen in der Schule gestalten. Für ein gelingendes Miteinander

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2023
Thomas Begert
Das Buch richtet sich mit bedeutsamen Grundlagen und praktischen Anregungen zum Thema soziale Beziehungen in der Schule u.a. an Lehrpersonen und pädagogische Fachkräfte aller Schulstufen. Basierend auf ihren fundierten Forschungen zu sozialen Interaktionen, Peerbeziehungen und Unterrichtsstörungen sowie unter Beizug einschlägiger Forschungsliteratur verdeutlichen die Autorin und der Autor die hohe schulpraktische Bedeutung des sozialen Miteinanders im Klassenzimmer. Soziale Anerkennung und Zugehörigkeit in der Klassengemeinschaft sind grundlegende Bedürfnisse aller Kinder und Jugendlichen.
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VHN 4 | 2023 320 REZE NSION E N Scherzinger, Marion; Wettstein, Alexander (2022): Beziehungen in der Schule gestalten. Für ein gelingendes Miteinander Stuttgart: Kohlhammer. 152 S., € 29,- Das Buch richtet sich mit bedeutsamen Grundlagen und praktischen Anregungen zum Thema soziale Beziehungen in der Schule u. a. an Lehrpersonen und pädagogische Fachkräfte aller Schulstufen. Basierend auf ihren fundierten Forschungen zu sozialen Interaktionen, Peerbeziehungen und Unterrichtsstörungen sowie unter Beizug einschlägiger Forschungsliteratur verdeutlichen die Autorin und der Autor die hohe schulpraktische Bedeutung des sozialen Miteinanders im Klassenzimmer. Soziale Anerkennung und Zugehörigkeit in der Klassengemeinschaft sind grundlegende Bedürfnisse aller Kinder und Jugendlichen. Positive soziale Beziehungen im Klassenzimmer bilden die Grundlage für Wohlbefinden und psychische Gesundheit der Schülerschaft und gehen mit höherer Lernmotivation, besseren schulischen Leistungen, verstärktem prosozialem Verhalten und geringeren Unterrichtsstörungen einher. Es wird dabei aufgezeigt, dass der Schule in der Sozialisation von Kindern und Jugendlichen eine besondere Rolle zukommt. Eine zentrale Aufgabe der Lehrpersonen besteht darin, sich fundiertes Wissen über soziale Beziehungen und Interaktionen im Klassenzimmer anzueignen und auf dieser Grundlage positive soziale Lernumgebungen bewusst zu fördern. Das Buch ist in drei Hauptteile gegliedert, in denen die Thematik entlang von drei bedeutsamen Interaktionsbzw. Beziehungssystemen der Schule diskutiert wird. Im ersten Teil des Buches werden Merkmale einer professionellen pädagogischen Beziehung zwischen Lehrpersonen und Schülerinnen und Schülern hervorgehoben. Lehrpersonen stehen vor der Herausforderung, sowohl den Erwartungen als Führungsperson der Klasse als auch den zwischenmenschlichen Aspekten einer zugänglichen Erziehungsperson gerecht zu werden. Dies erfordert ein Rollenverständnis der Lehrperson, das einerseits asymmetrische Aspekte wie Reife- und Kompetenzunterschiede oder die Unterrichtsverantwortung und andererseits symmetrische Interaktionen wie reziproke Begegnungen auf Augenhöhe ausgewogen ausbalanciert. In diesem Zusammenhang wird auf bedeutsame Arbeiten zur pädagogischen Autorität verwiesen, die durch eine beziehungsorientierte Klassenführung aufgebaut werden kann. Der zweite Teil des Buches fokussiert auf Beziehungen zwischen Schülerinnen und Schülern. Hier wird Hintergrundwissen vermittelt, welches das Verständnis für soziale Beziehungen bei Kindern und Jugendlichen im Hinblick auf entwicklungsorientierte und individuelle Anforderungen schärft, beispielsweise Grundlagen zur sozial-emotionalen Entwicklung, Freundschaftsentwicklung oder Konfliktbewältigung. Zudem sensibilisiert das Buch für soziale Prozesse im gesamten Klassenverbund, indem es sozialpsychologische Konzepte wie Normen, Status, Kohäsion, Gruppenentwicklungsphasen oder sozialen Einfluss von Peers klärt. Die Autorschaft ermutigt Lehrpersonen, soziale Vorgänge in der Klasse, wie z. B. soziale Akzeptanz und Ablehnung, aufmerksam zu beobachten, um dadurch schwierige Situationen aufzudecken und Handlungsbedarf für die Förderung zu erkennen. Der dritte Teil widmet sich den Beziehungen zwischen Lehrpersonen und Eltern. Dem Buch wird dadurch eine ökosystemische Perspektive der Beziehungsarbeit in der Schule zugrunde gelegt, die günstige Entwicklungsbedingungen in Lernen und Verhalten insbesondere in gelingenden Verknüpfungen sozialisationsrelevanter Systeme verortet. Vor diesem Hintergrund werden die Bedeutung eines wertschätzenden und vertrauensvollen Dialogs sowie wichtige Bausteine für Erziehungs- und Bildungspartnerschaften zwischen Schule und Elternhaus dargelegt. Dies prägt tragfähige schulische Beziehungssysteme zwischen Lehrpersonen und Schülerschaft sowie unter den Schülerinnen und Schülern selbst und begünstigt erfolgreiches Lernen und erwünschtes Verhalten. Scherzinger und Wettstein plädieren dafür, die verschiedenen Erwartungen und Pflichten von Lehrpersonen und Eltern anzuerkennen und transparent zu halten. Gleichzeitig soll eine gemeinsame förder- und ressourcenorientierte Gesprächsbasis angestrebt werden, die auf das Wohl des Kindes ausgerichtet ist. Ein solcher gemeinsamer Zielkonsens erleichtert eine konstruktive Zusammenarbeit selbstin schwierigen Gesprächen, die zum Schulalltag gehören. VHN 4 | 2023 321 REZE NSION E N Das Buch stellt für alle, die das soziale Klima im Klassenzimmer verbessern möchten, eine wertvolle Ressource dar. Es bietet interessierten Leserinnen und Lesern einen schnellen Einstieg und kenntnisreichen Überblick zum Thema und besticht durch eine gelungene Auswahl zentraler Kerninhalte, was angesichts vielfältiger Forschungsstränge im Bereich der sozialen Beziehungen in Schulklassen bemerkenswert ist. Dabei gelingt es besonders gut, theoretische Konzepte und empirische Erkenntnisse prägnant und verständlich in inspirierende Praxisimpulse zur schulischen Beziehungsarbeit zu überführen. Zudem werden am Ende verschiedener Unterkapitel etwa „Anwendungsboxen“ mit konkreten Vertiefungsmöglichkeiten präsentiert, die u. a. auf Ratgeber, Unterrichtsmaterialien oder systematische Trainings- und Förderprogramme verweisen. Trotz seiner Praxisnähe bleibt das Buch stets wissenschaftlich fundiert und enthält zahlreiche Quellenbezüge, von denen auch Personen profitieren, die mit der Materie gut vertraut sind. Die Autorschaft leistet mit diesem kompakten und prägnanten Buch einen wichtigen Beitrag zur Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse über soziale Beziehungen in die Praxis. Dr. Thomas Begert CH-1700 Freiburg DOI 10.2378/ vhn2023.art38d Felder, Franziska (2022): Die Ethik inklusiver Bildung. Anmerkungen zu einem zentralen bildungswissenschaftlichen Begriff Berlin: J. B. Metzler, 266 S., € 54,99 Franziska Felder, inzwischen Professorin für Inklusion und Diversität an der Universität Zürich, hat sich seit ihrer Dissertation vor über zehn Jahren wie kaum jemand anders um eine dezidiert ethische Reflexion rechtlicher, politischer und pädagogischer Inklusionsforderungen verdient gemacht. Als Zusammenfassung und Weiterführung ihrer einschlägigen Veröffentlichungen lässt sich die vorliegende Monografie betrachten, welche allerdings in mancherlei Hinsicht enttäuschend ausfällt. Sicherlich vermag die umfangreiche Kenntnis der internationalen Inklusionsforschung zu beeindrucken. Die Besonderheiten der deutschsprachigen Theorie- und Praxisdebatten hingegen finden leider kaum Berücksichtigung; insbesondere werden die zugegebenermaßen wenigen, aber durchaus profilierten Beiträge zu den normativen Implikationen inklusiver Bildung (etwa von Markus Dederich, Philipp Singer u. a.) vollständig ignoriert. Noch mehr jedoch irritiert die insgesamt eher verworrene Struktur, aus der sich eine systematische Theorie nur mühevoll herausschälen lässt. In großer Ausführlichkeit erörtert die Verfasserin unterschiedliche Aspekte, die ihr für ein differenziertes Verständnis von gesellschaftlicher und insbesondere schulischer Inklusion bedeutsam erscheinen, wozu sie auf eine fast unüberschaubare Vielzahl philosophischer, soziologischer und weiterer Referenztheorien Bezug nimmt. Die produktive Einordnung und Zusammenführung dieser zahlreichen Argumentationsstränge findet dann aber häufig nur unzureichend statt: So wird beispielsweise für die ethische Begründung inklusiver Bildung eine vielversprechende Verknüpfung von sozialer Freiheit im Sinne Axel Honneths mit dem Sen’schen und Nussbaum’schen Capabilities Approach ins Spiel gebracht (vgl. S. 213 -217) - aber anschließend nicht mehr weiter ausgearbeitet. Im Ergebnis plädiert die Verfasserin recht einleuchtend für einen multiperspektivischen und ganzheitlichen Inklusionsbegriff, der für sie (1.) strukturelle und funktionale Einbindung, (2.) materiale Teilhabe an gesellschaftlichen Ressourcen, (3.) soziale Integration in gemeinschaftliche Lebensformen sowie (4.) ein subjektives Gefühl von Einbezogen- und Zugehörigsein (vgl. S. 73 -75) beinhaltet. Diese komplexe Matrix von vier miteinander keineswegs spannungsfrei zu vereinbarenden Dimensionen bringt es mit sich, dass sich gelingende Inklusion gerade nicht auf ein definitives Kriterium - wie etwa die Platzierung eines behinderten Kindes an einer Regelschule - reduzieren lässt. Vielmehr sind für die Verfasserin konkrete Maßnahmen stets danach zu beurteilen, ob und inwiefern sie sich als geeignet erweisen, die dem Inklusionsbegriff inhärenten Ziele und Werte von Gleichheit, Freiheit und Anerkennung in einer Art weitem Überlegungsgleichgewicht möglichst umfassend zu verwirklichen (vgl. S. 203 -242). Hierfür erscheint es ihr in erster