eJournals Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete93/1

Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/vhn2024.art06d
5_093_2024_1/5_093_2024_1.pdf11
2024
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Aktuelle Forschungsprojekte: Ergebnisse der Studie „Dialogisches Lesen zur Unterstützung des Erwerbs grammatischer Fähigkeiten in der Kindertagesstätte (DiaGramm)“

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2024
Detta Sophie Schütz
Katrin Alt
Im Projekt „Dialogisches Lesen zur Unterstützung des Erwerbs grammatischer Fähigkeiten in der Kindertagesstätte (DiaGramm)“, einer kontrollierten Interventionsstudie mit Kindern im Alter von vier bis sechs Jahren unter der Leitung von Prof. Dr. Katrin Alt (HAW Hamburg) und Dr. Detta Sophie Schütz (Universität Bremen), wurden drei verschiedene Methoden des Dialogischen Lesens evaluiert und hinsichtlich ihrer Potenziale als Sprachförderkonzepte miteinander verglichen. Ziel des Projektes war es festzustellen, wie ältere Kindergartenkinder im Alter von vier bis fünf Jahren mithilfe von Bilderbuchbetrachtungen effektiv in ihrem Spracherwerb und insbesondere in ihrem Grammatikerwerb unterstützt werden können.
5_093_2024_1_0007
VHN 1 | 2024 70 AK TU E LL E FORSCHUNGSPROJ E K TE Ergebnisse der Studie „Dialogisches Lesen zur Unterstützung des Erwerbs grammatischer Fähigkeiten in der Kindertagesstätte (DiaGramm)“ Dr. Detta Sophie Schütz (Universität Bremen) und Prof. Dr. Katrin Alt (HAW Hamburg) Ziele Im Projekt „Dialogisches Lesen zur Unterstützung des Erwerbs grammatischer Fähigkeiten in der Kindertagesstätte (DiaGramm)“, einer kontrollierten Interventionsstudie mit Kindern im Alter von vier bis sechs Jahren unter der Leitung von Prof. Dr. Katrin Alt (HAW Hamburg) und Dr. Detta Sophie Schütz (Universität Bremen), wurden drei verschiedene Methoden des Dialogischen Lesens evaluiert und hinsichtlich ihrer Potenziale als Sprachförderkonzepte miteinander verglichen. Ziel des Projektes war es festzustellen, wie ältere Kindergartenkinder im Alter von vier bis fünf Jahren mithilfe von Bilderbuchbetrachtungen effektiv in ihrem Spracherwerb und insbesondere in ihrem Grammatikerwerb unterstützt werden können. Theoretischer Hintergrund Verschiedene Studien belegen die Effektivität des Dialogischen Lesens als Sprachfördermethode (Mol et al., 2008; Ennemoser et al., 2013; Hargrave & Sénéchal, 2000; Valdez-Menchaca & Whitehurst, 1992). Die erwiesenen Effekte beziehen sich dabei in erster Linie auf die lexikalische Entwicklung, während Effekte auf die grammatischen Fähigkeiten im deutschsprachigen Raum bisher nicht nachgewiesen werden konnten. Es wird derzeit diskutiert, wie die gemeinsame Lesesituation gestaltet werden kann, um den Grammatikerwerb zu fördern (Baldaeus et al., 2021; von Lehmden et al., 2017; Schütz, 2021). Vor diesem Hintergrund wurden das Sprachförderkonzept Zielorientiertes Dialogisches Lesen (Schütz, 2020) sowie die Methode Kognitive Aktivierung mittels philosophischer Fragen beim Dialogischen Lesen (Alt, 2019) entwickelt und das Forschungsprojekt DiaGramm zur Evaluierung der Methoden geplant. Methodisches Vorgehen In dem Projekt DiaGramm wurden die drei folgenden Ansätze in neun Kindertagesstätten mit insgesamt 170 beteiligten Kindern eingesetzt, um ihre Effekte auf die Sprachentwicklung der Kinder, mit Fokus auf dem Erwerb grammatischer Fähigkeiten, zu ermitteln und miteinander zu vergleichen: Methode 1: Zielorientiertes Dialogisches Lesen (Schütz, 2020), Methode 2: Kognitive Aktivierung mittels philosophischer Fragen beim Dialogischen Lesen (Alt, 2019) sowie Methode 3: die bereits etablierte Methode des Dialogischen Lesens mit Bilderbüchern (vgl. Hartung & Ennemoser, 2018; Whitehurst et al., 1988). Alle an der Förderung teilnehmenden Kinder sowie die Kinder der drei Kontrollgruppen-Kindertagesstätten wurden im November und Dezember 2019 mittels der Verfahren ESGRAF 4-8 (Motsch & Rietz, 2016) und HAVAS 5 (Reich & Roth, 2004) getestet, um vorab ihre sprachlichen Fähigkeiten festzustellen. Außerdem kamen der Mottier-Test zur Feststellung der Kapazität des phonologischen Arbeitsgedächtnisses (Bestandteil des Zürcher Lesetests, Grissemann, 1981) sowie der non-verbale Intelligenztest SON-R 2 ½-7 (Tellegen & Laros, 2007) zum Einsatz und es wurden verschiedene Informationen mittels eines Elternfragebogens erhoben. Die von Studierenden durchgeführte Förderung begann im Dezember 2019. In jeder Gruppe wurde im Dezember 2019 und im Januar 2020 jeweils eine Videoaufnahme gemacht, um die Interaktionen während der Förderung zu dokumentieren. Das ursprünglich geplante Studiendesign sah vor, dass die Förderung bis einschließlich Mai 2020 fortlaufen sollte und anschließend alle Kinder erneut getestet würden. Aufgrund der Corona- Pandemie musste die Förderung jedoch Ende März 2020 unterbrochen werden. Ende August 2020 wurde kurzfristig eine Weiterführung des Projekts ermöglicht. Die meisten Kinder wurden nun noch einmal getestet, und in fast allen Kitas konnte die Förderung wieder aufgenommen werden, bevor das Projekt im Oktober 2020 aufgrund der erneut gestiegenen Corona-Infektionszahlen abgebrochen werden musste. VHN 1 | 2024 71 AK TU E LL E FORSCHUNGSPROJ E K TE Ergebnisse Die quantitativen Analysen der Testdaten zeigten im Anstieg der grammatischen Fähigkeiten keinen signifikanten Unterschied zwischen den Kindern der Experimentalgruppen und der Kontrollgruppe. Die lange Unterbrechung der Förderung durch die Coronapandemie-bedingten Schließungen von April bis August 2020 dürften die Ergebnisse beeinflusst haben. Neben den Analysen der Testergebnisse wurden im Projekt zudem Transkripte der Fördersitzungen inhaltsanalytisch mithilfe der Software MAXQDA ausgewertet, um die Potenziale der drei Fördermethoden zu analysieren. Potenziale der Fördermethoden für die pädagogische Praxis In einer qualitativen Inhaltsanalyse der Transkripte konnte gezeigt werden, dass in allen Fördergruppen auf Fragen der Fachkräfte, die einen Lebensweltbezug zwischen Geschichte und Kindern herstellen, besonders komplexe lexikalische und grammatische Strukturen der Kinder folgten (komplexe Konnektoren, Verbstellungen und Verbformen; Monti, 2022, S. 72). Die Herstellung von Lebensweltbezügen als zentrales Element des Dialogischen Lesens sollte somit beibehalten werden. Das klassische Dialogische Lesen ist einfach umsetzbar und bedarf keiner besonderen Vorbereitung. Damit ist es gut geeignet, um Sprachbildungsangebote in den Alltag zu integrieren. Zudem schneidet es auch im Bezug auf die Verwendung komplexer Konnektoren gut ab (Monti, 2022, S. 66). Monti konnte in ihrer Masterarbeit feststellen, dass 34 % der von den Kindern genutzten Konnektoren beim Dialogischen Lesen der komplexesten Stufe nach HAVAS5 (Konjunktionen: ob, wenn, als) zuzuordnen sind. Etwa die Hälfte der Studierenden in der Umsetzung der philosophischen Gespräche meldete im Verlauf des Projekts zurück, dass die Initiierung der philosophischen Gespräche aufgrund des niedrigen Spracherwerbsstands der Kinder schwer umzusetzen war. Über 45 % der am Projekt teilnehmenden Kinder wuchsen mit Deutsch als Zweitsprache auf und viele standen erst am Anfang des Erwerbs der deutschen Sprache. Es zeigte sich jedoch auch, dass philosophische Gesprächsimpulse der Förderkräfte zu einer besonders hohen Anzahl komplexer Sprachhandlungen der Kinder führen, die mit komplexen Verbformen und hochwertigen Konnektoren einhergehen. Dies liegt darin begründet, dass Kinder in den philosophischen Bilderbuchbetrachtungen von den Förderkräften angehalten werden, ihre Meinungen zu begründen und Vermutungen zu äußern (Peters, 2021, S. 56). Komplexe Verbformen im Passiv, Futur oder Konjunktiv (nach HAVAS 5 Stufe 5) wurden in 6,8 % der geäußerten Verben beobachtet (Monti, 2022, S. 63). Für das Philosophieren mit Kindern kann somit subsummiert werden, dass es sich insbesondere für Kitakinder eignet, die im Deutschspracherwerb bereits etwas fortgeschritten sind, und hier besonders komplexe Sprachhandlungen anregt (vgl. Alt, 2019). Die Analyse der Videoaufnahmen brachte erste Erkenntnisse bezüglich der Wirksamkeit des Zielorientierten Dialogischen Lesens. Kosmetschke (2021) transkribierte und analysierte im Rahmen seiner Masterarbeit die Videoaufnahmen der Fördersitzungen vom Dezember 2019 und Januar 2020. Er stellte dabei fest, dass die geförderten Kinder schon in der dritten Fördersitzung die grammatische Zielstruktur aktiv bildeten. In der sechsten Fördersitzung benutzten sie diese im Durchschnitt bereits häufiger als in der dritten Sitzung. 46 % der Impulsfragen und 63 % der Impulsaussagen (angefangene Sätze, die von den Kindern vervollständigt werden mussten), die integrale Bestandteile des Förderkonzeptes sind, evozierten die Zielstruktur. Die Regressionsanalyse ergab, dass dabei ein signifikanter linearer Zusammenhang besteht. Fazit Da das Projekt DiaGramm aufgrund der Corona- Pandemie bereits nach drei Monaten Förderzeit unterbrochen werden musste und die Posttestungen erst nach weiteren drei Monaten durchgeführt werden konnten, ergaben die quantitativen Analysen der Testdaten keine belastbaren Ergebnisse. Die Analysen der Videoaufzeichnungen zeigten jedoch, dass alle drei Fördermethoden VHN 1 | 2024 72 AK TU E LL E FORSCHUNGSPROJ E K TE gewinnbringend in der pädagogischen Praxis eingesetzt werden können. Die Auswahl einer der drei spezifischen Fördermethoden sollte vom sprachlichen Entwicklungsstand der Kinder abhängig gemacht werden. Weitere Informationen und Literaturangaben können eingeholt werden bei dschtz@uni-bremen.de und bei katrin.alt@haw-hamburg.de DOI 10.2378/ vhn2024.art06d Kindgerechte Diagnostik, die Spaß macht. Das bietet der Begleitkoffer zur Durchführung des evaluierten und vollstandardisierten Grammatiktests ESGRAF 4 -8 von Motsch und Rietz für Kinder von vier bis acht Jahren. Neben verschiedenen Tierfiguren wie Affe, Gans oder Elefant mit dem entsprechenden Tierfutter aus Holz, ist ein handlicher Tischkalender für die Anleitung zum Aufstellen enthalten. Ein roter Zirkusvorhang mitsamt Manege sowie eine Zaubertüte und 19 ansprechende, laminierte Bildkarten lassen die Kinder in das Spiel eintauchen und die Diagnostiksituation fast vergessen. Die Anwendung des Diagnostikkoffers wird im Manual zum ESGRAF-Grammatiktest von Motsch / Rietz beschrieben (ISBN 987-3-497- 02903-7). a www.reinhardt-verlag.de Diagnostik, die Spaß macht 3. Auflage 2023. Leichter Koffer aus nachhaltigem Karton mit Tragegriff (Höhe: 31 cm, Breite: 41 cm, Tiefe: 13 cm). (978-3-497-03163-4) Koffer