eJournals Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete95/2

Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/vhn2026.art10d
5_095_2026_2/5_095_2026_2.pdf41
2026
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Aktuelle Forschungsprojekte: Gruppentherapie bei Dysarthrie - Eine Pilotstudie

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2026
Verena Hofmann
Pascale Jenni
Dysarthrie zählt zu den häufigsten neurologisch bedingten Sprechstörungen und tritt bei zahlreichen Erkrankungen auf, darunter Schlaganfälle, Morbus Parkinson, Multiple Sklerose oder Schädel-Hirn-Traumata (Ziegler & Vogel, 2010). Sie beeinträchtigt sowohl die Sprechmotorik als auch die kommunikative Teilhabe (Kroker et al., 2018). Während Einzeltherapie in der logopädischen Versorgung als Standard gilt, stellt sich zunehmend die Frage, ob Gruppentherapie ein ergänzendes oder sogar alternatives Format sein kann, das die soziale Realität der Betroffenen stärker berücksichtigt und Ressourcen schont.
5_095_2026_2_0006
VHN 2 | 2026 110 AK TU E LL E FORSCHUNGSPROJ E K TE Gruppentherapie bei Dysarthrie - Eine Pilotstudie Group therapy for dysarthria - A pilot study Verena Hofmann, Pascale Jenni Universität Freiburg, Schweiz Hintergrund Dysarthrie zählt zu den häufigsten neurologisch bedingten Sprechstörungen und tritt bei zahlreichen Erkrankungen auf, darunter Schlaganfälle, Morbus Parkinson, Multiple Sklerose oder Schädel- Hirn-Traumata (Ziegler & Vogel, 2010). Sie beeinträchtigt sowohl die Sprechmotorik als auch die kommunikative Teilhabe (Kroker et al., 2018). Während Einzeltherapie in der logopädischen Versorgung als Standard gilt, stellt sich zunehmend die Frage, ob Gruppentherapie ein ergänzendes oder sogar alternatives Format sein kann, das die soziale Realität der Betroffenen stärker berücksichtigt und Ressourcen schont. In der Fachliteratur werden Gruppentherapien vor allem im Kontext von Aphasien beschrieben, während entsprechende Angebote für Menschen mit Dysarthrie deutlich seltener sind (Masoud, 2016). Dies könnte teilweise mit dem heterogenen Störungsbild zusammenhängen. Zudem liegt bei sprechmotorischen Störungen ein stärkerer Fokus auf dem funktionellen Training der Zielebenen Artikulation, Respiration, Phonation und Prosodie. Dabei kommen auch Methoden wie taktile Stimulation zum Zuge, welche im Gruppensetting schwer umzusetzen sind. Gruppentherapie legt hingegen häufig den Schwerpunkt auf kommunikative und interaktive Aspekte, die jedoch auch für Menschen mit Dysarthrie bedeutsam sind, etwa beim Transfer des Geübten in alltagsnahe Situationen (Masoud, 2016). Außerdem können kompensatorische Strategien im Gruppensetting erprobt werden. Neben sozial-kommunikativen Inhalten lassen sich auch zahlreiche funktionelle Übungen gruppentauglich gestalten, wie beispielsweise Artikulationsübungen mit Wortlisten und Minimalpaaren, gemeinsames Lesen, Rollenspiele sowie Atem- und Stimmtraining (Masoud, 2016; Ziegler & Vogel, 2010). So konnte beispielsweise die Anwendbarkeit des Lee Silverman Voice Treatments (Benecke & Penner, 2017) in „Proof of Concept“-Studien erfolgreich in Gruppen angewendet werden (Edwards et al., 2017; Searl et al., 2011). Andererseits finden sich in der Literatur auch Hürden in der Umsetzung, wie etwa das Finden eines gemeinsamen Niveaus, ausreichende Redebeiträge aller Teilnehmenden, schwierige Gruppendynamiken und organisatorischer Aufwand (Masoud, 2009, 2016). Fragestellungen der vorliegenden Studie Die vorliegende Pilotstudie untersuchte, wie Logopäd: innen in der Schweiz Gruppentherapie bei Dysarthrie einschätzen. Im Fokus standen folgende Fragen: ◾ Wie häufig werden Gruppentherapien bei der Behandlung einer Dysarthrie eingesetzt? ◾ Als wie wichtig werden Gruppentherapien bei Dysarthrie erachtet? ◾ Welche Hindernisse existieren für eine erfolgreiche Umsetzung? ◾ Welche Voraussetzungen und Anpassungen sind erforderlich, damit eine Gruppentherapie bei Dysarthrie gelingt? Methode Die empirische Datenerhebung erfolgte mittels Online-Fragebogen, der an verschiedene Einrichtungen mit neurologischem Schwerpunkt in der Deutschschweiz versendet wurde. Der Fragebogen gliederte sich in drei Teile: (1) soziodemografische Angaben zur Auskunft gebenden Fachperson und zur Einrichtung, (2) Einstellungen und Erfahrungswerte bezüglich Gruppentherapie in Form von Likert-Skalen und (3) Fragen mit offenem Antwortformat für eine vertiefte Einsicht in die Einschätzung der Fachpersonen. Insgesamt nahmen 21 logopädische Fachpersonen teil, überwiegend aus Spitälern und Rehabilitationskliniken, mit unterschiedlicher Berufserfahrung. Ergebnisse Hinsichtlich des Angebots der Gruppentherapie zeigte sich, dass nur sechs von 21 Logopäd: innen reine Dysarthrie-Gruppen leiteten und neun ge- VHN 2 | 2026 111 AK TU E LL E FORSCHUNGSPROJ E K TE mischte Gruppen mit verschiedenen Störungsbildern (zum Beispiel Aphasie, Sprechapraxie, Dysarthrie). Aufgrund von Überschneidungen ergab dies insgesamt zwölf Personen, welche irgendeine Form von Gruppentherapie bei Dysarthrie anboten, egal ob gemischt mit anderen Störungsbildern oder nicht. Des Weiteren fanden es 15 der befragten Personen wichtig oder sehr wichtig, Gruppentherapie bei Dysarthrie als Ergänzung zur Einzeltherapie anzubieten. In Bezug auf eine Auswahl an Voraussetzungen seitens der Patient: innen wurden insbesondere die Motivation und Ausdauer als wichtig erachtet, während das Alter, das sprachliche Niveau und das Bildungsniveau als weniger relevant eingestuft wurden. Bei der Auswahl potenzieller Hindernisse der Gruppentherapie wurde ein Mangel an geeigneten Patient: innen von 15 Personen genannt, eine schwierige zeitliche Koordination von elf Personen und von fünf Personen ein zu hoher organisatorischer Aufwand. Vereinzelt wurde auch ein mangelndes Interesse seitens der Patient: innen sowie fehlende evidenzbasierte Therapiekonzepte als Barrieren gesehen. Bei den offenen Fragen wurde nach positiven und negativen Aspekten der Gruppentherapie gefragt und danach, welche Voraussetzungen/ Änderungen für eine gelingende Gruppentherapie erforderlich wären. Mehrere Teilnehmende betonten den Mehrwert von Gruppentherapie im Hinblick auf sozialen Austausch, Feedback durch andere Betroffene und Förderung der Selbstwirksamkeit. Insbesondere die Möglichkeit, kommunikative Strategien in einem realitätsnahen Kontext zu trainieren, wurde positiv gewertet. Trotz dieser Vorteile nannten die befragten Logopäd: innen auch konkrete Hürden, die eine Umsetzung der Gruppentherapie erschweren. Dazu zählen beispielsweise der organisatorische Aufwand, das Finden eines geeigneten Niveaus, welches allen gerecht wird, zu wenige Weiterbildungsmöglichkeiten sowie Probleme der Belastbarkeit und Mobilität seitens der Patient: innen. Als Gelingensbedingungen wurden hingegen eine geeignete Infrastruktur und Arbeitsbedingungen, vereinfachte Organisation und Koordination sowie genügend mobile Patient: innen mit ähnlichen Störungsbildern genannt. Diskussion und Ausblick Die Ergebnisse der Pilotstudie zeigen ein ambivalentes Bild: Auf der einen Seite besteht eine ausgeprägte Offenheit gegenüber Gruppentherapie als Therapieform, auf der anderen Seite existieren zahlreiche strukturelle, methodische und praktische Hürden, die deren Umsetzung einschränken. Ein zentrales Spannungsfeld zeigt sich in der Balance zwischen Individualisierung und Gruppendynamik. Während die Einzeltherapie auf die individuellen Symptome und Bedürfnisse abgestimmt werden kann, eröffnet die Gruppentherapie Möglichkeiten für Partizipation, Perspektivenwechsel und soziales Lernen. Diese Elemente sind insbesondere im Hinblick auf das ICF-Modell (WHO, 2002) von Bedeutung, welches neben Körperfunktionen auch Aktivitäten und Partizipation als zentrale Ebenen der Gesundheitsversorgung beschreibt. Die Aussagen der befragten Fachpersonen verdeutlichen, dass Gruppentherapie nicht als Konkurrenz zur Einzeltherapie gesehen wird, sondern als ergänzendes Format mit eigenem Stellenwert. Besonders für die Phase der Reintegration in den Alltag könnte sie eine Brücke zwischen geschütztem Therapieraum und realer Kommunikation bilden. Während die Gruppentherapie also meistens als Ergänzung zur Einzeltherapie gesehen wird, besteht weiterer Klärungsbedarf, ob Gruppentherapie (unter bestimmten Bedingungen) die Einzeltherapie sogar ersetzen könnte. Diese Frage könnte hinsichtlich limitierter Therapieressourcen interessant sein, wobei gleichzeitig bedacht werden muss, dass die Gruppentherapie von den befragten Fachpersonen teilweise sogar als ressourcenintensiver eingestuft wurde als das Einzelsetting. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Potenziale der Gruppentherapie bei Dysarthrie erkannt werden. Da aber zentrale Fragen der Umsetzung und Wirksamkeit noch ungeklärt sind und weiterer Forschung bedürfen, wird sie im klinischen Alltag bisher nur selten durchgeführt. Kontakt: verena.hofmann@unifr.ch DOI 10.2378/ vhn2026.art10d