eJournals Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete95/3

Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/vhn2026.art16d
5_095_2026_3/5_095_2026_3.pdf71
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Aktuelle Forschungsprojekte: Stress und Wohlbefinden von Schulteams im Kontext schulischer Integration (SWING)

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Caroline Sahli Lozano
Sergej Wüthrich
Sophie Schneider
Leoni Frei
Fabian Setz
Matthias Wicki
Obwohl der Lehrberuf als bereichernd gilt (Skaalvik & Skaalvik, 2017), sind Lehrpersonen auch hohen beruflichen Anforderungen wie zum Beispiel hoher Arbeitsbelastung, Störungen im Unterricht oder Konflikten mit Erziehungsberechtigten ausgesetzt (Collie, Shapka & Perry, 2012; Klassen & Chiu, 2010). Solche hohen Anforderungen begünstigen Stress, Überlastung und längerfristig Burnout (Baeriswyl, Krause & Kunz-Heim, 2014; Wolter et al., 2019). Lehrpersonen mit erhöhtem Stresserleben wiederum zeigen mehr Fehlzeiten und hegen eher Austrittsabsichten (Bauer, Trösch & Aksoy, 2021; Skaalvik & Skaalvik, 2018), was aktuell national wie international im Kontext des Lehrkraftmangels als problematisch angesehen wird (Keller-Schneider & Schneider Boye, 2023).
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VHN 3 | 2026 168 AK TU E LL E FORSCHUNGSPROJ E K TE Stress und Wohlbefinden von Schulteams im Kontext schulischer Integration (SWING) Caroline Sahli Lozano, Sergej Wüthrich, Sophie Schneider, Leoni Frei, Fabian Setz, Matthias Wicki Pädagogische Hochschule Bern Ausgangslage und Problemstellung Obwohl der Lehrberuf als bereichernd gilt (Skaalvik & Skaalvik, 2017), sind Lehrpersonen auch hohen beruflichen Anforderungen wie zum Beispiel hoher Arbeitsbelastung, Störungen im Unterricht oder Konflikten mit Erziehungsberechtigten ausgesetzt (Collie, Shapka & Perry, 2012; Klassen & Chiu, 2010). Solche hohen Anforderungen begünstigen Stress, Überlastung und längerfristig Burnout (Baeriswyl, Krause & Kunz-Heim, 2014; Wolter et al., 2019). Lehrpersonen mit erhöhtem Stresserleben wiederum zeigen mehr Fehlzeiten und hegen eher Austrittsabsichten (Bauer, Trösch & Aksoy, 2021; Skaalvik & Skaalvik, 2018), was aktuell national wie international im Kontext des Lehrkraftmangels als problematisch angesehen wird (Keller-Schneider & Schneider Boye, 2023). Hoher Stress beeinträchtigt die Unterrichtsqualität und damit einhergehend Leistung, Motivation und Wohlbefinden der Schüler: innen (Klusmann, Kunter, Trautwein & Baumert, 2006; Shen et al., 2015), was besonders Lernende mit verschiedenen Risikofaktoren trifft (Jennings, 2015). In den letzten Jahrzehnten haben Bildungsreformen, insbesondere der Ausbau integrativer Schulformen, das Anforderungsprofil von Lehrpersonen und weiteren Fachpersonen verändert (Altrichter & Maag Merki, 2016). Integration bringt aufgrund der steigenden Heterogenität der Lernenden einen höheren Bedarf an individualisierten Lernarrangements sowie intensivere multiprofessionelle Kooperation mit sich (Gräsel & Trempler, 2016; Schwab, 2017). Solche Anforderungen können bei ausreichenden Ressourcen zwar zu Wachstum und Engagement führen (Lepine, Podsakoff & Lepine, 2005), werden jedoch in der Praxis häufig mit fehlenden Ressourcen und Mehrbelastung verknüpft (Sahli Lozano, 2019). Gesetzlich ist die Schweiz seit rund 30 Jahren verpflichtet, ein inklusives Bildungssystem zu etablieren (Behindertengleichstellungsgesetz [BehiG], 2002; Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen [UN-BRK], 2006). Zwar ist die Separationsquote seit 2004 um 40 % gesunken (BFS, 2020), doch zeigt sich eine jüngste Stagnation der Abnahme von Sondersettings (BFS, 2025). Zudem bestehen große kantonale Unterschiede hinsichtlich der Separationsquote (BFS, 2025) sowie der Vergabe und Umsetzung integrativer Maßnahmen (Sahli Lozano, Crameri & Gosteli, 2021). Aktuell fordern Medien und Politik vermehrt eine Rückkehr zu stärkerer Separation, oft gestützt auf vermutete Zusammenhänge zwischen Integration, Lehrpersonenbelastung und sinkendem Leistungsniveau (Bossard, 2022; Melzer, Scheer, Baumann & Gebhardt, 2022). Empirische Belege fehlen bislang oder deuten in andere Richtungen, etwa auf eine gestiegene Arbeitszufriedenheit der Lehrpersonen (Brägger & Schwendimann, 2022). Hier setzt das vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) geförderte Projekt SWING (Stress und Wohlbefinden von Schulteams im Kontext schulischer Integration) an. Damit leistet es einen empirisch fundierten Beitrag zur aktuellen Integrationsdebatte und zur nachhaltigen Weiterentwicklung gesundheitsfördernder Rahmenbedingungen und Schulentwicklung. Das Job Demands-Resources Modell als theoretischer Rahmen Das Projekt stützt sich dabei auf eine adaptierte Version des Job Demands-Resources (JD-R) Modells (Bakker, Demerouti & Sanz-Vergel, 2023; Schaufeli & Taris, 2014). Das JD-R Modell wird häufig verwendet, um die Wechselwirkungen zwischen arbeitsspezifischen Anforderungen und Ressourcen sowie deren Einfluss auf Stress, Engagement und längerfristige Outcomes (z. B. Burnout) zu analysieren. Das klassische JD-R Modell wird im Rahmen von SWING erweitert, indem (1) objektive und subjektiv wahrgenommene Anforderungen und Ressourcen unterschieden werden, (2) personale Merkmale und schulklimaspezifische Faktoren berücksichtigt werden und (3) Outcomes über Lehrpersonen hinaus auf Schüler: innen und Erziehungsberechtigte untersucht werden. VHN 3 | 2026 169 AK TU E LL E FORSCHUNGSPROJ E K TE Fragestellungen Im Projekt SWING wird entlang des JD-R Modells untersucht, wie integrationsspezifische Anforderungen und Ressourcen mit dem Wohlbefinden und Belastungserleben von Lehr- und Fachpersonen zusammenhängen und welche schulischen Bedingungen zu ihrer Gesundheit beitragen. Ein Fokus liegt hier auf der Unterscheidung zwischen objektiven Anforderungen (z. B. Klassengröße, Heterogenität der Klasse) und Ressourcen (z. B. Anzahl Förderlektionen, Teamteaching) und deren subjektiver Wahrnehmung. Weiterführende Outcomes werden im Rahmen von Zufriedenheit und Wohlbefinden aber auch von Stress und Ausstiegsabsichten von Lehr- und Fachpersonen sowie Aspekten der sozialen Integration, des Wohlbefindens, der Einschätzung des Klassen- und Schulklimas der Schüler: innen und deren Erziehungsberechtigten betrachtet. Ein zentraler Fokus richtet sich auf die Ebene der Schule, indem analysiert wird, inwiefern z. B. aggregierte kollektive Haltungen und Selbstwirksamkeit mit Stress und Wohlbefinden der Schulteams zusammenhängen. Ausgehend von den quantitativen Daten soll weiterführend bei ausgewählten Schulen mit unterschiedlichen Profilen qualitativ den Fragen nachgegangen werden, welche Aspekte von den Schulteams als stressfördernd oder -reduzierend erlebt werden, welche Stolpersteine und Gelingensbedingungen sie bei der Umsetzung der Integration wahrnehmen und in welcher Weise Schulleitungen Entwicklungsprozesse hin zur Integration gestalten. Forschungsdesign und Methodik Das Projekt SWING, mit einer Laufzeit von vier Jahren, ist im August 2024 gestartet. In einem ersten Teil A wurden anhand einer quantitativen Befragung 205 zufällig ausgewählte Primarschulen (Schulleitung, Lehr- und Fachpersonen) in der gesamten Deutschschweiz anhand bewährter Skalen zu unterschiedlichen Themen wie Stress, Engagement oder objektiven und subjektiven Anforderungen und Ressourcen befragt. Zusätzlich wurden in Teil B aus dem Pool der teilnehmenden Schulen 205 Klassen (Schüler: innen und deren Erziehungsberechtigte) zufällig ausgewählt und zu Themen wie sozialer Integration, Schulzufriedenheit und Klassenklima befragt. Im Frühjahr 2026 folgt eine qualitative Vertiefungsstudie, bei der im Rahmen von Teil C Leitfadeninterviews durchgeführt und inhaltsanalytisch ausgewertet werden sollen. Dazu werden 20 Schulteams aus Schulen mit unterschiedlichen Stress- und Wohlbefindensprofilen ausgewählt, die in Bezug auf die objektiven Anforderungen und Ressourcen ähnlich sind. Abb. 1 Adaptiertes Job Demands-Resources Modell nach Schaufeli & Taris (2014) Arbeitsanforderungen objektive Anforderungen Arbeitsressourcen Outcomes Stress Engagement Schulklima Person subjektive Anforderungen objektive Ressourcen subjektive Ressourcen Lehrperson Schüler: innen Erziehungsberechtigte VHN 3 | 2026 170 AK TU E LL E FORSCHUNGSPROJ E K TE Bedeutung des Projekts Angesichts steigender Anforderungen im Zusammenhang mit schulischer Integration und gleichzeitig verbreiteter Diskussionen über Belastung und Gesundheit von Lehrpersonen liefert das Projekt SWING wichtige empirische Grundlagen für Forschung, Bildungspolitik und Schulentwicklung. Im Zentrum steht die Frage, wie Schulen mit hohen Integrationsanforderungen ihre Teams gesund und arbeitsfähig halten können. Diese Frage wird aktuell in mehreren Kantonen auch im politischen Diskurs kontrovers verhandelt (Melzer et al., 2022). Wissenschaftlich trägt das Projekt zur Weiterentwicklung des etablierten Job Demands-Resources Modells bei, indem zwischen objektiven und subjektiven Anforderungen und Ressourcen unterschieden wird und schulklimatische sowie personale Einflussfaktoren systematisch einbezogen werden (Bakker & Demerouti, 2007; Schaufeli & Taris, 2014). Die breite quantitative Datengrundlage sowie die ergänzende qualitative Vertiefung erlauben, bisherige Forschungslücken zu schließen, insbesondere im Hinblick auf kollektive Stresserfahrungen und gesundheitsförderliche Bedingungen an Schulen. Für die Bildungspraxis bietet das Projekt Erkenntnisse darüber, welche Faktoren schulischen Stress mindern, Engagement fördern und integrative Entwicklung begünstigen. Die Ergebnisse werden praxisnah aufbereitet und über verschiedene Kanäle (z. B. Publikationen, Kongresse, Schulnetzwerke) zugänglich gemacht. Damit leistet SWING einen Beitrag zur Qualitätssicherung und Weiterentwicklung eines inklusiven Bildungssystems im Einklang mit internationalen Verpflichtungen (UN-BRK, 2006) und nationalen bildungspolitischen Zielsetzungen. Literaturangaben und nähere Informationen unter: swing@phbern.ch DOI 10.2378/ vhn2026.art16d Frühjahr 2025: Quantitative Befragung Frühjahr 2026: Qualitative Interviews Abb. 2 Forschungsdesign des Projekts SWING