eJournals Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete95/1

Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/vhn2026.art04d
5_095_2026_1/5_095_2026_1.pdf11
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Trend: Warum Implementationsforschung für die Sonderpädagogik vielversprechend ist

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2026
Susan C.A. Burkhardt
Die Heil- und Sonderpädagogik kann von evidenzbasierten Interventionen profitieren, es ist vielversprechend, Interventionen, deren Wirksamkeit nachgewiesen wurde, zu implementieren. Die Implementationsforschung hilft dabei, wirksame pädagogische Interventionen und (Präventions-)Programme in der Praxis zu verankern. Durch die gezielte Berücksichtigung von Implementie-rungsstrategien können Sonderpädagog:innen sicherstellen, dass die Bedürfnisse von Schüler:innen effektiv und effizient erfüllt werden. Dieser Beitrag stellt ein einflussreiches Rahmenmodell, den „Consolidated Framework for Implementation Research“ (CFIR 2.0), mit seinen fünf Domänen vor und geht anschließend auf 13 spezifische Indikatoren ein, mit denen sich der Implementationserfolg einer Intervention objektivieren lässt. Dieser wird dadurch besser planbar, steuerbar und optimierbar.
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50 VHN, 95. Jg., S. 50 -53 (2026) DOI 10.2378/ vhn2026.art04d © Ernst Reinhardt Verlag TRE ND Warum Implementationsforschung für die Sonderpädagogik vielversprechend ist Susan C. A. Burkhardt Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik, Zürich Zusammenfassung: Die Heil- und Sonderpädagogik kann von evidenzbasierten Interventionen profitieren; es ist vielversprechend, Interventionen, deren Wirksamkeit nachgewiesen wurde, zu implementieren. Die Implementationsforschung hilft dabei, wirksame pädagogische Interventionen und (Präventions-)Programme in der Praxis zu verankern. Durch die gezielte Berücksichtigung von Implementierungsstrategien können Sonderpädagog: innen sicherstellen, dass die Bedürfnisse von Schüler: innen effektiv und effizient erfüllt werden. Dieser Beitrag stellt ein einflussreiches Rahmenmodell, den „Consolidated Framework for Implementation Research“ (CFIR 2.0), mit seinen fünf Domänen vor und geht anschließend auf 13 spezifische Indikatoren ein, mit denen sich der Implementationserfolg einer Intervention objektivieren lässt. Dieser wird dadurch besser planbar, steuerbar und optimierbar. Schlüsselbegriffe: Evidenzbasierte Forschung, Wirksame Förderprogramme, Implementationsforschung, Implementation, Erfolgskriterien Why implementation research is promising for special needs education Summary: Special education can benefit from evidence-based interventions; it is promising to implement interventions whose effectiveness has been positively evaluated. Implementation research helps to anchor effective educational interventions and (prevention) programs in practice. By specifically considering implementation strategies, special educators can ensure that students’ needs are met effectively and efficiently. This article presents an influential framework model, the “Consolidated Framework for Implementation Research” (CFIR 2.0) with its five domains, and then discusses 13 specific indicators that can be used to objectify the implementation success of an intervention and thus make it easier to plan, control, and optimize it. Keywords: Evidence-based research, Effective support programs, Implementation research, Implementation, Criteria for success In der Heil- und Sonderpädagogik erfreuen sich pädagogisch-therapeutische Programme zunehmender Beliebtheit (z. B. Hövel, Hennemann & Rietz, 2019), Hennemann & Rietz, 2019). Mithilfe der Implementationsforschung kann die Sonderpädagogik effektive Wege identifizieren, um zu gewährleisten, dass die Bedürfnisse von Schüler: innen mit besonderen Bedürfnissen optimal erfüllt werden. Darüber hinaus können Hindernisse bei der Umsetzung identifiziert und Lösungen zu deren Überwindung entwickelt werden. Implementationsforschung kann so dazu beitragen, Kinder besser zu unterstützen. Im Bereich der pädagogischen und Sozialwissenschaften scheint die Implementationsforschung jedoch bisher wenig bekannt zu sein. Zur Überprüfung der Wirksamkeit von Interventionen werden v. a. randomisierte Kontrollstudien durchgeführt, die komplexe Wirkungszusammenhänge jedoch nur bedingt valide VHN 1 | 2026 51 SUSAN C. A. BURKHARDT Implementationsforschung für die Sonderpädagogik TRE ND abbilden können. Eine Ergänzung hierzu ist die Implementationsforschung (Fröhlich-Gildhoff & Rieke, 2020). Sie entwickelte sich ab den 1960er Jahren in der Sozialpolitik der USA (Petermann, 2014) und hat sich, nicht zuletzt durch die medizinische Versorgungsforschung, als eine eigene wissenschaftliche Disziplin etabliert und etliche Konzepte, Theorien, Leitfäden und Kriterienkataloge samt Operationalisierungshilfen hervorgebracht. Es existieren auch wissenschaftlich evaluierte, standardisierte Erhebungsinstrumente - bisher jedoch hauptsächlich auf Englisch. Im (sonder-)pädagogischen, psychologischen und v. a. deutschsprachigen Raum scheinen diese Errungenschaften und ihr Nutzen bislang noch kaum eine Rolle zu spielen, dabei hat Petermann bereits 2014 einen Vorstoß dazu gemacht (2014). Ein sehr weit verbreitetes und bewährtes Modell der Implementationsforschung ist z. B. der Consolidated Framework for Implementation Research 2.0 (CFIR 2.0) (Damschroder, Reardon, Widerquist & Lowery, 2022) mit seinen fünf Domänen 1. Interventionsmerkmale, 2. Äußerer Kontext, 3. Innerer Kontext, 4. Personenmerkmale und 5. Implementierungsprozess. Der CFIR 2.0 bietet mit seiner umfassenden Typologie, welche die Entwicklung und Überprüfung von Implementationstheorien in verschiedenen Kontexten fördert, einen konzeptuellen Rahmen, um sowohl die summativen als auch die formativen Implementationsergebnisse in spezifischen Settings zu evaluieren. So hilft der CFIR 2.0 der Forschung und der Praxis dabei, die Komplexität und die Herausforderungen zu verstehen, die mit der Umsetzung von Programmen, z. B. zur Förderung sozio-emotionaler Kompetenzen, verbunden sind. Darüber hinaus kann der CFIR 2.0 bei der Auswahl und Anwendung relevanter Theorien, Modelle und Rahmen helfen: Er bietet eine Taxonomie, die zwischen verschiedenen Kategorien von Theorien, Modellen und Rahmenwerken unterscheidet und so eine angemessene Auswahl und Anwendung von Ansätzen ermöglicht, die auf den spezifischen Kontext der Umsetzung von z. B. Präventions- und Interventionsprogrammen abgestimmt sind (Nilsen, 2015). Ein definierter Rahmen verringert die Gefahr, einige Aspekte überzubewerten und andere zu vernachlässigen oder ganz zu übersehen. Für die konkrete Bewertung eines Implementationserfolgs (oder -misserfolgs) werden die einzelnen Items auf den Domänen des CFIR 2.0 evaluiert. Bei jeder Intervention können sich die Domänen als unterschiedlich relevant herausstellen: Bei der Evaluation der Implementation eines Emotionscoaching-Kurses für Eltern und dessen Einfluss auf die kindlichen emotionalen Kompetenzen und die Beziehungsqualität in der Familie, Tuning in to Kids (Havighurst & Harley, 2007), haben sich z. B. in einer Studie in 17 Ländern auf fünf Kontinenten insbesondere der innere Kontext, spezifische Interventions- und Personenmerkmale als relevant herausgestellt (Burkhardt, Röösli & Bosshard, 2025; Burkhardt & Ülker, 2023). Der Implementationserfolg kann anhand von acht Kriterien beurteilt werden (Proctor et al., 2011): 1. Akzeptabilität (Acceptability), 2. Übernahme (Adoption), 3. Angemessenheit (Appropriateness), 4. Machbarkeit (Feasibility), 5. Durchführungstreue (Fidelity), 6. Kosten (Cost), 7. Durchdringung (Penetration) und 8. Nachhaltigkeit (Sustainability). Die acht Kriterien überschneiden sich teilweise und sind korreliert, doch ist über die genauen Zusammenhänge noch nicht viel bekannt, denn sie werden nur selten gemeinsam erhoben. VHN 1 | 2026 52 SUSAN C. A. BURKHARDT Implementationsforschung für die Sonderpädagogik TRE ND Implementationsstudien im psychologisch-pädagogischen Feld beleuchten bislang v. a. die Akzeptabilität, Machbarkeit oder Durchführungstreue einer Intervention (Olofsson, Skoog & Tillfors, 2016), weil sie zentral sind und recht einfach erfassbar scheinen, und sie tun dies rein deskriptiv. Dies ist ein wichtiger erster Schritt, doch würde das Bild umfassender sein, wenn noch weitere Erfolgskriterien berücksichtigt würden. Möglicherweise werden andere Kriterien bisher noch eher selten beforscht, weil sie noch zu wenig bekannt sind: Kosten (der Intervention und der Implementation), Nachhaltigkeit und Durchdringung werden noch nicht systematisch analysiert (Proctor et al., 2023), obwohl ihre Evaluation höchst relevant wäre. Die Qualität der Implementation ist nicht nur per se ein wichtiger Indikator für den Erfolg einer Intervention, sie kann auch beeinflussen, wie gut die Teilnehmenden z. B. neue Kompetenzen erwerben (Kolbræk Eikeland & Norebø Omre, 2021). Zusätzlich zu diesen Indikatoren, die sich in der Implementationsforschung etabliert haben, nennen einige Autor: innen noch weitere Implementationskriterien: 9. Merkmale der Einrichtung, in der eine Intervention implementiert werden soll, 10. Merkmale der involvierten Fachkräfte, 11. Rolle der Person und wahrgenommene Kompetenz der Durchführenden sowie 12. Politischer Rückhalt (Fröhlich-Gildhoff & Rieke, 2020) und schließlich 13. Zukunftsforschung, die künftige wichtige Themen identifiziert, um rechtzeitig darauf reagieren zu können (Kuske et al., 2024). Hier wird die konzeptuelle Überschneidung mit dem CFIR 2.0 v. a. im Bereich der Domäne Personenmerkmale deutlich. Alle Kriterien spielen in allen vier Phasen der Implementation (Exploration, Vorbereitung, Implementation und Verstetigung) eine Rolle, möglicherweise eine unterschiedlich große, je nach Phase (Proctor et al., 2023). In jeder Phase kann jede Domäne des CFIR 2.0 relevant sein - letztendlich kommt es auf die fragliche Intervention an. Es lohnt sich also in den meisten Fällen, sich Gedanken über Implementationsphasen, -kriterien und -domänen zu machen, will man nichts übersehen und die Implementation entsprechend erfolgreich gestalten, um der Intervention zu den bestmöglichen Ergebnissen zu verhelfen. Literatur Burkhardt, S. C. A., Röösli, P. & Bosshard, N. (2025). A Mixed-Methods Study on Practical Experiences in 17 Countries. In International Congress on Evidence-based Parenting. Verfügbar unter: https: / / i-ceps.pafra.org/ _files/ ugd/ be70f8_833 d0aca102f4c28b99909a844784b9c.pdf. Burkhardt, S. C. A. & Ülker, A. (2023). Barriers to and enablers of the delivery and implementation of Tuning in to Kids, an emotion-focused parenting program - An international mixed method survey of lessons learned worldwide. In EABCT Congress “CBT in a Changing World: Migration and Cultural Diversity”). Antalya: EABCT. https: / / doi.org/ 10.13140/ RG.2.2.16843.60963. Damschroder, L. J., Reardon, C.M., Widerquist, M.A.O. & Lowery, J. (2022). The updated Consolidated Framework for Implementation Research based on user feedback. Implementation Science, 17 (1), 75. https: / / doi.org/ 10.1186/ s13012-022-01245-0 Fröhlich-Gildhoff, K. & Rieke, H. (2020). Jenseits des Goldstandards - Methodische und methodologische Herausforderungen der Wirkungsforschung unter Praxisbedingungen. Forum Gemeindepsychologie, 25 (1). Verfügbar unter: http: / / www.gemeindepsychologie.de/ 184.html Havighurst, S. & Harley, A. (2007). Tuning in to Kids: Emotionally intelligent parenting: Program manual: The University of Melbourne. Hövel, D. C., Hennemann, T. & Rietz, C. (2019). Meta- Analyse programmatischer-präventiver Förderung der emotionalen und sozialen Entwicklung in der Primarstufe. Emotionale und Soziale Entwicklung (ESE) in der Pädagogik der Erziehungshilfe und bei Verhaltensstörungen, 1, 38 -55. https: / / doi.org/ 10.35468/ 5750-03 VHN 1 | 2026 53 SUSAN C. A. BURKHARDT Implementationsforschung für die Sonderpädagogik TRE ND Kolbræk Eikeland, P. & Norebø Omre, A. (2021). Predictors of the implementation of Tuning in to Kids in Norwegian Kindergartens. Verfügbar unter: https: / / www.duo.uio.no/ bitstream/ handle/ 108 52/ 87456/ 1/ Master-oppgave-Pia-Eikeland--1-- Riktig.pdf Kuske, S., Vondeberg, C., Minartz, P., Vöcking, M., Obert, L., Hemming, B. et al. (2024). Emotional and psychological safety in the context of digital transformation in healthcare: a mixedmethod strategic foresight study. BMJ Health & Care Informatics, 31, e101048. https: / / doi.org/ 10.1136/ bmjhci-2024-101048 Nilsen, P. (2015). Making sense of implementation theories, models and frameworks. Implementation Science, 10 (1), 53. https: / / doi.org/ 10.1186/ s13012-015-0242-0 Olofsson, V., Skoog, T. & Tillfors, M. (2016). Implementing group based parenting programs: A narrative review. Children and Youth Services Review, 69, 67 -81. https: / / doi.org/ 10.1016/ j. childyouth.2016.07.004 Petermann, F. (2014). Implementationsforschung: Grundbegriffe und Konzepte. Psychologische Rundschau, 65 (3), 122 -128. https: / / doi.org/ 10. 1026/ 0033-3042/ a000214 Proctor, E., Silmere, H., Raghavan, R., Hovwand, P., Aarons, G., Bunger, A. et al. (2011). Outcomes for Implementation Research: Conceptual Distinctions, Measurement Challenges, and Research Agenda. Administration and Policy in Mental Health and Mental Health Services Research, 38, 65 -76. https: / / doi.org/ 10.1007/ s10488-010-03 19-7 Proctor, E. K., Bunger, A. C., Lengnick-Hall, R., Gerke, D. R., Martin, J. K., Phillips, R. J. et al. (2023). Ten years of implementation outcomes research: a scoping review. Implementation Science, 18(1), 31. https: / / doi.org/ 10.1186/ s13012-023-01286-z Anschrift der Autorin Susan C. A. Burkhardt Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik, Zürich Institut für Verhalten, sozio-emotionale und psychomotorische Entwicklungsförderung Schaffhauserstr. 239 8050 Zürich E-Mail: anna.burkhardt@hfh.ch DANK AN DI E FACHGUTACHTE R : INN E N Dank an die Fachgutachter: innen Herausgeberschaft und Verlag danken folgenden Personen, die 2024/ 2025 als Begutachter: innen von Manuskripten für die VHN tätig waren: Prof. Dr. Menno Baumann, Oldenburg Prof. Dr. Stefania Calabrese, Luzern JProf. Dr. Wiebke Dannecker, Köln Prof. Dr. Friedrich Dieckmann, Münster Prof. Dr. Inci Dirim, Wien Prof. Dr. Michael Eckhart, Bern Dr. Boris Eckstein, Zürich Prof. Dr. Benedikt Hopmann, Siegen Prof. Dr. Nicole Kimmelmann, Nürnberg Prof. Dr. Heinz Kindler, Landau Prof. Dr. Janet Langer, Rostock Prof. Dr. Vera Moser, Frankfurt/ M. Dr. Christian Mürner, Hamburg Dr. Philipp Nicolay, Wuppertal Prof. Dr. Andreas Nießeler, Würzburg Prof. Dr. Sabine Reh, Berlin Dr. Marion Scherzinger, Bern Prof. Dr. Roland Stein, Würzburg Prof. Dr. Marie-Christine Vierbuchen, Flensburg Prof. Dr. Gudrun Wansing, Berlin