Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/vhn2026.art08d
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Fachbeitrag: Gutes Leben im Alter: Zur Lebenssituation von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen im Alter in der Schweiz
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Natalie Zambrino
Judith Adler
Elisa Fiala
Regula Blaser
Pascale Keller
Anita Schürch
Matthias von Bergen
Die Lebenserwartung von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen unterscheidet sich heute kaum noch von der durchschnittlichen Lebenserwartung, wodurch eine aktive und selbstbestimmte Gestaltung der Lebensphase Alter von zentraler Bedeutung ist. Gleichzeitig begegnet die Zielgruppe bei der gesellschaftlichen Teilhabe im Alter diversen Hürden. Dieser Artikel bietet eine Übersicht über die zentralen Erkenntnisse eines Forschungsprojekts, das sich mit der Lebenssituation von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen im Alter in der Schweiz beschäftigt. Entlang der Handlungsfelder Wohnen, Freizeitgestaltung, Gesundheit, Bildung, Einsamkeit und Umgang mit Sterben und Tod werden zentrale Herausforderungen aus der themenspezifischen Literatur sowie den im Projekt erhobenen Perspektiven der Erfahrungs- und Fachexpert:innen präsentiert und diskutiert. Die drei Perspektiven weisen einen hohen inhaltlichen Übereinstimmungsgrad auf und fordern in sämtlichen Handlungsfeldern mehr Möglichkeiten zur selbstbestimmten Lebensgestaltung für die Zielgruppe sowie bedürfnisgerechte Unterstützung.
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93 VHN, 95. Jg., S. 93 -107 (2026) DOI 10.2378/ vhn2026.art08d © Ernst Reinhardt Verlag FACH B E ITR AG Gutes Leben im Alter: Zur Lebenssituation von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen im Alter in der Schweiz Natalie Zambrino 1 , Judith Adler 1 , Elisa Fiala 1 , Regula Blaser 2 , Pascale Keller 2 , Anita Schürch 2 , Matthias von Bergen 2 1 Hochschule Luzern 2 Berner Fachhochschule Zusammenfassung: Die Lebenserwartung von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen unterscheidet sich heute kaum noch von der durchschnittlichen Lebenserwartung, wodurch eine aktive und selbstbestimmte Gestaltung der Lebensphase Alter von zentraler Bedeutung ist. Gleichzeitig begegnet die Zielgruppe bei der gesellschaftlichen Teilhabe im Alter diversen Hürden. Dieser Artikel bietet eine Übersicht über die zentralen Erkenntnisse eines Forschungsprojekts, das sich mit der Lebenssituation von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen im Alter in der Schweiz beschäftigt. Entlang der Handlungsfelder Wohnen, Freizeitgestaltung, Gesundheit, Bildung, Einsamkeit und Umgang mit Sterben und Tod werden zentrale Herausforderungen aus der themenspezifischen Literatur sowie den im Projekt erhobenen Perspektiven der Erfahrungs- und Fachexpert: innen präsentiert und diskutiert. Die drei Perspektiven weisen einen hohen inhaltlichen Übereinstimmungsgrad auf und fordern in sämtlichen Handlungsfeldern mehr Möglichkeiten zur selbstbestimmten Lebensgestaltung für die Zielgruppe sowie bedürfnisgerechte Unterstützung. Schlüsselbegriffe: Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen, Alter, Selbstbestimmung, Schweiz, Behinderung Living a good life while ageing: On the situation of people with intellectual and developmental disabilities and higher age in Switzerland Summary: Today, the life expectancy of people with intellectual and/ or developmental disabilities hardly differs from the average life expectancy, which puts central relevance to the active and self-determined organisation of the later stages of life. At the same time, the target group faces various obstacles when it comes to social participation in older age. This article provides an overview of the key findings of a research project focussing on the living situation of people with intellectual and/ or developmental disabilities in older age in Switzerland. Key challenges from the topic-specific literature and the perspectives of the experts by personal experience and of professionals in the field are presented and discussed along the themes of housing, leisure activities, health, education and loneliness/ dealing with dying and death. The three perspectives show a high degree of agreement in terms of content and call for more opportunities for the target group to self-determinedly shape their own lives in older ages and for needs-based support in all themes. Keywords: Intellectual disabilities, developmental disabilities, age, ageing, Switzerland VHN 2 | 2026 94 NATALIE ZAMBRINO ET AL. Gutes Leben im Alter FACH B E ITR AG 1 Ausgangslage Die Lebenserwartung von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen hat sich aufgrund einer verbesserten medizinischen Versorgung der durchschnittlichen Lebenserwartung weitgehend angenähert (Lindmeier, 2013). Menschen mit Beeinträchtigungen werden immer älter und machen somit größere Anteile der jeweiligen Bevölkerungssubgruppen aus. Damit einhergehend gewinnt die aktive Gestaltung der eigenen Lebensphase Alter auch für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen immer mehr an Bedeutung. Gleichzeitig stellen sich der Personengruppe in diesem Prozess verschiedene Entwicklungsaufgaben (Schäfers et al., 2010). Eine besonders bedeutsame Entwicklungsaufgabe im Alter ist die Auseinandersetzung mit dem eigenen Älterwerden und der Lebensphase Alter sowie das Treffen von Entscheidungen, die ein den eigenen Bedürfnissen entsprechendes Leben im Alter ermöglichen. Dabei muss beachtet werden, dass auch im Alter die Lebensbedingungen, die den Bedürfnissen der Menschen mit Beeinträchtigungen entsprechen, kompetenzfördernd und zufriedenheitsstiftend wirken können, wie z. B. kleinere und individuellere Wohnsettings (Seifert, 2009). Vor dem Hintergrund, dass noch immer zwei Drittel der Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen in der Schweiz in einem institutionellen Lebensumfeld leben (Fritschi et al., 2019) und mit steigendem Alter von tendenziell höheren Anteilen auszugehen ist, können die Lebensumstände begrenzend für die selbstbestimmte und bedürfnisorientierte Lebensgestaltung wirken. Im Jahr 2014 ratifizierte die Schweiz die UN- Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) und verpflichtete sich dadurch zu einer gleichberechtigten Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigungen in allen gesellschaftlichen Bereichen. Hierzulande sind die darin formulierten Forderungen in vielen Bereichen noch nicht erfüllt, unter anderem gilt dies insbesondere auch für älter werdende Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen (Hess-Klein & Scheibler, 2022). Gerade diese Personengruppe ist besonders hohen Exklusionsrisiken in unterschiedlichen Lebensbereichen wie beispielsweise der Gesundheit, der Bildung, der Freizeitgestaltung, sozialen Kontakten oder der Mobilität ausgesetzt. Auch wenn weite Bereiche des Alterungsprozesses von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen insgesamt mit dem der Gesamtbevölkerung vergleichbar sind, ist diese Personengruppe von positiven gesellschaftlichen Bildern des Alters - wie dem gesellschaftlich konstruierten Idealbild des aktiven, gesunden Alters - weit entfernt (Stöppler, 2015). Ein interdisziplinäres Forschungsteam mit Expertise in den Bereichen Menschen mit Beeinträchtigungen und Alter der Hochschule Luzern - Soziale Arbeit und der Berner Fachhochschule nahm dies zum Ausgangspunkt für die erfolgreiche Durchführung des Forschungsprojekts „Alter und Behinderung: Vorstudie zur Lebenssituation von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen“ (2023 - 2024). Im Rahmen dieses Projekts wurden eine Literaturrecherche sowie eine qualitativ-explorative Datenerhebung sowohl unter Miteinbezug von Personen mit kognitiven Beeinträchtigungen als auch Fachexpert: innen durchgeführt. Dies mit dem Ziel, Themenfelder mit Handlungsbedarf im Bereich Beeinträchtigung und Alter zu definieren. Es konnten zahlreiche Themenfelder eruiert werden, die in einem komplexen Zusammenspiel aufeinander einwirken und die sowohl aus der Perspektive der Erfahrungsexpert: innen als auch der Fachexpert: innen relevant sind. Dieser Artikel gibt einen Überblick über die Projektergebnisse entlang der fünf als prioritär beurteilten Themenfelder. 2 Methoden Das diesem Artikel zugrunde liegende Projekt hatte einen explorativen Charakter und den Umfang eines Vorprojekts. Die Zusammensetzung des Projektteams erlaubte eine inter- VHN 2 | 2026 95 NATALIE ZAMBRINO ET AL. Gutes Leben im Alter FACH B E ITR AG und transdisziplinäre Herangehensweise und somit eine Kombination der fachlichen Expertise in den zentralen Themen ,Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen‘ und partizipative Methoden sowie ,Menschen im höheren Alter‘. Das eineinhalbjährige Projekt umfasste drei Phasen und wurde zwischen Anfang 2023 und Mitte 2024 durchgeführt. In der ersten Projektphase wurde eine thematisch breit angelegte Literaturrecherche zum Thema ,Lebenssituation von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen im Alter‘ durchgeführt. Dafür wurden diverse Datenbanken aus den Feldern (Sozial-)Pädagogik, Sozialwissenschaften, Medizin, Psychologie und Recht genutzt. Gesucht wurde anhand thematisch relevanter Suchbegriffe nach deutsch- und englischsprachigen Veröffentlichungen aus den vergangenen zehn Jahren. Im Rahmen der Literatursuche wurde mit den Booleschen Operatoren ,AND‘ und ,OR‘ gearbeitet. Mittels Titel- und Abstractscreening wurden thematisch potenziell passende Beiträge ausgewählt. Bei thematisch besonders interessanten Beiträgen wurden die Literaturverzeichnisse nach weiteren passenden Publikationen durchsucht. Im Prozess der Analyse wurden die relevanten Informationen aus den gefundenen Publikationen extrahiert und übergreifend zusammengefasst. Zusätzlich wurde auf ausgewählte, dem Projektteam bereits zur Verfügung stehende Publikationen, die älter als die in der Literatursuche berücksichtigten zehn Jahre waren, zurückgegriffen, die sich durch eine besonders hohe inhaltliche Relevanz auszeichnen. Die Ziele dieser Projektphase, einen themenspezifisch relevanten Literaturkorpus zu erstellen, eine Übersicht über den aktuellen Forschungsstand zu erhalten und schließlich Forschungslücken und Felder mit Handlungsbedarf im Hinblick auf ein potenzielles Folgeprojekt zu identifizieren, wurden damit erfüllt. Im Kapitel 3 lässt sich unter anderem eine Zusammenfassung der gefundenen Inhalte finden. In der zweiten Projektphase wurden zwei Fokusgruppen organisiert und durchgeführt. Beide Fokusgruppen wurden mit einem eigens dafür entwickelten semi-standardisierten Leitfaden, der sich an den Forschungsfragen orientiert, durch Vertretende des Forschungsteams geleitet. Entsprechend der Forschungsfragen wurde beispielsweise nach (erwarteten) Veränderungen im Alltag im höheren Alter, nach erfreulichen Aspekten und Herausforderungen, die das Älterwerden mit sich bringt, sowie nach erhaltener und gewünschter Unterstützung gefragt. Abschließend wurden für ein weiteres Forschungsprojekt relevante Themen besprochen sowie eine Priorisierung dieser vorgenommen. Abschließend wurden die für ein Folgeprojekt relevanten Themen gemeinsam identifiziert und nach ihrer Priorität geordnet. Die Fragen zielten in definierte Richtungen ab, waren allerdings bewusst offen formuliert, um dem explorativen Vorgehen zu entsprechen. Bei den Fokusgruppen übernahm jeweils eine Person die Gesprächsleitung und die weiteren Personen hielten Notizen fest. Beide Fokusgruppen wurden mit einem Aufnahmegerät aufgezeichnet und die Gesprächsinhalte im Anschluss protokollarisch schriftlich festgehalten. Die Analyse erfolgte in Anlehnung an die inhaltlich zusammenfassende qualitative Inhaltsanalyse (Kuckartz, 2018), indem relevante Themengebiete und Handlungsfelder und damit zusammenhängende Aspekte identifiziert und verdichtet zusammengefasst wurden. In einer Fokusgruppe wurden - aufgrund der spezifischen Bedürfnisse der Teilnehmenden mit kognitiven Beeinträchtigungen - zahlreiche gestalterische Elemente eingebaut, mit Bildern abstrakte Inhalte begreifbar gemacht und dadurch eine größtmögliche Annäherung an das Erleben der Teilnehmenden versucht. So wurden sie beispielsweise aufgefordert, auf einem vorbereiteten Zeitstrahl thematisch relevante Veränderungen in ihrem Alltag dem jeweiligen Lebensalter grafisch VHN 2 | 2026 96 NATALIE ZAMBRINO ET AL. Gutes Leben im Alter FACH B E ITR AG zuzuordnen. Dies stellte eine passende Gesprächsgrundlage dar. Zudem kamen Piktogramme zum Einsatz, um schwer fassbare Themen wie Wünsche oder erhaltene Unterstützung leichter zugänglich zu machen. Zudem wurden die Fragen trotz ihres offenen Charakters so konkret wie möglich, z. B. anhand von Beispielen, aufgezeigt, um die Nachvollziehbarkeit für die Teilnehmenden sicherzustellen. An einer Fokusgruppe nahmen Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen (Expert: innen aus Erfahrung) teil, die sich mit dem Thema Alter bereits auseinandergesetzt hatten und von eigenen Erfahrungen berichteten. Die Teilnehmenden wurden durch die aktive Kontaktaufnahme mit Organisationen von Selbstvertreter: innen rekrutiert. Inhaltlich drehte sich diese Gruppendiskussion um die persönlich gemachten Erfahrungen als Person mit kognitiven Beeinträchtigungen im oder in Vorbereitung auf das Alter. Es sollten Themen identifiziert werden, die für die Teilnehmenden in Bezug auf das Alter(n) aktuell und relevant sind und bei denen ein Handlungsbedarf besteht. An dieser Fokusgruppe nahmen vier Personen mit einer kognitiven Beeinträchtigung und/ oder Mehrfachbeeinträchtigung teil. Es handelte sich um drei Männer und eine Frau, die zum Zeitpunkt der Fokusgruppe zwischen 37 und 57 Jahre alt waren. Neben dem Interesse am Thema Alter vereinte sie alle ihr bestehendes Engagement für die Anliegen von Menschen mit Beeinträchtigungen. Die teilnehmenden Personen lebten teilweise alleine, mit einem: r Partner: in oder in einer Wohngruppe einer Einrichtung der Behindertenhilfe. An der anderen Fokusgruppe nahmen Fachexpert: innen teil, die sich in ihrer beruflichen Praxis mit dem Thema ,Alter(n)‘ bei Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen auseinandersetzen. Die Teilnehmenden waren Vertretende der führenden Branchenverbände und Vereinigungen aus dem Schweizer Behindertenwesen, Personen in leitenden Funktionen von Einrichtungen der Behindertenhilfe sowie in der Begleitung tätige Sozialpädagog: innen. Eine Person beschäftigte sich aus der wissenschaftlichen Perspektive mit der Zielgruppe. Die Teilnehmenden wurden durch die aktive Kontaktaufnahme mit den betreffenden Organisationen und Institutionen rekrutiert. Inhaltlich befasste sich diese Gruppendiskussion ebenfalls mit den aus der Sicht der Teilnehmenden relevanten Themen in Bezug auf das Alter(n) von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen und möglichen Handlungsfeldern mit Optimierungspotenzial, die im Rahmen eines Folgeprojekts angegangen werden könnten. An der Fokusgruppe nahmen acht Personen teil, die unterschiedliche Perspektiven auf das Thema vereinen: drei Personen aus Vereinigungen im Behindertenbereich, vier aus Wohninstitutionen und eine Vertretung einer Fachhochschule. Es handelte sich um drei Frauen und fünf Männer. Als letzter Analyseschritt wurden die in den zwei Fokusgruppen identifizierten relevanten Themen und ungedeckten Bedarfe in Bezug auf das Altern bei Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen miteinander verglichen und Überschneidungen sowie Divergenzen festgehalten. An einem gemeinsamen Workshop des Projektteams wurden die Ergebnisse diskutiert und die drängendsten Handlungsfelder festgelegt, die in einem Folgeprojekt fokussiert werden sollen. Das Folgekapitel gibt einen Überblick über die identifizierten fünf Handlungsfelder. Während der dritten Projektphase wurde ein Antrag für die Drittmittelakquise für ein umfangreicheres Folgeprojekt erarbeitet. Da diese keine inhaltliche Relevanz für den vorliegenden Artikel darstellt, wird diese im Folgenden ausgeklammert. VHN 2 | 2026 97 NATALIE ZAMBRINO ET AL. Gutes Leben im Alter FACH B E ITR AG 3 Ergebnisse Im Folgenden werden die Ergebnisse aus Literaturreche und qualitativ-explorativer Erhebung entlang der eruierten Handlungsfelder präsentiert. In beiden durchgeführten Fokusgruppen wurden Themenfelder mit Handlungsbedarf für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen im Alter eruiert. In der Fokusgruppe der Fachexpert: innen konnten sieben Themenfelder festgehalten werden, in derjenigen der Expert: innen aus eigener Erfahrung waren es neun. Im Folgenden werden die Resultate aus beiden Fokusgruppen entlang der sechs Themenfelder aufgezeigt, die in beiden Diskussionen übereinstimmend genannt wurden und im Projekt priorisiert behandelt wurden. Eine Ausnahme bildet das Themenfeld ‚Einsamkeit‘, welches nur in der Fokusgruppe der Expert: innen aus Erfahrung genannt wurde, das allerdings Überschneidungen mit dem Themenfeld ‚Umgang mit Sterben und Tod‘ der Fachexpert: innen zeigt. Da diese beiden Themenfelder erst im Zuge der fortgeschrittenen Datenanalyse voneinander getrennt wurden und inhaltlich enge Verbindungen aufweisen, wird ‚Einsamkeit‘ ebenfalls im Artikel berücksichtigt. Die sechs Themenfelder sind ,Wohnen‘, ,Alltagsgestaltung und Freizeit‘, ,Gesundheit‘, ,Bildung‘ sowie ,Einsamkeit‘ und ,Umgang mit Sterben und Tod‘. Pro Handlungsfeld werden jeweils zuerst die Ergebnisse aus der Literatur und anschließend die Perspektiven der Erfahrungsexpert: innen und der Fachexpert: innen wiedergegeben. 3.1 Wohnen Das folgende Unterkapitel gibt einen Überblick über relevante Aspekte aus der Literatur und der qualitativen Erhebung zum Themenfeld ,Wohnen im Alter‘. 3.1.1 Wohnen: Erkenntnisse aus der Literatur In der Schweiz leben zwei Drittel der Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen in institutionellen Wohnsettings (Fritschi et al., 2019). In Deutschland lebt die Mehrheit der älteren Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen in größeren institutionellen Wohnsettings (Thimm, Dieckmann & Hassler, 2019). Für die Schweiz ist trotz fehlender spezifizierter Daten von einer vergleichbaren Situation auszugehen. Dies lässt sich damit begründen, dass mit zunehmendem Alter und damit tendenziell steigendem Unterstützungsbedarf die Inanspruchnahme institutioneller Angebote wahrscheinlicher wird und bereits ein hoher Anteil der Zielgruppe in institutionellen Wohnsettings lebt, wie zuvor aufgezeigt. Eine weitere Studie aus Deutschland zeigt, dass differenzierte Möglichkeiten des unterstützten Wohnens im Alter den Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen im Vergleich zu alten Menschen ohne Beeinträchtigung weniger offenstehen (Kolhoff, 2016). Insbesondere kann ein mit fortschreitendem Alter zunehmender Pflegebedarf nicht von allen Institutionen abgedeckt werden (Wicki, 2017; Stöppler, 2015). In Einrichtungen der Behindertenhilfe konnte fehlendes gerontologisches Fachwissen festgestellt werden (Schäper et al., 2010). Zudem ist das Angebot an ambulanter Unterstützung für diese Personengruppe stark begrenzt (ebd.). Diese Umstände legen in vielen Fällen einen Wechsel in eine Alters- und Pflegeinstitution nahe. Unter diesen Bedingungen sind selbstbestimmte Entscheidungen über die persönliche Lebensumgebung, insbesondere der Wunsch nach einem Verbleib in der bisherigen Umgebung, aufgrund äußerer einschränkender Umstände nur begrenzt möglich, sollten aber dringend gefördert werden (Stöppler, 2015; Haveman & Stöppler, 2010). Denn der Verlust des vertrauten Umfeldes, welcher oftmals mit einem Abbruch vertrauensvoller Beziehungen einhergeht, kann für die VHN 2 | 2026 98 NATALIE ZAMBRINO ET AL. Gutes Leben im Alter FACH B E ITR AG betroffenen Personen eine Belastung darstellen (Ziegler, 2017) und ein aufgrund der Beeinträchtigung ohnehin kleines soziales Netz weiter verkleinern (Stöppler, 2015). Übergänge in Einrichtungen wie Pflegeheime oder Einrichtungen der Behindertenhilfe erfolgen meist ungeplant aufgrund eines plötzlichen Ereignisses (Schäper et al., 2010) oder dem altersbedingten Wegfall familiärer Unterstützung und stellen dadurch ebenfalls einen Entscheid dar, der von außen gefällt wird. 3.1.2 Wohnen aus der Perspektive der Erfahrungsexpert: innen Beim Thema ,Wohnen‘ wünschen sich die Erfahrungsexpert: innen in erster Linie ein selbstbestimmtes Leben im Alter und sie möchten über ihre Wohnsituation selbst entscheiden können. In diesem Zusammenhang drängte sich die Frage auf, ob ein Verbleib in der aktuellen Wohnsituation - ob in der eigenen Wohnung oder in einer institutionellen Wohnform - auch im Alter möglich ist. Der Wunsch der Erfahrungsexpert: innen ist es, im Alter möglichst lange in der aktuellen Wohnsituation bleiben zu können. Die präferierten Wohnsituationen im Alter waren divers: alleine in der eigenen Wohnung mit Unterstützung, gemeinsam mit dem: r Partner: in, in einer Wohngruppe einer Institution. Ein Umzug in eine spezialisierte Wohnform für ältere Menschen (Alters- & Pflegeheim) können sich die befragten Personen aktuell für ihre Zukunft nicht vorstellen. Auch andere Umzüge aufgrund fortgeschrittenen Alters (z. B. innerhalb der aktuellen Wohninstitution in eine spezialisierte Wohngruppe für Menschen im Alter/ mit Pflegebedarf) sind für die Teilnehmenden mit Unsicherheiten verbunden. 3.1.3 Wohnen aus der Perspektive der Fachexpert: innen Auch die befragten Fachexpert: innen sind sich der Herausforderungen, denen Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen beim Älterwerden im Bereich Wohnen begegnen, bewusst. So betrachten auch sie eine selbstbestimmte Wohnform im Alter als grundlegendes Ziel. Bei der Umsetzung verorten sie verschiedene Stolpersteine: Ein altersbedingt veränderter Pflege- und Betreuungsbedarf könne in Institutionen für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen oftmals nicht gedeckt werden, einerseits da der dafür benötigte Personalschlüssel nicht gewährleistet werden kann und andererseits da es an dem für die Begleitung der Zielgruppe kombinierten Fachwissen aus der Pflege und der Sozialpädagogik mangelt. In vielen Fällen sei mit zunehmendem Alter ein Wechsel der Institution nötig, insbesondere wenn Palliativpflege erforderlich ist. Gleichzeitig stellen die Fachexpert: innen auch eine Flexibilisierung des Angebots fest, indem sie die Bedeutung des wachsenden ambulanten Angebots auch für die hier fokussierte Zielgruppe anerkennen und berichten, dass durch dieses, ihrer Erfahrung nach, Umzüge vermieden oder hinausgezögert werden konnten. Weiter stellen sich die befragten Fachexpert: innen die Frage, ob eine altersdurchmischte Wohngruppe oder eine spezialisierte Wohngruppe für Menschen im höheren Alter adäquater sei. 3.2 Alltagsgestaltung und Freizeit Das folgende Unterkapitel gibt einen Überblick über relevante Aspekte aus der Literatur und der qualitativen Erhebung zum Themenfeld Alltagsgestaltung und Freizeit. 3.2.1 Alltagsgestaltung und Freizeit: Erkenntnisse aus der Literatur Der Übertritt in die Pension bedeutet meist auch den Wegfall der bisher besuchten und vertrauten Tagesstruktur. Damit einhergehend ist in vielen Fällen auch ein Verlust an sozialen Kontakten, Erfolgserlebnissen und Kom- VHN 2 | 2026 99 NATALIE ZAMBRINO ET AL. Gutes Leben im Alter FACH B E ITR AG petenzerleben (Börner, 2023). Die Thematisierung des Ruhestandes kann bei älteren Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen Ängste bzw. Unsicherheiten und damit verbundenes Abwehrverhalten, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, auslösen (Mair & Offergeld, 2014). Die Gestaltung und Organisation einer an den eigenen Bedürfnissen orientierten Tages- und Freizeitgestaltung ist für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen mit verschiedenen Hürden verbunden: Im institutionellen Kontext wird der Tages- und Freizeitgestaltung vielfach (zu) wenig Beachtung geschenkt, aufgrund fehlender Alterskonzepte oder eines Mangels an personellen Ressourcen (Ziegler, 2017); die finanziellen Ressourcen sind begrenzt und die persönlichen Möglichkeiten zur selbstständigen Freizeitgestaltung aufgrund vielfältiger Ausschluss- und Fremdbestimmungserfahrungen ebenfalls eingeschränkt. Demzufolge haben viele Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen über ihr Leben hinweg nur eingeschränkte Möglichkeiten gehabt, überhaupt freizeitliche Interessen zu bilden, sodass die im Ruhestand gewonnene Freiheit gar nicht genutzt werden kann (Börner, 2023). In Institutionen bestehende Freizeitangebote haben häufig segregativen Charakter - finden also ausschließlich mit anderen Menschen mit Beeinträchtigungen statt - und/ oder werden von den Bewohnenden gar nicht als Freizeit wahrgenommen, da die Freizeit nicht als eigener Strukturbereich verstanden wird und somit im ,Heimalltag‘ untergeht (Trescher, 2016). Angebote der offenen Altersarbeit hingegen sind meist nicht auf den Einbezug von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen ausgerichtet (Haveman & Stöppler, 2014). Insgesamt fordert die Literatur vor diesem Hintergrund die Ermöglichung einer individuellen und bedürfnisorientierten Tages- und Freizeitgestaltung für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen (Ziegler, 2017). 3.2.2 Alltagsgestaltung und Freizeit aus der Perspektive der Erfahrungsexpert: innen Im Zusammenhang mit dem Thema ,Alltagsgestaltung und Freizeit‘ schildern die Erfahrungsexpert: innen eine Auseinandersetzung mit den eigenen Wünschen für die Lebensphase Alter („Was will ich noch machen? “) und andererseits die Akzeptanz der gegebenen Rahmenbedingungen, in denen nicht alle Wünsche erfüllt werden können. Einschränkungen in der persönlichen Mobilität (bspw. erschweren Rollstuhl/ Rollator die Nutzung des ÖV) und äußerst begrenzte finanzielle Möglichkeiten, innerhalb deren Unsicherheit über die zustehenden Gelder besteht, werden erwartet und deren potenzielle Einflussnahme auf die persönliche Freizeitgestaltung erkannt. Neben den persönlichen Wünschen für die Gestaltung der Freizeit beschäftigt die Erfahrungsexpert: innen die Tagesgestaltung nach dem Eintritt ins Pensionsalter. Viele Angebote stünden ihnen nicht mehr oder in einem begrenzteren Umfang als vor der Pension offen, was von ihnen eine aktive Auseinandersetzung mit der Strukturierung des Tagesablaufs erfordere. Je nach Lebenssituation werden die befragten Personen weiterhin Zugang zu einer institutionellen Tagesstruktur haben oder den eigenen Tag vollkommen selbstständig strukturieren. Einige Personen schilderten Respekt vor dieser Aufgabe und berichteten von ihnen bekannten Personen, die mit der eigenständigen Strukturierung ihrer Freizeit bzw. ihres Alltages überfordert waren und nur noch alleine zu Hause waren. Es besteht Respekt vor einer „Sinnkrise“ mit dem Wegfall der gewohnten Beschäftigungsstruktur mit Eintritt ins Rentenalter. 3.2.3 Alltagsgestaltung und Freizeit aus der Perspektive der Fachexpert: innen Die befragten Fachexpert: innen betonen die Bedeutung von Tagesstrukturangeboten für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen VHN 2 | 2026 100 NATALIE ZAMBRINO ET AL. Gutes Leben im Alter FACH B E ITR AG im höheren Alter. Sie stellen fest, dass der Verlust der bisher gewohnten Tagesstruktur zu fehlender Orientierung und Unruhe führen kann. Weiter beschreiben sie sehr unterschiedliche Bedürfnisse im Bereich der Alltagsgestaltung bzw. Tagesstruktur und betonen auch in diesem Zusammenhang die Bedeutung einer selbstbestimmten Gestaltung der persönlichen Freizeit. Einig sind sie sich, dass die Zielgruppe auf ihre Bedürfnisse angepasste Angebote benötigt, diese müssen auch nicht zwingend räumlich getrennt von ihrem Lebensmittelpunkt sein. Angebote zur Alltagsgestaltung sollen für die hier fokussierte Zielgruppe freiwillig und niedrigschwellig zugänglich sein und ihren jeweiligen Interessen entsprechen. Idealerweise sollte ein diverses Wahlangebot bestehen, aus dem individuell ausgewählt werden kann. Schließlich bemerken die befragten Fachexpert: innen, dass Tagesstrukturangebote, die vom Wohnangebot getrennt sind, aufgrund der aktuellen Finanzierungslogik schwer zu realisieren sind. 3.3 Gesundheit Das folgende Unterkapitel gibt einen Überblick über relevante Aspekte aus der Literatur und der qualitativen Erhebung zum Themenfeld ,Gesundheit‘. 3.3.1 Gesundheit: Erkenntnisse aus der Literatur Die Literatur zeigt, dass Menschen mit Beeinträchtigungen ihre eigene Gesundheit weitaus häufiger als „weniger gut“ oder „schlecht“ beurteilen als Menschen ohne eine Beeinträchtigung (Falk & Zander, 2020). Eine lange zurückliegende Untersuchung hat ergeben, dass Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen hohe Prävalenzraten von unbehandelten, aber einfach behandelbaren Erkrankungen - wie Hör- / Sehbeeinträchtigungen oder Schilddrüsen-Erkrankungen - aufweisen (vgl. Lennox und Kerr, 1997). Aktuellere Daten deuten darauf hin, dass die Prävalenz von körperlichen Erkrankungen und motorischen Einschränkungen bei Menschen mit Beeinträchtigungen ähnlich häufig auftreten wie bei Menschen ohne Beeinträchtigung (Kruse & Ding-Greiner, 2012) und dass die Komorbiditäten dieser Personengruppe eher altersabhängig als in Zusammenhang mit der vorliegenden Beeinträchtigung stehen (Seidel, 2016). Die Herausforderungen in der Gesundheitsversorgung von Menschen mit Beeinträchtigungen sind komplex. Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen leben häufig in Lebensumständen, die wenig Selbstbestimmung über die eigene physische Aktivität und eine gesundheitsförderliche Lebensweise zulassen, und sie nehmen notwendige Medikamente, wie beispielsweise Antiepileptika ein, die unerwünschte Nebenwirkungen verursachen können (Seidel, 2016). Zudem kann diese Personengruppe gesundheitliche Problematiken oftmals weniger präzise artikulieren und die vorhandenen Möglichkeiten an Unterstützter Kommunikation (UK) werden in der Praxis der Gesundheitsversorgung noch zu wenig genutzt (Fornefeld, 2019). Dies führt zu einer Überschätzung des Gesundheitszustandes durch medizinische Fachpersonen und infolgedessen zu einer Unterversorgung (Kruse & Ding-Greiner, 2012). Zusätzlich werden gesundheitliche Probleme dieser Personengruppe als Folgen der Beeinträchtigung oder des Alterungsprozesses missverstanden (ebd.). Gleichzeitig fehlt es Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen an Kompetenzen und Wissen im Umgang mit der eigenen Gesundheit sowie dem Alterungsprozess und sie haben nicht den gleichen Zugang zu Angeboten der Prävention und Gesundheitsförderung wie Menschen ohne Beeinträchtigung. Dies führt zu Einschränkungen bei der selbstbestimmten Teil- VHN 2 | 2026 101 NATALIE ZAMBRINO ET AL. Gutes Leben im Alter FACH B E ITR AG habe im Bereich der persönlichen Gesundheit aufgrund äußerer Einschränkungen (Garcia- Dominguez et al., 2020). Das medizinische Regelversorgungssystem wird den speziellen Anforderungen von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen oftmals nicht gerecht. Medizinischem Personal fehlt es an Fachwissen, Erfahrung, Geduld und Aufmerksamkeit, Bereitschaft und Zeit für den erforderlichen Mehraufwand im Umgang mit behinderten Patienten. Zudem erschwert eine mangelnde Kooperation zwischen verschiedenen Dienstleistenden und Versorgern die Situation (Garcia-Dominguez et al., 2020). Die Folge kann sein, dass die Betroffenen die Inanspruchnahme von gesundheitlichen Dienstleistungen vermeiden (ebd.), allgemein sind die Teilnahmeraten an Gesundheitschecks wie Blutdruckkontrollen sowie Vorsorgeuntersuchungen bei dieser Personengruppe tief (Haveman & Stöppler, 2014) und bei älteren Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen tiefer als bei jüngeren (Garcia-Dominguez et al., 2020). Die untersuchten Studien geben klare Hinweise, dass diese Personengruppe einer schlechteren medizinischen Versorgung ausgesetzt ist (Stöppler, 2015; Garcia-Dominguez et al., 2020). Artikel 25 der UN-Behindertenrechtskonvention beschreibt das Recht „auf das erreichbare Höchstmaß an Gesundheit ohne Diskriminierung aufgrund von Behinderung“ (Vereinigte Nationen, 2006). Um dem Folge zu leisten, ist es dringend notwendig, die Befähigung zur Erkenntnis des eigenen Alterungsprozesses und zur Aufrechterhaltung bzw. Verbesserung des eigenen Gesundheitszustandes bei Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen zu fördern (Mair & Offergeld, 2014). Die Gesundheitsversorgung muss sich den Bedürfnissen von Menschen mit Beeinträchtigungen zuwenden und insbesondere sollen Angebote im Bereich Prävention und Rehabilitation auf diese Zielgruppe ausgeweitet werden (Seidel, 2016). 3.3.2 Gesundheit aus der Perspektive der Erfahrungsexpert: innen Im Bereich Gesundheit erwarten die Erfahrungsexpert: innen mit zunehmendem Alter einen körperlichen und mentalen Abbau. Die teilnehmenden Personen waren sich der Tatsache bewusst, dass gewisse Beeinträchtigungsformen mit einem vorzeitigen Alterungsprozess in Verbindung gebracht werden. Gleichzeitig erkennen die Teilnehmenden die verbesserte medizinische Unterstützung und auch deren vermehrte Flexibilität (am Beispiel ausgebauter Spitexleistungen) an. Es scheint bei den teilnehmenden Personen ein defizitorientiertes Verständnis des Alter(n)s vorzuliegen und es besteht scheinbar wenig Kenntnis zum Umgang mit dem eigenen Altern und begrenzte Erfahrung in der aktiven Auseinandersetzung damit. Einzig eine Person verbindet mit dem Älterwerden auch eine stärkere Distanz zu gewissen Themen, beispielsweise der eigenen psychischen Beeinträchtigung und infolgedessen ein routinierterer Umgang damit. 3.3.3 Gesundheit aus der Perspektive der Fachexpert: innen Aus dem Themenbereich ,Gesundheit‘ konnten in der Gruppendiskussion der Fachexpert: innen drei Unterthemen verortet werden: Sie erkennen Sucht als relevantes Thema bei der Zielgruppe an, das noch zu wenig Bedeutung erhält; sie bemerken, dass in der Praxis häufig vorschnell Neuroleptika verschrieben werden, ohne zuerst den eigentlichen somatischen Problemen auf den Grund zu gehen, und schließlich beschreiben sie die Situation, dass die Diagnose Demenz aufgrund von Symptomatiken, die mehreren Diagnosen zuordenbar sind, oftmals nicht oder erst sehr spät bei der Zielgruppe erkannt wird. Eine Abgrenzung zu Verhaltensweisen aufgrund einer psychischen Herausforderung oder anderen gesundheitlichen Problemen falle schwer. VHN 2 | 2026 102 NATALIE ZAMBRINO ET AL. Gutes Leben im Alter FACH B E ITR AG 3.4 Bildung Das folgende Unterkapitel gibt einen Überblick über relevante Aspekte aus der Literatur und der qualitativen Erhebung zum Themenfeld ,Bildung‘. 3.4.1 Bildung: Erkenntnisse aus der Literatur Es steht wenig Wissen und Erfahrung zum Altern von Menschen mit Beeinträchtigung zur Verfügung, weshalb von Fachpersonen im Begleitalltag immer wieder nach kreativen Lösungen gesucht werden muss. Eine breitere Aufklärung und Bildung über den Prozess des Älterwerdens von Menschen mit Beeinträchtigungen wird daher in der Literatur als wichtig erachtet, sodass die Menschen, die selbst mit einer kognitiven Beeinträchtigung älter werden, besser verstehen können, was mit ihnen passiert, und Betreuende adäquat darauf reagieren können (Aeberhard & Matter, 2022). Auch für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen selbst existieren kaum Bildungsangebote. Dies gilt auch für Bildungsmöglichkeiten zum Umgang mit dem eigenen Altern und zur Förderung des Verständnisses des eigenen Alterungsprozesses (Mair & Offergeld, 2014). Zudem ist für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen die Zugänglichkeit zu allgemeinen Bildungsangeboten für Senior: innen begrenzt (Stöppler, 2015). Insgesamt kann damit dem Recht auf lebenslange Bildung, welches auch für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen besteht, nicht nachgekommen werden, und eine Öffnung von bestehenden Angeboten wäre als Chance für Teilhabe zu werten. 3.4.2 Bildung aus der Perspektive der Erfahrungsexpert: innen Die Erfahrungsexpert: innen verweisen auf das bisherige Fehlen von auf die Bedürfnisse der Zielgruppe zugeschnittenen Bildungsmaterialien und -angeboten zum Thema ,Altern‘. Zudem schildern sie am Beispiel veränderter Finanzierungslogiken mit Eintritt ins AHV- Alter, dass sie nicht wissen, wie sie an geeignete Informationen zu dieser Lebensphase gelangen können. Eine geeignete Unterstützung bei der Findung geeigneter Zugänge zu entsprechenden Informationen wird als Wunsch der Teilnehmenden während der Fokusgruppe geäußert. 3.4.3 Bildung aus der Perspektive der Fachexpert: innen Die befragten Fachexpert: innen anerkennen die Bedeutung von Gesundheitskompetenz und wünschen sich in diesem Bereich eine verstärkte Ermächtigung der Zielgruppe der Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen. Gleichzeitig stellen sie einen Mangel an Aus- und Weiterbildungsangeboten für Begleit- und Pflegepersonal zur bedürfnisorientierten Begleitung der hier fokussierten Zielgruppe fest. Sie beschreiben zudem eine nicht ausreichende Durchlässigkeit der bestehenden Berufsbilder und Ausbildungen und ziehen beides als Gründe für die eruierten Wissenslücken der in der Begleitung der Zielgruppe tätigen Fachpersonen fest. Dies könne zu Überforderung in der alltäglichen Praxis führen, was erhöhte Personalfluktuation und unbesetzte Stellen zur Folge haben könne. Für die begleiteten Personen führe die begrenzte Aus- und Weiterbildungslandschaft auch zu einem Mangel an Ansprechpersonen, mit denen sie Fragen rund um den eigenen Alterungsprozess besprechen können. 3.5 Einsamkeit Das folgende Unterkapitel gibt einen Überblick über relevante Aspekte aus der Literatur und der qualitativen Erhebung zum Themenfeld ,Einsamkeit‘. Erstaunlicherweise wurde ,Einsamkeit‘ von den Fachexpert: innen nicht als Themenfeld mit Handlungsbedarf genannt. VHN 2 | 2026 103 NATALIE ZAMBRINO ET AL. Gutes Leben im Alter FACH B E ITR AG 3.5.1 Einsamkeit: Erkenntnisse aus der Literatur Die Literatur beschreibt, dass Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen durch ihren oftmals institutionell geprägten Lebenskontext Ausschluss von sozialen Nahbeziehungen erfahren (Kolhoff, 2016) und die Bedeutung von Angehörigen bzw. nahestehenden Personen, wie Mitbewohnenden und Mitarbeitenden, verstärkt wird (Falk & Zander, 2020; Stöppler, 2014). Kontakte außerhalb der Institution bestehen kaum (Havemann & Stöppler, 2010). Fallen die begrenzten Kontakte altersbedingt weg oder wandeln sich beispielsweise infolge des Berufsaustritts bzw. Austritts aus einer Tagesstruktur, sind Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung einem erhöhten Risiko von Einsamkeit und Isolation ausgesetzt. Die sozialen Ressourcen im nahen Sozialraum zu aktivieren ist deshalb eine wichtige Aufgabe für ältere Menschen mit Beeinträchtigungen (Kolhoff, 2016; Stöppler, 2015). Dazu kann die Unterstützung von Fachpersonen notwendig sein. 3.5.2 Einsamkeit aus der Perspektive der Erfahrungsexpert: innen Von Erfahrungsexpert: innen wird die Sorge vor Einsamkeit im Alter geäußert, welche mit dem Tod von An- und Zugehörigen sowie mit dem Wegfall von gewohnten (Tages-) Strukturen mit dem Eintritt ins Rentenalter verbunden ist. Verstärkt werden könne die Einsamkeit durch die potenziell erschwerte ÖV-Nutzung aufgrund von körperlichem und/ oder mentalem Abbau und der erhöhten Anforderungen an digitale Kompetenzen zur Nutzung des ÖV. 3.6 Umgang mit Sterben und Tod Das folgende Unterkapitel gibt einen Überblick über relevante Aspekte aus der Literatur und der qualitativen Erhebung zum Themenfeld ,Umgang mit Sterben und Tod‘. 3.6.1 Sterben und Tod: Erkenntnisse aus der Literatur Auch Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen benötigen als Vorbereitung auf das Lebensende eine aktive Auseinandersetzung mit Trauer, Abschied und Tod. Die aktive Ansprache und Begleitung bei der Auseinandersetzung mit diesen Themen sind aktuell noch keine Selbstverständlichkeit, sowohl bei Angehörigen als auch bei institutionellen Begleitpersonen (Ritzenthaler-Spielmann, 2017). Das Verständnis des Todes als natürlicher Bestandteil des Lebens und der Trauer als normale Reaktion darauf sollen gefördert werden (Stöppler, 2015) und dabei Angehörige möglichst in den Prozess miteinbezogen werden. Ebenso soll im Sinne der Selbstbestimmung Aufklärungsarbeit bezüglich des Erstellens einer Patientenverfügung bei dieser Personengruppe betrieben werden. Es fällt auf, dass vielerorts eine Verfügung erstellt wurde, welche die vertretungsberechtigten Personen anstelle der Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung unterschrieben haben (Ritzenthaler- Spielmann, 2017). In der Schweiz ist der rechtliche Status solcher „Vertreterverfügungen“ nicht geregelt. 3.6.2 Umgang mit Sterben und Tod aus der Perspektive der Erfahrungsexpert: innen Die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit und dem Tod von Nahestehenden der Fokusgruppenteilnehmenden wurde an mehreren Punkten ersichtlich. Es wird von einem Beispiel im Bekanntenkreis erzählt, bei dem der Tod der Partnerin zu sozialem Rückzug und Einsamkeit geführt hat. Weiter wird vom Tod von WG-Kolleg: innen und Angehörigen erzählt, der große Lücken hinterlassen hat, und dem Umgang mit der damit verbundenen Trauer. Ebenfalls angesprochen wurde die Bedeutung von rechtzeitig aufgesetzten Testamenten und Vorkehrungen für den Fall, dass die Teilnehmenden im Alter nicht mehr in der Lage seien, selbst über sich zu entscheiden. VHN 2 | 2026 104 NATALIE ZAMBRINO ET AL. Gutes Leben im Alter FACH B E ITR AG 3.6.3 Umgang mit Sterben und Tod aus der Perspektive der Fachexpert: innen Auch die befragten Fachexpert: innen anerkennen die Bedeutung der Themen Sterben und Tod. Das Altern der eigenen Eltern wird von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen oftmals sehr nahe miterlebt, da in vielen Fällen sehr enge Beziehungen zu diesen bestehen. Gleichzeitig beschreiben die Fachexpert: innen einen Mangel an Lebensplänen, häufig bedingt durch eingeschränkte Wahlmöglichkeiten, was wiederum zu begrenzten Entscheidungskompetenzen führe. Der Tod von Angehörigen oder nahestehenden Mitbewohnenden könne somit als bedrohlich erlebt werden und die Hinterbliebenen können ausweichend bzw. negierend darauf reagieren. Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen erleben Folgen ihres eigenen Alterungsprozesses teilweise früher als Menschen ohne Beeinträchtigungen und können dadurch von ähnlichen Themen betroffen sein wie die eigenen Eltern bzw. auch schon über mehr Erfahrung damit verfügen als die Eltern. Hierin sehen die befragten Fachexpert: innen ein Potenzial für Kompetenzerleben. Insgesamt wünschen sich die an der Gruppendiskussion teilnehmenden Personen eine adäquatere Begleitung von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen und auch von Mitarbeitenden bei der Konfrontation mit den Themen ,Sterben‘ und ,Tod‘. 4 Diskussion Wie Kapitel 3 gezeigt hat, weisen die in der qualitativ-explorativen Erhebung mittels Fokusgruppen erzielten Erkenntnisse einen hohen Deckungsgrad auf, sowohl unter den beiden befragten Expert: innengruppen der Erfahrungsexpert: innen und der Fachexpert: innen als auch im Abgleich mit der recherchierten themenspezifischen Literatur. Die hohe Übereinstimmung zeigt sich sowohl auf einer thematisch übergeordneten als auch auf einer detaillierteren inhaltlichen Ebene. So ist neben dem Abbau von Barrieren insbesondere die Forderung nach mehr Selbstbestimmung und die Ermächtigung der Personengruppe von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen im Alter im Hinblick auf eine größere gesellschaftliche Teilhabe sowohl in der Literatur als auch in der Erhebung präsent. Im Folgenden werden zusammenfassend über die drei Datenquellen die wichtigsten Erkenntnisse entlang der sechs eruierten Themenfelder integriert und diskutiert. Im Bereich Wohnen besteht Einigkeit darüber, dass eine selbstbestimmte Entscheidung über das Lebensumfeld auch im Alter essenziell ist. Dem gegenüber steht die Tatsache, dass schweizweit zwei Drittel der Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen in einem institutionellen Setting leben und dieses im Vergleich zum außerinstitutionellen Leben in der Regel weniger Selbstbestimmung zur eigenen Lebenssituation zulässt. Es bestehen insbesondere im Altersbereich (zu) wenig Wahlmöglichkeiten und dem von der Zielgruppe klar geäußerten Wunsch nach Verbleib in der bekannten Lebensumgebung wird im Alter aufgrund von begrenztem Fachwissen und Ressourcen oft nicht entsprochen. Die Folge ist ein als verunsichernd erlebter Umzug in eine Pflegeinstitution, die auf Wohnen im Alter spezialisiert ist, nicht aber auf Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen. Erfreulich ist hingegen der von den Fachpersonen erkannte Trend hin zu mehr ambulanten Dienstleistungen, der potenziell eine Quelle für vermehrte Wahlmöglichkeiten und somit Selbstbestimmung auch für ältere Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen zulässt. Wünschenswert wären Weiterentwicklungen im Bereich von Wohnangeboten, die der Zielgruppe im Alter die benötigte Unterstützung bei gleichzeitig möglichst hoher Selbstbestimmung über die eigenen Lebensumstände gewährten und die bei Bedarf dem mehrfach geäußerten Wunsch nach Verbleib am bisherigen Wohnort im Alter entsprechen können. VHN 2 | 2026 105 NATALIE ZAMBRINO ET AL. Gutes Leben im Alter FACH B E ITR AG Die Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung sind für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen, die ins Pensionsalter eintreten, begrenzt und gleichzeitig nimmt die frei zu gestaltende Zeit durch den Wegfall einer Tagesstruktur sprunghaft zu. Letztere stellt eine bedeutsame Ressource, nicht nur für die Strukturierung des Tages, sondern auch für soziale Kontakte und Erfolgserlebnisse dar, die nun anderweitig erfüllt werden müssen. Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen haben durch die sie begleitenden Lebensumstände oftmals begrenzte Kompetenzen und Möglichkeiten in der Gestaltung ihrer persönlichen Freizeit und es besteht bei dieser Personengruppe ein erhöhtes Risiko für Einsamkeit im Alter. Benötigt wird ein vielseitiges und niedrigschwelliges Angebot im Freizeitbereich für diese Zielgruppe, um ihr Wahlmöglichkeiten zu eröffnen. Als unterstützend kann die Öffnung von bestehenden Angeboten, die sich bisher nicht explizit an Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung gerichtet haben, gesehen werden. Im Bereich Gesundheit konnte aufgezeigt werden, dass diverse Hürden für die Zielgruppe bestehen. Diese resultieren für sie in einer schwerer zugänglichen und qualitativ schlechteren Gesundheitsversorgung. Gleichzeitig scheint bei der Zielgruppe ein tendenziell defizitäres Altersbild vorzuliegen und die Kenntnis zum eigenen Altersprozess begrenzt zu sein. Dieser Haltung sollte mit auf die Zielgruppe zugeschnittenen Bildungsangeboten sowie dem von der UN-BRK geforderten gleichwertigen Zugang zu Angeboten der Gesundheitsversorgung, insbesondere auch der Prävention und Rehabilitation, begegnet werden. An diese Forderung knüpft der Bereich ,Bildung‘ direkt an und fordert Bildungsangebote für die Lebensphase Alter, die über gesundheitliche Aspekte hinausreichen und das vorhandene begrenzte Wissen erweitern und die Auseinandersetzung mit dem eigenen Altern unterstützen. Dies gilt sowohl für Bildungsangebote, die auf die Zielgruppe selbst fokussieren, als auch für Personen, die die Zielgruppe im Alltag begleiten (z. B. Fachpersonen, Angehörige, Fachstellen). Die Thematik Einsamkeit wird in der Literatur sowie von den Erfahrungsexpert: innen als relevant erachtet. Einsamkeit ist ein reales Risiko für die Zielgruppe, das mit Eintritt in die Lebensphase Alter und einem damit potenziell verbundenen Wegfall der bisherigen Tagesstruktur oder einem Umzug in eine Institution der Alterspflege noch weiter verstärkt werden kann. Die sozialen Netzwerke von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen sind begrenzt und die Herkunftsfamilie spielt in vielen Fällen eine zentrale Rolle. Der altersbedingte Wegfall dieses sozialen Netzes kann ebenfalls Einsamkeit verstärken. Zudem ist die Auseinandersetzung mit Sterben und Tod eine aus allen Perspektiven relevante Aufgabe für diese Altersphase, der von Unterstützungspersonen wie auch Angehörigen oder Fachpersonen die nötige Bedeutung zugesprochen werden sollte. Eine aktive und wo nötig begleitete Auseinandersetzung mit diesen Themen fördert ebenfalls die Selbstbestimmung im Alter und kann sich in wichtigen lebenspraktischen Kompetenzen, wie dem Treffen von Vereinbarungen in Bezug auf den eigenen Tod, widerspiegeln. Wie oben aufgezeigt wurde, fehlt es im Kontext Altern von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen in den von Erfahrungs- und Fachexpert: innen priorisierten Lebensbereichen an vertieftem Wissen und an bedürfnisorientierter Unterstützung. Dieses Fehlen hat für die Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen im Alter weitreichende Konsequenzen in Bezug auf Autonomie, Selbstbestimmung und es schränkt schließlich ihre Lebensqualität ein. Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen haben oftmals aufgrund Zuschreibungen anderer sowie vorenthaltener Chancen nur begrenzt die Möglichkeit, ihre Bedürfnisse und Wünsche zu äußern, sich aktiv mit der Lebens- VHN 2 | 2026 106 NATALIE ZAMBRINO ET AL. Gutes Leben im Alter FACH B E ITR AG phase Alter auseinanderzusetzen und diese mitzugestalten. Sowohl bei sozialpädagogisch als auch bei pflegerisch tätigen Fachpersonen ist ebenfalls von begrenztem Fachwissen im Umgang mit der Zielgruppe auszugehen, was die Situation für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen im Alter weiter verschärft. 5 Fazit Wie im Rahmen des Forschungsprojektes „Alter und Behinderung: Vorstudie zur Lebenssituation von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen“ aufgezeigt werden konnte, sind die Möglichkeiten von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen, die persönliche Lebensphase Alter aktiv mitzugestalten, aufgrund diverser Faktoren stark eingeschränkt. Es besteht ein klarer Bedarf nach auf die Zielgruppe zugeschnittenen Bildungs- und Wissensvermittlungsangeboten im thematischen Bereich Alter(n), um damit den Entscheidungsradius der Zielgruppe zu erweitern und insgesamt die Selbstbestimmung und Autonomie auch im höheren Alter zu fördern. Die Ermächtigung hin zu erweiterten Entscheidungskompetenzen und auch die tatsächliche Erweiterung der Wahlmöglichkeiten in diversen Lebensbereichen wie Wohnen, Freizeitgestaltung, Gesundheit und Bildung ist angezeigt und bietet schließlich eine entscheidende Grundlage für die von der UN-BRK geforderte gesellschaftliche Teilhabe der Zielgruppe. Dies zum Anlass nehmend, planen die Autor: innen in der Folge des hier präsentierten Vorprojekts die partizipativ mit der Zielgruppe erfolgende Entwicklung von Bildungsmaterialien, die auf die hier besprochene Personengruppe zugeschnitten sind. Diese Materialien sollen eine aktive Auseinandersetzung mit dem eigenen Altern und der Lebensphase ,Alter‘ in allen berichteten Handlungsfeldern fördern und darüber hinaus Akteur: innen im Sozialraum für die Bedürfnisse von älteren Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen sensibilisieren. Literatur Aeberhard, M. & Matter, C. (2022). 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Regula Blaser Pascale Keller, MSc Prof. Matthias von Bergen Berner Fachhochschule Soziale Arbeit Hallerstr. 10 3012 Bern E-Mail: regula.blaser@bfh.ch pascale.keller@bfh.ch matthias.vonbergen@bfh.ch Anita Schürch, M. A. Berner Fachhochschule Gesundheit Murtenstr. 10 3008 Bern E-Mail: anita.schuerch@bfh.ch
