Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/vhn2025.art11d
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Fachbeitrag: "Im Nachhinein vollkommen unverständlich, dass man nicht darauf vorbereitet wird."
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Michelle Lok-Yan Wichmann
Lehrkräfte haben einen Schutzauftrag und sind eine wichtige Ressource für Schüler:innen, die Gewalt erfahren. Die aktuelle Studie soll den Forschungsstand zu Erfahrungen, Einstellungen, Kompetenzgefühlen und Ausbildung von Lehrkräften bei Gewalterfahrungen von Schüler:innen in Deutschland mittels Online-Befragung (n=302 Lehrkräfte) ergänzen. Den meisten Lehrkräften war mindestens ein Gewaltfall bekannt. Die Mehrheit wurde nicht im Studium oder durch Fort- bzw. Weiterbildungen für das Thema Gewalt qualifiziert, zeigte jedoch hohes Verantwortungsbewusstsein. Die Lehrkräfte äußerten Unsicherheit vor allem in Bezug auf Handlungen und rechtliche Vorgaben sowie im Erkennen sexualisierter Gewalt. Förderschullehrkräfte(n) waren häufiger Gewaltfälle bekannt, haben sich häufiger fortgebildet und gaben häufiger Kompetenzgefühle an als Lehrkräfte anderer Schulformen. Die Ausbildung im Studium und die Inanspruchnahme von Fort- bzw. Weiterbildung stand im Zusammenhang mit Handlungs- und Rechtssicherheit sowie Identifikationssicherheit bei Gewalt. Die Ergebnisse verdeutlichen die Relevanz des Themas und bieten wichtige Hinweise für die Qualifikation von Lehrkräften in Bezug auf Gewalterfahrungen von Schüler:innen.
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101 VHN, 94. Jg., S. 101 -120 (2025) DOI 10.2378/ vhn2025.art11d © Ernst Reinhardt Verlag FACH B E ITR AG „Im Nachhinein vollkommen unverständlich, dass man nicht darauf vorbereitet wird.“ Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in der Wahrnehmung von Lehrkräften Michelle Lok-Yan Wichmann 1, 2 1 Universität Siegen 2 Altonaer Kinderkrankenhaus, Hamburg Zusammenfassung: Lehrkräfte haben einen Schutzauftrag und sind eine wichtige Ressource für Schüler: innen, die Gewalt erfahren. Die aktuelle Studie soll den Forschungsstand zu Erfahrungen, Einstellungen, Kompetenzgefühlen und Ausbildung von Lehrkräften bei Gewalterfahrungen von Schüler: innen in Deutschland mittels Online-Befragung (n = 302 Lehrkräfte) ergänzen. Den meisten Lehrkräften war mindestens ein Gewaltfall bekannt. Die Mehrheit wurde nicht im Studium oder durch Fortbzw. Weiterbildungen für das Thema Gewalt qualifiziert, zeigte jedoch hohes Verantwortungsbewusstsein. Die Lehrkräfte äußerten Unsicherheit vor allem in Bezug auf Handlungen und rechtliche Vorgaben sowie im Erkennen sexualisierter Gewalt. Förderschullehrkräfte(n) waren häufiger Gewaltfälle bekannt, haben sich häufiger fortgebildet und gaben häufiger Kompetenzgefühle an als Lehrkräfte anderer Schulformen. Die Ausbildung im Studium und die Inanspruchnahme von Fortbzw. Weiterbildung stand im Zusammenhang mit Handlungs- und Rechtssicherheit sowie Identifikationssicherheit bei Gewalt. Die Ergebnisse verdeutlichen die Relevanz des Themas und bieten wichtige Hinweise für die Qualifikation von Lehrkräften in Bezug auf Gewalterfahrungen von Schüler: innen. Schlüsselbegriffe: Gewalt gegen Kinder und Jugendliche, Schutzauftrag, Qualifikation von Lehrkräften, Handlungs- und Rechtssicherheit von Lehrkräften “Looking back, it is inconceivable we were not prepared for it.” - Violence Against Children and Adolescents in the Perception of Teachers Summary: Teachers have a protection mandate and are an important resource for students experiencing violence. The current study wants to add to research on the experiences, attitudes, feelings of competence and training of teachers on violent experiences of students in Germany, using an online survey (n = 302 teachers). Most teachers knew of at least one case. The majority was not trained for the topic of violence through their studies or further training, but showed a high sense of responsibility. Teachers expressed uncertainty particularly regarding actions, legal regulations and recognising sexual violence. Special education teachers more often knew of cases, underwent further training and felt competent compared to teachers of other school forms. Training during their studies as well as undergoing further training were associated with confidence regarding actions, legal regulations and recognising signs of violence. The results demonstrate the relevance of this topic and provide important indications for teacher training regarding students’ violent experiences. Keywords: Violence against children and adolescents, protection mandate, teacher qualifications, teacher confidence and legal certainty VHN 2 | 2025 102 MICHELLE LOK-YAN WICHMANN Gewalt gegen Kinder und Jugendliche aus Sicht der Lehrkräfte FACH B E ITR AG 1 Ausgangslage Nach der vielfachen Aufdeckung sexualisierter Gewalt gegen Minderjährige in Einrichtungen und auf Empfehlung des Runden Tisches „Sexueller Kindesmissbrauch“ sowie des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) wurden auch schulische Einrichtungen stärker verpflichtet, präventiv und interventiv gegen Gewalt gegen Kinder und Jugendliche vorzugehen. „Gewalt“ meint in diesem Beitrag die von Erwachsenen ausgehende Gewalt gegen Kinder und Jugendliche im Sinne einer Kindeswohlgefährdung (KWG), nicht aber Gewalt zwischen Schüler: innen (z. B. Mobbing). Formuliert wurden Handlungsempfehlungen zur Prävention und Aufarbeitung von Gewalt in schulischen bzw. schulnahen Einrichtungen, die u. a. das Erkennen und Vermitteln betroffener Schüler: innen in professionelle Hilfsangebote sowie die Sensibilisierung und Qualifizierung von Lehrkräften umfassen (Kultusministerkonferenz [KMK], 2013). Zudem startete 2016 die Initiative „Schule gegen sexuelle Gewalt“ des UBSKM und der Kultusministerien der Länder zur Implementation von Schutzkonzepten. Das 2012 in Kraft getretene Bundeskinderschutzgesetz (BKiSchG) reguliert in seinem ersten Artikel, dass Lehrkräfte gewichtigen Anhaltspunkten für eine KWG nachgehen sollen, selbst Anspruch auf Beratung haben und zur Gefährdungsabwendung befugt sind, das Jugendamt zu informieren. Auf Länderebene regeln u. a. Schulgesetze das Vorgehen bei Gefährdungen. In Nordrhein-Westfalen (NRW) gilt zum Beispiel, dass jeder Verdacht auf Gewalt gegen Kinder und Jugendliche aufzuklären, bei Bedarf z. B. das Jugendamt einzubeziehen und ein Schutzkonzept verpflichtend für jede Schule ist (§ 42 Abs. 6 SchulG NRW). Der Referenzrahmen Schulqualität NRW (Ministerium für Schule und Bildung des Landes Nordrhein- Westfalen, 2020) betont zudem die Wichtigkeit von präventivem Kinderschutz als Teil schulischer Angebote. Die Schule hat einen Schutzauftrag gegenüber den ihr anvertrauten Schüler: innen. Die in ihr tätigen Fachkräfte müssen für Gefährdungen sensibilisiert und qualifiziert sein (vgl. Poelchau, 2018). In diesem Kontext berichtet der vorliegende Artikel Ergebnisse einer Befragung, die Erfahrungen und Ausbildung von Lehrkräften in Bezug auf Gewalterfahrungen bei ihren Schüler: innen sowie Einstellungen und Kompetenzgefühle hinsichtlich ihres Schutzauftrages explorierte. 2 Forschungsüberblick Gewalt gegen Kinder und Jugendliche im Sinne einer KWG umfasst eine große Bandbreite an Handlungen (vgl. UNICEF, 2023) (s. Tab. 1 für eine Differenzierung). Weltweite Prävalenzen für Gewalterfahrungen in Kindheit und Jugend ergaben laut einer Meta-Analyse von 244 Studien 23 % für körperliche Misshandlung, 36 % für emotionale Misshandlung, 16 % für körperliche Vernachlässigung, 18 % für emotionale Vernachlässigung sowie 13 % für sexualisierte Gewalt (Stoltenborgh et al., 2015). In Deutschland steigt die Anzahl registrierter KWG-Fälle seit 2012 stetig an (Statistisches Bundesamt, 2023). In einer repräsentativen deutschen Stichprobe berichteten 13 % von Befragten zwischen 14 und 19 Jahren, mindestens eine Form der Gewalt in der Kindheit erlebt zu haben; 7 % berichteten körperliche Misshandlung und jeweils 6 % körperliche bzw. emotionale Vernachlässigung, emotionale Misshandlung oder sexualisierte Gewalt (Witt, Brown, Plener, Brähler & Fegert, 2017). Insbesondere Kinder und Jugendliche mit einer geistigen Behinderung haben ein höheres Risiko, Gewalt zu erfahren, als Personen ohne Behinderung (Jones et al., 2012). Eine Erhebung an Förderschulen unterschiedlicher Förderschwerpunkte in Hessen ergab, dass Förderschüler: innen insgesamt häufiger von sexualisierter Gewalt betroffen waren als Schüler: innen an allgemeinbildenden Schulen (Maschke & Stecher, 2022). VHN 2 | 2025 103 MICHELLE LOK-YAN WICHMANN Gewalt gegen Kinder und Jugendliche aus Sicht der Lehrkräfte FACH B E ITR AG Mehrfache bzw. wiederholte Gewalterfahrungen können bedeutsame und langfristige Folgen für die psychosoziale Entwicklung sowie die körperliche und psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen haben. Häufig sind psychische Erkrankungen wie eine Posttraumatische Belastungsstörung, depressive oder Angststörungen, Substanzmissbrauch, sexuelles Risikoverhalten sowie suizidales bzw. selbstverletzendes Verhalten oder chronische körperliche Erkrankungen (Norman et al., 2012; Witt et al., 2019). Folgen von Gewalt im Kindes- und Jugendalter können zudem soziale Probleme, aggressives Verhalten sowie Beeinträchtigungen der schulischen Teilhabe und Leistungsfähigkeit z. B. durch Aufmerksamkeitsbzw. Konzentrationsschwierigkeiten, Förderbedarfe oder häufige Schulwechsel sein (Elklit, Michelsen & Murphy, 2018; Jimenez, Wade, Lin, Morrow & Reichman, 2016). Ein internationales systematisches Review zeigte, dass Kinder und Jugendliche mit mehrfachen bzw. schweren traumatischen (Gewalt-)Erfahrungen häufiger kognitive und schulische Beeinträchtigungen sowie sozioemotionale und Verhaltensauffälligkeiten zeigten als Minderjährige ohne solche Erfahrungen (Perfect, Turley, Carlson, Yohanna & Saint Gilles, 2016). Kinder und Jugendliche verbringen nicht zuletzt aufgrund der Schulpflicht einen großen Teil ihres Alltags in der Schule. Die Schule kann daher ein Ort sein, an dem sich von Gewalt betroffene Schüler: innen Fachkräften anvertrauen. Durch das Angebot fester Strukturen, sicherer Bezugspersonen und der Möglichkeit positiver Beziehungen zu Mitschüler: innen erfüllt die Schule eine wichtige Rolle als „Stabilitäts- und Resilienzfaktor“ (Seifried, 2019, S. 106). So wurde in einer internationalen Meta-Analyse von 118 Studien mit über 100.000 Kindern und Jugendlichen die Unterstützung in der Schule z. B. durch Lehrkräfte als wichtiger Schutzfaktor neben der Unterstützung durch Familie und Freunde sowie Selbstregulationsfähigkeiten identifiziert (Yule, Houston & Grych, 2019). Gleichzeitig deuten Studien aus Australien und Kanada auf unzureichende bzw. fehlende Ausbildung von Gewaltform Beispiele körperliche Misshandlung u. a. schlagen, treten, kratzen, kneifen, beißen, verbrennen bzw. verbrühen, würgen, schubsen bzw. stoßen, an Haaren ziehen, einsperren bzw. isolieren psychische Misshandlung u. a. terrorisieren bzw. bedrohen, erniedrigen bzw. verspotten, beleidigen, ignorieren, Mobbing und Stalking inkl. im digitalen Raum, Miterleben häuslicher Gewalt Vernachlässigung körperliche Bedürfnisse (u. a. Fehlen von Nahrung, Obdach, witterungsgemäßer Bekleidung, unzureichende Beaufsichtigung) psychische Bedürfnisse (u. a. fehlende emotionale Zuwendung bzw. Zuneigung und Aufmerksamkeit) körperliche bzw. psychische Gesundheit (u. a. fehlende Gesundheitsversorgung) Bildung (u. a. wiederholter ungerechtfertigter Absentismus) Aussetzen bzw. Verlassen (u. a. eines Neugeborenen, aus dem Zuhause weisen) sexualisierte Gewalt u. a. Nötigung, Vergewaltigung, jegliche sexuell motivierte Berührung, Handlung, Kommentare bzw. (Online-)Kontakte, Belästigung, Entblößen, (Cyber-)Grooming Tab. 1 Differenzierung der Gewaltformen in Anlehnung an UNICEF (2023) VHN 2 | 2025 104 MICHELLE LOK-YAN WICHMANN Gewalt gegen Kinder und Jugendliche aus Sicht der Lehrkräfte FACH B E ITR AG Lehrkräften in Bezug auf Gewalt gegen Kinder und Jugendliche hin, welche sich u. a. in Wissenslücken und Unsicherheit bezogen auf die Identifikation und Meldung von Gewaltfällen deutlich machte (Falkiner, Thomson & Day, 2017; Weegar & Romano, 2019). Eine Befragung von 450 Lehrkräften in Spanien zeigte eine fehlende Ausbildung im Hinblick auf sexualisierte Gewalt bei etwa 65 % der teilnehmenden Lehrkräfte sowie Unwissen über die Identifikation sexualisierter Gewalt bei ca. 90 % (Márquez-Flores, Márquez-Hernández & Granados-Gámez, 2016). In Deutschland sind neben dem schulpsychologischen Dienst, sozialpädagogischen Fachkräften und Beratungslehrkräften (Ministerium für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen, 2020) Lehrkräfte oft die ersten Ansprechpersonen für belastete Schüler: innen. Im Zuge der Corona-Pandemie wurde zudem die Funktion von Schulen als Hinweisgeber bei KWG deutlich: Während 2022 ca. 11 % der beim Jugendamt eingehenden Hinweise auf KWG von Schulen stammten, war während der Schulschließungen 2020 ein vorübergehender Abfall der Meldungen durch Schulen bei gleichzeitig steigenden KWG- Fällen zu beobachten (Statistisches Bundesamt, 2023). Wie internationale Studien gezeigt haben, müssen Lehrkräfte ausreichend sensibilisiert und qualifiziert sein, um ihrem Schutzauftrag nachkommen und von Gewalt betroffene Schüler: innen identifizieren, unterstützen bzw. in Hilfesysteme überleiten zu können (vgl. Poelchau, 2018). In einer Befragung berichtete etwa ein Fünftel von 104 Befragten, die in ihrer Kindheit bzw. Jugend sexualisierte Gewalt erfahren hatten, dass schulisches Personal Anzeichen für die erlebte Gewalt erkannt hatte; nur etwa jede: r Zehnte erinnerte ein Aktivwerden schulischer Mitarbeiter: innen (Gerke, Fegert & Rassenhofer, 2019). Lehrkräfte wurden häufig als überfordert mit der von den Schüler: innen erlebten und mitgeteilten Gewalt wahrgenommen; gleichzeitig stellten Lehrkräfte aber auch eine große Stütze für das Wohlbefinden und die schulische Laufbahn betroffener Schüler: innen dar (ebd.). Die Handlungs- und Rechtssicherheit von Lehrkräften bei KWG bewerteten die Schulleitungen von 1.188 Schulen in einer bundesweiten Befragung zu 31 % bzw. 39 % als schlecht bis sehr schlecht (Zimmermann, 2019). Dem gegenüber steht der mitunter sehr hohe Anteil an Lehrkräften, denen mindestens ein: e Schüler: in mit Gewalterfahrungen bekannt ist. In einer bundesweiten Befragung erinnerten 40 % von 702 Lehrkräften und 43 % von 1.128 Schulleitungen mindestens einen Fall sexualisierter Gewalt innerhalb der letzten drei Jahre (Kindler, 2014). Von 983 Lehrkräften im Kreis Paderborn berichteten rund ein Viertel, im Berufsalltag bereits mit (Verdachts-)Fällen sexualisierter Gewalt konfrontiert gewesen zu sein (Glammeier, 2019). In einer Befragung zur Wahrnehmung traumatischer Erfahrungen von Schüler: innen berichteten 62 % von 92 befragten Lehrkräften, „massive Gewalterfahrungen“ und 28 % erhebliche emotionale bzw. körperliche Vernachlässigung bemerkt zu haben (Ullrich & Zimmermann, 2014, S. 260). 3 Desiderata und Forschungsfragen In der bisherigen Forschung zeigen sich mitunter hohe Prävalenzen bei Gewalterfahrungen von Kindern und Jugendlichen (Stoltenborgh et al., 2015; Witt et al., 2017) sowie Hinweise auf eine besondere Vulnerabilität von Menschen mit Behinderungen bzw. Schüler: innen an Förderschulen (Jones et al., 2012; Maschke & Stecher, 2022). Dabei wird deutlich, dass sowohl in der internationalen Forschung (Stoltenborgh et al., 2015; Tingberg & Nilsson, 2020), bisher vorliegenden Erhebungen zu Erfahrungen mit Gewalt von Lehrkräften (Glammeier, 2019; Kindler, 2014) wie VHN 2 | 2025 105 MICHELLE LOK-YAN WICHMANN Gewalt gegen Kinder und Jugendliche aus Sicht der Lehrkräfte FACH B E ITR AG auch in schulbezogenen Initiativen zur Prävention von Gewalt sexualisierte Gewalt stärker fokussiert wird als emotionale Misshandlung und Vernachlässigung. Internationale Studien weisen auf eine unzureichende Ausbildung von Lehrkräften in Bezug auf Gewalterfahrungen von Kindern und Jugendlichen hin (Falkiner et al., 2017; Márquez-Flores et al., 2016; Weegar & Romano, 2019). Nationale und internationale Befunde berichten insbesondere durch Schüler: innen oder andere Berufsgruppen wahrgenommene Unsicherheit bzw. Überforderung bei Lehrkräften in diesem Bereich (Falkiner et al., 2017; Gerke et al., 2019; Weegar & Romano, 2019; Zimmermann, 2019). Insgesamt zeigt sich in Deutschland ein bisher geringer Forschungsstand zu Aus- und Weiterbildung und Kompetenzgefühlen von Lehrkräften. In bisher publizierten Befragungen finden sich wenig trennscharfe Operationalisierungen von Gewalt bzw. Vermischung verschiedener Traumatypen, kleine Stichproben oder es wurden ausschließlich Schulleitungen befragt (Ullrich & Zimmermann, 2014; Zimmermann, 2019). Es fehlt eine Erhebung aus Perspektive der Lehrkräfte, die alle Gewaltformen einschließt und die gegliederte Struktur des deutschen Schulsystems berücksichtigt. Ziel der vorliegenden Studie war daher, etwa 10 Jahre nach der Einführung des BKiSchG und Formulierung der KMK-Empfehlungen (2013) die Erfahrungen, Einstellungen, Kompetenzgefühle und Ausbildung von Lehrkräften in Bezug auf Gewalt beispielhaft im Bundesland NRW zu untersuchen. Angenommen wurde, dass ein Großteil der Lehrkräfte mindestens ein: e Schüler: in mit Gewalterfahrung, d. h. bestätigte oder vermutete Gewalt durch Erwachsene, kennt, kaum in Bezug auf Gewalt ausgebildet ist, und sich in Bezug auf Handlungen und rechtliche Vorgaben unsicher fühlt (vgl. Ullrich & Zimmermann, 2014; Witt et al., 2017; Zimmermann, 2019). Mit Blick auf den bisher geringen Forschungsstand wurde ein explorativer Ansatz gewählt und folgenden zentralen Forschungsfragen nachgegangen: I. Besteht ein Zusammenhang zwischen der Schulform und (a) der Wahrnehmung von Schüler: innen mit Gewalterfahrungen, (b) dem Kompetenzgefühl und (c) der Ausbzw. Fortbildung der Lehrkräfte? II. Besteht ein Zusammenhang zwischen dem Kompetenzgefühl der Lehrkräfte und deren Ausbzw. Fortbildung? 4 Methoden Zur Beantwortung der Forschungsfragen wurde eine Online-Befragung von Lehrkräften in NRW durchgeführt. 4.1 Instrument 4.1.1 Entwicklung und Pilotierung Der Online-Fragebogen wurde auf Basis ähnlicher Befragungen (Gerke et al., 2019; Ullrich & Zimmermann, 2014; Zimmermann, 2019), rechtlicher Vorgaben nach BKiSchG sowie identifizierter Forschungslücken selbst entwickelt und von Januar bis Februar 2022 an Schulen im Kreis Siegen-Wittgenstein (NRW) pilotiert (n = 40). Er wurde anschließend anhand von Rückmeldungen zu dessen Inhalt, Aufbau und Verständlichkeit überarbeitet. 4.1.2 Aufbau Der Fragebogen bestand aus insgesamt 28 Items, die teilweise mit Sprungregeln verknüpft waren, sodass Lehrkräfte ohne Erfahrungen mit Gewaltfällen lediglich 20 Fragen beantworten mussten. Das Konstrukt der Gewalt bzw. KWG wurde als „interpersonelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche“ operationalisiert, als kör- VHN 2 | 2025 106 MICHELLE LOK-YAN WICHMANN Gewalt gegen Kinder und Jugendliche aus Sicht der Lehrkräfte FACH B E ITR AG perliche bzw. psychische Vernachlässigung, körperliche bzw. psychische Misshandlung, sexualisierte Gewalt oder häusliche Gewalt durch erwachsene Bezugspersonen definiert und den Teilnehmer: innen in einführenden Texten mit Beispielen erläutert. Es wurden Items mit offenem, gebundenem oder dichotomem Antwortformat, Multiple-Choice-Format (teilweise mit Mehrfachauswahl) sowie fünfbis sechsstufige Ratingskalen zu folgenden Themen verwendet: I. Lehrtätigkeit (fünf Items; z. B. „Wie lange sind Sie bereits als Lehrkraft tätig? “), II. Wahrnehmung von Schüler: innen mit Gewalterfahrungen (neun Items; z. B. „Haben Sie in den letzten 10 Jahren mindestens 1 Mal ein*e Schüler*in unterrichtet, der*die von interpersoneller Gewalt betroffen war? “), III. Psychische Belastung (vier Items, z. B. „[…] Wie stark haben Sie sich selbst durch Ihre Erfahrung(en) psychisch belastet gefühlt? “), IV. Aus- und Weiterbildung (fünf Items; z. B. „Wurde das Thema interpersonelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche im Rahmen Ihres Studiums behandelt? “) V. Ressourcen und Barrieren im Umgang mit Gewaltfällen (drei Items, z. B. „[…] Wie hilfreich empfinden Sie folgende Ressourcen in Ihrem Berufsalltag? “) sowie VI. Selbstverständnis als Lehrkraft (zwei Items; z. B. „Was müsste sich Ihrer Meinung nach ändern, damit Lehrkräfte bei (Verdachts-)Fällen interpersoneller Gewalt gegen Schüler*innen bestmöglich handeln können? “). Der Fragebogen wurde über das Online-Umfragetool LimeSurvey bereitgestellt. Die Lehrkräfte wurden über den Zweck der Befragung sowie Nutzung und Schutz ihrer Daten aufgeklärt und erteilten ihr informiertes Einverständnis über ein dichotomes Pflicht-Item. Lehrkräfte, die ihr Einverständnis nicht erteilten, wurden im Multiple-Choice-Format nach Gründen für ihre Nichtteilnahme gefragt. Von dieser freiwilligen Option nahm keine Lehrkraft Gebrauch. 4.2 Durchführung Die Online-Befragung fand im Mai und Juni 2022 statt. Mittels zufällig generierten Zahlen wurden 10 % aller Schulen in NRW mit Ausnahme des Kreises Siegen-Wittgenstein aus einem öffentlich verfügbaren Adressverzeichnis (Statistisches Landesamt Nordrhein-Westfalen, 2022 a) ausgewählt (k = 522). Es wurde eine stratifizierte Stichprobe nach der Verteilung der einzelnen Schulformen angestrebt und jeweils etwa 10 % der jeweiligen Schulform kontaktiert. Die Rekrutierung erfolgte durch zehn geschulte Lehramtsstudierende der Universität Siegen, die für jeweils k = 52 Schulen Kontaktinformationen (E-Mail-Adresse oder Telefonnummer der Schulleitung bzw. des Sekretariats) recherchierten, telefonisch das Forschungsprojekt erläuterten und zur Teilnahme motivierten. Die Telefonate wurden anhand eines zuvor formulierten und eingeübten Leitfadens geführt. Bei Interesse wurde den Schulen per E-Mail ein Einladungsschreiben sowie ein Link zum Online-Fragebogen zur Weiterleitung an die Lehrkräfte zugeschickt. Nach drei Wochen wurde eine Erinnerungsmail geschickt. Als Incentives dienten ein Informationsvideo zum Thema Gewalt sowie eine Zusammenfassung der Ergebnisse nach Projektabschluss. Schulen, die eine Teilnahme ablehnten, wurden durch zufällig ausgewählte Schulen der entsprechenden Schulform ersetzt (k = 70). Das Vorgehen wurde durch den Ethikrat der Universität Siegen als ethisch unbedenklich eingestuft (Aktenzeichen LS_ER_51/ 2021). Die Einhaltung datenschutzrechtlicher Vorgaben wurde von der Stabsstelle Datenschutz der Universität Siegen geprüft und bestätigt (Aktenzeichen 57/ 2021 VVT). VHN 2 | 2025 107 MICHELLE LOK-YAN WICHMANN Gewalt gegen Kinder und Jugendliche aus Sicht der Lehrkräfte FACH B E ITR AG 4.3 Stichprobe Im Online-Survey wurden Lehrkräfte befragt, die zum Erhebungszeitpunkt an einer Grund-, Haupt-, Real-, Gesamt-, Sekundar- oder Förderschule, einem Gymnasium oder einem Berufskolleg in NRW tätig waren. Schulen im Kreis Siegen-Wittgenstein wurden ausschließlich für eine Pilot-Befragung kontaktiert. An der Online-Befragung nahmen n = 302 Lehrkräfte mit einer mittleren Berufserfahrung von 16.4 Jahren (SD = 9.2 Jahre) teil. Die Lehrkräfte arbeiteten überwiegend an Grundschulen (31 %), Berufskollegs (23 %), Förder- (21 %) oder Realschulen (12 %) sowie vereinzelt an Gymnasien (7 %), Sekundar- (3 %), Haupt- (2 %) oder Gesamtschulen (1%). Im Vergleich zur Anzahl von Lehrkräften laut Statistischem Landesamt NRW (2022 b) waren Lehrkräfte der Grund- und Realschulen in dieser Stichprobe leicht bzw. Lehrkräfte der Förderschulen und Berufskollegs stark überrepräsentiert, während Lehrkräfte der Gymnasien und Gesamtschulen stark unterrepräsentiert waren. Bei k = 437 Schulen (84 %) war die Größe des Kollegiums auf der Webseite angegeben, auf deren Basis die Grundgesamtheit geschätzt wurde (n = 16.049 Lehrkräfte). Der Rücklauf in der Befragung entspricht 2 % dieser Grundgesamtheit. 4.4 Datenanalyse In die Analyse wurden die Daten aller Lehrkräfte eingeschlossen, die ihr Einverständnis zur Teilnahme erteilten und den Fragebogen abschlossen. Die Daten wurden mit der Statistiksoftware SPSS 29.0 deskriptiv (Median bzw. Mittelwert, Spannweite bzw. Standardabweichung, absolute und relative Häufigkeiten) sowie inferenzstatistisch analysiert. Mit Ausnahme der Variablen mit offenen Antwortformaten waren alle Variablen nominal- oder ordinalskaliert. Zur inferenzstatistischen Analyse von Zusammenhängen zwischen der Häufigkeit wahrgenommener Gewaltfälle, Kompetenzgefühl (Sicherheit im Erkennen verschiedener Gewaltformen, Handlungsleichtigkeit sowie Handlungs- und Rechtssicherheit), Schulform und Ausbzw. Fortbildung der Lehrkräfte wurde nach erfolgreicher Prüfung der Voraussetzungen der Pearson Chi²-Test für Unabhängigkeit angewandt. Die Variablen Sicherheit im Erkennen verschiedener Gewaltformen, Handlungsleichtigkeit, Handlungssicherheit, Rechtssicherheit, Vorliegen relevanter Studieninhalte sowie Inanspruchnahme von Fortbzw. Weiterbildung zum Thema Gewalt wurden dafür dichotomisiert, und bei deren Analyse die Korrektur nach Yates verwendet (Freiheitsgrad jeweils df = 1). Für die Analyse von Zusammenhängen mit der Schulform als nicht-dichotome Variable wurden im Falle statistisch signifikanter Assoziationen Post-Hoc-Tests sowie die Bonferroni-Holm Korrektur (Hemmerich, 2016) angewandt. Als Maß für die Effektstärke wurde Cramers V herangezogen und folgend interpretiert: gering (V = .10), mittel (V = .30), hoch (V = .50) (Cohen, 1988). 5 Ergebnisse 5.1 Schulcharakteristika Die befragten Lehrkräfte lehrten in Schulen mit 12 bis 3.000 Schüler: innen (Md = 325.0), wobei es sich bei Schulen mit sehr wenigen Schüler: innen z. B. um eine Klinikschule handelte. Einzugsgebiete der Schulen waren mehrheitlich städtisch (je 28 % Großbzw. Mittelstadt, 23 % Kleinstadt) und zu 19 % Landgemeinden. Als Ansprechpartner: in bzw. Fachkraft für Krisenfälle an der Schule wurden Schulsozialarbeiter: innen (83 %), Beratungslehrkräfte (44 %), Schulpsycholog: innen (14 %) und Kinderschutzfachkräfte bzw. -beauftragte (10 %) benannt; etwa 8 % kannten keine Ansprechpartner: innen. VHN 2 | 2025 108 MICHELLE LOK-YAN WICHMANN Gewalt gegen Kinder und Jugendliche aus Sicht der Lehrkräfte FACH B E ITR AG 5.2 Wahrnehmung von Schüler: innen mit Gewalterfahrung Dem Großteil der befragten Lehrkräfte (n = 250; 83 %) war mindestens ein: e Schüler: in mit Gewalterfahrung bekannt (73 %) oder die Lehrkraft hatte einen Verdacht gehabt (10 %). Etwa 6 % der Lehrkräfte hatten keinen Fall erlebt; 11 % waren unsicher (weiß nicht). Bei den wahrgenommenen Gewaltfällen handelte es sich am häufigsten um emotionale oder körperliche Vernachlässigung; sexualisierte Gewalt war am seltensten (s. Abb. 1). Die Schulform, unterschieden in Grundschulen (31 %), Berufskollegs (20 %), Förderschulen (24 %) und Gymnasien sowie Schulen der Sekundarstufe I (26 %), wies einen schwachen bis mittleren Zusammenhang mit der wahrgenommenen Gewalthäufigkeit und -form auf (s. Tab. 2). Post-Hoc-Tests ergaben eine signifikant häufigere Angabe mindestens eines Gewaltfalls in Grund- (p = .011) und Förderschulen (p = .016) sowie eine signifikant seltenere Angabe in Berufskollegs (p < .001) verglichen mit anderen Schulformen. In Förderschulen wurden körperliche (p < .001) und emotionale Vernachlässigung (p = .027), körperliche (p = .019) und emotionale Misshandlung (p < .001) sowie sexualisierte Gewalt (p < .001) signifikant häufiger als in anderen Schulformen angegeben. In Berufskollegs lagen körperliche (p = .003) und emotionale Vernachlässigung (p < .001) sowie in Grundschulen emotionale Misshandlung (p = .003) und sexualisierte Gewalt (p = .029) laut Angabe der Lehrkräfte signifikant seltener vor als in anderen Schulformen. Häufigkeit (p = .993) und Formen der Gewalt (alle p > .05) waren unabhängig von den schulischen Einzugsgebieten, und auch zwischen der Berufserfahrung und dem Erleben von Gewaltfällen bestand kein signifikanter Zusammenhang (alle p > .05). Angaben zu Gewaltfolgen, die bei betroffenen Schüler: innen aufgefallen waren, machten n = 190 Lehrkräfte (76 % von n = 250). Die offen berichteten Folgen bezogen sich auf internalisierende bzw. externalisierende Verhaltensauffälligkeiten, soziale Beziehungen, Teilhabebeeinträchtigungen in Schule und Alltag, körperliche emptionale Vernachlässigung körperliche Vernachlässigung häusliche Gewalt emotionale Misshandlung körperliche Misshandlung sexualisierte Gewalt weiß nicht 0 % 10 % 20 % 30 % 40 % 50 % 60 % 70 % 80 % Häufigkeit (%) 72 62 52 49 45 32 2 Abb. 1 Anteil der jeweiligen Gewaltformen in bekannten Fällen aus Wahrnehmung der befragten Lehrkräfte (n = 250) VHN 2 | 2025 109 MICHELLE LOK-YAN WICHMANN Gewalt gegen Kinder und Jugendliche aus Sicht der Lehrkräfte FACH B E ITR AG Anzahl der Lehrkräfte nach Schulform n (%) χ² df p V Grundschule Berufskolleg Förderschule Sek. I a + Gymnasium Gesamt mind. 1 Gewaltfall erlebt b , davon ◾ körperliche Vernachlässigung ◾ emotionale Vernachlässigung ◾ körperliche Misshandlung ◾ emotionale Misshandlung ◾ sexualisierte Gewalt ◾ häusliche Gewalt 85 (93) 51 (61) 64 (76) 34 (41) 29 (35) 17 (20) 41 (49) 37 (63) 13 (37) 15 (43) 17 (49) 24 (69) 7 (20) 16 (46) 67 (94) 58 (87) 58 (87) 41 (61) 47 (70) 37 (55) 43 (64) 59 (77) 32 (57) 41 (73) 18 (32) 21 (38) 16 (29) 28 (50) 248 (83) 154 (64) 178 (74) 110 (46) 121 (50) 77 (32) 128 (53) 33.25 27.17 23.09 11.67 27.26 24.64 4.90 3 3 3 3 3 3 3 < .001 < .001 < .001 .009 < .001 < .001 .179 .334 .335 .309 .220 .336 .319 - subjektiv sicher c im Erkennen von ◾ körperliche Vernachlässigung ◾ emotionale Vernachlässigung ◾ körperliche Misshandlung ◾ emotionale Misshandlung ◾ sexualisierte Gewalt ◾ häusliche Gewalt 67 (74) 54 (59) 61 (67) 40 (44) 29 (32) 39 (43) 27 (46) 19 (32) 30 (51) 21 (36) 15 (25) 16 (27) 59 (84) 54 (78) 50 (71) 40 (57) 37 (53) 46 (66) 46 (60) 38 (49) 44 (57) 27 (36) 21 (28) 33 (43) 199 (67) 165 (56) 185 (62) 128 (43) 102 (35) 134 (45) 25.14 29.19 7.52 8.78 14.46 19.88 3 3 3 3 3 3 < .001 < .001 .057 .032 .002 < .001 .291 .314 - .172 .221 .260 relevante Studieninhalte vorliegend 14 (16) 6 (11) 17 (24) 11 (15) 48 (17) 4.24 3 .237 - Fortbildung in Anspruch genommen 45 (49) 13 (23) 42 (67) 27 (37) 127 (45) 25.94 3 < .001 .302 Zustimmung c bezüglich ◾ Handlungssicherheit bei Gewaltfällen ◾ Handlungsleichtigkeit bei Gewaltfällen ◾ Rechtssicherheit bzgl. BKiSchG 52 (57) 40 (44) 33 (37) 23 (40) 22 (39) 7 (13) 51 (72) 44 (62) 23 (34) 36 (47) 34 (47) 21 (28) 162 (55) 140 (48) 84 (29) 14.92 7.76 10.41 3 3 3 .002 .051 .015 .225 - .190 Tab. 2 Assoziation zwischen Schulform und Häufigkeit bekannter Gewaltfälle, subjektivem Kompetenzgefühl und Ausbildung der befragten Lehrkräfte (n = 302) Anmerkungen: a Haupt-, Real-, Gesamt- und Sekundarschule, b n = 250; c ja, eher - ja, auf jeden Fall; BKiSchG = Bundeskinderschutzgesetz; Angaben zur Schulform fehlen von n = 2 Personen (1 %); alle erwarteten Zellhäufigkeiten > 5; aufgrund von Rundungen summieren sich Prozentwerte u. U. nicht auf 100 %. VHN 2 | 2025 110 MICHELLE LOK-YAN WICHMANN Gewalt gegen Kinder und Jugendliche aus Sicht der Lehrkräfte FACH B E ITR AG Verletzungen und Auffälligkeiten sowie sonstige Folgen (s. Tab. 3). Am häufigsten benannt wurden Aggressionen bzw. Gewalttätigkeit (41 %), Leistungsbzw. Konzentrationsbeeinträchtigungen (40 %), sozialer bzw. emotionaler Rückzug (27 %) sowie Probleme in der Beziehungsgestaltung und Konflikte (24 %). Die Mehrheit der Lehrkräfte, die mindestens eine: n Schüler: in mit Gewalterfahrung zurückmeldeten (n = 250), bewertete die eigene psychische Belastung zurückblickend als mittelmäßig (42 %) oder stark bis sehr stark (38 %). Etwa 20 % gaben an, überhaupt nicht oder wenig psychisch belastet gewesen zu sein. n % Internalisierende Auffälligkeiten Rückzug (sozial, emotional) allgemeine emotionale Auffälligkeiten selbstverletzendes Verhalten bzw. Suizidalität psychische Erkrankungen ◾ Angststörungen/ -zustände ◾ Depression ◾ sonstige psychische Erkrankungen verminderter Selbstwert/ Selbstbewusstsein psychosomatische Probleme Kommunikationsprobleme/ Sprachlosigkeit Apathie/ Antriebslosigkeit Sonstiges 52 46 27 23 18 13 16 9 7 6 42 27 24 14 12 9 7 8 5 4 3 22 Externalisierende Auffälligkeiten Aggression/ Reizbarkeit bzw. Gewalttätigkeit allgemeine Verhaltensauffälligkeiten sexualisiertes Verhalten bzw. auffälliges Sexualverhalten Substanzkonsum bzw. -missbrauch Unruhe Sonstiges 78 35 8 8 7 18 41 18 4 4 4 9 Soziale Beziehungen Konflikte bzw. Probleme (z. B. im Sozialverhalten) Probleme mit Beziehungsgestaltung (z. B. Freundschaften) bzw. Bindung Probleme mit Nähe-Distanz-Verhalten Ausgrenzung/ Ablehnung durch Mitschüler*innen Sonstiges 22 22 14 8 16 12 12 7 4 8 Teilhabebeeinträchtigungen in Schule und Alltag Verminderte Leistungsfähigkeit/ Konzentration bzw. Motivation Schulabsentismus bzw. fehlende Teilnahme fehlende Arbeitsmaterialien/ Hausaufgaben Sonstiges 76 29 7 11 40 15 4 6 Körperliche Folgen fehlende/ verminderte Hygiene (inkl. Geruch, schmutzige Kleidung) Verletzungen (z. B. Blessuren) fehlende Versorgung (z. B. Nahrung, angemessene Kleidung) Sonstiges 22 9 9 9 12 5 5 5 Sonstige Folgen 45 24 Tab. 3 Gewaltfolgen bei Schüler: innen aus Wahrnehmung befragter Lehrkräfte (n = 190) VHN 2 | 2025 111 MICHELLE LOK-YAN WICHMANN Gewalt gegen Kinder und Jugendliche aus Sicht der Lehrkräfte FACH B E ITR AG 5.3 Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte 5.3.1 Inhalte im Studium Die befragten Lehrkräfte waren durch ein sonderpädagogisches Lehramt (26 %), ein Lehramtsstudium für Grundschule bzw. Primarstufe (25 %), Sekundarstufe I (16 %), Sekundarstufe II (allgemeinbildende Fächer; 19 %) oder Sekundarstufe II (berufliche Fächer; 12 %) oder anderweitig (10 %) für ihre Tätigkeit qualifiziert. Etwa 16 % hatten relevante Inhalte zum Thema Gewalt im Studium vermittelt bekommen; der Großteil erinnerte sich nicht (21 %) oder hatte keine relevanten Studieninhalte (59 %). Das Vorliegen relevanter Studieninhalte war unabhängig von der Schulform (s. Tab. 2). 5.3.2 Fort- und Weiterbildungen Weniger als der Hälfte der befragten Lehrkräfte (41 %) war ein Fort- oder Weiterbildungsangebot zu Gewalt und deren Folgen bekannt. Über die Hälfte (52 %) gab an, bisher keine relevante Fort- oder Weiterbildung in Anspruch genommen zu haben; rund 33 % hatten in den letzten 10 Jahren an ein bis zwei Fortbzw. Weiterbildungen teilgenommen, und 10 % berichtete von mindestens drei Fort- oder Weiterbildungen. Die Schulform wies einen mittleren Zusammenhang mit der Inanspruchnahme von Fort- oder Weiterbildungen auf (s. Tab. 2). Förderschullehrkräfte hatten signifikant häufiger (p < .001) und Berufsschullehrkräfte signifikant seltener (p = .001) an mindestens einer relevanten Fort- oder Weiterbildung teilgenommen als Lehrkräfte anderer Schulformen. 5.4 Sicherheit im Erkennen von Anzeichen für Gewalt Über die Hälfte der befragten Lehrkräfte stimmten zu (ja, eher - ja, auf jeden Fall), genau zu wissen, welche Anzeichen auf körperliche bzw. emotionale Vernachlässigung oder körperliche Misshandlung bei ihren Schüler: innen hindeuten können (s. Abb. 2). Unsicherheit (nein, überkörperliche Vernachlässigung körperliche Misshandlung emotionale Vernachlässigung häusliche Gewalt emotionale Misshandlung sexualisierte Gewalt 0 % 20 % 40 % 60 % 80 % 100 % Häufigkeit (%) n sicher n mittel n unsicher n keine Angabe 66 24 10 1 62 26 11 1 55 29 15 1 45 32 22 2 44 30 26 1 34 32 33 1 Anmerkungen: sicher = „ja, eher“ und „ja, auf jeden Fall“, unsicher = „nein, eher nicht“ und „nein, überhaupt nicht“; aufgrund von Rundungen summieren sich die Prozentwerte u. U. nicht auf 100 %. Abb. 2 Subjektiv empfundene Sicherheit im Erkennen von Anzeichen für die jeweiligen Gewaltformen bei den befragten Lehrkräften (n = 302) VHN 2 | 2025 112 MICHELLE LOK-YAN WICHMANN Gewalt gegen Kinder und Jugendliche aus Sicht der Lehrkräfte FACH B E ITR AG haupt nicht - nein, eher nicht) bestand insbesondere in Bezug auf das Erkennen von Anzeichen für häusliche Gewalt, emotionale Misshandlung sowie sexualisierte Gewalt (s. Abb. 2). Die Sicherheit im Erkennen von Anzeichen für Gewalt wies, ausgenommen der körperlichen Misshandlung, einen schwachen bis mittleren Zusammenhang mit der Schulform auf (s. Tab. 2). Post-Hoc-Tests indizierten, dass sich Förderschullehrkräfte signifikant häufiger sicher im Erkennen von Anzeichen für körperliche (p = .003) und emotionale Vernachlässigung (p < .001) sowie für sexualisierte (p = .002) und häusliche Gewalt (p < .001) einschätzten als Lehrkräfte anderer Schulformen. Lehrkräfte der Berufskollegs hingegen schätzten sich signifikant häufiger als Lehrkräfte anderer Schulformen unsicher (nein, überhaupt nicht - mittelmäßig) im Erkennen von Anzeichen für körperliche (p < .001) und emotionale Vernachlässigung (p < .001) sowie häusliche Gewalt (p = .010) ein. Lehrkräfte, die über relevante Studieninhalte verfügten, schätzten sich im Vergleich zu Lehrkräften ohne relevante Studieninhalte signifikant häufiger sicher (ja, eher - ja, auf jeden Fall) ein, Anzeichen für alle Gewaltformen ausgenommen der körperlichen Vernachlässigung erkennen zu können (s. Tab. 4). Allerdings schätzte sich selbst unter den Lehrkräften mit relevanten Studieninhalten nur die Hälfte sicher im Erkennen sexualisierter Gewalt ein. Die Zusammenhänge waren schwach (s. Tab. 4). Lehrkräfte, die relevante Fort- oder Weiterbildung in Anspruch genommen hatten, schätzten sich signifikant häufiger sicher ein, Anzeichen für alle Gewaltformen erkennen zu können, als Lehrkräfte ohne relevante Fort- oder Weiterbildung (s. Tab. 5). Auch unter Lehrkräften mit relevanter Fort- oder Weiterbildung schätzte sich jedoch weniger als die Hälfte sicher im Erkennen sexualisierter Gewalt sowie nur knapp über die Hälfte sicher im Erkennen emotionaler Misshandlung ein. Die Zusammenhänge waren jeweils schwach bis mittel (s. Tab. 5). Die Berufserfahrung der Lehrkräfte wies einen schwachen Zusammenhang mit der Sicherheit im Erkennen von körperlicher (χ² (5) = 12.29, p = .031, V = .204) und emotionaler Misshandlung (χ² (5) = 12.54, p = .028, V = .206) auf. Lehrkräfte mit 15 - 20 Jahren Berufserfahrung gaben relevante Studieninhalte n (%) χ 2 a df p V ja nein Gesamt Subjektiv sicher b, c im Erkennen von ◾ körperlicher Vernachlässigung ◾ emotionaler Vernachlässigung ◾ körperlicher Misshandlung ◾ emotionaler Misshandlung ◾ sexualisierter Gewalt ◾ häuslicher Gewalt Handlungssicherheit b, d bei Gewaltfällen Handlungsleichtigkeit b, e bei Gewaltfällen Rechtssicherheit b, f bzgl. BKiSchG 35 (73) 34 (71) 38 (79) 29 (60) 24 (50) 30 (63) 31 (63) 30 (63) 22 (45) 159 (66) 129 (54) 143 (59) 99 (41) 79 (33) 101 (42) 125 (52) 105 (45) 59 (25) 194 (67) 163 (57) 181 (63) 128 (44) 103 (36) 131 (46) 156 (54) 135 (48) 81 (29) 0.59 4.08 5.91 5.20 4.37 5.81 1.62 4.28 6.55 1 1 1 1 1 1 1 1 1 .443 .043 .015 .023 .037 .016 .203 .039 .010 - .128 .153 .144 .133 .152 - .133 .163 Tab. 4 Zusammenhang zwischen relevanten Studieninhalten und dem subjektiven Kompetenzgefühl der Lehrkräfte Anmerkungen: a korrigiert nach Yates; b ja, eher - ja, auf jeden Fall; c n = 289; d n = 289; e n = 282; f n = 281; BKiSchG = Bundeskinderschutzgesetz; alle erwarteten Zellhäufigkeiten > 5; aufgrund von Rundungen summieren sich Prozentwerte u. U. nicht auf 100 %. VHN 2 | 2025 113 MICHELLE LOK-YAN WICHMANN Gewalt gegen Kinder und Jugendliche aus Sicht der Lehrkräfte FACH B E ITR AG signifikant häufiger an, Anzeichen körperlicher Misshandlung sicher erkennen zu können, als Lehrkräfte mit kürzerer bzw. längerer Berufserfahrung (p = .020). 5.5 Einstellungen und Selbsteinschätzung der Lehrkräfte Fast alle Lehrkräfte drückten Zustimmung (ja, eher - ja, auf jeden Fall) hinsichtlich ihrer Rolle und Verantwortung in Bezug auf Kinder und Jugendliche mit Gewalterfahrungen aus. Gleichzeitig stimmte nur etwa die Hälfte zu, über Handlungssicherheit zu verfügen und entsprechende Schritte leicht einleiten zu können; weniger als ein Drittel stimmte zu, über Rechtssicherheit im Hinblick auf das BKiSchG zu verfügen (s. Abb. 3). Die Schulform wies einen schwachen Zusammenhang mit der empfundenen Rechtssicherheit der Lehrkräfte hinsichtlich des BKiSchG sowie einen mittleren Zusammenhang mit deren empfundener Handlungssicherheit bei Gewaltfällen auf (s. Tab. 2). Post-Hoc-Tests ergaben, dass sich Lehrkräfte der Förderschule signifikant häufiger als handlungssicher (p = .007) und Lehrkräfte der Berufskollegs sich signifikant seltener als rechtssicher wahrnahmen (p = .023) als Lehrkräfte anderer Schulformen. Lehrkräfte mit relevanten Studieninhalten gaben signifikant häufiger Handlungsleichtigkeit bei Gewaltfällen sowie Rechtssicherheit bezogen auf das BKiSchG an als Lehrkräfte ohne relevante Studieninhalte (s. Tab. 4). Lehrkräfte, die relevante Fort- oder Weiterbildung in Anspruch genommen hatten, gaben signifikant häufiger subjektive Handlungssicherheit und -leichtigkeit sowie Rechtssicherheit an als Lehrkräfte ohne relevante Fort- oder Weiterbildung (s. Tab. 5). Allerdings schätzten sich selbst unter den Lehrkräften mit relevanten Studieninhalten bzw. Fort- oder Weiterbildungen lediglich jeweils 45 % als rechtssicher in Bezug auf das BKiSchG ein. Die Zusammenhänge waren jeweils schwach bis mittel (s. Tab. 4 und 5). Die Berufserfahrung der Lehrkräfte wies keinen Zusammenhang mit der empfundenen Handlungssicherheit, -leichtigkeit oder Rechtssicherheit der Lehrkräfte auf (alle p > .05). Fort- oder Weiterbildungsangebote in Anspruch genommen n (%) χ 2 a df p V ja nein Gesamt Subjektiv sicher b, c im Erkennen von ◾ körperlicher Vernachlässigung ◾ emotionaler Vernachlässigung ◾ körperlicher Misshandlung ◾ emotionaler Misshandlung ◾ sexualisierter Gewalt ◾ häuslicher Gewalt Handlungssicherheit b, d bei Gewaltfällen Handlungsleichtigkeit b, e bei Gewaltfällen Rechtssicherheit b, f bzgl. BKiSchG 101 (80) 88 (70) 89 (71) 69 (55) 58 (46) 77 (62) 93 (74) 75 (61) 56 (45) 90 (57) 69 (44) 85 (54) 50 (32) 38 (24) 49 (31) 62 (40) 57 (37) 25 (17) 191 (68) 157 (56) 174 (62) 119 (42) 96 (34) 126 (45) 155 (55) 132 (48) 81 (30) 15.59 18.67 7.35 13.82 13.63 24.37 31.86 14.80 25.45 1 1 1 1 1 1 1 1 1 < .001 < .001 .007 < .001 < .001 < .001 < .001 < .001 < .001 .242 .265 .168 .229 .227 .302 .343 .238 .312 Anmerkungen: a korrigiert nach Yates; b ja, eher - ja, auf jeden Fall; c n = 286; d n = 283; e n = 277; f n = 275; BKiSchG = Bundeskinderschutzgesetz; alle erwarteten Zellhäufigkeiten > 5; aufgrund von Rundungen summieren sich Prozentwerte u. U. nicht auf 100 %. Tab. 5 Zusammenhang zwischen der Inanspruchnahme von Fort- oder Weiterbildung und dem subjektiven Kompetenzgefühl der Lehrkräfte VHN 2 | 2025 114 MICHELLE LOK-YAN WICHMANN Gewalt gegen Kinder und Jugendliche aus Sicht der Lehrkräfte FACH B E ITR AG 6 Diskussion Die Schule und die in ihr tätigen Professionen tragen eine Verantwortung als schützender Ort für Schüler: innen, die Gewalt durch Erwachsene erfahren (Gerke et al., 2019; Poelchau, 2018; Seifried, 2019; Yule et al., 2019), welche spätestens mit der Verabschiedung des BKiSchG und der Formulierung der KMK-Empfehlungen (2013) zur Prävention und Intervention bei Gewalt konkretisiert wurde. Die vorliegende Befragung hatte daher zum Ziel, Erfahrungen, Einstellungen, Kompetenzgefühle sowie Ausbildung von Lehrkräften in Bezug auf Gewalterfahrungen von Kindern und Jugendlichen zu erheben. 6.1 Zusammenfassung und Interpretation der Ergebnisse Entsprechend der Annahmen war - unabhängig davon, wie lange sie bereits berufstätig waren - fast jeder befragten Lehrkraft mindestens ein: e von Gewalt betroffene: r Schüler: in bekannt. Dieses Ergebnis bekräftigt und ergänzt nicht nur vorherige Erkenntnisse zur Wahrnehmung von Gewaltfällen durch Lehrkräfte (Kindler, 2014; Ullrich & Zimmermann, 2014), sondern spiegelt auch die Entwicklung registrierter KWG-Fälle der letzten Dekade (Statistisches Bundesamt, 2023) sowie repräsentativ erfasste Prävalenzen der Gewalt in Lehrkräfte sollten bereits im Studium für das Thema Gewalt gegen Schüler/ innen sensibilisiert und informiert werden. Schüler/ innen wahrzunehmen, die Gewalt ausgesetzt sind, gehört zu meinen Aufgaben als Lehrkraft. Schüler/ innen, die Gewalt ausgesetzt sind, zu unterstützen, gehört zu meinen Aufgaben als Lehrkraft. Es muss mehr Aufklärungsarbeit hinsichtlich Gewalt gegen Schüler/ innen geleistet werden. Jede Lehrkraft sollte sich im Themenbereich Gewalt gegen Schüler/ innen fortbilden. Ich weiß genau, was ich tun muss, wenn ein (Verdachts-)Fall von Gewalt gegen Schüler/ innen vorliegt. Bei (Verdachts-)Fällen von Gewalt gegen Schüler/ innen entsprechende Schritte einzuleiten, fällt mir leicht. Ich weiß genau, welche rechtlichen Befugnisse und Pflichten ich als Lehrkraft laut BKiSchG habe. 0 % 20 % 40 % 60 % 80 % 100 % Häufigkeit (%) n Zustimmung n mittelmäßig n Ablehnung n keine Angabe 96 21 2 95 311 92 4 3 1 91 7 3 89 7 1 3 54 28 17 1 46 27 23 4 28 29 40 4 Anmerkungen: BKiSchG = Bundeskinderschutzgesetz; Zustimmung = „ja, eher“ und „ja, auf jeden Fall“, Ablehnung = „nein, eher nicht“ und „nein, überhaupt nicht“; aufgrund von Rundungen summieren sich die Prozentwerte u. U. nicht auf 100 %. Abb. 3 Einstellungen und Selbsteinschätzung der befragten Lehrkräfte (n = 302) zum Thema Gewalt gegen Kinder und Jugendliche VHN 2 | 2025 115 MICHELLE LOK-YAN WICHMANN Gewalt gegen Kinder und Jugendliche aus Sicht der Lehrkräfte FACH B E ITR AG Deutschland (Witt et al., 2017) wider. Förderschullehrkräfte haben zudem mindestens einen Gewaltfall und fast alle Gewaltformen häufiger berichtet als Lehrkräfte anderer Schulformen (Forschungsfrage I a). Dieser Befund steht im Einklang mit Studien, die häufigere Gewalt gegen Menschen mit Behinderungen bzw. in Förderschulen angeben (Jones et al., 2012; Maschke & Stecher, 2022), sowie mit den Befragungsergebnissen von Glammeier (2019), welche die häufigste Auseinandersetzung mit (Verdachts-)Fällen sexualisierter Gewalt bei Förderschullehrkräften berichtete. Lehrkräfte aus Berufskollegs gaben in dieser Stichprobe hingegen seltener als Lehrkräfte anderer Schulformen an, Gewaltfälle, v. a. Vernachlässigung, erlebt zu haben. In Berufskollegs ist die Schüler: innenschaft in der Regel älter als in den anderen untersuchten Schulformen und weist teils andere Lebensumstände, z. B. Wohnen außerhalb des Elternhauses, auf. Dies könnte dazu beitragen, dass diese Schüler: innen nicht in gleichem Ausmaß von Gewalt bzw. Vernachlässigung betroffen sind und die befragten Lehrkräfte der Berufskollegs entsprechend seltener Fälle berichtet haben als Lehrkräfte anderer Schulformen. Förderschullehrkräfte zeigten sich insgesamt sicherer im Erkennen von Anzeichen fast aller Gewaltformen als Lehrkräfte anderer Schulformen (Forschungsfrage I b), was mit der häufigeren Auseinandersetzung mit Gewaltfällen im Berufsalltag oder einer häufigeren Inanspruchnahme relevanter Fortbzw. Weiterbildung zusammenhängen könnte. Über die Gesamtstichprobe hinweg äußerten die befragten Lehrkräfte jedoch Unsicherheit in Bezug auf das Erkennen von Anzeichen für Gewaltformen, die nicht körperlich sichtbar werden, d. h. emotionale Misshandlung, häusliche sowie sexualisierte Gewalt. Insbesondere in Bezug auf sexualisierte Gewalt wurde am häufigsten Unsicherheit angegeben (vgl. Márquez-Flores et al., 2016). Das Erleben sexualisierter Gewalt ist für Betroffene oft mit Schuld- und Schamgefühlen sowie Stigmatisierung verbunden, welche sie an der Offenlegung (sog. „Disclosure“) hindern oder auch über den Disclosure-Prozess hinaus belasten können (Lateef, Alaggia, Collin-Vézina & McElvaney, 2023; Lemaigre, Taylor & Gittoes, 2017; McElvaney, Lateef, Collin-Vézina, Alaggia & Simpson, 2022). Erhebungen in Deutschland haben zudem gezeigt, dass bis zur Hälfte der von sexualisierter Gewalt betroffenen Jugendlichen niemandem davon erzählen und dass im Falle einer Disclosure selten schulisches Personal, sondern insbesondere Freund: innen, andere Gleichaltrige oder Familienmitglieder als Ansprechpartner: innen dienen (Hofherr, 2017; Maschke & Stecher, 2017). Dabei können entsprechend qualifizierte Lehrkräfte eine wichtige Ressource für betroffene Schüler: innen darstellen. So wurden als förderliche Faktoren für eine Disclosure sexualisierter Gewalterfahrungen das Angesprochenwerden und die Anregung Betroffener durch entsprechendes Informationsmaterial identifiziert (Lemaigre et al., 2017). Hofherr und Kindler (2018) konnten zeigen, dass Schüler: innen Lehrkräften eher von sexualisierten Gewalterfahrungen berichten, wenn diese entsprechend fortgebildet sind. Auch in Leitlinien und Empfehlungen zur Entwicklung institutioneller Schutzkonzepte wird die Sensibilisierung und Fortbildung von Lehrkräften als zentraler präventiver Bestandteil aufgeführt (Brinks et al., 2023; Pooch & Tremel, 2016; UBSKM, o. J.; Wichmann, Tölle, Pawils & Mays, 2023). Tatsächlich sagten auch die meisten befragten Lehrkräfte aus, eine Notwendigkeit der Ausbildung und Sensibilisierung in Bezug auf Gewalt gegen Kinder und Jugendliche im Lehrkräfteberuf wahrzunehmen. Gleichzeitig gab ein Großteil der befragten Lehrkräfte jedoch an, nicht durch ihr Studium oder durch Fortbzw. Weiterbildungen für das Thema Gewalt gegen Kinder und Jugendliche VHN 2 | 2025 116 MICHELLE LOK-YAN WICHMANN Gewalt gegen Kinder und Jugendliche aus Sicht der Lehrkräfte FACH B E ITR AG ausgebildet zu sein. Dieser Befund steht im Einklang mit internationalen Studien, die eine unzureichende bzw. mangelnde Ausbildung von Lehrkräften in diesem Bereich berichten (Falkiner et al., 2017; Márquez-Flores et al., 2016; Weegar & Romano, 2019). Die Mehrheit befragter Lehrkräfte schätzte sich unsicher in Bezug auf rechtliche Vorgaben laut BKiSchG und etwa die Hälfte unsicher in Bezug auf konkrete Handlungen bei Gewaltfällen ein. Diese Ergebnisse stehen im Einklang mit den Befunden von Zimmermann (2019), welche eine durch Schulleitungen als gering eingeschätzte Handlungs- und Rechtssicherheit von Lehrkräften berichtete, sowie mit Befunden von Glammeier (2019), welche einen Mangel an Auseinandersetzung mit der Thematik sexualisierter Gewalt durch Studium oder Fortbildungen bei Lehrkräften und Lehramtsstudierenden identifiziert hatte. Auch in diesen Aspekten zeigten sich schulformspezifische Unterschiede: Förderschullehrkräfte schätzten sich häufiger handlungs- und rechtssicher ein (Forschungsfrage I b) und gaben häufiger eine Teilnahme an Fort- oder Weiterbildungsangeboten an als Lehrkräfte anderer Schulformen (Forschungsfrage I c). Es bleibt zu klären, welche Faktoren das höhere Kompetenzgefühl und die häufigere Inanspruchnahme von Fortbzw. Weiterbildung von Förderschullehrkräften bedingten. Denkbar wäre z. B., dass Förderschullehrkräfte aufgrund ihrer häufigeren Konfrontation mit Gewaltfällen sowie der daraus entstehenden Erfahrung handlungs- und rechtssicherer werden und eine größere Notwendigkeit für die eigene Fortbzw. Weiterbildung sehen. So wurden ein persönliches Interesse und der Wunsch nach professioneller Weiterentwicklung als motivierende Faktoren zur Inanspruchnahme von Fortbildungen identifiziert (Richter, Kleinknecht & Gröschner, 2019). Denkbar wäre auch, dass die Teilnahme an Fortbzw. Weiterbildungsangeboten den Zusammenhang zwischen der Schulformzugehörigkeit und dem Kompetenzgefühl mediierte. In der Tat schätzten sich Lehrkräfte, die im Studium oder durch Fortbzw. Weiterbildungen für das Thema Gewalt gegen Kinder und Jugendliche ausgebildet worden waren, in der Gesamtstichprobe insgesamt häufiger als erkennens-, handlungs- und rechtssicher bei Gewaltfällen ein als Lehrkräfte ohne solche Ausbildung (Forschungsfrage II). Allerdings gab sogar unter den entsprechend qualifizierten Lehrkräften knapp die Hälfte Unsicherheit bezogen auf das Erkennen von Anzeichen sexualisierter Gewalt sowie rechtlichen Vorgaben laut BKiSchG an, was ein Hinweis dafür sein könnte, dass es gerade in diesen Bereichen noch an praxistauglicher Wissensvermittlung und Qualifizierung im Lehrkräfteberuf fehlt. 6.2 Limitationen und Stärken Bei der Interpretation der Befragungsergebnisse müssen eine Reihe von Limitationen beachtet werden. Zunächst handelte es sich um eine Studie ohne finanzielle Förderung und entsprechend eingeschränkten Mitteln. Es wurde eine Online-Befragung mit einer selbst-selektiven, nicht repräsentativen Stichprobe durchgeführt, an der vermutlich eher Lehrkräfte teilgenommen haben, die ein Grundinteresse am Thema, eine Bereitschaft für Online-Umfragen sowie verfügbare zeitliche Ressourcen hatten. Auch waren einzelne Schulformen überbzw. unterrepräsentiert. Darüber hinaus fand die Befragung im dritten Jahr der COVID-19-Pandemie statt, in dem Schulen und Lehrkräfte erhöhten professionellen Anforderungen und immensem Stress ausgesetzt waren. Somit fiel die Stichprobengröße trotz aller Rekrutierungsbemühungen gering aus. Um die Anonymität der Teilnehmenden zu gewährleisten, wurde nicht erhoben, aus welcher Schule die befragten Lehrkräfte stammen. Möglich ist, dass mehrere Lehrkräfte der gleichen Schule an der Befragung teilnahmen, ohne dass die Ergebnisse für mögliche Gruppeneffekte korrigiert werden können. Die Einschränkung auf Gewalterfahrun- VHN 2 | 2025 117 MICHELLE LOK-YAN WICHMANN Gewalt gegen Kinder und Jugendliche aus Sicht der Lehrkräfte FACH B E ITR AG gen der letzten 10 Jahre sollte einen Bezug auf relativ aktuelle Fälle ermöglichen, kann jedoch zu einem Ausschluss relevanter Erfahrungen von Lehrkräften geführt haben. Die berichteten Häufigkeiten über Gewaltfälle und vorliegende Gewaltformen sind nicht als Prävalenz der tatsächlichen Gewalt, sondern als Häufigkeit der Erfahrungen von Lehrkräften zu interpretieren, da mehrere Lehrkräfte einer Schule über den gleichen Fall berichtet haben könnten. Nicht auszuschließen ist, dass sozial erwünschte Angaben z. B. in Bezug auf die Verantwortung von Lehrkräften bei Gewaltfällen gemacht wurden oder dass einzelne Itemformulierungen suggestiv wirkten und zu einer Verzerrung der Ergebnisse führten. Gleichzeitig birgt die vorliegende Studie auch eine Reihe an Stärken. So ergänzt sie den bisher geringen Forschungsstand in Deutschland zu Erfahrungen, Kompetenzgefühlen, Einstellungen und der Ausbildung von Lehrkräften in Bezug auf Gewalterfahrungen von Schüler: innen aus Perspektive der Lehrkräfte. Ebenso betrachtet sie eine Bandbreite an Gewaltformen, einschließlich solcher, die bisher wenig beforscht worden sind (z. B. Vernachlässigung; vgl. Stoltenborgh et al., 2015; Tingberg & Nilsson, 2020). Die aktuelle Befragung gibt außerdem Hinweise auf mögliche Assoziationen zwischen der Schulform und dem Kompetenzgefühl sowie der Fortbildung von Lehrkräften sowie auf die Relevanz der Qualifikation und Sensibilisierung von Lehrkräften im Hinblick auf Gewalterfahrungen von Kindern und Jugendlichen, die es nun weitergehend zu prüfen gilt (s. Kapitel 6.3). 6.3 Implikationen für Forschung und Praxis Die Entwicklungen der letzten Jahre fordern von Schule und Lehrkräften immer mehr, Gewaltfälle erkennen und präventiv bzw. interventiv handeln zu können. Fast alle befragten Lehrkräfte konnten sich an mindestens einen (Verdachts-)Fall von Gewalt gegen eine: n Schüler: in erinnern und nahmen ihren Schutzauftrag als Teil ihrer Aufgaben wahr. Die Ergebnisse dieser Befragung deuten darauf hin, dass eine entsprechende Qualifikation mit einem höheren Kompetenzgefühl in Zusammenhang steht, Lehrkräfte jedoch nach wie vor nicht ausreichend für das Thema Gewalt gegen Kinder und Jugendliche ausgebildet sind und es ihnen subjektiv an Wissen vor allem zu sexualisierter Gewalt sowie an Handlungs- und insbesondere Rechtssicherheit bezüglich BKiSchG fehlt. Es scheint in der Praxis eine Auseinandersetzung damit zu brauchen, wie Lehrkräfte besser für den Umgang mit Gewalterfahrungen von Schüler: innen qualifiziert werden können, damit sie letztendlich auch ihrem gesetzlichen Schutzauftrag gerecht werden können. Ein Ansatzpunkt könnte beispielsweise eine Basisqualifikation „Kinderschutz“ im Rahmen der Lehrkräftebildung sein, wie es bereits u. a. für die Themenbereiche Heterogenität, Inklusion und Grundlagen der Förderdiagnostik der Fall ist (KMK, 2021). Weitere Ansatzpunkte könnten die (Weiter-)Entwicklung von Fort- und Weiterbildungsangeboten zum Thema Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in Hinblick auf die identifizierten Bedarfe und Wissenslücken sowie Maßnahmen zur Erhöhung der Inanspruchnahme durch Lehrkräfte darstellen. Beispielsweise wurde im Rahmen der Intiative „Schule gegen sexuelle Gewalt“ in Zusammenarbeit der UBSKM und der Kultusministerien der Länder bereits die Online-Fortbildung „Was ist los mit Jaron? “ als Serious Game zur Lehrkräftefortbildung zu sexualisierter Gewalt entwickelt und implementiert (https: / / www. was-ist-los-mit-jaron.de). In Fortbildungen zum Thema sexualisierte Gewalt wurden von Fortbildner: innen zudem die Eigenmotivation der Teilnehmenden und Unterstützung durch (Schul-)Leitungen als hilfreich für das Gelingen der Fortbildung sowie die „Vermittlung von Handlungssicherheit“ als hilfreich für Teilnehmer: innen wahrgenommen (Kavemann & Nagel, 2018, S. 24). VHN 2 | 2025 118 MICHELLE LOK-YAN WICHMANN Gewalt gegen Kinder und Jugendliche aus Sicht der Lehrkräfte FACH B E ITR AG Weiterführend sollten die Ergebnisse der aktuellen Studie mit einer größeren und bundesweit repräsentativen Stichprobe überprüft werden, um eine breitere Aussagefähigkeit für die sehr heterogene Population von Lehrkräften zu generieren. Zur Prüfung und Vertiefung der aktuellen Ergebnisse bietet sich auch die Durchführung qualitativer Interviews oder Gruppendiskussionen zwischen Lehrkräften an. Von Interesse wäre darüber hinaus, welche Faktoren über reine Fortbzw. Weiterbildung hinaus das Kompetenzgefühl von Lehrkräften in Bezug auf Gewalt gegen Kinder und Jugendliche bedingen und wie dieses gestärkt werden kann. 7 Literatur Brinks, T., Oppermann, M., Waligora, K., Jeck, S., Kühl- Frese, H. & Teske, H. (2023). Kinderschutz in der Schule. Leitfaden zur Entwicklung und praktischen Umsetzung von Schutzkonzepten und Maßnahmen gegen sexuelle Gewalt an Schulen. Berlin: KMK. 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