eJournals Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete95/1

Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/vhn2026.art05d
5_095_2026_1/5_095_2026_1.pdf11
2026
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Aktuelle Forschungsprojekte: Encourage - Die Bedeutung prosozialen Verhaltens für die Entwicklung von Kindern in inklusiven Schulklassen

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2026
Gina Nenniger
Christoph Müller
In der Studie encourage wird untersucht, inwiefern das Zeigen und Empfangen prosozialen Verhaltens innerhalb inklusiver Schulklassen die Entwicklung der sozialen und akademischen Kompetenzen von Kindern beeinflussen. Prosoziales Verhalten wird hierbei als Helfen, Teilen und Ermutigen/Trösten verstanden (Dunfield, 2014). Die Frage des Einflusses prosozialen Verhaltens auf die individuelle Entwicklung ist dabei grundsätzlich für alle Kinder relevant. Von besonderer Bedeutung könnte sie aber für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf (SPF) sein, welche in inklusiven Klassen zwar akademisch profitieren (für eine Übersicht s. Bless, 2017), oft aber ein erhöhtes soziales Ausschlussrisiko unter ihren Peers haben (für eine Übersicht s. Krull et al., 2018).
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VHN 1 | 2026 56 AK TU E LL E FORSCHUNGSPROJ E K TE Encourage - Die Bedeutung prosozialen Verhaltens für die Entwicklung von Kindern in inklusiven Schulklassen Encourage - Importance of prosocial behaviour for the development of children in inclusive classrooms Gina Nenniger, Christoph Müller Universität Freiburg/ Schweiz In der Studie encourage wird untersucht, inwiefern das Zeigen und Empfangen prosozialen Verhaltens innerhalb inklusiver Schulklassen die Entwicklung der sozialen und akademischen Kompetenzen von Kindern beeinflussen. Prosoziales Verhalten wird hierbei als Helfen, Teilen und Ermutigen/ Trösten verstanden (Dunfield, 2014). Die Frage des Einflusses prosozialen Verhaltens auf die individuelle Entwicklung ist dabei grundsätzlich für alle Kinder relevant. Von besonderer Bedeutung könnte sie aber für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf (SPF) sein, welche in inklusiven Klassen zwar akademisch profitieren (für eine Übersicht s. Bless, 2017), oft aber ein erhöhtes soziales Ausschlussrisiko unter ihren Peers haben (für eine Übersicht s. Krull et al., 2018). Eine Ablehnung durch die Peers könnte zu weniger Zugang zu Situationen führen, in denen Schülerinnen und Schüler von ihren Klassenkameradinnen und -kameraden profitieren (z. B. durch positiven Peereinfluss). Wenn Kinder beispielsweise nicht zu freiwilligen Lerngruppen eingeladen werden oder nicht Teil von sozialen Aktivitäten der Klassenkameradinnen und -kameraden sind, können wichtige Möglichkeiten des Lernens, beispielsweise durch soziale Modellierung, verpasst werden. Die grundsätzliche These innerhalb dieses Forschungsprojekts ist deshalb, dass die soziale Teilhabe aller in inklusiven Klassen erheblich davon abhängt, inwiefern die Peers bereit sind, mit einem „prosozialen Schritt“ auf sozial abgelehnte Kinder zuzugehen und ihnen somit Zugang zu wichtigen Lerngelegenheiten zu gewähren. Während dies intuitiv plausibel erscheint, bleibt die Thematik komplex, denn die Prosozialitätsforschung zeigt, dass der Empfang von Hilfe nicht nur positiv wirken kann, sondern je nach Form auch zu sozialen Abhängigkeiten und geringem Selbstwirksamkeitsempfinden bei den Hilfeempfangenden beitragen kann (Halabi & Nadler, 2009; Nadler, 2015). Angesichts dieser Zweischneidigkeit prosozialen Verhaltens und dem gleichzeitigen Mangel an verlässlichen Forschungserkenntnissen zu dieser Thematik im Schulkontext sowie mit Blick auf Kinder mit SPF, wird in dem Projekt encourage angestrebt, hierzu sowohl theoretisch als auch schulpraktisch relevantes Wissen zu generieren. Spezifisch wird erstens untersucht, welche Formen prosozialen Verhaltens Kinder von ihren Klassenkameradinnen und -kameraden in welchem Ausmaß gezeigt und empfangen werden und durch welche Prozesse dies ggf. ihre soziale und akademische Entwicklung beeinflusst. Zweitens wird betrachtet, welche individuellen und kontextuellen Faktoren Lernende dazu bewegen, ihren Klassenkameradinnen und -kameraden (und dabei insbesondere sozial abgelehnten Kindern) prosoziales Verhalten zu zeigen. Hierbei werden auch individuelle Handlungsgründe von Kindern eruiert. Die genannten Themen werden sowohl grundlegend für die gesamte Schülerschaft als auch mit spezifischem Fokus auf Kinder mit SPF untersucht. Zur Beantwortung der Forschungsfragen wird in dem Projekt encourage eine Längsschnitterhebung mit zwei Messzeitpunkten pro Schuljahr in inklusiven Regelschulklassen (5. und 6. Klassen) des deutschsprachigen Teils des Kantons Freiburg in der Schweiz durchgeführt (geplantes n = 1000 Lernende). Die Häufigkeiten und Formen prosozialen Verhaltens sowie zentrale individuelle und kontextuelle Faktoren werden dabei multiperspektivisch (Auskünfte der Lehrpersonen, der Kinder selbst und der Peers) durch Ratingskalen, Peernominationen, Vignetten und Performanztests erfasst. Kurzfristige Effekte prosozialen Verhaltens werden ergänzend mithilfe der Erlebnisstichproben-Methode (ESM) direkt im Schulalltag erhoben. An dieser intensiv-longitudinalen Studie mit 15 sehr kurzen Erhebungen über eine Schulwoche wird eine Teilstichprobe von voraussichtlich 200 Lernenden teilnehmen. Die Verknüpfung von Daten zu längerfristigen Entwicklungen mit jenen zu kurzfristigem, situationsnahem Schülererleben wird es erlauben, die Bedingungen für eine günstige Entwicklung und Teilhabe aller Kinder in der Schulklasse besser zu verstehen. VHN 1 | 2026 57 AK TU E LL E FORSCHUNGSPROJ E K TE Die Ergebnisse lassen neben Antworten auf offene theoretische Fragen praxisrelevante Perspektiven für die Verbesserung der Situation sozial abgelehnter Kinder, insbesondere jener mit SPF, erwarten. So werden sich beispielsweise Risikogruppen identifizieren lassen, die von ihren Peers besonders wenig oder ungünstiges prosoziales Verhalten empfangen. Weiter ist das Ziel, Lehrpersonen Empfehlungen geben zu können, wie sie Kinder dabei unterstützen können, anderen auf angemessene Weise förderliches, prosoziales Verhalten zu zeigen. Das Forschungsprojekt encourage wird am Departement für Sonderpädagogik der Universität Freiburg/ Schweiz durchgeführt und durch den Schweizerischen Nationalfonds (SNF-215349) mit 730’262 Fr. finanziert. Die Studienlaufzeit umfasst 3.5 Jahre (1. 8. 2024 - 31. 1. 2028). Das Projekt wird unter Verantwortung von Prof. Dr. Christoph Müller von Dr. Gina Nenniger (Projektleitung) sowie Ilaria Gini und Noemi Brügger (Doktorierende) durchgeführt. Es besteht dabei eine enge Zusammenarbeit mit den Freiburger Bildungsbehörden (Amt für deutschsprachigen obligatorischen Unterricht und Amt für Sonderpädagogik) und Schulen. Die wissenschaftlichen Projektpartnerinnen und -partner sind Prof. Dr. Antonius Cillessen (Radboud University/ Niederlande), Prof. Dr. Luciano Gasser (PHBern/ Schweiz), Prof. Dr. Christian Huber (Bergische Universität Wuppertal/ Deutschland) und Prof. Dr. Carmen Zurbriggen (Universität Freiburg/ Schweiz). Förderung: Schweizerischer Nationalfonds (SNF) Laufzeit: 1. 8. 2024 - 31. 1. 2028 Kontakt: Dr. Gina Nenniger, Universität Freiburg/ Schweiz, E-Mail: gina.nenniger@unifr.ch; Prof. Dr. Christoph Müller, Universität Freiburg/ Schweiz, E-Mail: christoph.mueller2@unifr.ch DOI 10.2378/ vhn2026.art05d VORSCHAU Vorschau auf die kommenden Hefte Gutes Leben im Alter: Zur Lebenssituation von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen im Alter in der Schweiz Natalie Zambrino, Judith Adler, Elisa Fiala, Regula Blaser, Anita Schürch, Matthias von Bergen Teilhabebarrieren im Kontext von Freizeit und (‚geistiger‘) Behinderung - Perspektiven im Zehnjahres-Vergleich Hendrik Trescher, Sonja Weidmann, Peter Nothbaum