Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Rezension: Ulrich Heimlich (2025): Inklusion leben! Auf dem Weg zur inklusiven Gesellschaft
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Vera Moser
Erbauliches, Anekdotisches, Repetierliches – so könnte man das letzte Buch von Ulrich Heimlich zusammenfassen, das den Titel ‚Inklusion leben!‘ trägt. Und zur Frage auf dem Klappentext, ob ein weiteres Buch zum Thema Inklusion erforderlich sei, lässt sich antworten: Nur dann, wenn es die zentralen vorhandenen Forschungsergebnisse und Theoriebestände seriös zur Kenntnis nimmt und daran weiterarbeitet. Aber gerade dies ist nicht der Fall, denn diese finden in dem gesamten Buch gar keine Berücksichtigung (ein Blick in das Literaturverzeichnis zeugt bereits davon, wenn statt Georg Feuser, Wolfgang Jantzen, Hans Wocken, Simone Seitz, Rolf Werning, Birgit Lütje-Klose, Tanja Sturm oder auch Vera Moser, James Baldwin, Judith Butler, Hermann Hesse, Friedrich Hölderlin, Immanuel Kant oder Alice Schwarzer erscheinen).
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VHN 3 | 2026 172 REZE NSION E N der unterschiedlichen AutorInnen zeichnen sich durch eine ausgewogene Verbindung diagnostischer Grundlagen, der Einbindung aktueller empirischer Evidenz und praxisbezogener Einordnung aus. Insgesamt ist die vorliegende Auflage so nicht lediglich eine Überarbeitung im Sinne redaktioneller Aktualisierung, sondern wirklich eine inhaltliche Weiterentwicklung des Werkes. Die Ergänzungen und Akzentverschiebungen reflektieren zentrale Veränderungen im wissenschaftlichen Diskurs und erhöhen so die theoretische Tiefe und die Anschlussfähigkeit des Bandes für aktuelle Lehre, Forschung und Praxis. Prof. Dr. Tobias Bernasconi Universität zu Köln DOI 10.2378/ vhn2026.art17d Ulrich Heimlich (2025): Inklusion leben! Auf dem Weg zur inklusiven Gesellschaft Kohlhammer, 204 S., € 30,-, ISBN 978-3-17-045061-5 Erbauliches, Anekdotisches, Repetierliches - so könnte man das letzte Buch von Ulrich Heimlich zusammenfassen, das den Titel ‚Inklusion leben! ‘ trägt. Und zur Frage auf dem Klappentext, ob ein weiteres Buch zum Thema Inklusion erforderlich sei, lässt sich antworten: Nur dann, wenn es die zentralen vorhandenen Forschungsergebnisse und Theoriebestände seriös zur Kenntnis nimmt und daran weiterarbeitet. Aber gerade dies ist nicht der Fall, denn diese finden in dem gesamten Buch gar keine Berücksichtigung (ein Blick in das Literaturverzeichnis zeugt bereits davon, wenn statt Georg Feuser, Wolfgang Jantzen, Hans Wocken, Simone Seitz, Rolf Werning, Birgit Lütje- Klose, Tanja Sturm oder auch Vera Moser, James Baldwin, Judith Butler, Hermann Hesse, Friedrich Hölderlin, Immanuel Kant oder Alice Schwarzer erscheinen). Vielmehr offeriert der Autor am Beispiel der Themen Diskriminierung, Patriarchale Gesellschaft, Ableismus, Rassismus, Stigmatisierung etc. (warum nicht auch Speziesismus? ) - geordnet nach Überschriften Inklusive Momente, Inklusive Situationen I - III, Inklusive Institutionen, Inklusive Regionen, Inklusive Kulturen, Inklusive Haltungen und Inklusive Gesellschaft - mehr oder weniger Allgemeinplätze, deren analytische Tiefe in einen allgemeinen Voluntarismus (‚Haltung zeigen‘, S. 130) einmündet, wie z. B.: Weil es zu wenige Begegnungen zwischen Menschen mit und ohne Behinderung gibt, werden „Vorurteile über Behinderung weiter aufrechterhalten“ (S. 33). „Von Menschen mit Behinderung zu lernen, heißt (…), die eigenen Stärken bewusst wahrzunehmen.“ (S. 41) Oder: „In der Kunst zeigt sich (…) eine inklusive Kraft.“ (S. 115) Das Ganze ist stilistisch garniert mit unterlegten Merksätzen, die zuweilen auch als „Provokation“ (durchnummeriert von 1 bis 9) ausgewiesen werden. Dabei unterlässt es der Autor sträflich, begriffliche Referenzen an zentrale Konzepte der sonderbzw. inklusionspädagogischen Forschung zur De-Institutionalisierung, zur egalitären Differenz, zu inklusiven Situationen oder zu inklusiven Kulturen mit den jeweiligen Autor: innen und ihren Arbeiten zu verknüpfen, die diese theoretisch begründet entwickelt haben - hier Wolfgang Jantzen, Annedore Prengel, Hans Wocken, Mel Ainscow und Tony Booth. An wen richtet sich dieser Text, fragt sich nun die Rezensentin: Hier scheint Ulrich Heimlich eine allgemeine Öffentlichkeit zu adressieren (die wissenschaftliche Community ist nach dem Vorstehenden offensichtlich nicht gemeint, sondern geradezu verärgert), die sich für die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention im Bildungssystem in Deutschland interessiert. Diese wird aber nicht zum ersten Mal an den wohlfeilen Ideen scheitern, die sich simplifizierend um die Akzeptanz des Verschiedenen, die Erschließung vorhandener Ressourcen oder die Herstellung inklusiver Lern- und Spielorganisationen drehen und deren Nichtgelingen ebenso unterkomplex v. a. einem Rechtsruck der deutschen Gesellschaft zugeschrieben wird. Ärgerlich ist darüber hinaus, dass Fakten verfälscht werden: So u. a. die zum ungezählten Male wiederholten angeblichen globalen historischen Abfolgen von der Exklusion zur Inklusion (S. 17-20), die Behauptung, Karl Binding und Alfred Hoche seien beide Psychiater von Beruf (S. 39) VHN 3 | 2026 173 REZE NSION E N (korrekt heißt es auf S. 129 es handelt sich um einen Strafrechtler und einen Psychiater), die Behauptung, das differenzierte Sonderschulwesen sei nach 1945 entstanden (es ruht aber tatsächlich auf dem Allgemeinen Reichsschulpflichtgesetz von 1938 auf) oder auch das Fallbeispiel S. 101f., in welchem von Vormundschaft die Rede ist, die bekanntlich seit der Einführung des Betreuungsrechts in Deutschland 1992 nicht mehr für erwachsene Personen existiert. Ärgerlich ist auch, wenn Textteile aus Amazon-Werbetexten plagiiert werden, wie im Fall der Zusammenfassung des Buches von Allen Francis (S. 29f.). Zudem ist unklar, warum das selbst im Text kritisierte ‚Mansplaining‘ in der Darstellung der Geschichte der Frauenbewegung in Kapitel 3 zur Anwendung kommt und die Errungenschaften dieser gar mit der Berufstätigkeit von Frauen als „Sekretärin, Verkäuferin, Kellnerin, Krankenschwester oder Telefonistin“ (S. 59) illustriert werden (eine Akademikerin oder eine Bundeskanzlerin ist dem Autor offensichtlich noch nicht begegnet). Und schließlich rätselt die Rezensentin darüber, wie Ulrich Heimlich zu ‚cancel culture‘ steht - er flüchtet sich im Kapitel zur Macht der Sprache in das Lob des Angebots der Leichten Sprache. Im Epilog schließlich findet sich der Schlüssel zum gesamten Text und dessen Überschrift: Der Autor singt seit einiger Zeit in einem inklusiven Chor, was er metaphorisch wendet: „Alle singen ihre eigene Lebensmelodie und bringen sich in das gemeinsame Konzert ein“ (S. 172). Da fällt der Rezensentin nur noch die Losung der BMAS-Kampagne zur UN-Behindertenrechtskonvention ein: „Einfach machen! “ Wozu noch Forschung? Prof. Dr. Vera Moser Goethe-Universität Frankfurt DOI 10.2378/ vhn2026.art18d Mit Familien über ICF sprechen 2025. 139 Seiten. 30 Abb. 5 Tab. Innenteil farbig. (978-3-497-03332-4) kt a www.reinhardt-verlag.de Was ist die ICF? Und was machen wir, wenn wir die ICF verwenden? Die „Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit“ (ICF) gilt als weltweit anerkannter Standard, die Situation einer Person mit einem Gesundheitsproblem zu beschreiben und daraus Teilhabeziele und Fördermaßnahmen abzuleiten. Die recht technisch anmutende Sprache kann jedoch den Zugang für Familien erschweren. Das Buch vermittelt in verständlicher Sprache und mit zahlreichen Beispielen ein Grundverständnis der ICF und ihrer Verwendung. Außerdem findet sich in farbiger grafischer Darstellung eine alltagstaugliche Version der ICF-Codes und -Listen. So ist es für Familien möglich, sich mittels einer gemeinsamen Sprache auf Augenhöhe mit Fachkräften auszutauschen und aktiv mitzugestalten
