eJournals Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete93/1

Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/vhn2024.art07d
5_093_2024_1/5_093_2024_1.pdf11
2024
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Rezension: Wartenberg, Christopher (2022): Eine Kulturgeschichte des Stotterers

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2024
Christian Mürner
Den Stotterer gibt es nicht. Die Verallgemeinerung einer Person oder mehrerer Personen, deren Redefluss stockt, ist ebenso problematisch wie die maskuline Priorität unter Ausklammerung geschlechtlich anders disponierter Menschen. Abgesehen davon, dass Stottern als Teil einer Person erscheint, der vor allem im sozialen Rahmen dominant wirkt, also nicht alles benennt, was Personen innewohnt. Aber ein Buchtitel pointiert und personalisiert zu Recht. In diesem Fall ist er zudem (von Anne Breitenbach) gelungen typografisch lautmalerisch umgesetzt. Worauf weist er hin? Christopher Wartenberg ist Volkskundler, Historiker und Kulturanthropologe. Seine umfassende und intensive Studie der kulturgeschichtlichen Kenntnis der relevanten Rolle von stotternden Personen ist in vier Themen gegliedert: Störung, Identität, Repräsentation, Kosmologie.
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VHN 1 | 2024 75 REZE NSION Wartenberg, Christopher (2022): Eine Kulturgeschichte des Stotterers Münster: Waxmann. 394 S., € 39,90 Den Stotterer gibt es nicht. Die Verallgemeinerung einer Person oder mehrerer Personen, deren Redefluss stockt, ist ebenso problematisch wie die maskuline Priorität unter Ausklammerung geschlechtlich anders disponierter Menschen. Abgesehen davon, dass Stottern als Teil einer Person erscheint, der vor allem im sozialen Rahmen dominant wirkt, also nicht alles benennt, was Personen innewohnt. Aber ein Buchtitel pointiert und personalisiert zu Recht. In diesem Fall ist er zudem (von Anne Breitenbach) gelungen typografisch lautmalerisch umgesetzt. Worauf weist er hin? Christopher Wartenberg ist Volkskundler, Historiker und Kulturanthropologe. Seine umfassende und intensive Studie der kulturgeschichtlichen Kenntnis der relevanten Rolle von stotternden Personen ist in vier Themen gegliedert: Störung, Identität, Repräsentation, Kosmologie. Im Abschnitt „Störung“ präsentiert er Sachverhalte aus der medizingeschichtlichen Perspektive anhand der Frage: Wie und wann wurden stotternde Menschen exemplarisch beschrieben? Das Kapitel „Identität“ steht unter der Frage: Wer sind die „Stotternden“ und wie stellen sich stotternde Personen selbst dar? Das Kapitel zur „Repräsentation“ behandelt den „Blick von außen“. Dazu findet sich zudem im Anhang B (S. 345ff.) eine Liste von über 200 stotternden Figuren in Erzählungen, Filmen und Fernsehserien und ihre Rollenklischees. Im letzten Abschnitt zur „Kosmologie“ werden Fragen nach dem „Ursprung“, dem „Mythos der Stotternden“ und dem Zusammenhang von Gehen und Sprechen, Stottern und Hinken diskutiert. Der Stotterer ist eine universale symbolische Figur, die anhand der Wahrnehmung von stotternden Personen Vorurteile und Stereotypen thematisiert, manche aber auch zum Vorbild der Problemlösung nimmt. Für „Stottern“ gibt es in allen Sprachen ein Wort - österreichisch: stickezen, gigezzen; englisch: stuttering, stammering; fidschi: kaka; italienisch: balbuzie, balbettare, tartagliare; schweizerdeutsch: staggele; türkisch: kekeke mek, gevelemek, kekeleme; xitsanga (Südafrika): manghanghamela (S. 342ff.). Die Lautmalerei der Worte ist offensichtlich. Mitte des 20. Jahrhunderts wurde allerdings die These aufgestellt, „dass kein einziger amerikanischer Ureinwohner jemals gestottert haben sollte, weil angeblich in keiner bekannten indigenen Sprache ein Wort für das Stottern existiere“ (S. 123). Die These wurde widerlegt, u. a. durch das festgestellte „ausgeprägte Schamgefühl“, das verhindere, dass Angehörige offen über die Angelegenheit sprächen. Eine „einfache Definition“ des Stotterns benennt die „Unterbrechung des Redeflusses in Form von hörbaren oder stummen Blockaden, Wiederholungen und Dehnungen“ (S. 29). Wenn gilt: „Fließend sprechen können ist Normalität“ (S. 209), dann ist es naheliegend, das Stottern als „Redeflussstörung“, „Sprechablaufstörung“, „Störung der Sprechflüssigkeit“ oder „Störung des Redeflusses“ (S. 36) zu erläutern. Die Bezeichnung „Störung“ ist nach Wartenberg „allgemeiner Natur“, „konsensfähig“ (ebd.) und „gängig“ (S. 152). Doch stellt sich die Frage, ob der Begriff „Störung“ die defizitäre Sichtweise begünstigt und insofern dem Ansatz der Disability Studies widerspricht. Wartenberg konstatiert aber, dass dieser neue Zweig der Forschung das Stottern nur „marginal“ (S. 35) unter „invisible disabilities“ erörtere. Die Ursachen des Stotterns sind weitgehend ungeklärt, ein „Rätsel“ (S. 41). Wartenberg liefert jedoch eine beeindruckend detaillierte Darstellung der Theorien und Therapien, die hier nur mit wenigen Schlagwörtern erwähnt werden kann: die grausame „operative Behandlung des Stotterns“ durch Johann Friedrich Dieffenbach (1792 -1847) (S. 63ff.) oder die weitreichende Hypothese zum Stottern „als eine Art Collision einer zweckmäßigen mit einer unzweckmäßigen Idee, welche beide auf die Sprachwerkzeuge zugleich wirken wollen“ (S. 76) nach Moses Mendelssohn (1729 -1786). Außerdem werden die „Vernachlässigung im Sprechen“ (S. 105), die „Störung der Willensacte“ oder der „Konflikt der Wünsche“ (S. 188) sowie die „Modifikation des Verhaltens VHN 1 | 2024 76 REZE NSION (S. 135ff.) zum Gegenstand, doch die Heilung gleicht einer „Odyssee“ (S. 139). Der „Fluch des Lächerlichen“ (S. 263) in der Öffentlichkeit kann auch zur Not das „Vermeidungsverhalten“ (S. 281) kaum ausschließen. Aspekte dieser theoretischen Annahmen erwähnt Wartenberg bei den Biografien und Autobiografien, beispielsweise von Prinz Albert (S. 9ff.), Kaiser Claudius (S. 157ff.), Lewis Caroll (S. 165ff.) oder Joe Biden (S. 193ff.). Er befasst sich ebenso mit kaum bekannten Autoren (S. 171), die ihre Lebensgeschichte selbst veröffentlichten, beispielsweise Erich Trebuth unter dem Titel „Stottern, na und? “ (2001). Spannend sind die Angaben und die Liste zu den „Stotternden Stotterforschenden“, die Wartenberg in dem Satz zusammenfasst: „Manche der genannten Personen verschweigen in ihren Schriften, dass sie selbst vom Stottern betroffen waren oder sind. Andere stellen die These auf, dass nur Menschen, die selbst stottern oder gestottert haben, die Bedeutung des Stotterns für das Individuum voll erfassen könnten“ (S. 188). Kurz, die „Kulturgeschichte des Stotterers“ bietet eine in vielen Facetten anregende Darstellung anhand von Sachverhalten, Theorien, Ideologien, Autobiografien, Biografien und Erzählungen. Dr. phil. Christian Mürner D-22529 Hamburg DOI 10.2378/ vhn2024.art07d Wie Kinder mit verschiedenen Sprachentwicklungsauffälligkeiten im Unterricht individuell passend gefördert werden können, zeigen die Autorinnen in diesem Praxisbuch. Sie geben den LehrerInnen zahlreiche Übungen und Spiele an die Hand, die sich leicht in den Unterricht integrieren lassen, und erläutern die wichtigsten Basisinformationen zu den einzelnen Förderbereichen. Fragebögen zum Sprachentwicklungsstand und der Förderplan zur Unterrichtsvorbereitung ergänzen das Repertoire. Zum Buch ist ein passendes Spielplan-Set erhältlich: „Sprechen, Spielen, Spaß. 20 Spielpläne für die Förderung sprachauffälliger Kinder“ (ISBN 978-3-497-02730-9). a www.reinhardt-verlag.de Sprache spielerisch fördern Mit 171 Übungen und Online-Zusatzmaterial 2., durchgesehene Auflage 2023. 151 Seiten. 22 Abb. 6 Tab. (978-3-497-03239-6) kt