eJournals Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete95/3

Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/vhn2026.art15d
5_095_2026_3/5_095_2026_3.pdf71
2026
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Trend: Was kennzeichnet den Sonderpädagogischen Schwerpunkt Geistige Entwicklung? Herausforderungen, Anfragen an ein fluides und bislang wenig operationalisiertes Konstrukt

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2026
Tobias Bernasconi
Aussagen zur Häufigkeit Geistiger Behinderung im Allgemeinen und für den deutschsprachigen Raum sind nur eingeschränkt möglich. Zwar wird international die Situation im Rahmen von Metastudien beschrieben (z.B. McKenzie et al., 2016), wobei hier eine Spannbreite zwischen 0,05% und 1,55% besteht. Vor dem Hintergrund einer geänderten Definition von Geistiger Behinderung bzw. intellektueller Beeinträchtigung durch die Revision der ICD-10 zur ICD-11 verändert sich aktuell nicht nur die medizinische Diagnostik, sondern es stellt sich auch die Frage, wie eine operationalisierbare Diagnostik in diesem Bereich möglich ist.
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163 VHN, 95. Jg., S. 163 -167 (2026) DOI 10.2378/ vhn2026.art15d © Ernst Reinhardt Verlag TRE ND Was kennzeichnet den Sonderpädagogischen Schwerpunkt Geistige Entwicklung? Herausforderungen, Anfragen an ein fluides und bislang wenig operationalisiertes Konstrukt What Characterizes Special Education with Focus on Intellectual Disabilities? Challenges and Questions Regarding a Fluid Concept Tobias Bernasconi Universität zu Köln Aussagen zur Häufigkeit Geistiger Behinderung im Allgemeinen und für den deutschsprachigen Raum sind nur eingeschränkt möglich. Zwar wird international die Situation im Rahmen von Metastudien beschrieben (z. B. McKenzie et al., 2016), wobei hier eine Spannbreite zwischen 0,05 % und 1,55 % besteht. Vor dem Hintergrund einer geänderten Definition von Geistiger Behinderung bzw. intellektueller Beeinträchtigung durch die Revision der ICD-10 zur ICD-11 verändert sich aktuell nicht nur die medizinische Diagnostik, sondern es stellt sich auch die Frage, wie eine operationalisierbare Diagnostik in diesem Bereich möglich ist. Das lange Zeit als maßgebliches Kriterium für die Diagnostik, das mehr als zwei Standardabweichungen umfassende unterdurchschnittliche Niveau der kognitiven Leistungsfähigkeit (entsprechend einem Intelligenzquotienten [IQ] von unter 70), wurde in der ICD-11 um ein zweites Kriterium ergänzt: die Beurteilung des adaptiven Verhaltens. In der ICD-11 werden nun - analog zum DSM V (Saß et al., 2003) die sogenannten Störungen der intellektuellen Entwicklung (Disorders of intellectual development) als eine Gruppe ätiologisch vielfältiger Bedingungen während der Entwicklungsphase beschrieben, die sich durch eine signifikant unterdurchschnittliche intellektuelle Funktionsfähigkeit sowie ein signifikant unterdurchschnittliches (sozial-) adaptives Verhalten auszeichnen. Ferner wird darauf verwiesen, dass sich die Diagnose auf klinische Beurteilungsverfahren stützen soll, die sich auf die angemessene Einschätzung vergleichbarer Verhaltensindikatoren gründen, v. a. wenn keine standardisierten Testverfahren vorliegen. Das Ausmaß an Unterstützung, das ein Mensch benötigt, um an subjektiv sinnhaften Bildungs- und Lebenssituationen teilhaben zu können, wird zudem von umweltbezogenen Variablen gemäß dem Verständnis der ICF beeinflusst. Diese zunächst positiv zu bewertende Erweiterung der Definition führt zu neuen diagnostischen Schwierigkeiten, da zum einen bisher im deutschsprachigen Raum nur sehr wenige und nicht einfach einsetzbare Testverfahren für den Bereich des adaptiven Verhaltens existieren und weiterhin die grundlegenden Schwierigkeiten der IQ-Testung bestehen. VHN 3 | 2026 164 TOBIAS BERNASCONI Was kennzeichnet den SGE? TRE ND Zudem müssen Menschen mit Geistiger Behinderung als eine äußerst heterogene und vielfältige individuelle Gruppe angesehen werden. Beim Blick auf die Schule kommt hier eine Problematik hinzu. Die Sonderpädagogischen Unterstützungsbedarfe verstehen sich grundsätzlich als Reaktion auf pädagogische Aufgabenstellungen, nicht im Sinne einer personenbezogenen Beschreibung. Dennoch besteht in der Praxis oftmals eine Korrelation zwischen dieser (schuladministrativen) Kategorie und einer identifizierten Personengruppe. Anders gesagt: oftmals geht mit einer Diagnose im Kontext von Geistiger Behinderung auch die Zuteilung des SGE einher. Ganz allgemein erlebt Deutschland hier in den letzten Jahren einen grundlegenden Anstieg der Schüler: innenzahlen mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Dabei ist dies nicht nur ein regionales, sondern übergreifend zu beobachtendes Phänomen. Im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung zeigt sich diese Entwicklung in besonderer Vehemenz. Hier ist die sog. Förderrelation in den letzten 20 Jahren stetig gestiegen, insgesamt um 100 % auf heute ca. 1,5 % gemessen an der Gesamtzahl von Schüler: innen, die in Deutschland beschult werden (vgl. Dworschak, 2024). Besonders stark ist der Anstieg in den letzten 5 - 10 Jahren zu beobachten. Einzelne Studien liefern erstmals empirische Belege für die in der Praxis beobachteten Veränderungen (Bernasconi, 2024 b; Bernasconi, Christoffels & Schürmann, 2026). So kann für das Bundesland NRW konstatiert werden, dass bei nahezu allen Förderschulen mit dem sonderpädagogischen Schwerpunkt Geistige Entwicklung eine Zunahme der Zahlen an Schüler: innen beobachtet wird. Der Anstieg verläuft dabei stetig steigend. Anhand der drei abgefragten Zeiträume wird deutlich, dass die Zahlen in den letzten 5 Jahren zudem deutlicher angestiegen sind als in den fünf Jahren zuvor (siehe Abb. 1). Zusätzlich wird deutlich, dass sich neben der Gesamtzahl an Schüler: innen vor allem auch die Zusammensetzung verändert. So berichten Schulleitungen neben einer quantitativen Zunahme auch über qualitative Veränderungen mit Blick auf ihre Schüler: innen (siehe Abb. 2). Dies betrifft einerseits einen starken Anstieg von Schülerinnen und Schülern im Autismus- Spektrum und mit herausforderndem Verhalten, zum anderen aber auch eine zunehmende Beschulung von Schülerinnen mit Migrationshintergrund, mit Fluchterfahrung oder Traumatisierungen. 500 450 400 350 300 250 200 150 100 50 0 2015 2019 2024 Durchschnitt Maximum 115,75 133,92 169,21 250 270 442 Abb. 1 Veränderung der SchülerInnen an den FS GE in NRW (quantitativ) VHN 3 | 2026 165 TOBIAS BERNASCONI Was kennzeichnet den SGE? TRE ND Natürlich war es auch bislang schwierig, allgemein von Schüler: innen mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf im Bereich der Geistigen Entwicklung zu sprechen, da diese Gruppe sich immer schon durch eine breite Heterogenität ausgezeichnet hat. Diese hat sich jedoch in den letzten Jahren zunehmend erweitert, was die Frage aufruft, was eigentlich diesen Förderschwerpunkt ausmacht bzw. wie dieser operationalisiert werden kann. Konkret wird diese Fragestellung aktuell z. B. bei der Feststellung der sonderpädagogischen Förderbedarfe in diesem Schwerpunkt. Hier zeigen Untersuchungen, dass in der Praxis eine große Unsicherheit besteht (vgl. Baysel & Dworschak, 2026; Bernasconi et al., 2026), wie Diagnose, Definition und letztlich Operationalisierung vorgenommen werden können. Die Schwierigkeit mit Blick auf die Operationalisierung wird noch gesteigert, da ◾ die Bundesländer unterschiedliche Verfahren zur Feststellung des sonderpädagogischen Förderschwerpunktes GE entwickelt haben. ◾ in Theorie und Praxis keine Eindeutigkeit besteht, was den Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung im Schwerpunkt Geistige Entwicklung ausmacht (MSB NRW, 2024). ◾ die Definition der Geistigen Behinderung nie universal und statisch war, sondern durch unterschiedliche Definitionsversuche und Beschreibungen geprägt ist (Bernasconi, 2024 a). ◾ der Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung im Schwerpunkt Geistige Entwicklung als schuladministrative Kategorie nicht direkt an eine Diagnose gekoppelt ist, sondern in einem Begutachtungsbzw. Feststellungsverfahren zur Vergabe eines sonderpädagogischen Unterstützungsbedarfs erhoben wird. Für die angesprochene weiter steigende Prävalenz fehlt bislang eine eindeutige wissenschaftliche Erklärung. Als Gründe werden an unterschiedlichen Stellen u. a. veränderte Zuweisungskriterien, eine Verschiebung der diagnostischen Grenzen gegenüber dem Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung im Schwerpunkt Lernen oder in der verbesserten medizinischen Versorgung z. B. nach Frühgeburten gesehen (Klauß, 2012; Ratz, 2024; Bernasconi, 2024 a). Anstieg bestimmter Gruppen Andere Gruppen, nicht spezifiziert Schülerinnen und Schüler im Übergang zum sonderpädagogischen Schwerpunkt Lernen Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund Schülerinnen und Schüler im Autismus-Spektrum Schülerinnen und Schüler mit komplexer Behinderung Schülerinnen und Schüler mit genetischen Syndromen Schülerinnen und Schüler mit Zuwanderungsgeschichte 0 % 10 % 20 % 30 % 40 % 50 % 60 % 70 % 80 % 90 % 100 % 93,90 % 9,76 % 26,83 % 71,95 % 15,85 % 3,66 % 81,71 % Abb. 2 Veränderung der SchülerInnen an den FS GE in NRW (qualitativ) VHN 3 | 2026 166 TOBIAS BERNASCONI Was kennzeichnet den SGE? TRE ND Es ergeben sich entsprechend folgende (An)Fragen: ◾ Welche Aspekte sind konstituierend für eine Geistige Behinderung? ◾ Wie kann das vielfältige Phänomen der Geistigen Behinderung übergreifend beschrieben und vor allem operationalisiert werden? ◾ In welchem Zusammenhang stehen die Definition von Geistiger Behinderung und der sonderpädagogische Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung? ◾ Welche inhaltlichen Aspekte sind dann weitergehend konstituierend für den sonderpädagogischen Schwerpunkt der Geistigen Entwicklung? ◾ Wie sollte eine fachlich angemessene und gleichzeitig die Lebensrealität der Menschen beachtende förderschwerpunktspezifische Diagnostik gestaltet sein? ◾ Welche Lebensrealitäten bestimmen zusätzlich Diagnose und weitere Definition von Geistiger Behinderung? Letztlich wird auf Grundlage der bestehenden Studienlage zum Personenkreis sowie der Fachdiskussion deutlich, dass aktuell keineswegs fachlicher Konsens besteht, sondern vielmehr - wie letztlich seit ehedem - in diesem Förderschwerpunkt sowohl in Wissenschaft als auch in der Praxis eher eine Vielzahl an Perspektiven besteht. Für beide Felder wäre es jedoch im Hinblick auf Theoriemodellierung, Professionsentwicklung und letztlich auch für den Praxistransfer und die Gestaltung von Unterstützungsmöglichkeiten essenziell, hier mehr Konsens und Vergleichbarkeit zu erhalten. Dies würde es ermöglichen, eine mehr operationalisierbare Diagnostik umzusetzen, eine klarere Definition zu erhalten und verbesserte Unterstützungsmöglichkeiten zu erarbeiten. Nicht außer Acht gelassen werden sollte dabei - und das führt in allen Feldern zu neuen und zusätzlichen Herausforderungen - die Perspektive der Menschen selbst. Gerade in Fragen von Definitionen und Diagnostik sollten deshalb partizipative Ansätze vermehrt eingebunden und individuell gelebte Lebensrealität und -erfahrungen aufgenommen werden. Dabei ist nicht damit zu rechnen, das vielschichtige und komplexe Phänomen der Geistigen Behinderung auf eine einfache Formel zu reduzieren, der Versuch einer verbesserten Operationalisierung insbesondere mit Blick auf Diagnostik und Definition des Förderschwerpunktes steht dem jedoch nicht entgegen. Literatur Baysel, K. & Dworschak, W. (2026). Feststellung sonderpädagogischen Unterstützungsbedarfs - ein (zu) wenig reguliertes Handlungsfeld. Ausgewählte Befunde einer bayerischen Studie im Schwerpunkt geistige Entwicklung. Zeitschrift für Heilpädagogik, 77 (3), 105 -114 Bernasconi, T. (2024 a). Pädagogik und Rehabilitation bei geistiger Behinderung. München: Reinhardt. Bernasconi, T. (2024 b). Schülerinnen und Schüler im sonderpädagogischen Schwerpunkt Geistige Entwicklung in NRW. Aktuelle Befunde zu Veränderungen und Herausforderungen der schulischen Praxis. Zeitschrift für Heilpädagogik, 75 (10), 446 -456. Bernasconi, T., Christoffels, M. & Schürmann, R. (2025). Anzahl und Verteilung der Schülerinnen und Schüler im sonderpädagogischen Schwerpunkt Geistige Entwicklung in NRW unter besonderer Berücksichtigung des Autismus-Spektrums: Zeitschrift für Heilpädagogik, 77 (3), 92 -104. Dworschak, W., Baysel, K. & Hackl, K. (2024). Feststellung sonderpädagogischen Unterstützungsbedarfs im Schwerpunkt Geistige Entwicklung - Prozessstandards zur schulischen Diagnostik zur Diskussion gestellt. Sonderpädagogische Förderung heute, 69 (4), 413 -425. Klauß, T. (2012). Weshalb gibt es immer mehr Sonderschülerinnen und -schüler im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung? Teilhabe, 51 (4), 161 -168. McKenzie, K., Milton, M., Smith, G. & Ouellette- Kuntz, H. (2016). Systematic Review of the Prevalence and Incidence of Intellectual Disabilities: Current Trends and Issues. Current Developmen- VHN 3 | 2026 167 TOBIAS BERNASCONI Was kennzeichnet den SGE? TRE ND tal Disorders Reports, 3 (2), 104 -115. Abgerufen am 1. 4. 2026 unter: https: / / link.springer.com/ content/ pdf/ 10.1007/ s40474-016-0085-7.pdf [MSB NRW] Ministerium für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.) (2024). Gemeinsames Gutachten zum Wissenschaftlichen Prüfauftrag zur steigenden Anzahl der Schülerinnen und Schüler mit Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung. Angerufen am 1. 4. 2026 unter: https: / / www.schulministerium. nrw/ system/ files/ media/ document/ file/ langfas sung_wissenschaftlicher_pruefauftrag_sonder paedagogische_foerderung.pdf Ratz, C. (2024). Anspruch und Alltag: Aktuelle Entwicklungen, Widersprüche und Perspektiven. Hauptvortrag auf dem vds-Bundesfachkongress „Anspruch und Alltag - Unterstützung im sonderpädagogischen Schwerpunkt Geistige Entwicklung“, Würzburg, 19. 4. 2024 (Kongressdokumentation). Saß, H., Wittchen, H.-U., Zaudig, M., Houben, I. (2003): Diagnostische Kriterien. DSM-IV-TR. Deutsche Bearbeitung. Göttingen/ Bern. Anschrift des Autors Prof. Dr. Tobias Bernasconi Universität zu Köln Klosterstr. 79 b 50931 Köln E-Mail: tobias.bernasconi@uni-koeln.de Geistige Behinderung verstehen 2024. 212 Seiten. 28 Abb. 8 Tab. utb-M (978-3-8252-6215-0) kt a www.reinhardt-verlag.de Wie leben, lernen und arbeiten Menschen mit geistiger Behinderung? Dieses Einführungswerk beschreibt interdisziplinär und im Kontext von Pädagogik und Rehabilitation die Lebenssituation von Betroffenen über deren gesamte Lebensspanne hinweg. Es wird sichtbar, vor welche Herausforderungen sie und ihre Familien gestellt sind. Aus den Erkenntnissen lassen sich für Personen, die in den Bereichen Sonderpädagogik und Erziehungswissenschaften tätig sind, wertvolle Hinweise für die praktische Arbeit ableiten. Gleichzeitig werden neue Möglichkeiten aufgezeigt, dem wachsenden gesellschaftlichen Fokus auf Inklusion gerecht zu werden.