eJournals Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete94/3

Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/vhn2025.art21d
5_094_2025_3/5_094_2025_3.pdf71
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Rezension: Kuhn, Karolin/ Renzikowski, Joachim/Schellhammer, Barbara (Hrsg.) (2024): Sexuelle Selbstbestimmung bei Menschen mit kognitiven Einschränkungen? Herausforderungen zwischen Ermöglichung und

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Barbara Jeltsch-Schudel
Ein Buchtitel mit einem Fragezeichen macht immer neugierig. Geht es darum, dass sexuelle Selbstbestimmung für Menschen mit kognitiven Einschränkungen fragwürdig und in diesem Sinne undenkbar ist, oder steht die Frage gewissermaßen als Aufforderung, sich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen? Mit dem Untertitel wird die Zielrichtung bereits angegeben: es geht um Ermöglichung – gemeint ist, dass auch Menschen mit kognitiven Einschränkungen ein Recht haben auf selbstbestimmte Sexualität und dass es ihnen ermöglicht werden soll – und es geht um Schutz – gemeint ist, dass Menschen mit Beeinträchtigungen vor (sexuellen) Gewalterfahrungen geschützt werden, ebenso wie Betreuende bzw. Professionelle. Beteiligt an diesem Reader sind folglich zum einen Fachleute verschiedener Disziplinen, nämlich aus Philosophie, Recht und Pädagogik, und zum andern sollen die Stimmen Betroffener (gemeint sind hier Menschen mit Behinderungen) gehört werden.
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VHN 3 | 2025 247 REZE NSION E N lungen im Zusammenhang mit eingeschränkten Gedächtnisleistungen (z. B. Anpassung von Informationsmenge und -darbietung, Vermittlung von Gedächtnisstrategien, Einsatz von computergestützten Programmen; S. 90f.). Ferner stellt der Autor ausgewählte Themenaspekte explizit zur Diskussion und lädt die Leser: innen dadurch zur kritischen Reflexion der Inhalte sowie der eigenen Position hierzu ein. Exemplarisch soll hier die diskursive Einordnung kritischer Stimmen zum Konzept des Verhaltensphänotyps bei genetischen Syndromen (S. 332) genannt werden oder das Aufgreifen von Interventionsansätzen unter Verweis auf vorhandene oder bislang eingeschränkte bzw. fehlende Wirksamkeitsnachweise (siehe z. B. die Rolle pharmakologischer Behandlungsansätze, S. 317). Sowohl durch die Praxisals auch die Diskussionsimpulse lassen sich somit u. a. gängige Vorbehalte oder Fehlannahmen aufgreifen und (empiriebasiert) einordnen. Sarimski liefert mit diesem Buch einen relevanten Beitrag, der sich insbesondere durch eine breite internationale Literaturbasis, klare Praxisbezüge eingebettet in fundierte und differenzierte theoretische Darstellungen und ein Augenmerk auf Evidenzbasierung auszeichnet. Die gelungene Balance zwischen Einführung in die Grundlagen und Vertiefung psychologischer Analysen und Interventionen macht das Buch zu einer wertvollen Ressource. Dr. Meike Engelhardt D-80939 München DOI 10.2378/ vhn2025.art20d Kuhn, Karolin; Renzikowski, Joachim; Schellhammer, Barbara (Hrsg.) (2024): Sexuelle Selbstbestimmung bei Menschen mit kognitiven Einschränkungen? Herausforderungen zwischen Ermöglichung und Schutz Baden-Baden: Nomos. 364 S., € 119,- Ein Buchtitel mit einem Fragezeichen macht immer neugierig. Geht es darum, dass sexuelle Selbstbestimmung für Menschen mit kognitiven Einschränkungen fragwürdig und in diesem Sinne undenkbar ist, oder steht die Frage gewissermaßen als Aufforderung, sich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen? Mit dem Untertitel wird die Zielrichtung bereits angegeben: es geht um Ermöglichung - gemeint ist, dass auch Menschen mit kognitiven Einschränkungen ein Recht haben auf selbstbestimmte Sexualität und dass es ihnen ermöglicht werden soll - und es geht um Schutz - gemeint ist, dass Menschen mit Beeinträchtigungen vor (sexuellen) Gewalterfahrungen geschützt werden, ebenso wie Betreuende bzw. Professionelle. Beteiligt an diesem Reader sind folglich zum einen Fachleute verschiedener Disziplinen, nämlich aus Philosophie, Recht und Pädagogik, und zum andern sollen die Stimmen Betroffener (gemeint sind hier Menschen mit Behinderungen) gehört werden. Insgesamt zehn kurze Fallvignetten beschreiben durch Interviews gewonnene Eindrücke dieser Stimmen; ihnen folgen jeweils zwei Beiträge, verfasst von 21 (professionellen) Autorinnen und Autoren zu verschiedenen Aspekten. Die in der Liste der „Herausgeber: innen und Autor: innen“ (S. 361ff.) angegebenen Adressen lassen Rückschlüsse auf deren fachliche bzw. disziplinäre Sichtweise zu. Der Reader stehtim Zusammenhang mit einem interdisziplinären, während zweier Jahre durchgeführten Forschungsprojekt. Dieses wurde mit einer inklusiven Abschlusstagung beendet, zu der ein filmischer Tagungsband hergestellt wurde, in den Einblick genommen werden kann (im letzten Beitrag sind Vimeo-Link und Passwort angegeben). Wie bei jedem Sammelband sind die Beiträge sehr unterschiedlich; sie werden hier nicht einzeln besprochen. Interessante Anregungen sind in diesem Buch zu finden, es stellen sich aber auch kritische Nachfragen verschiedenster Art. Die Thematik ist höchst relevant und brennend, aber sie ist nicht neu und wird schon seit Langem in der Sonderpädagogik diskutiert. Erstaunlich, dass die Pionierarbeit, die Aiha Zemp (1953 -2011) mit ihren bahnbrechenden Untersuchungen und den aus den erschütternden Ergebnissen gezogenen Konsequenzen für die Praxis in der Schweiz und in Österreich geleistet hat, überhaupt nicht zur Kenntnis genommen wurde. VHN 3 | 2025 248 REZE NSION E N Auch die interdisziplinäre Verknüpfung von Themen, die sich in engerem oder weiterem Sinn mit kognitiven Einschränkungen, mit Behinderungserfahrungen, befassen, ist im Diskurs der Behinderten-/ Heil-/ Sonderpädagogik nicht neu. Bereits Heinrich Hanselmann, der erste Lehrstuhlinhaber in Europa, 1931 an der Universität Zürich, befasste sich mit Fragestellungen, die er interdisziplinär anging. Und der Diskurs wurde und wird weitergeführt, neue Publikationen verweisen darauf (exemplarisch: Dederich & Seitzer, 2024). Auch die Fokussierung auf das Thema Sexualität unter den Bedingungen von Behinderungen wird in der Fachliteratur - vor allem in disability und gender studies - mehrfach und vielfältig beleuchtet. Dass der Stimme von Menschen mit Behinderungen, auch mit kognitiven Einschränkungen, Gewicht beigemessen wird oder vielmehr, dass sie ein Recht haben, sich in Forschungsprojekte einzubringen, wurde nicht erst im Zuge der Umsetzung der UN-BRK realisiert. Auch hierzu finden sich verschiedene (sonderpädagogische) Studien (exemplarisch: Saskia Schuppener, in verschiedenen Publikationen). Bedauerlich ist, dass über das Forschungsprojekt, das offenbar den Anlass für den Reader gab, nirgends genaue Angaben zu finden sind. Dies besonders deshalb, weil in verschiedenen Beiträgen von empirischen Forschungsarbeiten die Rede ist, die sich bei genauerem Hinsehen als andere, eigene Projekte der jeweiligen Autorinnen und Autoren entpuppen, die offenbar auch zu dieser Thematik geforscht haben oder forschen. Der Buchaufbau, den Fallvignetten Beiträge folgen zu lassen, ist interessant. Nur ist der Rezensentin nicht immer klar, wie die Inhalte jeweils zusammenhängen. Leider ist nicht bekannt, wer die Fallvignetten verfasst hat. Sie zielen darauf, den Betroffenen eine Stimme zu geben. Weshalb enthalten dann die meisten mehr Information von involvierten Fachpersonen über die im Rahmen des Forschungsprojektes befragte Person mit kognitiven Einschränkungen als von ihr selbst? Und: Wie ernst wird sie genommen, wenn über sie etwa zu lesen ist: „Die Frau Ende sechzig, die kognitiv ziemlich schwach ist, antwortete…“ (S. 17)? Solche Ausrutscher (es ist nicht der einzige) sind deshalb so befremdlich, weil in einzelnen (Fach-)Beiträgen differenziert und respektvoll reflektiert und formuliert wird, in denen Lesende zum Nachdenken angeregt und nicht von solchen Widersprüchlichkeiten irritiert werden. Viele Fragen bleiben nach der Lektüre offen, vor allem darüber, wer überhaupt an dem den Anlass für diesen Reader gebenden Forschungsprojekt beteiligt gewesen ist, in welcher Form, und wie die empirischen Daten gewonnen wurden. Dazu finden sich im gedruckten Buch nur sehr unklare Angaben. Mehr Einblicke lassen sich über den Vimeo-Link nehmen. Allerdings erhält man weniger Klarheit über das Forschungsprojekt als aufschlussreiche inhaltliche Informationen und Eindrücke des Umgangs miteinander. Erst die eigene Recherche über die Internetseite von Barbara Schellhammer an der Hochschule für Philosophie München gibt einige Antworten auf jene offen gebliebenen Fragen, die es ermöglichen, aus empirischer Forschung gewonnene wissenschaftliche Erkenntnisse einzuordnen und nachzuvollziehen. Das Buch steht in Kontexten: eingebettet in die Zusammenarbeit dreier Einrichtungen, unter der Federführung der Hochschule für Philosophie München (IST, HFPH) mit dem Christlichen Sozialwerk Dresden (CSW) und dem Interdisziplinären Wissenschaftlichen Zentrum Medizin-Ethik-Recht der Universität Halle, welche empirische Forschung mit ihren Disziplinen verknüpfen wollten und verschiedene Tagungen organisierten (siehe dazu die Forschungsbeschreibung mit untenstehendem Link). Nicht alle Beiträge stehen in direktem Zusammenhang mit diesen empirischen Erhebungen. Vielmehr eröffnen sich durch die Anlage des Buches (und des Projekts) verschiedene Bereiche, Denkräume gewissermaßen, die die schwierige und komplexe Thematik von verschiedenen Seiten beleuchten, handelt es sich doch, so in der Einleitung festgehalten, um eine Balance zwischen Ermöglichung, was Freiheit, und Schutz, was Begrenzung bedeutet (S.13). So gibt es Beiträge, die wertvolle Informationen und Kenntnisse liefern, etwa zu juristischen Themen. Auch ethische Reflexionen, in größere Zusammenhänge gebracht, lesen sich mit Gewinn. Oder es VHN 3 | 2025 249 REZE NSION E N werden Fragestellungen erläutert, die Desiderata aufzeigen, die anzugehen zur Umsetzung der UN-BRK unumgänglich sind. Bilanzierend lässt sich festhalten, dass diese vielfältige Anlage (die man sich zwar erst erschließen muss) sehr interessant und in dieser Art kaum zu finden ist. Aus den verschiedenen Beiträgen lassen sich wertvolle Anregungen mitnehmen. Die Vielfalt des Buches und seiner Kontexte wird sicher auf Rezipierende stoßen, die - entsprechend ihren eigenen Interessen und Fragen - Inhalte finden, die ihnen Informationen geben, die sie nachdenken lassen, die ihnen Anstöße für die eigene Arbeit geben. Hinweise: https: / / hfph.de/ hochschule/ lehrende/ prof-dr-barbara-schellhammer/ forschung/ sebi Dederich, Markus; Seitzer, Philipp (2024): Erfahrung, Wissen, Handeln - Zur Grundlegung der Heil- und Sonderpädagogik. Weinheim: BELTZJuventa. Prof. tit. em. Dr. Barbara Jeltsch-Schudel CH-8400 Winterthur DOI 10.2378/ vhn2025.art21d Mürner, Christian (2022): N - Narrheit Hamburg: Textem Verlag. 176 Seiten, € 16,- Handlich und rostbraun ist das Buch, eher ein Büchlein, das sich bequem in die Tasche stecken lässt. Auf dem Buchdeckel steht „Narrheit“, prominent ist jedoch das Bild aus dem Figurenalphabet (Buchstabe n) von 1466. Dieses zeigt fünf Narren und eine Närrin, versehen mit den typischen Insignien wie Narrenkappen und Narrenstab, Schellen und Narrenschuhen, kriechend, kletternd, sich gegenseitig anfassend, ineinander verwickelt, in die Umrisse des Buchstabens n eingezeichnet. Bilder sind auch im Buch viele zu finden, Äquivalente, Illustrationen, Ergänzungen zu den Texten. Das Thema des Buches ist auf Seite 5 formuliert: „Die Narrheit und der Narr - Soziale Vermittlung des Ambivalenten“ und darunter das Bild einer zweizipfligen, mit Schellen versehenen Narrenkappe. Das Bilderbuchkonzept, das bereits Sebastian Brant 1494 für sein berühmtes „Narrenschiff“ verwendete, übernahm Christian Mürner für seine interessanten Fundstücke aus dem 15. und 16. Jahrhundert, mit denen er die vielgestaltige Figur des Narren nachzeichnet. Diese Fundstücke, akribisch recherchierte Beschreibungen von Narrheit und Narren, komplettiert von sorgfältig nachgewiesenem Text- und Bildmaterial, werden aneinandergereiht, immer wieder unterbrochen von eingeschobenen kurzen Texten. In diesen Texten schafft der Autor den Bezug zur Thematik, der den Anlass für das Buch gegeben haben mag, nämlich die Narrheit und die Figur des Narren (und weniger häufig der Närrin) in ihrer ambivalenten Wirkung und Bedeutung zu zeigen, zu interpretieren, zu reflektieren. Die deskriptive Darstellung von Büchern, Bildern und Portraits einzelner Narren zeigt eine große Vielfalt, die sich in verschiedene Typen einteilen lassen. Wirkungsorte (in Städten oder Dörfern, an Höfen von Fürsten, im kirchlich-religiösen Kontext), Rollen und Funktionen spielen dabei mit, ebenso Aussehen und Verhalten der Narren, das als ungewöhnlich, zugleich anziehend und abstoßend konnotiert wurde. Umgekehrt auf den Punkt gebracht: „Das Abenteuer der Ambivalenz zeichnet Narrheit sowie Narren aus“ (S. 169). Die Zeitspanne der vielfältigen Darstellungen der Narren ist nicht zufällig gewählt: „Narrheit und Narren lassen sich umschreiben als soziale Artistinnen und Aktivisten des Ambivalenten im Kontext inspirierender, populärer Erzählungen. Ihre europäische Hochsaison ist lokalisiert am Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit, doch ihre literarische Bedeutung und ihre reale Präsenz überdauerte, vor allem in der Fastnacht und der für sie bestimmten Jahreszeit“ (S. 163). Was Narrheit in der beginnenden Neuzeit ausmachte, ist auch heute noch bedeutsam: Erfahrungen von Ambivalenzen zu machen, die in den komplexen, unauflösbaren Problemen unserer Zeit unvermeidlich sind und zur differenzierten