eJournals Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete95/3

Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/vhn2026.art17d
5_095_2026_3/5_095_2026_3.pdf71
2026
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Rezension: Christian Schanze (Hg.), Tanja Sappok (Hg.) (2025): Störungen der Intelligenzentwicklung. Grundlagen der psychiatrischen Versorgung, Diagnostik und Therapie. Aktualisiert nach ICD-11 (3. Au

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Tobias Bernasconi
Das Buch Störungen der Intelligenzentwicklung erscheint nunmehr in der dritten Auflage und stellt nach wie vor eine umfassende und differenzierte Darstellung intellektueller Entwicklungsstörungen dar. Es leistet damit einen substanziellen Beitrag zur interdisziplinären Diskussion in den Fächern Medizin, Entwicklungspsychologie, Sonderpädagogik, Psychologie etc. Die dritte Auflage ist dabei anhand der nun geltenden ICD-11 überarbeitet und neu konzipiert. Des Weiteren wurden im Vergleich zur vorherigen Auflage neue Störungsbilder aufgenommen, die sich aus den Anpassungen der ICD-11 ergeben. Das umfangreiche Werk setzt sich dabei das Ziel, den überaus komplexen Gegenstandsbereich der Intelligenzentwicklung sowohl theoretisch-konzeptionell als auch diagnostisch und mit Blick auf Interventionen bei unterschiedlichen Störungsbildern darzustellen.
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VHN 3 | 2026 171 REZE NSION E N Christian Schanze (Hg.), Tanja Sappok (Hg.) (2025): Störungen der Intelligenzentwicklung. Grundlagen der psychiatrischen Versorgung, Diagnostik und Therapie Aktualisiert nach ICD-11 (3. Auflage) Klett-Cotta, 696 S., € 85,-, ISBN: 978-3-608-40083-0 Das Buch Störungen der Intelligenzentwicklung erscheint nunmehr in der dritten Auflage und stellt nach wie vor eine umfassende und differenzierte Darstellung intellektueller Entwicklungsstörungen dar. Es leistet damit einen substanziellen Beitrag zur interdisziplinären Diskussion in den Fächern Medizin, Entwicklungspsychologie, Sonderpädagogik, Psychologie etc. Die dritte Auflage ist dabei anhand der nun geltenden ICD-11 überarbeitet und neu konzipiert. Des Weiteren wurden im Vergleich zur vorherigen Auflage neue Störungsbilder aufgenommen, die sich aus den Anpassungen der ICD-11 ergeben. Das umfangreiche Werk setzt sich dabei das Ziel, den überaus komplexen Gegenstandsbereich der Intelligenzentwicklung sowohl theoretisch-konzeptionell als auch diagnostisch und mit Blick auf Interventionen bei unterschiedlichen Störungsbildern darzustellen. Die Gesamtherausgeber: innen sind ausgewiesene Expert: innen für den Gegenstandsbereich des Werkes: Christian Schanze ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Pädagoge (MA). Tanja Sappok ist Direktorin der Universitätsklinik für Inklusive Medizin am Krankenhaus Mara gGmbH in Bielefeld sowie Universitätsprofessorin für Psychische Gesundheit bei Menschen mit Behinderungen an der Universität Bielefeld. Das umfangreiche Werk teilt sich in drei Bereiche auf: Grundlagen, Störungsbilder und sozialpolitische Aspekte. Das Grundlagenkapitel bietet einen aktuellen und überarbeiteten Überblick zu psychischen Erkrankungen bei Menschen mit intellektueller Entwicklungsstörung sowie eine Einordnung zu Grundlagen der Diagnostik und der Therapie. Insbesondere das Kapitel zu Therapie stellt in mehreren Beiträgen vielfältige Ansätze zur Begleitung und Unterstützung von Menschen mit intellektueller Entwicklungsstörung mit konkretem Bezug zu Praktikabilität und Einsatzgebiet dar. Der Bereich der Störungsbilder ist der umfassendste im Buch, hier wird nochmals zwischen Neuronalen Entwicklungsstörungen, Psychischen Störungen einschließlich Verhaltensstörungen sowie Somatischen Krankheitsbildern unterschieden. Die Darstellung der unterschiedlichen Schädigungs- und Krankheitsbilder folgt dabei einer relativ ähnlichen Struktur: Zunächst wird der Verweis auf die ICF-11 und die dortige Codierung vorgenommen, anschließend eine Definition gegeben, in der Folge werden Angaben zu Prävalenz und Ätiologie beschrieben und diese teilweise abschließend durch weiterführende Aspekte, Fallbeispiele oder Studienergebnisse ergänzt. Im Bereich der sozialpolitischen Aspekte wird zunächst die psychiatrische Versorgung in den deutschsprachigen Ländern differenziert in einzelnen Beiträgen vorgestellt. Anschließend erfolgt eine übergreifende Einordnung von rechtlichen Aspekten rund um das Thema Gesundheitsleistungen und Gesundheitsversorgung. Zudem werden auch das neue Betreuungsrecht thematisiert und kritische Bereiche wie freiheitsentziehende Maßnahmen angemessen diskutiert. Das Buch schließt mit zwei weiteren Aspekten, die im Grenzbereich der Gesundheitsversorgung liegen: dem Umgang mit straffällig gewordenen Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung und einem sehr interessanten und intensiven aufbereiteten Rückblick auf ärztliche (Mit)Verantwortung an den NS-Verbrechen an Menschen mit intellektueller Entwicklungsstörung. Übergreifend entsteht in der neuen Auflage dieses Grundlagenwerks der positive Eindruck, dass die Störungen der Intelligenzentwicklung hier trotz der medizinisch-psychiatrischen Ausrichtung nicht ausschließlich über psychometrische Grenzwerte definiert werden, sondern im Sinne eines multidimensionalen Verständnisses betrachtet, welches kognitive, adaptive und soziale Funktionsbereiche einschließt. Diese Perspektive korrespondiert mit den aktuellen Klassifikationssystemen (ICD-11/ DSM-V). Die einzelnen Beiträge VHN 3 | 2026 172 REZE NSION E N der unterschiedlichen AutorInnen zeichnen sich durch eine ausgewogene Verbindung diagnostischer Grundlagen, der Einbindung aktueller empirischer Evidenz und praxisbezogener Einordnung aus. Insgesamt ist die vorliegende Auflage so nicht lediglich eine Überarbeitung im Sinne redaktioneller Aktualisierung, sondern wirklich eine inhaltliche Weiterentwicklung des Werkes. Die Ergänzungen und Akzentverschiebungen reflektieren zentrale Veränderungen im wissenschaftlichen Diskurs und erhöhen so die theoretische Tiefe und die Anschlussfähigkeit des Bandes für aktuelle Lehre, Forschung und Praxis. Prof. Dr. Tobias Bernasconi Universität zu Köln DOI 10.2378/ vhn2026.art17d Ulrich Heimlich (2025): Inklusion leben! Auf dem Weg zur inklusiven Gesellschaft Kohlhammer, 204 S., € 30,-, ISBN 978-3-17-045061-5 Erbauliches, Anekdotisches, Repetierliches - so könnte man das letzte Buch von Ulrich Heimlich zusammenfassen, das den Titel ‚Inklusion leben! ‘ trägt. Und zur Frage auf dem Klappentext, ob ein weiteres Buch zum Thema Inklusion erforderlich sei, lässt sich antworten: Nur dann, wenn es die zentralen vorhandenen Forschungsergebnisse und Theoriebestände seriös zur Kenntnis nimmt und daran weiterarbeitet. Aber gerade dies ist nicht der Fall, denn diese finden in dem gesamten Buch gar keine Berücksichtigung (ein Blick in das Literaturverzeichnis zeugt bereits davon, wenn statt Georg Feuser, Wolfgang Jantzen, Hans Wocken, Simone Seitz, Rolf Werning, Birgit Lütje- Klose, Tanja Sturm oder auch Vera Moser, James Baldwin, Judith Butler, Hermann Hesse, Friedrich Hölderlin, Immanuel Kant oder Alice Schwarzer erscheinen). Vielmehr offeriert der Autor am Beispiel der Themen Diskriminierung, Patriarchale Gesellschaft, Ableismus, Rassismus, Stigmatisierung etc. (warum nicht auch Speziesismus? ) - geordnet nach Überschriften Inklusive Momente, Inklusive Situationen I - III, Inklusive Institutionen, Inklusive Regionen, Inklusive Kulturen, Inklusive Haltungen und Inklusive Gesellschaft - mehr oder weniger Allgemeinplätze, deren analytische Tiefe in einen allgemeinen Voluntarismus (‚Haltung zeigen‘, S. 130) einmündet, wie z. B.: Weil es zu wenige Begegnungen zwischen Menschen mit und ohne Behinderung gibt, werden „Vorurteile über Behinderung weiter aufrechterhalten“ (S. 33). „Von Menschen mit Behinderung zu lernen, heißt (…), die eigenen Stärken bewusst wahrzunehmen.“ (S. 41) Oder: „In der Kunst zeigt sich (…) eine inklusive Kraft.“ (S. 115) Das Ganze ist stilistisch garniert mit unterlegten Merksätzen, die zuweilen auch als „Provokation“ (durchnummeriert von 1 bis 9) ausgewiesen werden. Dabei unterlässt es der Autor sträflich, begriffliche Referenzen an zentrale Konzepte der sonderbzw. inklusionspädagogischen Forschung zur De-Institutionalisierung, zur egalitären Differenz, zu inklusiven Situationen oder zu inklusiven Kulturen mit den jeweiligen Autor: innen und ihren Arbeiten zu verknüpfen, die diese theoretisch begründet entwickelt haben - hier Wolfgang Jantzen, Annedore Prengel, Hans Wocken, Mel Ainscow und Tony Booth. An wen richtet sich dieser Text, fragt sich nun die Rezensentin: Hier scheint Ulrich Heimlich eine allgemeine Öffentlichkeit zu adressieren (die wissenschaftliche Community ist nach dem Vorstehenden offensichtlich nicht gemeint, sondern geradezu verärgert), die sich für die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention im Bildungssystem in Deutschland interessiert. Diese wird aber nicht zum ersten Mal an den wohlfeilen Ideen scheitern, die sich simplifizierend um die Akzeptanz des Verschiedenen, die Erschließung vorhandener Ressourcen oder die Herstellung inklusiver Lern- und Spielorganisationen drehen und deren Nichtgelingen ebenso unterkomplex v. a. einem Rechtsruck der deutschen Gesellschaft zugeschrieben wird. Ärgerlich ist darüber hinaus, dass Fakten verfälscht werden: So u. a. die zum ungezählten Male wiederholten angeblichen globalen historischen Abfolgen von der Exklusion zur Inklusion (S. 17-20), die Behauptung, Karl Binding und Alfred Hoche seien beide Psychiater von Beruf (S. 39)