Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Rezension: Sarimski, Klaus (2024): Intellektuelle Behinderung im Kindes- und Jugendalter. Psychologische Analysen und Interventionen
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Meike Engelhardt
Die vorliegende Monografie von Prof. i.R. Dr. Klaus Sarimski reiht sich ein in seine bedeutenden Beiträge zur Psychologie und Sonderpädagogik. Ausgehend von eigenen Erfahrungen aus Zivildienst- und Studienzeit bezüglich der unzureichenden Vermittlung von fundiertem Fachwissen zu intellektueller Behinderung, die sich während seiner langjährigen beruflichen Laufbahn vielfältig manifestierten, zielt der Autor mit diesem Werk darauf ab, internationale Erkenntnisse zu psychologischen Aspekten intellektueller Behinderung zusammenzutragen und für die deutschsprachige Fachwelt zugänglich zu machen. Auf diese Weise soll ein umfassender und empirisch fundierter Überblick über Entwicklungsspezifika sowie Interventionsansätze im Kontext intellektueller Behinderung geboten werden.
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VHN 3 | 2025 246 REZE NSION E N Sarimski, Klaus (2024): Intellektuelle Behinderung im Kindes- und Jugendalter. Psychologische Analysen und Interventionen Göttingen: Hogrefe. 536 S., € 44,95 Die vorliegende Monografie von Prof. i. R. Dr. Klaus Sarimski reiht sich ein in seine bedeutenden Beiträge zur Psychologie und Sonderpädagogik. Ausgehend von eigenen Erfahrungen aus Zivildienst- und Studienzeit bezüglich der unzureichenden Vermittlung von fundiertem Fachwissen zu intellektueller Behinderung, die sich während seiner langjährigen beruflichen Laufbahn vielfältig manifestierten, zielt der Autor mit diesem Werk darauf ab, internationale Erkenntnisse zu psychologischen Aspekten intellektueller Behinderung zusammenzutragen und für die deutschsprachige Fachwelt zugänglich zu machen. Auf diese Weise soll ein umfassender und empirisch fundierter Überblick über Entwicklungsspezifika sowie Interventionsansätze im Kontext intellektueller Behinderung geboten werden. Das Buch richtet sich an eine breite Fachöffentlichkeit. Neben Studierenden werden ebenso Praktiker: innen aus der Psychologie, Heil- und Sonderpädagogik, Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie therapeutische Berufsgruppen wie Ergo-, Physio- und Sprachtherapie adressiert. Diese Vielfalt spiegelt die interdisziplinäre Bedeutung des Themas wider, geht jedoch zugleich mit der Herausforderung einher, dem unterschiedlichen Vorwissen sowie den möglicherweise divergierenden Lesemotiven dieser Anspruchsgruppen gerecht zu werden. Dies gelingt dem Autor nicht zuletzt aufgrund einer durchdachten Struktur sowie mithilfe spezifischer Gestaltungselemente (z. B. Praxisimpulse, s. u.). Der Autor gliedert sein Werk ins sechs Teile mit insgesamt 20 Kapiteln und bietet darin eine systematische und differenzierte Betrachtung, die Grundlagen ebenso wie spezifische Vertiefungen abdeckt. So werden zunächst grundlegende Begriffe, Definitionen und diagnostische Ansätze beleuchtet, die als Basis für das Verständnis der späteren Kapitel dienen. Besonderer Wert wird dabei auf die Integration aktueller internationaler Diskurse gelegt. In weiteren Kapiteln widmet sich Sarimski verschiedenen Entwicklungsbereichen unter Berücksichtigung der Integration und Organisation von (z. B. kognitiven oder sozialen) Fähigkeiten sowie syndromspezifischer Entwicklungsverläufe. Durch die Darstellung dieser Entwicklungsspezifika wird die Heterogenität der Entwicklungsprozesse deutlich und damit die Ausgangslage für die Auswahl und Anpassung von Interventionsmaßnahmen differenziert beschrieben. Der Schwerpunkt des Buches liegt auf der umfassenden Darstellung von Interventionsmöglichkeiten. Während sich die Ausführungen hierzu in Teil 3 des Werkes zunächst auf die Förderung verschiedener Entwicklungsbereiche (z. B. Kommunikation, Schriftspracherwerb oder soziale Kompetenzen) beziehen, werden sie in Teil 5 nach einer grundlegenden Annäherung an zentrale Prinzipien von Diagnostik und Behandlung explizit auf spezifische Störungsbilder (z. B. ausgewählte genetische Syndrome, ADHS, Depression oder Autismus) bezogen. Deutlich wird zum einen die Relevanz einer Evidenzbasierung, die der Autor durch stetige Verweise auf das Vorliegen oder Fehlen von Wirksamkeitsnachweisen der verschiedenen Interventionen aufzeigt. Zum anderen zeigt sich durch ergänzende Kapitel zur Rolle des sozialen Kontextes in der Entwicklung ein systemisches Verständnis. So werden Unterstützungssysteme wie Frühförderung und Schule ebenso beleuchtet wie Herausforderungen und Bewältigungsstrategien für Familien. Ein kompakter Schnellzugriff auf ausgewählte Teilthemen ist anhand der Struktur des Buches ebenso möglich wie eine umfassende Lektüre des Werkes für eine detaillierte Auseinandersetzung mit der Entwicklungspsychologie im Kontext intellektueller Behinderung. Neben den theoretischen Darstellungen internationaler Erkenntnisse werden impulsartig damit verbundene Hinweise für die Praxis geboten, so beispielsweise zum Einsatz von Videoaufzeichnungen in der Diagnostik und Elternberatung (S. 251) oder auch in Form von Handlungsempfeh- VHN 3 | 2025 247 REZE NSION E N lungen im Zusammenhang mit eingeschränkten Gedächtnisleistungen (z. B. Anpassung von Informationsmenge und -darbietung, Vermittlung von Gedächtnisstrategien, Einsatz von computergestützten Programmen; S. 90f.). Ferner stellt der Autor ausgewählte Themenaspekte explizit zur Diskussion und lädt die Leser: innen dadurch zur kritischen Reflexion der Inhalte sowie der eigenen Position hierzu ein. Exemplarisch soll hier die diskursive Einordnung kritischer Stimmen zum Konzept des Verhaltensphänotyps bei genetischen Syndromen (S. 332) genannt werden oder das Aufgreifen von Interventionsansätzen unter Verweis auf vorhandene oder bislang eingeschränkte bzw. fehlende Wirksamkeitsnachweise (siehe z. B. die Rolle pharmakologischer Behandlungsansätze, S. 317). Sowohl durch die Praxisals auch die Diskussionsimpulse lassen sich somit u. a. gängige Vorbehalte oder Fehlannahmen aufgreifen und (empiriebasiert) einordnen. Sarimski liefert mit diesem Buch einen relevanten Beitrag, der sich insbesondere durch eine breite internationale Literaturbasis, klare Praxisbezüge eingebettet in fundierte und differenzierte theoretische Darstellungen und ein Augenmerk auf Evidenzbasierung auszeichnet. Die gelungene Balance zwischen Einführung in die Grundlagen und Vertiefung psychologischer Analysen und Interventionen macht das Buch zu einer wertvollen Ressource. Dr. Meike Engelhardt D-80939 München DOI 10.2378/ vhn2025.art20d Kuhn, Karolin; Renzikowski, Joachim; Schellhammer, Barbara (Hrsg.) (2024): Sexuelle Selbstbestimmung bei Menschen mit kognitiven Einschränkungen? Herausforderungen zwischen Ermöglichung und Schutz Baden-Baden: Nomos. 364 S., € 119,- Ein Buchtitel mit einem Fragezeichen macht immer neugierig. Geht es darum, dass sexuelle Selbstbestimmung für Menschen mit kognitiven Einschränkungen fragwürdig und in diesem Sinne undenkbar ist, oder steht die Frage gewissermaßen als Aufforderung, sich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen? Mit dem Untertitel wird die Zielrichtung bereits angegeben: es geht um Ermöglichung - gemeint ist, dass auch Menschen mit kognitiven Einschränkungen ein Recht haben auf selbstbestimmte Sexualität und dass es ihnen ermöglicht werden soll - und es geht um Schutz - gemeint ist, dass Menschen mit Beeinträchtigungen vor (sexuellen) Gewalterfahrungen geschützt werden, ebenso wie Betreuende bzw. Professionelle. Beteiligt an diesem Reader sind folglich zum einen Fachleute verschiedener Disziplinen, nämlich aus Philosophie, Recht und Pädagogik, und zum andern sollen die Stimmen Betroffener (gemeint sind hier Menschen mit Behinderungen) gehört werden. Insgesamt zehn kurze Fallvignetten beschreiben durch Interviews gewonnene Eindrücke dieser Stimmen; ihnen folgen jeweils zwei Beiträge, verfasst von 21 (professionellen) Autorinnen und Autoren zu verschiedenen Aspekten. Die in der Liste der „Herausgeber: innen und Autor: innen“ (S. 361ff.) angegebenen Adressen lassen Rückschlüsse auf deren fachliche bzw. disziplinäre Sichtweise zu. Der Reader stehtim Zusammenhang mit einem interdisziplinären, während zweier Jahre durchgeführten Forschungsprojekt. Dieses wurde mit einer inklusiven Abschlusstagung beendet, zu der ein filmischer Tagungsband hergestellt wurde, in den Einblick genommen werden kann (im letzten Beitrag sind Vimeo-Link und Passwort angegeben). Wie bei jedem Sammelband sind die Beiträge sehr unterschiedlich; sie werden hier nicht einzeln besprochen. Interessante Anregungen sind in diesem Buch zu finden, es stellen sich aber auch kritische Nachfragen verschiedenster Art. Die Thematik ist höchst relevant und brennend, aber sie ist nicht neu und wird schon seit Langem in der Sonderpädagogik diskutiert. Erstaunlich, dass die Pionierarbeit, die Aiha Zemp (1953 -2011) mit ihren bahnbrechenden Untersuchungen und den aus den erschütternden Ergebnissen gezogenen Konsequenzen für die Praxis in der Schweiz und in Österreich geleistet hat, überhaupt nicht zur Kenntnis genommen wurde.
