Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Aktuelle Forschungsprojekte: Die Darstellung von Menschen mit ADHS in ausgewählten deutschsprachigen Printmedien
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Johanna Hack
Marianne Irmler
Seit 15 Jahren ist Deutschland damit befasst, die Prinzipien der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung (UN-BRK) gesetzlich zu verankern und in der Praxis bzw. Gesellschaft zu fördern (Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS), 2011, S. 24). In Artikel 8 2c der UN-BRK werden explizit die Medienorgane aufgefordert, „Menschen mit Behinderungen in einer dem Zweck dieses Übereinkommens entsprechenden Weise darzustellen“ (UN, 2006, S. 12). Das United Nations Committee on the Rights of Persons with Disabilities (UN-CRPD) (UN-CRPD, 2023) hat jedoch festgestellt, dass Deutschland eine umfassende Strategie fehlt, um einen Einstellungswandel gegenüber Menschen mit Behinderungen in der Gesellschaft voranzutreiben. Vor diesem Hintergrund wurde im Studiengang Soziale Arbeit am Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit an der Fachhochschule Kiel beispielhaft auf die Personengruppe Menschen mit Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bezogen untersucht, wie Menschen mit ADHS in ausgewählten deutschsprachigen Printmedien dargestellt werden. Zudem wurde betrachtet, inwiefern diese Darstellung dem Artikel 8 2c der UN-BRK entspricht.
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VHN 2 | 2026 108 AK TU E LL E FORSCHUNGSPROJ E K TE Die Darstellung von Menschen mit ADHS in ausgewählten deutschsprachigen Printmedien The portrayal of people with ADHD in selected German-language print media Johanna Hack, Marianne Irmler Ausgangslage Seit 15 Jahren ist Deutschland damit befasst, die Prinzipien der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung (UN-BRK) gesetzlich zu verankern und in der Praxis bzw. Gesellschaft zu fördern (Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS), 2011, S. 24). In Artikel 8 2 c der UN-BRK werden explizit die Medienorgane aufgefordert, „Menschen mit Behinderungen in einer dem Zweck dieses Übereinkommens entsprechenden Weise darzustellen“ (UN, 2006, S. 12). Das United Nations Committee on the Rights of Persons with Disabilities (UN-CRPD) (UN-CRPD, 2023) hat jedoch festgestellt, dass Deutschland eine umfassende Strategie fehlt, um einen Einstellungswandel gegenüber Menschen mit Behinderungen in der Gesellschaft voranzutreiben. Vor diesem Hintergrund wurde im Studiengang Soziale Arbeit am Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit an der Fachhochschule Kiel beispielhaft auf die Personengruppe Menschen mit Aufmerksamkeitsdefizit/ Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bezogen untersucht, wie Menschen mit ADHS in ausgewählten deutschsprachigen Printmedien dargestellt werden. Zudem wurde betrachtet, inwiefern diese Darstellung dem Artikel 8 2 c der UN-BRK entspricht. Die Relevanz dieser Forschung begründet sich in der Bedeutung der Medien für die Bewusstseinsbildung in der Gesellschaft, da sie Menschen in ihren gesundheitsspezifischen Einstellungen und Verhaltensweisen beeinflussen (Rossmann, 2023, S. 324). Zu den Einstellungen von Menschen zählen auch Vorurteile (Degner, 2022). Diese können zu Stigmatisierung führen, die auch Menschen mit ADHS erfahren (Mueller, Fuermaier, Koerts, & Tucha, 2012). Forschungsstand Internationale Studien, die sich mit der medialen Darstellung von Menschen mit ADHS beschäftigen, kommen zu kritischen und auf Stigmatisierung hindeutenden Ergebnissen. Beispielsweise konnte Clarke (2011) in einer Studie über die Darstellung der mit ADHS und ADS (Aufmerksamkeitsdefizitstörung) verbundenen Risiken in populären Zeitschriften in Nordamerika herausstellen, dass ADHS und ADS auf polarisierende und widersprüchliche Art und Weise dargestellt werden. Die Artikel weisen eine Ambivalenz darüber auf, ob ADHS und ADS überhaupt existieren oder nicht. Die Ursachen werden fast ausschließlich als genetisch oder biologisch beschrieben und die medikamentöse Behandlung wird oft als äußert problematisch dargestellt. Insgesamt wird die Darstellung als verwirrend beschrieben, welche die Wahrnehmung von Risiken in den Fokus rückt (Clarke 2011). Ähnlich bedenklich sind Ergebnisse aus den Studien von Baeyens, Moniquet, Danckaerts und van der Oord (2017) oder Qaderi und Lindblom (2023). Fragestellung und Methodik Folgende Forschungsfragen lagen der hier diskutierten Forschungsarbeit (Hack, 2024) zugrunde: ◾ Wie werden Menschen mit ADHS in ausgewählten Printmedien in Deutschland dargestellt? ◾ Inwiefern werden Menschen mit ADHS nach Artikel 8 2 c der UN-BRK gemäß dem Zweck des Übereinkommens entsprechend dargestellt? Zur Beantwortung der Forschungsfragen wurde eine Dokumentenanalyse als eine Methode der qualitativen Sozialforschung genutzt. Dokumentenauswahl Die Dokumente wurden nach vier Kriterien ausgewählt: (1) Reichweite (möglichst groß), (2) Form (online), (3) Treffer bei Suchbegriff „ADHS“ und (4) im Artikel wird eine Zuschreibung über Menschen mit ADHS vermittelt, die Menschen mit ADHS beschreiben soll (Hack, 2024, S. 27). VHN 2 | 2026 109 AK TU E LL E FORSCHUNGSPROJ E K TE Als Zeitraum der Recherche wurde der 1. 3. 2023 bis 1. 5. 2024 gesetzt. Nachdem alle Kriterien angewendet wurden, konnten 64 Artikel für die Auswertung ausgewählt werden: 14 Artikel der BILD-Zeitung (BILD), 40 Artikel der Süddeutschen Zeitung (SZ) und zehn Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). Auswertung Zur Auswertung der Zeitungsartikel wurde die Qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring (2023) genutzt. Hierbei wurde spezifisch die inhaltliche Strukturierung gewählt. Die Kategorienbildung wurde sowohl deduktiv als auch induktiv vorgenommen (Hack 2024). Insgesamt wurden neun Kategorien gebildet, wie Menschen mit ADHS in den ausgewählten Medien präsentiert werden: (1) bedauernswert, (2) erfolgreich, (3) einseitig medizinische Sichtweise, (4) gewaltbereit, (5) abwertend und stereotypisierend, (6) herausfordernd, (7) herausgefordert, (8) herausragend und (9) vielfältig. Ergebnisse Auffällig ist, dass Menschen mit ADHS mit 26 Artikeln insgesamt am häufigsten als Menschen beschrieben werden, die Schwierigkeiten haben, die sie herausfordern oder überfordern. Danach folgt mit 20 Artikeln die Darstellung von Menschen mit ADHS als bedauernswerte, teilweise sogar leidende Menschen. Die danach folgenden Kategorien weisen in der Anzahl der Artikel, in der sie vertreten sind, keine großen Abweichungen auf. In zwölf Artikeln werden Menschen mit ADHS aus einer einseitigen medizinischen Perspektive dargestellt. In elf Artikeln werden sie stereotypisch oder abwertend beschrieben. In jeweils neun Artikeln werden sie als gewaltbereit oder herausfordernd und anstrengend dargestellt. Es gibt acht Artikel, welche Menschen mit ADHS als Held: innen inszenieren. In sieben Artikeln wird darauf eingegangen, dass Menschen mit ADHS verschiedene Fähigkeiten besitzen, über die teilweise positiv berichtet wird. In fünf Artikeln werden Menschen mit ADHS als Personen mit herausragenden Fähigkeiten dargestellt. Beispielhaft werden einzelne Ergebnisse der Kategorien expliziter präsentiert. Abwertende und stereotype Bezeichnungen lassen sich in sieben Artikeln der SZ finden, in der FAZ gibt es drei, in der BILD nur einen Artikel. In drei Artikeln der SZ wird die Bezeichnung „Zappelphilipp“ genutzt (Chorus, 2024, Hügenell, 2024, SZ, 2023). Ein Artikel greift für die Beschreibung einer Person mit ADHS die Bezeichnung „ständiger Unruheherd“ auf (SZ, 2023). In einem weiteren Artikel ist der Begriff „Problembub“ (Steinitz, 2023) zu finden. Als gewaltbereit werden Menschen mit ADHS mit sechs Artikeln am meisten in der SZ beschrieben, in der FAZ gibt es dazu nur zwei Artikel und in der BILD einen. In einem Artikel der BILD wird ein Mädchen als Tatperson dargestellt, indem darüber berichtet wird, dass sie ihren Bruder im Schlaf erstochen habe und ihre ADHS-Medikamente ihr Verhalten beeinflussen würden: „Das Verhalten des Kindes sei dadurch aggressiver geworden - auch sich selbst gegenüber“ (Hoffmann, 2023). Diskussion Die Ergebnisse zeigen, dass die Darstellungsweisen vielfach nicht mit der UN-BRK vereinbar sind. Indem Menschen mit ADHS als Personen dargestellt werden, die Schwierigkeiten haben, die sie herausfordern oder überfordern, oder als bedauernswert dargestellt werden, werden zwar Probleme verdeutlicht, die Betroffene im alltäglichen Leben haben können, allerdings liegt damit auch eine defizitäre Betrachtungsweise vor. Außerdem werden Betroffene mit bestimmten Bezeichnungen stereotypisiert und abgewertet, was nicht der Forderung der UN-BRK nachkommt, Klischees und Vorurteile abzubauen. Genauso kann auch eine Überinszenierung als besonders erfolgreiche Menschen mit herausragenden Fähigkeiten zu Vorurteilen bei den Leserinnen und Lesern führen. Da Gesundheitsinformationen in Zeitungen dazu beitragen, die Einstellungen von Menschen zu beeinflussen (Rossmann, 2023), ist es naheliegend, dass die in den Artikeln gezeichneten Menschenbilder Teil der Einstellungen der Leserinnen und Leser werden können und sie Vorurteile bilden. Weitere Informationen sowie Literaturangaben können eingeholt werden bei johannahack@web.de und marianne.irmler@fh-kiel.de DOI 10.2378/ vhn2026.art09d
