Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Fachbeitrag: Kontrollierte Einzelfallstudien und Experience Sampling kombinieren: Elterliches Erleben der Frühförderung im Fokus einer Pilotstudie
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Simone Schaub
Christina Koch
Die Pilotstudie untersucht die Kombination von kontrollierten Einzelfallstudien (Single-Case Experimental Designs, SCEDs) und der Experience Sampling Methode (ESM), um das elterliche Erleben während der Frühförderung differenziert und alltagsnah zu erfassen. Mit einem Fokus auf die Anfangsphase der Frühförderung berichteten 21 Eltern über einen Zeitraum von zehn Wochen in täglichen Befragungen über ihr momentanes Erleben. Analysiert wurden die Eignung von sechs eingesetzten Skalen sowie beispielhaft die Veränderungsverläufe in der Skala Kompetenzerleben. Die Ergebnisse zeigen, dass tägliche Selbstberichte bei sorgfältiger Itemauswahl praktikabel und sensitiv für individuelle Veränderungen sind. Die Auswertung des Kompetenzerlebens verdeutlicht die heterogenen Wirkungen der Frühförderung. Das kombinierte Design bietet somit neue Möglichkeiten zur Analyse der Wirksamkeit der Frühförderung im Alltag und zur differenzierten Betrachtung individueller Entwicklungsprozesse.
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146 VHN, 95. Jg., S. 146 -162 (2026) DOI 10.2378/ vhn2026.art14d © Ernst Reinhardt Verlag FACH B E ITR AG Kontrollierte Einzelfallstudien und Experience Sampling kombinieren: Elterliches Erleben der Frühförderung im Fokus einer Pilotstudie Simone Schaub & Christina Koch Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik, Zürich Zusammenfassung: Die Pilotstudie untersucht die Kombination von kontrollierten Einzelfallstudien (Single-Case Experimental Designs, SCEDs) und der Experience Sampling Methode (ESM), um das elterliche Erleben während der Frühförderung differenziert und alltagsnah zu erfassen. Mit einem Fokus auf die Anfangsphase der Frühförderung berichteten 21 Eltern über einen Zeitraum von zehn Wochen in täglichen Befragungen über ihr momentanes Erleben. Analysiert wurden die Eignung von sechs eingesetzten Skalen sowie beispielhaft die Veränderungsverläufe in der Skala Kompetenzerleben. Die Ergebnisse zeigen, dass tägliche Selbstberichte bei sorgfältiger Itemauswahl praktikabel und sensitiv für individuelle Veränderungen sind. Die Auswertung des Kompetenzerlebens verdeutlicht die heterogenen Wirkungen der Frühförderung. Das kombinierte Design bietet somit neue Möglichkeiten zur Analyse der Wirksamkeit der Frühförderung im Alltag und zur differenzierten Betrachtung individueller Entwicklungsprozesse. Schlüsselbegriffe: Frühförderung, Elterliches Erleben, Kontrollierte Einzelfallstudien, Experience Sampling, Pilotstudie Combining Single-Case Experimental Designs and Experience Sampling: A Pilot Study on Parents’ Perceptions of Early Intervention Summary: This pilot study explores the combination of Single-Case Experimental Designs (SCEDs) and the Experience Sampling Method (ESM) to capture parental experiences of early intervention in a nuanced and ecologically valid way. Focusing on the initial phase of early intervention, 21 parents provided daily self-reports over a ten-week period. The study examined the suitability of six self-report scales and, as an example, the change trajectories in parental competence beliefs. The findings suggest that with careful item selection, daily self-reports are both feasible and sensitive to individual change. The analysis of competence trajectories highlights the heterogeneous ways in which parents respond to early intervention. The combined SCED-ESM approach thus offers new opportunities to evaluate the effectiveness of early intervention in real-life settings and to examine individual developmental processes in greater depth. Keywords: Early Intervention, Parental Experience, Single Case Experimental Design, Experience Sampling, Pilot study 1 Ausgangslage „… denn wenn man gestresst ist, ist das unausweichlich. Du bist ängstlicher, nervöser. Und das ist für die Kinder auch nicht gut. Elternsein ist immer stressig, auch mit Unterstützung. Aber immerhin weißt du, für die größeren Probleme hast du jemanden, der dir helfen kann“ (Zitat einer Mutter in Staiger-Iffländer, 2024). VHN 3 | 2026 147 SIMONE SCHAUB, CHRISTINA KOCH Einzelfallstudien und ESM kombinieren FACH B E ITR AG Familien mit Kindern mit Behinderung oder Entwicklungsauffälligkeiten erleben ihr Elternsein auf unterschiedliche Weise. Frühförderung soll Familien stärken und entlasten. Doch wie Eltern diese Unterstützung wahrnehmen und ob sie im Alltag tatsächlich eine Veränderung spüren, ist bislang kaum erforscht. Im praktischen Alltag der Frühförderung folgt auf die Begrüßung praktisch immer ein: „Wie geht es Ihnen? “. Ist dies eine Höflichkeitsfloskel, eine Übergangshilfe oder eine gezielte Fragestellung? Dieser Beitrag stellt das elterliche Erleben ins Zentrum und zeigt, wie es alltagsnah und wiederholt erfasst werden kann. Ziel ist es, ein innovatives methodisches Vorgehen exemplarisch vorzustellen, das Einblick in die subjektive Perspektive von Eltern ermöglicht. 1.1 Auftrag und Wirkmechanismen der Frühförderung Die interdisziplinäre Frühförderung (in der Schweiz: Heilpädagogische Früherziehung) richtet sich an Familien, deren Kinder in ihrer Entwicklung Auffälligkeiten zeigen oder eine Behinderung haben. Im Fokus stehen die Beratung und Begleitung der Familien und weiterer Bezugspersonen sowie die individuelle Entwicklungsförderung der Kinder. Ziel ist es, Kind und Familien in ihrer Teilhabe und ihren Bewältigungsfähigkeiten sowie Handlungsmöglichkeiten zu stärken (Sarimski, 2017). Die Familien- und Lebensweltorientierung sowie das Prinzip der Ganzheitlichkeit stellen das Kind im Kontext seines sozialen Umfelds ins Zentrum. Grundlage bildet eine biopsychosoziale Perspektive, die Entwicklung als dynamisches Zusammenspiel zwischen individuellen Voraussetzungen, elterlichem Verhalten und Umweltbedingungen begreift (Bronfenbrenner & Morris, 2000; Sameroff, 2010). Eine nachhaltige und wirksame Förderung setzt daher eine sorgfältige Diagnostik, den Einbezug des gesamten Familiensystems und die Beachtung der interdisziplinären Zusammenarbeit voraus (Peterander & Weiß, 2017; Sarimski, Hintermair & Lang, 2021). Das zentrale Wirkmodell von Trivette, Dunst und Hamby (2010) beschreibt einen indirekten Förderweg: Frühförderung stärkt elterliches Kompetenzerleben und psychische Gesundheit, was wiederum zu verbesserten Eltern-Kind-Interaktionen und langfristigen Entwicklungsgewinnen beim Kind führt. Als entwicklungsfördernde Eltern-Kind-Interaktionen gelten Verhaltensweisen, die responsiv und aktiv unterstützend sind, also feinfühlig auf kindliche Signale reagieren und positive Entwicklungsimpulse setzen (Trivette et al. 2010). Eine Längsschnittstudie bestätigt, dass solche Interaktionen eine Schlüsselrolle als Mediator zwischen Förderung und kindlicher Entwicklung spielen (Hauser-Cram, Warfield, Shonkoff & Krauss, 2001). Diese Interaktionen werden wesentlich durch elterliche Merkmale wie Feinfühligkeit oder mentale Repräsentationen wie Sorgen und Ängste beeinflusst (Pretis, 2020). Eltern von Kindern mit Behinderung berichten häufig über erhöhten Stress und eine verminderte psychische sowie physische Gesundheit (Baker et al., 2003; Callanan, Signal & McAdie, 2021), welche durch soziale Risikofaktoren zusätzlich verstärkt werden können (Minnes, Perry & Weiss, 2015). Frühförderung zielt daher darauf ab, psychische Belastungen zu reduzieren, Eltern in ihren Kompetenzen zu stärken und so Entwicklungsgelegenheiten für ihr Kind zu schaffen (Lütolf, Koch & Venetz, 2018; Mas et al., 2019). 1.2 Wirksamkeit aus Elternsicht Empirische Studien belegen, dass Frühförderung dann besonders wirksam ist, wenn sie von Eltern als hilfreich und familienorientiert erlebt wird (Lütolf & Venetz, 2018). Familien- VHN 3 | 2026 148 SIMONE SCHAUB, CHRISTINA KOCH Einzelfallstudien und ESM kombinieren FACH B E ITR AG orientierte Frühförderung geht mit einem höheren Kompetenzerleben, mehr Wohlbefinden und geringerer Belastung einher (Lütolf & Venetz, 2018; Mas et al., 2019; Ueda & Yonemoto, 2020). Unter Kompetenzerleben - häufig synonym mit Selbstwirksamkeit verwendet - wird dabei das subjektive Zutrauen in die eigene Handlungsfähigkeit verstanden, also die Überzeugung, auch in schwierigen Situationen Einfluss nehmen und angemessen handeln zu können (Ozer & Bandura, 1990). Dieses Erleben ist ein zentraler personaler Schutzfaktor, der Motivation, Verhalten und Umgang mit Belastungen maßgeblich beeinflusst (Sarimski, Hintermair & Lang, 2012). Zentrale Faktoren für ein gesteigertes Kompetenzerleben sind die Qualität der Beziehung zu den Fachpersonen, emotionale und praktische Unterstützung sowie das Gefühl von Mitwirkung und Kontrolle (Leite & Pereira, 2020; McConkey, O’Hagan & Corcoran, 2023). Viele dieser Befunde basieren auf korrelativen Studien, die wertvolle Einsichten in elterliche Erfahrungen liefern, jedoch nur eingeschränkt Aussagen über kausale Zusammenhänge erlauben (Pretis, 2015). Dies unterstreicht den Bedarf an ergänzenden methodischen Zugängen, die individuelle Entwicklungsverläufe differenziert und zugleich mit einem höheren Maß an Kontrolle untersuchen können. 1.3 Kontrollierte Einzelfallstudien als methodische Alternative Die Evaluation der Frühförderung ist methodisch anspruchsvoll, da sie auf hochindividualisierte, kontextabhängige und multidimensionale Zielsetzungen ausgerichtet ist (Hintz, Gebhard & lrmler, 2019). Gleichzeitig erschweren ethische Bedenken hinsichtlich des Vorenthaltens von Interventionen die Durchführung von randomisiert kontrollierten Studien (RCT), dem methodischen „Goldstandard“ für den Wirksamkeitsnachweis. Eine vielversprechende Alternative bieten kontrollierte Einzelfallstudien (SCED, Single-Case Experimental Design), die individuelle Entwicklungsverläufe unter natürlichen Bedingungen untersuchen (Ledford et al., 2016). SCEDs ermöglichen es, durch wiederholte Messungen bei einer Person Veränderungen von einer Baseline (der Zeit vor einer Intervention) zu einer Intervention nachzuweisen (Jain & Spieß, 2012). Bei sorgfältiger Planung erfüllen SCEDs zentrale Kriterien interner Validität und erlauben dadurch kausale Rückschlüsse auf Interventionseffekte (What Works Clearinghouse, 2022). Besonders in der Frühförderung bieten SCEDs die Möglichkeit, individuelle Verläufe abzubilden und praxisnahe Erkenntnisse zu generieren (Hintz et al., 2019). Trotz dieses Potenzials wurden SCEDs bislang selten in diesem Feld eingesetzt. Die wenigen Studien weisen methodische Herausforderungen wie geringe Messfrequenz (Callanan et al., 2021) oder eine ausschließliche Erfassung von Fremdeinschätzungen (z. B. Swanson, Raab & Dunst, 2011) auf. Für die verlässliche Erfassung subjektiver Erfahrungen sind jedoch Selbstauskünfte zentral (Kazdin, 2021). Genau hier setzen intensive longitudinale Designs (ILD) an, die durch hochfrequente Selbstberichte neue Möglichkeiten der Wirksamkeitserfassung eröffnen. 1.4 Intensive longitudinale Methoden als komplementärer Ansatz ILD umfassen häufige Datenerhebungen über längere Zeiträume, oft mehrmals täglich (Bolger & Laurenceau, 2013). Eine bewährte Methode ist das Experience Sampling (ESM), in welchem das unmittelbare Erleben und Verhalten im Alltag durch kurze Selbstauskünfte in Echtzeit erfasst wird („was machen Sie gerade und wie fühlen Sie sich dabei? “). ESM minimiert Verzerrungen, die typischerweise bei retrospektiven Fragebogen auftreten, und erlaubt eine differenzierte Abbildung des subjektiven Erlebens im natürlichen Kontext (Venetz & Zurbriggen, 2015). VHN 3 | 2026 149 SIMONE SCHAUB, CHRISTINA KOCH Einzelfallstudien und ESM kombinieren FACH B E ITR AG Die Kombination von SCEDs mit der ESM kann zentrale methodische Herausforderungen in der Evaluation der Frühförderung adressieren. Häufige Messzeitpunkte erhöhen die interne Validität von SCED, während Selbstauskünfte eine valide Erfassung subjektiven Erlebens ermöglichen. Trotz ihres Potenzials ist die Verbindung beider Ansätze weitgehend unerforscht (Bentley, Kleiman, Elliott, Huffman & Nock, 2019). 1.5 Ziele der Pilotstudie und Forschungsfragen Diese Pilotstudie untersucht die Machbarkeit der Kombination von SCEDs und der ESM im Kontext des Beginns der Frühförderung. Im Fokus stehen zwei Fragestellungen: 1) Welche Fragebogen und Items eignen sich für die tägliche Befragung und die Erfassung elterlichen Erlebens? 2) Welches Potenzial bietet die Methodenkombination, um Effekte der Frühförderung auf Veränderungen im subjektiven Erleben zu erfassen? 2 Methode Die Pilotstudie umfasste sechs kontrollierte SCEDs, welche im Rahmen von Masterarbeiten durchgeführt wurden (siehe Abbildung 1). Alle Studien waren als Multiple-Baseline-Designs über Personen hinweg aufgebaut. Bei diesem Design wird die interne Validität dadurch hergestellt, dass die Intervention zeitlich versetzt eingeführt wird. So können kausale Zusammenhänge zwischen der Intervention und Veränderungen im Outcome abgebildet werden (What Works Clearinghouse, 2022). 2.1 Rekrutierung und Studienablauf Tabelle 1 bietet einen Überblick über die teilnehmenden Eltern sowie die Rollen der sechs Masterstudentinnen, die jeweils eine Studie durchführten. Um Verzerrungen zu vermeiden, wurden die Familien so zugeteilt, dass die Studierenden bei einer Studie die Intervention übernahmen und bei einer anderen Studie die Auswertung und Interpretation. Abb. 1 Forschungsdesign: Multiples-Baseline-Design mit 6 SCED-Studien und 21 Teilnehmenden (E1 - E22) Kontrollierte Einzelfallstudien (MZP 1 -50) Situation (Ort, Personen, Tätigkeit), besonderes Ereignis Prätest (MZP 0) Posttest (MZP 51) Fester Zeitpunkt 1) E1 -2 1) E4 -6 1) E7 -10 1) E11 -14 1) E15 -18 1) E19 -22 Baseline Intervention: Frühförderung mit zeitversetztem Start Demografische Merkmale Lebenszufriedenheit, Selbstwirksamkeit Evaluation Befragung Lebenszufriedenheit, Selbstwirksamkeit, Familienorientierung Zufälliger Zeitpunkt VHN 3 | 2026 150 SIMONE SCHAUB, CHRISTINA KOCH Einzelfallstudien und ESM kombinieren FACH B E ITR AG Die Rekrutierung erfolgte über vier Frühförderstellen, an denen die Studentinnen als Fachpersonen Frühförderung angestellt waren. Neu angemeldete Familien wurden über Ziel, Ablauf und Bedingungen der Studie informiert und gaben ihr schriftliches Einverständnis zur Teilnahme. Nach einer anfänglichen Zusage zog eine Familie (E3) ihre Teilnahme zurück, sodass die finale Stichprobe 21 Familien umfasste. Dies ergab in der Regel mindestens drei Elternteile pro Studie. 2.2 Studiendesign und Ablauf Die täglichen Selbstberichte wurden über zehn Wochen mit der Applikation m-Path über das Smartphone der Teilnehmenden erfasst (Mestdagh et al., 2022). An Werktagen wurde täglich ein Fragebogen mit Push-Alarm versendet, der möglichst unmittelbar ausgefüllt werden sollte. Dies resultierte in insgesamt 50 Messzeitpunkten pro Familie. In vier Studien (1 - 4) erfolgte die Befragung zu zufälligen Zeitpunkten innerhalb eines definierten Zeitfensters (semi-random), in zwei Studien (5 - 6) zu festen Zeitpunkten. Feste Zeitpunkte ermöglichen Vorhersehbarkeit, bergen jedoch ein erhöhtes Risiko für bewusste Verhaltensanpassung. Zufällige Zeitpunkte erhöhen die ökologische Validität, gehen jedoch mit einer höheren Teilnahmebelastung einher (Dejonckheere & Erbas, 2021). SCED Studie/ Fachperson Auswertung Elternteil Fachperson Intervention Baseline n Intervention n Rate % 1 E1 E2 E3 6 3 5 13 19 0 29 29 0 84 96 00 2 E4 1 E5 E6 4 4 3 22 8 10 22 36 28 88 88 76 3 E7 E8 E9 E10 2 6 5 5 13 8 15 16 24 39 32 33 74 94 94 98 4 E11 E12 E13 E14 2 2 1 6 20 8 11 12 25 12 38 32 90 40 98 88 5 E15 E16 E17 E18 1 3 1 6 2 12 14 14 16 27 36 32 27 78 100 92 86 6 E19 E20 E21 E22 1 1 5 1 4 15 13 13 11 33 37 33 22 96 100 92 66 Tab. 1 Studienübersicht Anmerkung: 1 Fragebogen übersetzt VHN 3 | 2026 151 SIMONE SCHAUB, CHRISTINA KOCH Einzelfallstudien und ESM kombinieren FACH B E ITR AG Die Befragung startete vor dem Beginn der Frühförderung und umfasste 9 - 22 Messzeitpunkte in der Baseline (Median [Mdn] = 15) und 28 - 41 Messzeitpunkte während der Frühförderung (Mdn = 35). Die Rücklaufquote lag bei 40 - 100 % (Mdn = 90 %, vgl. Tabelle 1). Die technische Begleitung zur Einrichtung der Applikation erfolgte individuell per Textnachricht mit zusätzlichen Kontakten zwei Tage und fünf Wochen nach Studienbeginn. Nach Abschluss der Studie erhielten alle Eltern einen Warengutschein als Wertschätzung. Zusätzlich zu den SCED wurden ein Prä- und Posttest durchgeführt (siehe Abbildung 1), deren Ergebnisse hier nicht präsentiert werden, da der Fokus dieser Studie auf den täglichen Messungen liegt. 2.3 Stichprobe Die Stichprobe umfasste 21 Elternteile (darunter 3 Väter) im Alter von 23 - 39 Jahren (Mdn = 34). Die 13 Jungen und 8 Mädchen waren 10 - 55 Monate alt (Mdn = 28) und zeigten Entwicklungsverzögerungen in der Sprache (85.7 %), der sozioemotionalen Entwicklung oder im Verhalten (52.4 %), der Motorik (33.3 %) und/ oder der Kognition (28.6 %). Die sechs berufsbegleitenden Studierenden waren 28 bis 44 Jahre alt (Mdn = 33) und seit ein bis vier Jahren als Fachpersonen Frühförderung tätig. 2.4 Intervention Die Intervention bestand aus einem Erstgespräch, regulären Frühförderbesuchen sowie zwei Gesprächen zu familiären Bedürfnissen und Ressourcen. Alle Termine wurden durch die Fachpersonen anhand von Checklisten strukturiert und dokumentiert. Ziel war es, keine künstliche Situation mit einheitlichen Anweisungen vorzugeben, sondern über die Checklisten Orientierungspunkte zu schaffen, welche individuell und auf die jeweilige Familiensituation und den kindlichen Entwicklungsstand adaptiert werden konnten. Bei allen Terminen wurden Dauer, Anwesende und Ort dokumentiert. Das Erstgespräch diente dem gegenseitigen Kennenlernen, der Information über das Angebot und die Grundprinzipien der Frühförderung sowie der Gestaltung der Termine. Während der insgesamt 87 Frühförderbesuche (Mdn = 4 pro Familie) wurden die vorrangigen Aufgabenfelder (z. B. Diagnostik, Förderung), verwendete Materialien sowie die strukturellen und fachlichen Schwerpunkte (z. B. Anbieten von neuen Lernerfahrungen) dokumentiert. Innerhalb der 10 Wochen wurden jeweils zwei Elterngespräche geführt, in welchen, basierend auf der Orientierungshilfe zur Planung von Frühförderung (Steiner, 2002), die familiären Bedürfnisse und Ressourcen erfasst und Zielsetzungen für die Zusammenarbeit formuliert wurden. 2.5 Instrumente 2.5.1 Evaluation der täglichen Befragung Ein selbstentwickelter Fragebogen mit fünf Items erhob anschließend an die gesamte Befragung die Einschätzung der täglichen Fragebögen auf einer sechsstufigen Skala: Befragungsdauer zehn Wochen (zu kurz bis zu lang), Zeitpunkt der Fragebögen (unpassend bis passend), Anzahl Fragen (zu wenige bis zu viele), Frageninhalt (eintönig bis anregend sowie bestärkend bis entmutigend). 2.5.2 SCED-Fragebogen Jede Studie bestand aus einem zweiteiligen Fragebogen: 1) Erfassung des elterlichen Erlebens auf einer kontinuierlichen Skala von 0 - 100 mit maximal 10 Items in zufälliger Reihenfolge und VHN 3 | 2026 152 SIMONE SCHAUB, CHRISTINA KOCH Einzelfallstudien und ESM kombinieren FACH B E ITR AG 2) Erfassung der Kontextfaktoren Ort, anwesende Personen (z. B. Partner: in, Geschwister) und Aktivität, sowie besondere Ereignisse und Besuche der Frühförderin seit der letzten Messung. Elterliches Erleben Jede Studie adressierte einen Aspekt elterlichen Erlebens (z. B. Belastung, Eltern-Kind- Interaktion). Die Items wurden aus etablierten Instrumenten abgeleitet und so überarbeitet, dass sie sich auf den aktuellen Moment oder einen klar definierten Tageszeitpunkt bezogen - in einer Sprache, die alltagsnah, selbsterklärend und auch in wiederholter Anwendung akzeptabel blieb. Beispielsweise wurde das Item „Manchmal stehe ich dem Verhalten meines Kindes hilflos gegenüber“ aus dem Elternstressfragebogen (Domsch & Lohaus, 2010) umformuliert zu „Im Moment stehe ich dem Verhalten meines Kindes hilflos gegenüber“. Die Befragungssprache konnte von den Eltern frei gewählt werden. Die deutschsprachige Version wurde im Vorfeld mit einer unabhängigen Stichprobe im Hinblick auf Verständlichkeit und Relevanz erprobt. Andere Sprachversionen wurden funktional übersetzt, jedoch nicht systematisch validiert. Es erfolgte keine formale Prüfung der Messinvarianz der Sprachversionen. Im Ergebnisteil wird exemplarisch das Kompetenzerleben vertiefend analysiert, auf die weiteren Skalen wird nicht im Detail eingegangen. Sie wurden explorativ im Rahmen dieser Pilotstudie eingesetzt und sind nicht für eine weiterführende Nutzung vorgesehen. 2.6 Analysen Von allen 21 Elternteilen lagen Daten über den zehnwöchigen Untersuchungszeitraum mit insgesamt 910 ausgefüllten Fragebogen vor. Die statistische Auswertung umfasste deskriptive Analysen (Bericht von Medianen aufgrund kleiner Stichprobenumfänge), psychometrische Prüfungen zur Eignung der eingesetzten Items und Skalen sowie inferenzstatistische Verfahren zur Überprüfung von Interventionseffekten. Alle Analysen wurden mit SPSS Version 29 durchgeführt. 2.6.1 Eignung und Datenqualität Zur Bewertung der Eignung einzelner Items wurden Intraklassenkorrelationen (ICC, Koo & Li, 2016) berechnet, um die Stabilität der tagesbezogenen Antworten im Verhältnis zu interindividuellen Unterschieden zu erfassen. Die Berechnung der ICC erfolgte auf Basis gemischter linearer Modelle, in denen die Elternteile als Clustervariable definiert wurden. Es wurde eine autoregressive Kovarianzstruktur angenommen und die Freiheitsgrade mithilfe der Kenward-Roger-Approximation geschätzt (Hox et al., 2017). Je nach Modellkonvergenz wurden zufällige Effekte auf Interceptund/ oder Zeitebene berücksichtigt. Items mit sehr niedrigen ICC-Werten (< .20) wurden ausgeschlossen, da sie vorwiegend tagesbezogene Schwankungen zeigen und sich daher nur bedingt zur Identifikation systematischer Veränderungen eignen. Items mit sehr hohen ICC-Werten (> .70) wurden ebenfalls ausgeschlossen, da sie auf stabile Merkmale oder Eigenschaften hinweisen, die durch kurze Interventionen kaum veränderbar sind (Anusic & Schimmack, 2016; Varese, Haddock & Palmier-Claus, 2019). Zusätzlich wurden die Trendstabilität in der Baseline sowie Decken- und Bodeneffekte geprüft. Items mit signifikanten Anstiegen oder Abfällen vor Interventionsbeginn wurden im weiteren Verlauf besonders kontrolliert, da sie potenzielle Scheinveränderungen erzeugen können. Items mit über 90 % Höchst- oder Tiefstwerten wurden aus der Skalenbildung ausgeschlossen. Auf Basis dieser Kriterien wurden für jede Skala Mittelwerte gebildet, die zur weiteren Analyse herangezogen wurden und in VHN 3 | 2026 153 SIMONE SCHAUB, CHRISTINA KOCH Einzelfallstudien und ESM kombinieren FACH B E ITR AG Abbildung 2 ersichtlich sind. Zur besseren Vergleichbarkeit wurden alle Items so umkodiert, dass höhere Werte ein positiveres elterliches Erleben darstellen. 2.6.2 Interventionseffekte Die Analyse der Interventionseffekte erfolgte in drei Schritten: (1) einer visuellen Inspektion der individuellen Zeitverläufe, (2) der statistischen Auswertung der täglichen Skalenmittelwerte und (3) vertiefenden Fallanalysen auf Itemebene. Entsprechend gängiger SCED-Verfahren erfolgte zunächst eine visuelle Inspektion der Datenpunkte. Dabei wurden Veränderungen in Level, Trend und Variabilität betrachtet (Jain & Spieß, 2012). Diese Einschätzung liefert erste Hinweise auf mögliche Effekte, erlaubt jedoch allein keine differenzierte Bewertung von Veränderungen. Für weiterführende Analysen wurde eine Skala exemplarisch ausgewählt, deren Auswahl im Ergebnisteil begründet wird. Zur statistischen Prüfung wurde ein Regressionsansatz verwendet, der sich bei instabilen Verläufen und kleinen Effekten bewährt hat (Kazdin, 2021; What Works Clearinghouse, 2022). Das Basismodell umfasste drei Prädiktoren: 1. Zeit (zentriert auf den letzten Baseline-Zeitpunkt) 2. Phase (0 = Baseline, 1 = Intervention) 3. Zeit × Phase (zur Erfassung veränderter Verlaufsrichtungen) Die Verläufe auf Skalenebene wurden erneut mittels gemischter linearer Modelle analysiert (siehe Abschnitt 2.6.1). In einem erweiterten Modell wurde zusätzlich ein quadratischer Zeitverlauf (Zeit² × Phase) berücksichtigt, um auch nichtlineare Veränderungen wie vorübergehende Verschlechterungen berücksichtigen zu können. Zusätzlich wurden kontextuelle Merkmale wie Ort, Tageszeit, Anwesenheit von Bezugspersonen oder die ausgeübte Aktivität einbezogen. Zur Veranschaulichung individueller Entwicklungsverläufe im Kompetenzerleben wurden zwei Eltern mit kontrastierenden Verlaufsprofilen ausgewählt und auf Itemebene mithilfe desselben Modellansatzes wie oben analysiert. 3 Ergebnisse 3.1 Eignung und Datenqualität Die Umfragedauer wurde als angemessen (Mdn = 4), der Befragungszeitpunkt als passend (Mdn = 5) und die Anzahl Fragen als ausgewogen (Mdn = 4) bewertet. Die Fragen wurden tendenziell eher als bestärkend denn als entmutigend erlebt (Mdn = 4). Inhaltlich lagen die Einschätzungen im neutralen Bereich zwischen „eintönig“ und „anregend“ (Mdn = 3). Zwischen den Erhebungsarten fester oder zufälliger Befragungszeitpunkt ergaben sich keine signifikanten Unterschiede. Abbildung 2 zeigt die Skalenmittelwerte der täglichen Antworten. Bereits visuell wird deutlich, dass sich die Skalen in ihrer Eignung zur Abbildung systematischer Veränderungen unterscheiden: Studie 3 (E7 - 10) zeigte ausgeprägte Deckeneffekte, Studien 5 und 6 (E15 - 22) wiesen hohe tagesbezogene Schwankungen auf. Die in Studie 4 (E11 - 14) eingesetzte Skala Kompetenzerleben erwies sich als stabil und varianzreich. Im Folgenden wird diese Skala exemplarisch betrachtet. Zwei Items wurden aufgrund zu geringer Stabilität (ICC < .20) aus den Analysen ausgeschlossen („Der weiteren Erziehung meines Kindes sehe ich entspannt entgegen.“, ICC = 0.19; „Ich habe Zweifel, ob ich in der Erziehung meines VHN 3 | 2026 154 SIMONE SCHAUB, CHRISTINA KOCH Einzelfallstudien und ESM kombinieren FACH B E ITR AG Kindes alles richtig mache.“, ICC = 0.13), während das Item „Es verunsichert mich, wenn andere meinen Erziehungsstil kritisieren.“ (ICC = 0.76) zu stabil war. Die verbleibenden Items (siehe Tabelle 2) zeigten eine mittlere Stabilität (ICC = 0.28 - 0.65), keine systematischen Decken- oder Bodeneffekte und waren mehrheitlich stabil in der Baseline. 3.2 Interventionseffekte Die visuelle Inspektion der in Abbildung 2 dargestellten individuellen Verläufe des elterlichen Erlebens über die Zeit verdeutlicht hohe interindividuelle Varianz: Einige Elternteile berichten von einem stabilen (z. B. E9) oder zunehmend positiven Erleben (z. B. E1), andere zeigen Verschlechterungen (z. B. E7) oder fluktuierende Muster (z. B. E6). Mögliche Erklärungen für diese Vielfalt liefert ein Blick auf den Kontext der Befragungen. Die meisten Einträge erfolgten zu Hause (70 %), häufig in Anwesenheit des Kindes (63 %), gelegentlich mit Partner: in (28 %), Geschwistern (20 %) oder weiteren Bezugspersonen (16 %). Inhaltlich standen dabei meist Aktivitäten mit dem Kind im Vordergrund (35 %), gefolgt von Entspannen oder Nichtstun (18 %). Die Ergebnisse der individualisierten Analysen aus Studie 4 sind in Tabelle 3 dargestellt. E12 zeigte mit einer Rücklaufquote von 40 % eine deutlich geringere Beteiligung und wurde aus den individuellen Analysen ausgeschlossen. ◾ E11 berichtete eine negative Entwicklung unmittelbar nach Beginn der Frühförderung (b = -8.12, p < .05), ohne anschließende Verbesserung. ◾ E13 berichtete eine negative Entwicklung über die Zeit hinweg (b = -1.23, p < .05) sowie einen vorübergehenden Rückgang (Zeit² × Phase, b = 0.03, p < .001). Die Anwesenheit des Partners wirkte sich negativ aus (b = -4.06, p < .05). ◾ E14 berichtete eine positive Entwicklung im Verlauf der Intervention (b = 1.56, p < .01), ohne unmittelbaren Phaseneffekt. Item ICC Baseline- Trend (b) Baseline M (SD) Intervention M (SD) a) Im Umgang mit meinem Kind reagiere ich leicht ungeduldig. (umkodiert) 1 0.28 -0.09 58.53 (13.07) 56.60 (22.45) b) Im Moment fühle ich mich bei manchen Aufgaben als Mutter überfordert. (umkodiert) 2 0.65 -0.24 54.49 (18.92) 34.31 (27.78) c) Kritische Situationen mit meinem Kind kann ich gut meistern. 2 0.65 0.31 58.10 (12.88) 52.13 (16.77) d) Im Moment stehe ich dem Verhalten meines Kindes hilflos gegenüber. (umkodiert) 1 0.58 -0.56 70.55 (17.05) 65.22 (20.09) e) Ich fühle mich in der Erziehung meines Kindes unsicher. (umkodiert) 2 0.33 -0.99* 56.59 (13.10) 51.50 (17.30) f) Im Moment fällt mir die Erziehung meines Kindes leichter als anderen Eltern. 1 0.31 -0.38 43.12 (15.51) 28.42 (13.95) Skala Kompetenz 2 0.47 -0.33 56.90 (8.52) 48.03 (11.13) Tab. 2 Psychometrische Eigenschaften Skala Kompetenzerleben Anmerkung: ICC = Intraklassenkorrelation; höhere Werte spiegeln ein positiveres Erleben wider; ¹ Modell mit zufälligem Intercept; ² Modell mit zufälligem Intercept und zufälligem Zeiteffekt; * p < .05 VHN 3 | 2026 155 SIMONE SCHAUB, CHRISTINA KOCH Einzelfallstudien und ESM kombinieren FACH B E ITR AG Anmerkung: Darstellungen wurden mit den Paketen ggplot2 und dplyr in R erstellt Abb. 2 Verlauf des elterlichen Erlebens während der Baseline (vor gestrichelter Linie) und während der Frühförderung: mittlere tägliche Antworten (Punkte) und Trendlinien Messzeitpunkt Z u s t i m m u n g Multiple Baseline Design VHN 3 | 2026 156 SIMONE SCHAUB, CHRISTINA KOCH Einzelfallstudien und ESM kombinieren FACH B E ITR AG Insgesamt sank das Kompetenzerleben unmittelbar nach Beginn der Frühförderung (b = -5.49, p < .1), nahm im Verlauf der Interventionszeit jedoch wieder zu (b = 1.06, p < .001). Das erweiterte Modell zeigte keinen zusätzlichen Erkenntnisgewinn. Abbildung 3 zeigt die Tagesverläufe der sechs Fragen zum Kompetenzerleben zweier Mütter (E13 und E14) und Tabelle 4 die Ergebnisse der Regressionsanalysen auf Item-Ebene. Bei E13 nahm das Gefühl der Überforderung von Beginn der Erhebung kontinuierlich zu, bis sie ab MZP 23 nur noch den niedrigsten Wert Item E Phase Zeit × Phase Zeit 2 × Phase Kontext 4 a) ungeduldig 13 -3.64 (5.12) 1.89** (0.68) - - 14 -2.35 (8.05) -0.39 (0.96) - - 4 b) überfordert 13 3.43 (7.12) 0.65 (1.14) - MG: 18.44* (6.05) AE: 8.45* (4.01) 14 -6.98 (7.41) 0.78 (0.87) - I: 10.37* (4.64) 4 c) meistern 13 -0.86 (5.67) -1.01 (0.79) - - 14 -2.82 (5.46) 3.96*** (0.87) - MP: -5.54* (2.29) 4 d) hilflos 13 0.65 (9.19) -0.95 (1.35) 0.04* (0.02) MP: -11.32**(3.90) 14 7.22 (7.11) 3.06*** (0.84) - MP: -7.43* (3.39) 4 e) unsicher 13 -16.76* (7.54) -0.41 (1.00) - - 14 -3.46 (9.12) 4.25** (1.22) -0.07** (0.02) - 4 f) leicht 13 -20.37**(5.86) -2.75** (0.79) - AK: 5.87* (2.82) 14 6.86 (7.28) 0.92 (0.97) 0.04* (0.02) - Tab. 4 Interventionseffekte Fallbeispiele Anmerkung: I: Frühförderbesuch, MP = mit Partner: in, MG = Mit Geschwistern, AE = Aktivität Entspannen, Nichtstun, AK = Aktivität mit dem Kind angab. Weniger Überforderung erlebte sie durch die Anwesenheit von Geschwistern (b = 18.44, p < .05) und beim Entspannen oder Nichtstun (p = 8.45, p < .05). Der Beginn der Frühförderung löste Unsicherheit (b = -16.76, p < .05) und das Gefühl aus, dass Elternschaft für sie schwerer sei als für andere (b = -20.37, p < .01); dieser Eindruck verstärkte sich im Verlauf der Intervention weiter (-2.75. p < .01). Positiv beeinflusst wurde dieses Erleben durch gemeinsame Aktivitäten mit dem Kind (b = 5.87, p < .05). Dagegen erlebte sich E13 im Verlauf der Intervention zunehmend geduldiger mit ihrem Kind (b = 1.89, p < .01) und das Gefühl von Hilflosigkeit nahm im Verlauf der Intervention ab (b = 0.04, p < .05). Tab. 3 Interventionseffekte Anmerkung: 1 Inklusive E12; MP = Partner: in anwesend; + p < .1, * p < .05, ** p < .01, *** p < .001 Basismodell Erweitertes Modell Intercept b (SE) Phase b (SE) Zeit × Phase b (SE) Zeit 2 × Phase b (SE) Kontext b (SE) E11 E13 E14 55.47 (2.54) 54.18 (2.87 53.39 (3.93) -8.12* (3.40) -3.25 (3.69) 1.72 (4.69) 0.31 (0.27) -1.23* (0.54) 1.56** (0.56) - 0.03*** (0.01) - - MP: -4.06* (1.57) - Skala 1 47.79 (5.47) -5.49 + (3.08) 1.06*** (0.27) - - VHN 3 | 2026 157 SIMONE SCHAUB, CHRISTINA KOCH Einzelfallstudien und ESM kombinieren FACH B E ITR AG Anmerkung: Alle Items wurden so kodiert, dass höhere Werte ein positiveres Erleben widerspiegeln (z. B. „NICHT hilflos“ = 100) Abb. 3 Kompetenzerleben Fallbeispiele: Mittlere tägliche Antworten (Punkte) und Trendlinien Messzeitpunkt Fallbeispiel Z u s t i m m u n g VHN 3 | 2026 158 SIMONE SCHAUB, CHRISTINA KOCH Einzelfallstudien und ESM kombinieren FACH B E ITR AG Der Beginn der Frühförderung wirkte sich nicht unmittelbar auf E14 aus. Die Mutter erlebte sich aber zunehmend weniger hilflos (b = 3.06, p < .01) und unsicher (b = 4.25, p < .01) sowie kompetent, kritische Situationen gut meistern zu können (b = 3.96, p < .001). Auch der Eindruck, dass Elternschaft für sie leichter sei als für andere Eltern, nahm nichtlinear zu (b = 0.04, p < .05). Das Gefühl der Unsicherheit wurde gegen Ende der Befragungszeit wieder größer (-0,07, p < .01). Unmittelbar nach den Frühförderbesuchen erlebte E14 zudem weniger Überforderung (10.37, p < .05). Bei beiden Müttern verstärkte sich das Gefühl von Hilflosigkeit in der Anwesenheit des Partners (b = -11.32, p < .01; b = -7.43, p < .05), bei E14 sank zudem die Überzeugung, kritische Situationen gut meistern zu können (b = -5.54, p < .05). 4 Diskussion Diese Pilotstudie untersuchte die Machbarkeit und das Potenzial der Kombination von SCEDs mit der ESM, um intraindividuelle Veränderungen im elterlichen Erleben während der Frühförderung differenziert zu erfassen. Ziel war es, ein methodisches Vorgehen zu erproben, das experimentelle Kontrolle mit alltagsnaher Erhebung verbindet. Die Ergebnisse werden entlang der beiden Fragestellungen diskutiert: (1) der Eignung der eingesetzten Items und Instrumente sowie (2) den beobachteten Effekten des Frühförderbeginns auf das elterliche Erleben. 4.1 Eignung der Items und Instrumente Die Ergebnisse belegen die prinzipielle Machbarkeit und Akzeptanz täglicher Selbstberichte über einen Zeitraum von zehn Wochen im komplexen Setting der Frühförderung. Hohe Rücklaufquoten und positive Rückmeldungen seitens der Eltern zeigen, dass sich die Erhebungen gut in den Alltag integrieren ließen. Die psychometrische Auswertung zeigte deutliche Unterschiede in der Eignung der sechs eingesetzten Skalen. Zentral war die zeitliche Stabilität der Items als Indikator für ihre Messgenauigkeit bei wiederholter Anwendung. Einige Skalen wiesen sehr hohe tagesbezogene Schwankungen auf und waren daher wenig geeignet für die Untersuchung systematischer Veränderungen oder individueller Unterschiede. Andere wiederum zeigten eine auffallend hohe Stabilität, wodurch sie zwar zuverlässig zwischen Personen unterscheiden konnten, aber nur eingeschränkt empfindlich auf Veränderungen im Verlauf reagierten. Zudem traten Hinweise auf potenzielle Testing- Effekte auf: Einzelne Items zeigten bereits vor Beginn der Intervention systematische Trends, was auf Reaktivität durch die wiederholte Befragung schließen lässt. Außerdem deuten ausgeprägte Decken- oder Bodeneffekte bei bestimmten Skalen auf eine mögliche Ermüdung oder Gewöhnung hin. Solche Effekte verringern die Veränderungssensitivität und können damit die interne Validität eines SCED-Designs beeinträchtigen (Petursdottir & Carr, 2018). Zur Reduktion von Reaktivität und Belastung könnten zukünftige Studien präventiv auf Strategien wie Planned Missing Data zurückgreifen. Dabei werden gezielt einzelne Items pro Messzeitpunkt ausgelassen (Graham, Taylor, Olchowski & Cumsille, 2006). Dieses Verfahren hat sich in ESM-Studien bereits bewährt (Silvia, Kwapil, Walsh & Myin-Germeys, 2014) und ermöglicht längere Erhebungsphasen bei konstanter Datenqualität. Ein weiterer Aspekt betrifft die Erhebungsstrategie: Zwar unterschieden sich die Rücklaufquoten zwischen festen und zufälligen Befragungszeitpunkten nicht, jedoch zeigten sich bei zufälligen Zeitpunkten tendenziell stabilere Antwortmuster. Dies spricht für metho- VHN 3 | 2026 159 SIMONE SCHAUB, CHRISTINA KOCH Einzelfallstudien und ESM kombinieren FACH B E ITR AG dische Vorteile semi-randomisierter Erhebungen und unterstreicht die Bedeutung einer sorgfältigen Abstimmung von Itemformulierung und Erhebungszeitpunkt für die Erfassung von Alltagserleben (vgl. Dejonckheere & Erbas, 2021). 4.2 Veränderungsverläufe: Kompetenzerleben im Fokus Um das Potenzial der kombinierten Methodik inhaltlich auszuloten, wurde die Skala zum elterlichen Kompetenzerleben exemplarisch analysiert. Sie erwies sich als psychometrisch geeignet, da sie sowohl intraindividuelle Veränderungen als auch Unterschiede zwischen Eltern differenziert abbilden konnte. Die Analysen auf Skalenebene zeigten einen insgesamt positiven Verlauf im Erleben elterlicher Kompetenz während der Frühförderung. Gleichzeitig ließen sich sehr unterschiedliche individuelle Muster erkennen: Während einige Eltern zunehmende Sicherheit berichteten, zeigten andere Hinweise auf Belastung oder instabile Verläufe. Die für SCEDs zentrale Anforderung - ein konsistenter Effekt bei mindestens drei Personen - wurde nicht erfüllt, sodass auf aggregierter Ebene kein kausaler Effekt nachgewiesen werden kann (vgl. What Works Clearinghouse, 2022). Die kontrastierenden Verläufe einzelner Elternteile verdeutlichen die Relevanz kontextsensitiver Analysen: Alltagsbedingungen, familiäre Dynamiken und situative Einflüsse wirkten sich spürbar auf das tägliche Erleben aus. So berichtete eine Mutter (E13) von zunehmender Überforderung und Unsicherheit, die durch Aktivitäten mit dem Kind abgemildert wurden. Eine andere Mutter (E14) erlebte sich hingegen zunehmend kompetent, reagierte aber sensibel auf die Anwesenheit des Partners. Die Kombination aus kontinuierlicher Erhebung und kontextbezogener Codierung erwies sich als besonders hilfreich, um solche individuellen Entwicklungsmuster sichtbar zu machen und das Potenzial der kombinierten SCED-ESM- Methodik zu unterstreichen. 4.3 Implikationen für Forschung und Praxis Die Ergebnisse verdeutlichen, dass ESM ein geeigneter Zugang für SCEDs ist. Voraussetzung ist jedoch eine präzise Formulierung der Forschungsfrage und die sorgfältige Auswahl geeigneter Items. Besonders für die bislang wenig untersuchte Anfangsphase der Frühförderung bietet das Design neue Perspektiven: Die Analysen legen nahe, dass die Übergangsphase von Unsicherheit und erhöhter Vulnerabilität begleitet sein kann. Zukünftige Studien sollten diesen sensiblen Übergang stärker in den Fokus rücken und Follow-up-Erhebungen einplanen, um längerfristige Entwicklungen besser zu erfassen. Das kombinierte ESM-SCED-Design bietet zudem Potenzial für größere Studien, in denen Einflussfaktoren wie kindlicher Unterstützungsbedarf, elterliche Ressourcen oder Erwartungen systematisch untersucht werden können. So lassen sich theoretische Wirkmodelle prüfen und praxisrelevante Hinweise für die passgenaue Gestaltung von Unterstützungsangeboten ableiten. Auch für die Frühförderpraxis bietet das methodische Vorgehen hohen Nutzen: Die Möglichkeit, elterliches Erleben tagesaktuell zu erfassen und mit Kontextmerkmalen zu verknüpfen, kann als Reflexionsinstrument in der Fallarbeit und Supervision dienen. Fragen wie „Wie geht es Ihnen? “, „Wie ist es Ihnen seit dem letzten Mal ergangen? “ oder „Was ist Ihnen in der letzten Woche gelungen? “ werden so zu konkreten Anknüpfungspunkten, um das elterliche Erleben ins Zentrum zu stellen. VHN 3 | 2026 160 SIMONE SCHAUB, CHRISTINA KOCH Einzelfallstudien und ESM kombinieren FACH B E ITR AG 4.4 Limitationen und Ausblick Die Ergebnisse dieser Pilotstudie sind explorativ und nicht generalisierbar. Die Verwendung unterschiedlicher Skalen ohne formale Prüfung der Messinvarianz - sowohl zwischen den Sprachversionen als auch über die Zeit - stellt eine methodische Limitation dar. Trotz sorgfältiger Übersetzung und Prüfung auf Verständlichkeit bleibt offen, ob die Items psychometrisch vergleichbar funktionieren. Eine systematische Invarianzprüfung war aufgrund der geringen Stichprobengröße nicht möglich, sollte aber in Folgestudien berücksichtigt werden. Zudem wurde auf weiterführende Analysen zu soziodemografischen Merkmalen (z. B. Herkunft) sowie auf die vollständige Offenlegung aller eingesetzten Skalen verzichtet, um eine Überinterpretation einzelner Ergebnisse zu vermeiden. Dennoch zeigt die Studie, dass die Kombination von SCEDs und ESM ein vielversprechendes methodisches Vorgehen darstellt, um individuelle Veränderungen im elterlichen Erleben während der Frühförderung alltagsnah und differenziert abzubilden. Die Verbindung beider Ansätze vereint ökologische Validität mit einer präzisen zeitlichen Auflösung und macht kontextgebundene Wirkverläufe sichtbar. Zukünftige Forschung sollte auf diesen ersten Befunden aufbauen, größere Stichproben einbeziehen, längere Nachuntersuchungszeiträume realisieren und die Befragungsinstrumente weiterentwickeln. So kann das Potenzial familienzentrierter Interventionen noch systematischer und differenzierter untersucht werden. Literatur Anusic, I. & Schimmack, U. (2016). 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