Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
5
0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/vhn2025.art06d
5_094_2025_1/5_094_2025_1.pdf11
2025
941
Rezension: Bernasconi, Tobias (2024): Pädagogik und Rehabilitation bei geistiger Behinderung
11
2025
André Schindler
Tobias Bernasconi intendiert mit dem vorliegenden Einführungswerk, zentrale Themen der Pädagogik und Rehabilitation bei geistiger Behinderung vor dem Hintergrund gesamtgesellschaftlicher Veränderungen zu skizzieren, historisch einzuordnen und zu reflektieren. Dabei wird die Lebenssituation von Menschen mit geistiger Behinderung über die gesamte Lebensspanne betrachtet und an den sonderpädagogischen Leitideen und -prinzipien gespiegelt. Zudem werden spezifische Bedürfnisse und Herausforderungen innerhalb verschiedener Lebensbereiche herausgearbeitet. Bernasconi legt damit eine differenzierte Grundlagendiskussion sowohl als Angebot zur Auseinandersetzung mit den komplex verflochtenen Themen wie auch als Einladung zum Nachdenken und zur kritischen Reflexion vor.
5_094_2025_1_0007
VHN 1 | 2025 70 REZE NSION E N Bernasconi, Tobias (2024): Pädagogik und Rehabilitation bei geistiger Behinderung München: Ernst Reinhardt (utb). 212 Seiten, € 39,90 Tobias Bernasconi intendiert mit dem vorliegenden Einführungswerk, zentrale Themen der Pädagogik und Rehabilitation bei geistiger Behinderung vor dem Hintergrund gesamtgesellschaftlicher Veränderungen zu skizzieren, historisch einzuordnen und zu reflektieren. Dabei wird die Lebenssituation von Menschen mit geistiger Behinderung über die gesamte Lebensspanne betrachtet und an den sonderpädagogischen Leitideen und -prinzipien gespiegelt. Zudem werden spezifische Bedürfnisse und Herausforderungen innerhalb verschiedener Lebensbereiche herausgearbeitet. Bernasconi legt damit eine differenzierte Grundlagendiskussion sowohl als Angebot zur Auseinandersetzung mit den komplex verflochtenen Themen wie auch als Einladung zum Nachdenken und zur kritischen Reflexion vor. Das erste Kapitel des Buches befasst sich mit anthropologischen Grundlagen, ethischen Prämissen und wissenschaftlichen Zugängen zum Phänomen „geistige Behinderung“ und einer entsprechend ausgerichteten Pädagogik. Bernasconi skizziert dabei sorgfältig verschiedene Verständnis- und Betrachtungsweisen, problematisiert identifizierte Spannungsfelder (z. B. das Verständnis von „geistiger Behinderung“ oder den Diskurs um Lebens- und Bildungsrecht) und verweist dabei auf neuere Entwicklungen (z. B. den PraenaTest® zur pränatalen Diagnose von Trisomie 21) und damit verbundene Fragestellungen. Das zweite Kapitel widmet sich der wissenschaftlichen Diskussion um Kategorisierungen, Definitionen und Begrifflichkeiten von geistiger Behinderung. In der Zusammenführung der hierbei prägenden Perspektiven hält Bernasconi fest, dass die Feststellung und die Bezeichnung einer (geistigen) Behinderung letztlich Vorstellungen und Deutungen eines sozio-kulturellen Gedächtnisses sowie des Fachdiskurses widerspiegeln und immer an die jeweiligen Beobachtungsmöglichkeiten gebunden sind. Er verweist damit auf die in neueren Forschungen und Theorieentwicklungen intendierte diskursive Funktion von Begriffen und Bezeichnungen, da sich deren Konnotationen erst in konkreten Kontexten entfalten (S. 48). Das dritte Kapitel skizziert in einer historischen Rückblende prägnant den Umgang mit Menschen mit (geistiger) Behinderung, um Entwicklungen, Positionen und Einflussfaktoren der heutigen Zeit besser einordnen und verstehen zu können. Im Anschluss greift Kapitel vier die aktuellen Leitideen und Prinzipien des sonderpädagogischen Fachdiskurses auf. Bernasconi stellt die wegweisenden Paradigmenwechsel durch die mittlerweile „traditionellen Leitprinzipien“ (S. 71) Normalisierung, Selbstbestimmung, Empowerment, Inklusion und Teilhabe differenziert vor und verweist auf weitere wirkvolle Prinzipien wie z. B. Assistenz, Lebensqualität, Pflege, Sozialraumorientierung und Fürsorge. Das fünfte Kapitel beschreibt die menschliche Entwicklung und ihre Bedingungen als komplexen Prozess in einem bio-psycho-sozialen Verständnis: Ausgewählte Entwicklungsbereiche (Kognition, adaptives Verhalten und Handlungskompetenz sowie Kommunikation) werden dargestellt. Spezifische Besonderheiten einer Entwicklung unter den Bedingungen einer geistigen Behinderung werden nachvollziehbar herausausgearbeitet und spezifische pädagogische Überlegungen sowie Mittel der Unterstützung und Förderung vorgestellt. Das eher kurze sechste Kapitel thematisiert die Situation von Familien mit Menschen mit geistiger Behinderung: Bernasconi verweist auf die damit verbundenen Anforderungen und Herausforderungen sowie auf (emotionale) Belastungsmomente, mit denen Eltern bzw. das gesamte Familiensystem konfrontiert sein können. Darüber hinaus macht er auf relevante Kompetenzen von pädagogisch tätigen Fachpersonen in der Zusammenarbeit mit Familien und deren Kindern aufmerksam. Im siebten Kapitel werden die Lebensräume und Handlungsfelder von Menschen mit geistiger Behinderung dargestellt und hinsichtlich ihrer Spezifika sowie individueller Differenzierungs- VHN 1 | 2025 71 REZE NSION E N möglichkeiten prägnant beleuchtet. Als relevanter Bereich im Vorschulalter wird das Handlungsfeld der Frühförderung vorgestellt. Auf weitere Angebote im Vorschulalter (z. B. Krabbelgruppen, Kinderkrippen, integrative Kindergärten) wird hingewiesen. Im Kindes- und Jugendalter werden die bestehenden Beschulungsmöglichkeiten in Förderschulen und inklusiven Schulen mit ihren Vor- und Nachteilen aufgezeigt. Für das Erwachsenenalter werden die Bedeutung sowie die Gestaltungsmöglichkeiten der Handlungsfelder Wohnen, Arbeit, Erwachsenenbildung und Freizeit informativ dargestellt. Insgesamt legt Bernasconi ein besonderes Augenmerk auf die Übergänge (Transitionen) im Leben von Menschen mit geistiger Behinderung, identifiziert diese als „fragile Momente“ (S. 135) und macht auf die sensible Erfassung und Begleitung solcher Übergangs- und Veränderungsprozesse aufmerksam. Fazit: Das Buch von Tobias Bernasconi erweist sich als übersichtliche Darstellung der zentralen Themen der Pädagogik und Rehabilitation bei geistiger Behinderung. Das gut verständliche und lesefreundliche Einführungswerk bietet sowohl für (angehende) Fachpersonen der Heil- und Sonderpädagogik als auch für interessierte Fachpersonen von Nachbardisziplinen relevante Informationen und verweist auf wesentliche Diskussionspunkte, weiterführende Anliegen und offene Fragen des aktuellen Fachdiskurses. Dr. phil. André Schindler CH-1700 Freiburg DOI 10.2378/ vhn2025.art06d Dederich, Markus; Seitzer, Philipp (2024): Erfahrung, Wissen, Handeln Zur Grundlegung der Heil- und Sonderpädagogik Weinheim: BELTZJuventa. 321 S., € 68,- Der Titel Erfahrung, Wissen, Handeln klingt nahezu poetisch. Zusammen mit dem programmatischen Untertitel Zur Grundlegung der Heil- und Sonderpädagogik erscheint das prägnante „Begriffsdreieck“ (S. 11) wie das Projekt für eine glaubwürdige „große Erzählung“. Dies verneinen die Autoren. Dederich und Seitzer geht es um ein „theoretisches Werkzeug“, das die „Vermittlung und Einordnung der spezifischen Geltungsrahmen unterschiedlicher Forschungsansätze“ ermögliche, also nicht um den Vorschlag eines „Königswegs“ (S. 12) oder einer „Supertheorie“ (S. 85), wie sie in einzelnen Gesamtübersichten und Debatten seit den 1970er, 80er und 90er Jahren vorliegen, die aber heute aufgrund der Segmentierung des Fachbereichs scheitern würden (vgl. S. 42). Das Buch gliedert sich in vier Kapitel. In Teil I beziehen sich die Autoren auf den „Problemknoten“ der Begriffsbildung und Legitimation der „Heil- und Sonderpädagogik“. Sie bleiben bei dieser traditionellen, kontroversen Bezeichnung aus dem banalen Grund, weil sie noch immer die gebräuchlichste ist (siehe Institutionen und Zeitschriften, wie die VHN). Zu thematisieren seien die „Bedingungskonstellationen in Krisen“ (S. 23) bei Lern-, Bildungs- und Entwicklungsprozessen. Eine Konzentrierung auf den Begriff „Behinderung“ beurteilen Dederich und Seitzer als tendenziell essentialistisch (S. 45). Die Autoren unterscheiden drei „Denkstile“ (S. 27ff.): den empirisch-pragmatischen, den kritisch-dekonstruktiven und den praktisch-pädagogischen. Diese lassen sich nicht in Einklang bringen und werden durch eine „innere Zerrissenheit“ (S. 43) und „notorische Uneinigkeit“ (S. 46) hinsichtlich der „realen Probleme“ (S. 63) gekennzeichnet. Resultat sei eine „Entsubjektivierung des Pädagogischen“ (S. 95), wobei der Sachverhalt der Normativität und der „Status der Erfahrung“ (S. 75) vernachlässigt würden. Teil II stellt „Heil- und Sonderpädagogik als responsive Erfahrungswissenschaft“ (S. 88) vor. Dederich und Seitzer kritisieren die „Empirisierung und Technologisierung von Erfahrung“ (S. 91) im Kontext des Objektivitätsideals der Erziehungswissenschaft. Das Subjekt verstehen sie aber nicht im „klassischen Sinne als autonomes und souveränes Konstitutionszentrum, sondern als eine Art Verflechtung“ (S. 103), bei der das Subjekt „in einem antwortenden und nachträglichen Bezug zu sich, seinen Mitmenschen und seiner Welt steht“ (S. 103). Sie stellen dann die Frage: „Wie
