eJournals Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete95/4

Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete
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0017-9655
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/vhn2026.art22d
5_095_2026_4/5_095_2026_4.pdf101
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Fachbeitrag: Theorie und Praxis der Inklusiven Familien- und Erziehungsberatung - Ergebnisse einer Berater:innenbefragung

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Christian Walter-Klose
Sonja Heidenblut
Mit der gesetzlichen Verankerung der Inklusion in der Kinder- und Jugendhilfe (KJSG) stehen Erziehungs- und Familienberatungsstellen vor neuen Herausforderungen. Mangels empirischer Daten exploriert die qualitative INFAER-Studie (N=8 Expert:inneninterviews) Gelingensbedingungen inklusiver Beratung. Ziel ist es, ein theoriegeleitetes ökosystemisches Mehrebenenmodell zu überprüfen und Qualifizierungsbedarfe abzuleiten. Die Inhaltsanalyse bestätigt die Modellannahmen: Erfolgreiche Inklusion erfordert institutionelle Barrierefreiheit auf der Mesoebene sowie verlässliche Netzwerke mit der Behindertenhilfe auf der Makroebene. Auf der Mikroebene zeigt sich, dass eine adaptive, wertschätzende Beziehungsgestaltung und die konsequente Anerkennung der Klient:innen als Expert:innen ihrer Lebenswelt für das Gelingen der Beratung zentraler sind als reines behinderungsspezifisches Fachwissen. Zukünftige Fortbildungen sollten daher neben Wissensvermittlung die reflexive Haltungsarbeit fokussieren – idealerweise unter direkter Einbindung von Peers aus der Behindertenhilfe.
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208 VHN, 95. Jg., S. 208 -223 (2026) DOI 10.2378/ vhn2026.art22d © Ernst Reinhardt Verlag FACH B E ITR AG Theorie und Praxis der Inklusiven Familien- und Erziehungsberatung - Ergebnisse einer Berater: innenbefragung Christian Walter-Klose & Sonja Heidenblut Universität zu Köln Zusammenfassung: Mit der gesetzlichen Verankerung der Inklusion in der Kinder- und Jugendhilfe (KJSG) stehen Erziehungs- und Familienberatungsstellen vor neuen Herausforderungen. Mangels empirischer Daten exploriert die qualitative INFAER-Studie (N = 8 Expert: inneninterviews) Gelingensbedingungen inklusiver Beratung. Ziel ist es, ein theoriegeleitetes ökosystemisches Mehrebenenmodell zu überprüfen und Qualifizierungsbedarfe abzuleiten. Die Inhaltsanalyse bestätigt die Modellannahmen: Erfolgreiche Inklusion erfordert institutionelle Barrierefreiheit auf der Mesoebene sowie verlässliche Netzwerke mit der Behindertenhilfe auf der Makroebene. Auf der Mikroebene zeigt sich, dass eine adaptive, wertschätzende Beziehungsgestaltung und die konsequente Anerkennung der Klient: innen als Expert: innen ihrer Lebenswelt für das Gelingen der Beratung zentraler sind als reines behinderungsspezifisches Fachwissen. Zukünftige Fortbildungen sollten daher neben Wissensvermittlung die reflexive Haltungsarbeit fokussieren - idealerweise unter direkter Einbindung von Peers aus der Behindertenhilfe. Schlüsselbegriffe: Inklusion, Familien- und Erziehungsberatung, Mehrebenenmodell, KJSG, Qualitative Forschung Theory and Practice of Inclusive Family and Parenting Counseling: Results of Consultant Interviews Summary: With the legal anchoring of inclusion in child and youth welfare (KJSG), educational and family counseling centers are facing new challenges. Since empirical data on practical implementation is largely lacking, the qualitative INFAER study (N = 8 expert interviews) explores the conditions for successful inclusive counseling. The aim is to examine a theorydriven, ecosystemic multi-level model and to derive qualification needs. The content analysis confirms the model's assumptions: Successful inclusion requires institutional accessibility at the meso level, as well as reliable networks with disability support services at the macro level. At the micro level, it becomes evident that adaptive, appreciative relationship-building and the consistent recognition of clients as experts in their own lives are more central to the success of counseling than mere disability-specific factual knowledge. Future training should therefore, alongside knowledge transfer, focus on reflexive attitudinal work - ideally with the direct involvement of peers from the disability sector. Keywords: Inclusion, Family and Educational Counseling, Multi-Level Model, Relationship, Qualitative Research 1 Inklusion in der Familien- und Erziehungsberatung Erziehungs- und Familienberatung ist ein niedrigschwelliges Angebot der Kinder- und Jugendhilfe, das prinzipiell allen Familien offensteht, mit dem Ziel, Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung und Teilhabe zu fördern, Erziehungsberechtigte in Erziehungsfragen zu unterstützen und die Lebensbedingungen junger Menschen und ihrer Familien zu verbessern (§ 1 SGB VIII; Arnold, Macsenaere & Hiller, 2018; bke, 2022). VHN 4 | 2026 209 CHRISTIAN WALTER-KLOSE, SONJA HEIDENBLUT Inklusive Familien- und Erziehungsberatung FACH B E ITR AG Dabei gehören Kinder und Jugendliche mit seelischen Beeinträchtigungen, Verhaltensstörungen, Lernbehinderungen und chronischen Erkrankungen bereits heute zur Klientel der Beratungsstellen (Walter, 2020; bke, 2015). Für Familien, in denen Kinder mit Sprach- und Sprechstörungen, Körperbehinderungen, geistiger Behinderung, Sinnesbeeinträchtigungen oder schwerer Mehrfachbehinderung leben, war der Zugang in der Praxis jedoch bisher erschwert - von ersten Öffnungen wird in den letzten Jahren berichtet (Delle Donne, Freudenberger & Beck, 2026; bke, 2022; Walter, 2020). Bedingt durch die Trennung der Behindertenhilfe und Kinder- und Jugendhilfe konnten in der Familienberatung oft nur familienbezogene, nicht aber behinderungsspezifische Schwierigkeiten thematisiert werden. Entsprechend war für Familien weder die Zuständigkeit der Beratungsstellen noch die Kostenübernahme eine Selbstverständlichkeit (Bundesjugendkuratorium, 2012). Zudem waren für die Mitarbeitenden kaum Weiterbildungsmöglichkeiten zu Behinderung und Inklusion vorgesehen (Walter, 2020) - hier entstehen neue Impulse zur Professionalisierung (Kieslinger & Graeber, 2026). Die Notwendigkeit enger Verzahnung behinderungs- und familienbezogener Beratungsbedarfe ist jedoch durch zahlreiche Untersuchungen belegt. So zeigt eine repräsentative Elternstudie (vgl. Liljeberg & Magdanz, 2022), dass Diskriminierungserfahrungen, das Management pädagogischer und rehabilitativer Maßnahmen sowie der Umgang mit Hilfesystemen für viele Eltern eine alltägliche Belastung mit spürbaren Folgen für die Lebensgestaltung und -zufriedenheit der Familien darstellen. Literaturüberblicke verdeutlichen, dass Sorgen um die Entwicklung und Erziehung des Kindes ebenso präsent sind wie Erschwernisse in familiärer Interaktion (Eckert, 2018). Aufseiten der Eltern besteht der nachdrückliche Wunsch nach psychosozialen Beratungsangeboten, welche die systemische Familienperspektive im Blick behalten und informationelle, emotionale und alltagsnahe Hilfen anbieten (Schmidt et al., 2022). Der Begriff der Inklusion ist spätestens seit dem Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention im Jahr 2008 in der Jugendhilfe angekommen und Gegenstand vielfältiger Entwicklungsprozesse (z. B. Kieslinger et al., 2024). Inklusion verfolgt das Ziel, die Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderung und ihren Angehörigen zu normalisieren, sie zu empowern und diskriminierende Zuschreibungen zu dekonstruieren (Boger, 2019). Mit dem Begriff ist die grundlegende Idee verbunden, dass alle Menschen - ungeachtet ihrer individuellen Unterschiede - Angebote nutzen und als gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft in allen Lebensphasen selbstbestimmt leben können (Walter-Klose, 2022). Der Zugang für Eltern mit einem Kind mit Behinderung soll durch das im Juni 2021 in Kraft getretene Kinder- und Jugendstärkungsgesetz (KJSG) maßgeblich erleichtert werden. Dies bedeutet für die Erziehungs- und Familienberatung, bis zum Jahr 2028 inklusiv zu werden (bke, 2022). Für die Beratungsstellen stellt die Arbeit im Kontext von Behinderung ein weitgehend neues Handlungsfeld dar. Zwar existieren erste praktische Erfahrungsberichte (Walter, 2020) und Stellungnahmen (Kassebrock, 2000; bke, 2015), jedoch mangelt es bislang an Forschungsergebnissen (bke, 2022) zur Inklusion im Handlungsfeld. Erste empirische Anhaltspunkte liefert eine bayernweite Fragebogenerhebung (vgl. Walter- Klose, 2017): Einerseits fühlten sich 85 % der befragten Beratungsstellen für Familien mit einem Kind mit Behinderung zuständig. Gleichzeitig gaben jedoch rund 30 % an, ihre Einrichtung sei für Klient: innen mit Hörschädigung, Taubheit oder geistiger Behinderung nicht geeignet und mehr als 50 % sahen eine mangelnde Eignung für Menschen mit schwerer Mehrfachbehinderung. Als Hauptgründe wurden VHN 4 | 2026 210 CHRISTIAN WALTER-KLOSE, SONJA HEIDENBLUT Inklusive Familien- und Erziehungsberatung FACH B E ITR AG mangelndes Wissen der Mitarbeitenden über Behinderungen sowie fehlende Kompetenzen im Umgang mit betroffenen Kindern und Jugendlichen genannt. Eine Substichprobe, die bereits Erfahrungen mit diesen Zielgruppen gesammelt hatte, benannte in offenen Antwortformaten zahlreiche Gelingensbedingungen für eine inklusive Beratung. Diese umfassten strukturelle und organisationale Anpassungen der Beratungsstellen und fachliche und haltungsbezogene Weiterbildung des Personals. Auf dieser Grundlage entwickelte Walter-Klose, unter Berücksichtigung weiterer Forschungsergebnisse aus dem Peer-Kontext (Walter-Klose & Mikhof, 2022) sowie theoretischer Überlegungen zur gelingenden Beratung von Eltern von Kindern mit Behinderung (Schmidt et al., 2022), ein Mehrebenenmodell. Dieses konzipiert Beratung ökosystemisch und betrachtet die Mikroebene der Beratung eingebettet in institutionelle und sozialräumliche Strukturen. Im Zentrum des Modells steht das Bemühen, die Beratung unter Beachtung der Erfahrungen, Kompetenzen und Beeinträchtigung an den Ratsuchenden anzupassen. Dies bezieht sowohl die Ebene der Beratungssituation als auch der Institution ein und verlangt das Erfragen und Thematisieren der Passung des Angebotes. Inklusive Beratung bemüht sich in diesem Sinne, ein gleichwertiges Angebot für alle Menschen herzustellen (vgl. Walter-Klose, 2024 a, 2025). Die Umsetzung einer inklusionsorientierten Beratung zeigt sich in erster Linie in der vom Beratenden gestalteten Beziehung, im gewählten Beratungsansatz, in zielgruppenangepassten Methoden und Materialien sowie in internen oder externen Kooperationen. Ein Beratungsansatz, der z. B. einfache Sprache und Visualisierungen nutzt, kann das Gespräch mit Angehörigen mit geistiger Behinderung ermöglichen (vgl. Walter, 2020; Delle Donne, Freudenberger & Beck, 2026). Auch sind Methoden und Ansätze aus der Beratung im Feld der Heil- und Sonderpädagogik (z. B. Ondracek, 2026) zu integrieren. Flankierend werden die Beratungsmöglichkeiten maßgeblich durch institutionelle Rahmenbedingungen bestimmt (Arnold et al., 2018). Barrierefreie Architektur und Kommunikation, inklusive Organisationskultur (inkl. Führung und Fortbildung) und digitale Angebote („Blended Counseling“) zur Entlastung stark beanspruchter Familien sind zentral. Ergänzende sozialräumliche Kooperationen (z. B. Dolmetschdienste) stärken die Beratungsqualität und die von außen wahrgenommene Inklusionskompetenz der Einrichtung. Insgesamt bietet das Modell eine fundierte Struktur zur inklusionsorientierten Gestaltung der Erziehungsberatung (Delle Donne, Freudenberger & Beck, 2026; Walter, 2020) und verbindet Praxisentwicklung mit Forschung. Für den weiteren Einsatz bedarf es empirischer Überprüfung, inwieweit das Modell die tatsächliche Praxisrealität und das methodische Vorgehen erfahrener Berater: innen im Alltag adäquat abbildet. Um diese Forschungslücke zu schließen, wurde die Studie „Inklusive Erziehungs- und Familienberatung (INFAER)“ konzipiert. Sie verfolgt drei zentrale Ziele: ◾ Überprüfung der Plausibilität des Mehrebenenmodells: Erfassung praxisrelevanter Merkmale inklusiver Beratung, um die ökosystemischen Modellannahmen empirisch zu überprüfen. ◾ Perspektivenabgleich: Untersuchung der Frage, inwiefern sich die vor acht Jahren erhobenen Befunde von Leitungskräften (Walter-Klose, 2017) heute aus der direkten Praxisperspektive der Berater: innen bestätigen, differenzieren oder erweitern lassen. ◾ Ermittlung von Qualifizierungsansätzen: Generierung evidenzbasierter Impulse für die Weiterbildung von Fachkräften, um den anstehenden Systemwandel in der Kinder- und Jugendhilfe gezielt zu unterstützen. VHN 4 | 2026 211 CHRISTIAN WALTER-KLOSE, SONJA HEIDENBLUT Inklusive Familien- und Erziehungsberatung FACH B E ITR AG Abb. 1 Das Mehrebenenmodell zur Inklusion in der Familien- und Erziehungsberatung (erweiterte Darstellung in Anlehnung an Walter-Klose, 2024 b) Klient: in ◾ Erziehungskompetenz ◾ Zufriedenheit ◾ Problem ◾ … Berater: in ◾ Zufriedenheit ◾ Selbstwirksamkeit ◾ Fortbildungsbedarf ◾ … Institution ◾ Beitrag zum Hilfesystem ◾ Zufriedenheit mit Angebot ◾ … Klient: in(nen) ◾ Kompetenzen, personale Ressourcen, Interessen ◾ Beeinträchtigungen ◾ Erfahrungen und Biografie ◾ Unterstützungs- und Adaptionsbedarfe ◾ Personenmerkmale Beratung ◾ Beratungsbeziehung ◾ Beratungsansatz ◾ Beratungsmethoden ◾ Ausstattung/ Raumgestaltung ◾ Berater: in ◾ Vernetzung/ Kooperation Institution ◾ Führung und Kultur ◾ Architektur und Raumgestaltung ◾ Ausstattung & Sachmittel ◾ Organisation (Strukturen & Prozesse) Personal Kooperation und Vernetzung Adaptivität Partizipation Interne Unterstützungsstrukturen (vielfältige Expertisen, Vernetzungen, Schwerpunkte, Supervision, …) Externe Rahmenbedingungen & Ressourcen Umwelt & Sozialraum (z. B. Infrastrukturen, Freizeitangebote, Gemeinwesen) Rechte, Gesetze & Verwaltung (z. B. SGB VIII, IX) Persönlicher Bereich (z. B. Familie, Freunde, private Hilfsmittel) Externe Unterstützungssysteme (z. B. Rehabilitation, Selbsthilfe, Beratungs- und Assistenzdienste, Pflege, Jugendhilfe, Schule) Gesellschaftlicher, politischer und kultureller Bereich (auch Einstellungen, Normen) VHN 4 | 2026 212 CHRISTIAN WALTER-KLOSE, SONJA HEIDENBLUT Inklusive Familien- und Erziehungsberatung FACH B E ITR AG 2 Methodik der INFAER-Studie Vor dem Hintergrund der geringen Forschungslage zur Inklusion in der Praxis der Familien- und Erziehungsberatung wurde ein qualitatives Forschungsdesign in Form einer leitfadengestützten Interviewstudie mit deduktiven und induktiven Elementen gewählt, mit denen erfahrene Berater: innen zu Bedingungen der Umsetzung von Inklusion befragt werden sollten. 2.1 Entwicklung des Interviewleitfadens Zunächst wurde ein theoriegeleiteter Interviewleitfaden entwickelt, der sich systematisch an den Dimensionen und der Oberkategorie des skizzierten Mehrebenenmodells orientierte (deduktiver Zugang) und gleichzeitig offen und explorativ die Erfahrungen und Bewertungen der Beratenden erfasste (induktiver Zugang). Der Leitfaden gliederte sich in vier thematische Blöcke: ◾ Einstieg und Begriffsverständnis: Zur Kontextualisierung der individuellen Perspektiven wurden Expert: innen gebeten, ihren beruflichen Werdegang zu skizzieren sowie ihr persönliches Verständnis der zentralen Konstrukte ‚Behinderung‘ und ‚Inklusion‘ darzulegen. ◾ Praktisches Erfahrungswissen: Um konkrete Erfahrungen im Beratungsalltag zu erfassen, explorierten die Leitfadenfragen subjektives Erleben der Arbeit mit Familien von Kindern mit Behinderung. Dabei wurde erhoben, mit welchen spezifischen Anliegen die Klient: innen die Beratungsstelle aufsuchen, welche positiven Aspekte und Herausforderungen wahrgenommen werden, worin sich die Begleitung von anderen Familien unterscheidet und wo die Fachkräfte Grenzen der inklusiven Arbeit verorten. ◾ Anpassungserfordernisse (Mehrebenenmodell): Zur Erhebung der notwendigen Adaptionen an eine inklusive Beratung wurden zwei Ebenen adressiert: Auf der Ebene der Beratungssituation (Mikroebene) wurden die Expert: innen zu Fachwissen und Haltung gefragt. Im Hinblick auf die Ebene der Beratungsinstitution (Mesoebene) lag der Fokus auf strukturellen Rahmenbedingungen. Die Teilnehmenden sollten schildern, wie eine inklusive Beratungsstelle idealerweise organisiert sein sollte, welche Veränderungsprozesse dafür unabdingbar sind und welche Form der Unterstützung die Mitarbeitenden seitens der Einrichtung benötigen. ◾ Konzeption von Fortbildungsangeboten: Abschließend zielte der Leitfaden auf die Generierung konkreter Qualifizierungsideen ab. Gefragt wurde, welche Inhalte und Methoden für eine solide Grundqualifikation zur inklusiven Beratung bedeutsam sind. 2.2 Stichprobenakquise und Erhebungsprozedur Um die Situation erfahrener Berater: innen im Feld der inklusiven Familien- und Erziehungsberatung zu erfassen, wurden bundesweit Fachkräfte gesucht, die eine abgeschlossene Beratungsausbildung hatten, seit mindestens zwei Jahren als Erziehungs- und Familienberaterin tätig waren und über Erfahrung in der Beratung von Familien verfügten, in denen Kinder mit unterschiedlichen Behinderungen leben. Die Teilnehmenden sollten mindestens fünf solcher Familien beraten, dabei mehr als 15 Beratungstermine durchgeführt und Erfahrungen mit mindestens zwei Beeinträchtigungsformen gesammelt haben. Die Teilnehmendenakquise erfolgte von November 2023 bis April 2024. Hierzu wurde ein Studienaufruf über die Mail-Verteiler verschiedener Fachverbände (u. a. Bundeskonferenz für Erziehungsberatung e.V., Bundesverband Caritas Kinder- und Jugendhilfe e.V., Evangelische Konferenz für Familien- und Lebensberatung e.V.) versendet. Zusätzlich wurden Familien- und Erziehungsberatungsstellen direkt angeschrieben. VHN 4 | 2026 213 CHRISTIAN WALTER-KLOSE, SONJA HEIDENBLUT Inklusive Familien- und Erziehungsberatung FACH B E ITR AG Nach einem telefonischen Vorabgespräch, in dem über Ziel, Inhalte und Ablauf der Befragung sowie Datenschutz informiert wurde, erhielten die Teilnehmenden einen Kurzfragebogen zum beruflichen Werdegang, einen Erfahrungsbogen sowie eine Einverständniserklärung. Die qualitativen Expert: inneninterviews wurden zwischen Februar und Mai 2024 digital per ZOOM erhoben. Sie dauerten 60 - 90 Minuten und wurden von einer Diplompsychologin und systemischen Beraterin durchgeführt. Die Tonaufnahmen wurden aufgezeichnet und nach Kuckartz & Rädiker (2024) transkribiert. 2.3 Stichprobe und Datenauswertung Von neun gemeldeten Beratenden erfüllten acht die Einschlusskriterien und nahmen teil. Tabelle 1 zeigt, dass die Teilnehmenden im Durchschnitt bereits 22 Familien beraten hatten, wobei deutlich mehr als 15 Beratungstermine durchgeführt wurden. Zudem verfügten sieben der Teilnehmenden vor ihrer Tätigkeit in der Familienberatung über Erfahrungen mit Menschen mit Behinderung. Fünf der Befragten hatten Zusatzqualifikationen im Bereich der Heilpädagogik und vier gaben weitere Qualifikationen (Besuch von Tagungen, Fortbildungen zu den Themen Inklusion, Entwicklungsbegleitung, Entwicklungsauffälligkeiten und Gebärdensprache) an. Die Beratungsstellen, in denen die Expert: innen arbeiteten, lagen in Bayern (3), Baden-Württemberg (1), Rheinland-Pfalz (1), Hessen (1), NRW (1) und Niedersachsen (1). Dabei befanden sich 4 der Beratungsstellen in Großstädten, 3 in Mittelstädten und eine im ländlichen Raum. Die Interviewtranskripte wurden mithilfe der qualitativen Inhaltsanalyse (Kuckartz & Rädiker, 2024) in der Software MAXQDA 2024 ausgewertet. Die Auswertung erfolgte mithilfe eines Codierleitfadens, der die Kategorien des Interviewleitfadens abbildete und iterativ durch eine Kodiererin ergänzt wurde. Der Leitfaden wurde von einer zweiten unabhängigen Kodiererin auf das Datenmaterial angewendet und Unstimmigkeiten wurden bis zur Einigkeit diskutiert. Merkmal M (SD) N N Alter 46 (10) Geschlecht (weiblich) 8 Berufserfahrung in Jahren 13 (7) Position in Beratungsstelle ◾ Leitung ◾ Stellvertr. Leitung ◾ Berater: in 1 1 6 Anzahl der beratenen Familien mit Kind mit Behinderung 22 (15) Anzahl Beratungstermine mit diesen Familien 157 (122) Erfahrung mit Behinderungen Beratung anderen Tätigkeiten ◾ Sinnesbeeinträchtigung ◾ Körperliche Behinderung ◾ Geistige Behinderung ◾ Schwere und komplexe Behinderung 7 8 8 4 7 7 7 7 Qualifikation in Heilpädagogik 5 Tab. 1 Merkmale der befragten Expert: innen VHN 4 | 2026 214 CHRISTIAN WALTER-KLOSE, SONJA HEIDENBLUT Inklusive Familien- und Erziehungsberatung FACH B E ITR AG Für die inhaltliche Analyse der Daten war aufgrund der bisher geringen Datenlage die kategorienbasierte Analyse entlang der Hauptkategorien das Hauptanliegen (vgl. Kuckartz & Rädiker, 2024). Da sich in den Aussagen der Expert: innen in allen Hauptkategorien ein hohes Maß an fallübergreifender Übereinstimmung zeigte, wurden für die Beschreibung der Inhalte jeweils Textstellen ausgewählt, die den Kategorieninhalt entweder besonders prägnant beschreiben oder die einen Aspekt thematisieren, der über die aus der Voruntersuchung bekannten Inhalte hinausgeht. Eine Ausnahme ist die Einschätzung der Teilnehmenden dazu, ob alle Erziehungs- und Familienberater: innen inklusiv arbeiten sollten - hier wurden die beiden Aussagen ausgewählt, die die Standpunkte polarisieren. 3 Ergebnisse Tabelle 2 gibt einen Überblick über die vier Hauptkategorien: Merkmale der Berater: innenperson, Erfahrungen in der inklusiven Familienberatung, Gestaltung einer inklusiven Beratungsstelle und Entwicklung einer Schulung zu inklusiver Beratung und den dazugehörigen Unterkategorien. Kategorie Anzahl der Aussagen Berater: innenperson ◾ Einstellungen zu Behinderung/ Inklusion ◾ persönliche Weiterentwicklung im Kontext von Behinderung/ Inklusion ◾ Motivation für die inklusive Arbeit ◾ Erfahrungen in der inklusiven Erziehungs- und Familienberatung 153 80 54 19 418 Klient: innenmerkmale ◾ Beratungsthemen ◾ Haltung/ Aufbau positives Arbeitsbündnis ◾ Setting ◾ Grenzen in der inklusiven Beratung ◾ behinderungsspezifische Herausforderungen ◾ Gestaltung einer inklusiven Beratungsstelle 81 142 120 30 27 18 347 Ebene der Beratungsinstitution ◾ Kooperation und Vernetzung ◾ Leitung ◾ Teamzusammensetzung ◾ Unterstützungsstrukturen für Mitarbeiter: innen ◾ Gemeinsame Haltung ◾ Gesellschaftliches Engagement ◾ Öffentlichkeitsarbeit/ Zugangswege ◾ Architektur/ Gestaltung der Räumlichkeiten ◾ Weitere organisatorische Aspekte 247 108 4 27 21 16 6 37 14 13 Ebene der Beratungssituation ◾ Gestaltung des Settings ◾ Expertise/ Fachlichkeit der Berater: in ◾ Haltung der Berater: in ◾ Entwicklung einer Schulung ◾ Inhalte ◾ Didaktische Vermittlung ◾ Dozierende ◾ Setting 100 36 19 51 70 34 20 3 5 Tab. 2 Hauptkategorien des Datenmaterials VHN 4 | 2026 215 CHRISTIAN WALTER-KLOSE, SONJA HEIDENBLUT Inklusive Familien- und Erziehungsberatung FACH B E ITR AG 3.1 Berater: innenperson Diese Kategorie umfasst Aussagen zur persönlichen Weiterentwicklung, Motivation und Einstellungen der Expert: innen im Kontext von Behinderung und Inklusion. Sie wurde in 153 Aussagen thematisiert. 3.1.1 Persönliche Weiterentwicklung und Motivation Bei der Hälfte der Interviewten erleichterten frühere Erfahrungen mit Menschen mit Behinderungen den Einstieg in inklusive Beratungsarbeit. Eine Teilnehmerin berichtete, dass sie keine Berührungsängste hatte, da sie aus der Frühförderung mit dem Thema vertraut war. Eine weitere beschrieb, wie sie ihre Fähigkeit, sich auf unterschiedliche Klient: innen einzustellen, im Lauf ihres beruflichen Werdegangs kontinuierlich weiterentwickelte: „Der Anfangsschritt war […] wirklich erstmal in Kontakt zu sein mit ganz vielen Menschen, mit unterschiedlichsten Lebensgeschichten. Also ob das in der Psychiatrie war, ob das dann im Studium im Wohnheim für Menschen mit Behinderung war, also wirklich erst mal so ein bisschen eine Anschlussfähigkeit zu bekommen …“ (I 05: 23 - 24) Vier Teilnehmende beschrieben ihre Arbeit im inklusiven Kontext als besonders sinnstiftend und bereichernd - insbesondere durch die Einblicke in die Lebenswelten der Familien: „Also alle Systeme, alle Kinder, alle Jugendlichen sind verschieden, aber da halt irgendwie doch nochmal besonders. Und das finde ich einfach ein Geschenk, wenn […] die Familien mich auch teilhaben lassen an ihrer Geschichte.“ (I 01: 113 - 114) 3.1.2 Sicht auf Behinderung und Inklusion Das Verständnis von Behinderung und Inklusion war, im Hinblick auf die Bedeutung umweltbedingter Barrieren, bei den Berater: innen übereinstimmend mit der UN-BRK. Zwei betonten gesellschaftliche Hürden für Teilhabe, zwei weitere hoben Unterstützungsbedarfe hervor, vier thematisierten Wechselwirkungen zwischen gesundheitlichen Beeinträchtigungen und Kontextfaktoren. Eine Teilnehmerin verwies explizit auf die ICF als hilfreiches Modell für ein inklusives Verständnis. Mehrere Befragte sprachen sich für eine Normalisierung und Gleichbehandlung von Menschen mit Behinderungen aus. Unterstützung solle nicht an das Merkmal Behinderung gekoppelt, sondern niedrigschwellig zugänglich sein. Gleichzeitig sei die Berücksichtigung von Beeinträchtigungen und Lebenssituationen notwendig. 3.1.3 Sicht auf die derzeitige Versorgungslage Die Interviewten berichteten von vielfältigen Herausforderungen, mit denen Familien in Bezug auf medizinische Versorgung, Hilfsmittel oder Schule konfrontiert seien. Sie äußerten die Hoffnung, dass eine inklusive Kinder- und Jugendhilfe den Zugang zu Beratungsangeboten erleichtern könnte - bei gleichzeitiger Befürchtung anfänglicher Überforderung innerhalb der Jugendhilfe, resultierend in kurzfristiger Verschlechterung. Als Gelingensbedingungen für die Reform wurden neben ausreichenden Ressourcen insbesondere Kooperationen mit der Behindertenhilfe genannt. Eine Konkurrenz zwischen Systemen solle vermieden werden. Stattdessen plädierten die Teilnehmenden für Arbeitskreise und Kooperationen, um Synergien zu schaffen und Parallelstrukturen zu vermeiden. VHN 4 | 2026 216 CHRISTIAN WALTER-KLOSE, SONJA HEIDENBLUT Inklusive Familien- und Erziehungsberatung FACH B E ITR AG 3.2 Erfahrungen in der inklusiven Erziehungs- und Familienberatung Die Erfahrungen mit inklusiver Beratung standen im Zentrum der Erhebung und umfassten 418 Textstellen. Kodiert wurden Aussagen zu Klient: innenmerkmalen, zum Aufbau eines positiven Arbeitsbündnisses, Beratungsthemen, Gestaltung der Beratungssituation sowie behinderungsspezifischen Herausforderungen und Grenzen der Beratung. 3.2.1 Klient: innenmerkmale In den Interviews zeigte sich ein vielschichtiges Bild der Klient: innen. Die Beratenden berichteten von erheblichen Familienbelastungen - durch Diskriminierung und negative Vorerfahrungen mit Helfenden, was das Vertrauen in Hilfesysteme erschwere. Der Alltag sei für Erziehungsberechtigte von Kindern mit Behinderung häufig stark beanspruchend, was mit Erschöpfung, Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit einhergehe. Gleichzeitig wurde auf besondere Stärken und Kompetenzen hingewiesen. So beschrieben die Interviewten emotionale Ressourcen der Kinder - eine ausgeprägte Freude an gelungenen Erlebnissen oder eine offene und direkte Kommunikation. Bei den Eltern zeige sich häufig ein hohes Maß an Fachwissen zur Behinderung des Kindes sowie starkes Engagement in der Beratung. Eine Beraterin, die viele Familien mit behinderten Kindern begleitet hat, beschreibt zwei gegensätzliche Typen elterlicher Aktivität: „Auf der linken Seite sind […] die sogenannten Löweneltern, die immer sofort, wenn irgendwas ist, ihre Stacheln ausfahren und immer kämpfen […]. Wie gesagt, das ist das Extrembild. Und auf der anderen Seite [sind] die sogenannten hilflosen Eltern, […] [die] früh schon so verunsichert werden in ihrer Rolle und in ihrer Kompetenz, dass sie das an andere delegieren und die Verantwortung anderen überlassen.“ (I 02: 30) Berater: innen begegnen in diesem Sinne Eltern, die sich in unterschiedlich ausgeprägten und wandelbaren Modi befinden. Offenheit und Neugier für die Lebensrealität des Gegenübers sollten handlungsleitend sein. 3.2.2 Beratungsthemen Auf die Frage, ob sich die Beratungsthemen von Familien mit behinderten Kindern grundlegend von denen anderer Familien unterscheiden, antworteten viele Expert: innen zunächst verneinend. Es gehe um Themen wie Erziehung, Grenzsetzung, Familienleben, Bindung, Autonomie, Geschwisterkonflikte, Paarbeziehung oder Trennung/ Scheidung. Auch Fragen des Kinderschutzes wurden genannt. Behinderung wurde als ein Einflussfaktor unter vielen beschrieben: „Ich habe auch Kinder begleitet, deren Eltern psychisch krank sind […]. Das hat auch Auswirkungen auf eine andere Art und Weise, aber ich finde die Themen dann manchmal ähnlich schwierig oder ausschlaggebend. Also von daher finde ich es immer schwierig, […] [einen] Riesenunterschied zu finden.“ (I 04: 22 - 24) Bei näherer Betrachtung zeige sich jedoch, dass sich allgemeine Themen im Kontext von Behinderung spezifisch ausprägen. So ergeben sich etwa in der Autonomieentwicklung Jugendlicher mit Behinderung besondere Herausforderungen: „Also gerade in der Pubertät… macht Behinderung das Selbstständig-Werden…möglicherweise etwas komplizierter, weil es … eine Rollenvermischung bei den Eltern gibt zwischen Pfleger und Elternteil. Und wenn Kinder ohne Behinderung sagen, ich ziehe jetzt eine Hose mit Löchern an, weil ich das cool finde, dann machen die das und dann können die Eltern da auch nichts gegen tun. Und dann ist das ein Teil, sich da zu sortieren und zu gucken, wie geht man damit um.“ (I 03: 37 - 40) VHN 4 | 2026 217 CHRISTIAN WALTER-KLOSE, SONJA HEIDENBLUT Inklusive Familien- und Erziehungsberatung FACH B E ITR AG Behinderungsspezifische Themen in den Beratungsgesprächen waren der Umgang mit dem professionellen Helfersystem, die Beschulung der Kinder und Jugendlichen und der Umgang mit behinderungsbedingten Einschränkungen im Familienalltag. Zudem gehe es in den Beratungen der Familien häufiger um das Aushalten und Begleiten existenzieller Themen und unveränderlich schwieriger Lebensumstände. So berichteten Eltern in den Beratungen von Gefühlen von Trauer, Scham und Schuld im Kontext der Behinderung oder von medizinischen Krisen und lebensbedrohlichen Situationen. In diesem Zusammenhang äußerten drei Teilnehmende, dass das Aushalten der damit einhergehenden Gefühle eine Herausforderung für die Beraterin darstellen könne, die eine besondere Steuerung von Nähe und Distanz in der Beratung erfordere. Weitere spezifische Themen waren Fragen zur Zukunft und der beruflichen Laufbahn, Gefühlen des Andersseins und der Kommunikation über Behinderung. Auch suchten Personen Beratung bei spezifischen Problemen der Kinder, wie Herausforderungen im sozialen Miteinander. 3.3 Gestaltung einer inklusiven Beratungsstelle Die Gestaltung einer inklusiven Beratungsstelle war mit 347 Aussagen die zweithäufigste Hauptkategorie in den Interviews (vgl. Tabelle 2), wobei mehr als doppelt so viele Aussagen die Gestaltung der Beratungsinstitution betrafen (247) wie die Beratungssituation (100 Textstellen). Dies deutet auf die große Bedeutung organisationaler Strukturen hin, sodass zunächst die die Beratungsarbeit rahmenden Merkmale dargestellt werden. 3.3.1 Ebene der Beratungsstelle Ein wichtiges Merkmal der Beratung ist die Führungskraft, die Beratungsarbeit inklusiv ausrichten und die Mitarbeitenden dabei unterstützen kann. „Und ganz ehrlich, ich glaube, da ist wirklich auch das A und O, welche Haltung dann die Institution, aber dann auch Leitung hat. Also weil ich finde, da ist Leitung auch ein Dreh- und Angelpunkt, ob gesagt wird […] wir nehmen uns dem an oder […] wir haben schon genug und das jetzt nicht auch noch auf dem Zettel […].“ (I 05: 127) Eine weitere Bedingung für einen erfolgreichen Beratungsprozess ist die barrierefreie Gestaltung der Räumlichkeiten und Ausstattung mit geeigneten Materialien, die adaptiv an die Bedarfe der Ratsuchenden angepasst werden können. „Oder dass Tische höhenverstellbar sind, wenn man zum Beispiel Testungen macht. Wir machen zum Beispiel auch Dyskalkulie und LRS-Testungen, dass man auch daran denkt, okay, es kann auch zum Beispiel ein Kind im Rollstuhl kommen, dann muss das halt vielleicht ein bisschen niedriger […] sein […].“ (I 07: 66) Darüber hinaus müsse Barrierefreiheit auch bei den organisatorischen Abläufen, wie beispielsweise der Terminvergabe, berücksichtigt werden. Als besonders bedeutsam schätzten die Expert: innen eine gute Kooperation und Vernetzung der Beratungsstelle mit anderen ein. Dabei nannten sie u. a. Bildungseinrichtungen (Schulen, Kindergärten, Frühförderstellen), medizinische und soziale Versorgungssysteme (Hausärzt: innen, Krankenkassen, Jugendämter) sowie Einrichtungen der Behindertenhilfe oder die Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung (EUTB) als wichtige Kooperationspartner. „Und wenn man das hinkriegt, dass man sagt, es gibt einmal die Erziehungsberatung, es gibt die EUTB-Beratung, also die Sozialberatung, es gibt die Frühförderung und noch vielleicht zwei, drei andere, die sozusagen gut miteinander vernetzt sind. Dann muss die Erziehungsberatungsstelle nicht alles können, aber sie kann dann eben in der Zusammenarbeit mit den anderen das gut leisten.“ (I 02: 102) VHN 4 | 2026 218 CHRISTIAN WALTER-KLOSE, SONJA HEIDENBLUT Inklusive Familien- und Erziehungsberatung FACH B E ITR AG Die Möglichkeiten zur Kooperation sind vielfältig und umfassen neben fallbezogenen Gesprächen und dem Verweisen an andere Einrichtungen auch den Besuch von Fachkreisen, das Vorstellen der Beratungsstelle in anderen Institutionen und Hospitationen in Einrichtungen der Behindertenhilfe. „Und das würde schon irgendwie raten, da einfach sich da auch mal da trauen, in der Werkstatt mal rein zu gucken und zu gucken, was die so machen, was da für Angebote sind, denen vielleicht über die Schulter zu gucken oder mal ein Stündchen mitzuarbeiten an irgendeinem Bereich.“ (I 08: 56) Für das Team der Beratungsstelle hielten die Beratenden eine interne Vernetzung sowie kollegialen Austausch, kollegiale Beratung und Supervision für zentral. „Also was ich bei uns im Team merke, was unseren gemeinsamen Lernprozess enorm unterstützt, das ist die Intervision und Supervision […] in denen unterschiedliche Fragestellungen, […] Problemlagen teamintern oder eben mit der Supervisorin angesprochen werden.“ (I 06: 62) Auf Ebene des Beratungsteams ist auch eine interdisziplinäre Zusammensetzung wichtig, sodass bei Neueinstellungen auch Fachwissen bzw. Erfahrung in Bezug auf Behinderung und Inklusion berücksichtigt werden sollte. Einzelne Befragte empfahlen, Peers in die Beratung einzubeziehen: „Ich würde mir wünschen, dass es Peer Counseler gibt, die in dem Bereich arbeiten, also sowohl im Jugendamt als auch in der Erziehungsberatungsstelle. Ich weiß, dass ergänzende unabhängige Teilhabeberatung viel mit Peers arbeitet, und ich glaube, dass das tatsächlich ein Türöffner ist.“ (I 03: 88) In diesem Zusammenhang wurden die Fragen, ob alle Berater: innen eine inklusionsorientierte Beratung anbieten sollten oder es ausgewiesene Spezialist: innen geben müsse, uneinheitlich beantwortet: „Zuerst mal glaube ich, es kann jeder machen, der offen dafür ist. Ich glaube, da braucht es gar keine Besonderen. […] Aber ich glaube, wenn man sich grundsätzlich für das Thema Inklusion oder Besonderheiten offen zeigt, dann kann es erst mal jeder […] der in der Beratung tätig ist, gut machen.“ (I 07: 56) „Ich glaube, das ist einfach nicht realistisch. Also natürlich wäre das ein Traum, wenn jeder alles könnte, aber das war ja auch in anderen Bereichen so. Wir hatten Kollegen, die hatten sich fortgebildet in Mediation, wir hatten Kollegen, die waren spezialisiert auf Trennung, Scheidung oder Eheberatung. Und wir hatten Kollegen, die waren spezialisiert auf Kinder und Testung, Entwicklung, Erziehungsberatung oder wie auch immer. Und ich glaube schon, dass das Sinn macht, wenn man sich da Aufgaben so ein bisschen aufteilt.“ (I 02: 51 - 52) Darüber hinaus seien Unterstützungsstrukturen wie regelmäßige Fortbildungen und Supervision hilfreich. Mit dem gesamten Team sollte eine gemeinsame inklusive Haltung entwickelt werden. So berichtete ein: e Teilnehmende, dass sich auch das Sekretariat auf ein anderes Kontaktverhalten von Kindern und Jugendlichen einstellen müsse: „[Der Klient] ist immer vor Freude reingestürmt in die Beratungsstelle, hat sich halb auf den Tresen geschmissen und gesagt ‚Hallo, ich bin da‘. Erstmal war die Sekretärin etwas erschrocken, sage ich mal und also, dass es da vom Verhalten manchmal andere Sachen gibt, muss man vielleicht berücksichtigen.“ (I 04: 68) VHN 4 | 2026 219 CHRISTIAN WALTER-KLOSE, SONJA HEIDENBLUT Inklusive Familien- und Erziehungsberatung FACH B E ITR AG Als weiterer Aspekt wurde die Öffentlichkeitsarbeit hervorgehoben. Dabei solle die Kompetenz, mit Familien mit behinderten Angehörigen zu arbeiten, sichtbar gemacht und das Angebot sprachlich niedrigschwellig dargestellt werden. Ein Element betraf die Ressourcenebene: die Finanzierung externer Hilfen wie Gebärdensprachdolmetschende. Neben Spenden und Projektmitteln wurden vertragliche Regelungen als besonders vorteilhaft zur Refinanzierung hervorgehoben. Insgesamt zeigte sich bei drei von acht der Beratenden, dass sie sich im Rahmen von Modellprojekten inklusiv weiterentwickeln konnten. 3.4 Ebene der Beratungssituation 3.4.1 Adaptionen im Bereich des Beratungsangebots Die Teilnehmenden waren der Ansicht, dass das Setting in der Beratung von Familien, in denen Kinder mit Behinderung leben, flexibler gestaltet werden müsse. So bräuchten viele Aspekte in der Beratung mehr Zeit, und im Hinblick auf die starke Belastung der Familien seien Hausbesuche oder die Begleitung zu Terminen oft hilfreich. Hilfen, die konkret den Alltag der Befragten erleichtern, seien besonders wichtig. Eine interviewte Person beschrieb dies so: „Was ich oft gemacht habe, um es den Eltern leichter zu machen. Ich fand es immer ganz gut, ein bisschen mehr Zeit zu haben […]. [Auch habe ich] gesagt […], wenn es mit der Betreuung Ihres Kindes schwierig wird, bringen Sie es mit. Bevor Sie dann das Gefühl haben, gar keine Zeit zu haben‘.“ (I 04: 66) Für die Gestaltung der Beratung gaben die Teilnehmenden an, dass Grundwissen zu Behinderung und den Lebenssituationen der Familien wichtig sei. Auch sei es hilfreich, die Methoden bei Bedarf individuell anzupassen und konkreter mithilfe von Visualisierungen und Externalisierung zu arbeiten. „Also bei einem Kind habe ich bei Trennung und Scheidung wirklich viel überlegt und dann bin ich mit der Kollegin dann darauf gestoßen, dass es wirklich wichtig ist, dass ich ganz konkret Bilder von der Familie verwende und ein Haus, Mama zu Hause, Papa zu Hause. Also wirklich ganz, ganz konkret im Hier und Jetzt arbeite. Und das […] klingt jetzt so banal, man nimmt Bilder von daheim, ja, also könnte man leicht auf die Idee kommen, aber es ist manchmal tatsächlich gar nicht so leicht, diese Lösungen zu finden und da im Austausch mit jemandem zu sein - das ist tatsächlich total hilfreich.“ (I 01: 202) Adaptionen können auch das Setting betreffen, wie eine Beraterin herausstellte: „Und da hat es auch viel geholfen, mit Visualisierung zu arbeiten oder in dem Fall tatsächlich Stunden kürzer zu machen. Also ich hatte […] einen Jugendlichen mit einer leichten geistigen Behinderung, der kam immer und da haben 20 Minuten vollkommen gereicht.“ (I 04: 68) Insgesamt wiesen die Befragten darauf hin, dass es aufgrund der hohen Bandbreite individueller Beeinträchtigungen und Auswirkungen unmöglich sei, sich vorab auf alle Situationen einzustellen. Wichtiger sei es, eigene Wissenslücken zu erkennen, Mut zu haben und über die Begegnung mit Menschen mit Behinderungen die eigenen Ängste und Vorbehalte abzubauen: „Ich glaube, am meisten kann man von dem Kontakt mit dem Menschen selbst lernen […]. Natürlich ist es auch wichtig, Dinge zu lesen […] und sich eine fachliche Expertise zu erarbeiten. VHN 4 | 2026 220 CHRISTIAN WALTER-KLOSE, SONJA HEIDENBLUT Inklusive Familien- und Erziehungsberatung FACH B E ITR AG Aber ich glaube, wichtig ist […] auf die Menschen zuzugehen und da Erfahrungen zu sammeln.“ (I 01: 56 - 58) 3.4.2 Gestaltung eines positiven Arbeitsbündnisses Die Beziehungsgestaltung mit Klient: innen kristallisierte sich als ein zentrales Thema heraus (vgl. Heidenblut & Walter-Klose, 2025). Dabei benannten die Teilnehmenden einerseits den empathischen und wertschätzenden Umgang mit Klient: innen als bekannte Wirkfaktoren, die jedoch im Kontext von Behinderung aufgrund negativer Vorerfahrungen mit professionellen Helfenden besondere Beachtung erfahren sollten. Es sei wichtig, mit den Klient: innen zu einer gemeinsamen Sprache zu finden, um über die Behinderung zu sprechen: „Also wenn man zum Beispiel sagt ja, Sie wissen schon, es gibt hier in der Region nicht so viele Angebote für ‚solche‘ Kinder. Also ich betone es bewusst mal falsch. Man kann dieses ‚solche‘, auch wenn es vielleicht vom Berater nicht so gemeint ist, auch [in den] falschen Hals bekommen und dadurch eben auch gleich die Eltern verletzen.“ (I 07: 23 - 26) Das genaue Kennenlernen der Lebenssituation der Familien schätzten die Beratenden als besonders bedeutsam ein. Grundsätzlich seien allerdings viele Ansätze und Methoden hilfreich, die bereits zum bekannten Repertoire in der Erziehungs- und Familienberatung gehören, wie eine Expertin in diesem Abschnitt erläutert: „In der systemischen Arbeit habe ich ja auch gelernt, wenn man ein Erstgespräch führt, dass man sich erstmal darüber informiert: Was haben die Menschen alle schon gemacht? Wie sehen die das? Wie sieht die Mutter das? Wie sieht der Vater das? und so.“ (I 02: 36) Es sei eine größere Herausforderung, die Lebenslagen der Familien zu verstehen, da sich die Alltagssituation von Beraterin und Klientin durch den Aspekt der Behinderung stärker voneinander unterscheiden könne, als dies in anderen Beratungen der Fall ist. Zudem bedeute das Anerkennen der Klient: innen als „Spezialisten ihrer Situation“ (I 05: 38), zu berücksichtigen, dass die Familien oft mehr Fachwissen über die Behinderung und deren Auswirkungen haben als die Beratenden. Im Umgang damit sei es für die Beziehung förderlich, die eigenen Wissenslücken transparent zu machen und das Wissen der Klient: innen für den Prozess zu nutzen: „Wenn man zum Beispiel irgendwelche speziellen Behinderungen noch nicht kennt, dann sagen, um Himmels Willen, das habe ich noch nie gehört oder so was. Was beinhaltet das? Wie sieht das aus? “ (I 08: 47 - 48) 3.5 Entwicklung einer Schulung Die Teilnehmenden schätzten es als einen guten Ansatz ein, Schulungen zu Behinderung und Inklusion für Erziehungs- und Familienberatende anzubieten. Als grundlegende Themen benannten sie Wissen zu verschiedenen Beeinträchtigungsformen und deren Auswirkung auf den Familienalltag, zu Geschwisterbeziehungen, zum Kinderschutz und zu barrierefreien Beratungsmethoden. Dabei sei es gut, im Rahmen einer Schulung Grundwissen zu Behinderung und Inklusion zu vermitteln; es solle aber nicht der Anspruch entstehen, die Schulungsteilnehmenden theoretisch auf alles vorzubereiten. Vielmehr sei es wichtig, einen Raum zur Verfügung zu stellen, in dem sie ihre persönliche Haltung zu Behinderung und Inklusion reflektieren können. Dabei sei es auch von Bedeutung, die Ängste, Sorgen und Hemmungen zu thematisieren und eine Haltung der Selbstfürsorge zu vermitteln. VHN 4 | 2026 221 CHRISTIAN WALTER-KLOSE, SONJA HEIDENBLUT Inklusive Familien- und Erziehungsberatung FACH B E ITR AG Geeignete didaktische Methoden seien das Anknüpfen an vorhandene Erfahrungen mit Menschen mit Behinderungen, die Arbeit mit Fallbeispielen, das Ausprobieren verschiedener Methoden sowie Selbsterfahrungen zu verschiedenen Formen der Beeinträchtigung. Für eine lebensnahe Vermittlung der Inhalte sei es nützlich, wenn als Dozierende auch Menschen mit Behinderungen und Expert: innen aus der Behindertenhilfe einbezogen werden. Neben einer Schulung wiesen die Befragten darauf hin, dass die Entwicklung einer inklusiven Haltung ein längerer Prozess sei, für den es hilfreich sei, in einen stetigen Austausch zu kommen. Dabei sei es sinnvoll, wenn es eine Anlaufstelle gebe, an die sich Beratende wenden können, um Themen und Herausforderungen in Bezug auf inklusive Arbeit zu besprechen. So sagte eine Teilnehmerin: „Ich glaube, dass es Orte braucht, wo man sich darüber austauschen kann. Das gibt es in der Erziehungsberatung ja zu allen möglichen Sachen. Und ich finde, auch für dieses Thema braucht es einen Ort, weil es ja doch auch immer wieder Themen gibt, die Berater vielleicht beschäftigen… Weil ich glaube, dass es auch mehr Mut machen würde, wenn man vielleicht darüber einen Zugang dazu findet. Weil einfach so anzufangen, ist, glaube ich, für viele schwierig vorstellbar.“ (I 04: 47 - 50) 4 Diskussion Ziel der vorliegenden qualitativen Studie war es, Gelingensbedingungen und Herausforderungen der inklusiven Erziehungs- und Familienberatung aus der Perspektive erfahrener Praktiker: innen zu explorieren, um mithilfe von Einblicken in die Beratungsarbeit Hinweise auf die Plausibilität des theoriegeleiteten Mehrebenenmodells zu erlangen. Auch sollten Impulse für die Qualifizierung von Beratenden abgeleitet werden. 4.1 Ergebnisse in Bezug auf das Mehrebenenmodell und den Theoriediskurs Die empirischen Daten stützen die theoretische Grundannahme des Mehrebenenmodells. Die geschilderten Herausforderungen und Gelingensbedingungen lassen sich kohärent in die Systematik aus Mikro-, Meso- und Makroebene einordnen. Besonders die hohe Anzahl an Nennungen zur organisationalen Ausrichtung der Beratungsstellen unterstreicht die Prämisse, dass Inklusionskompetenz - im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention - nicht allein als individuelle Beratendeneigenschaft, sondern in ihrer Einbettung zu organisationalen und sozialräumlich-gesellschaftlichen Faktoren und somit als institutionelle Aufgabe gesehen werden muss (bke, 2022). Kritisch lässt sich mit Bezug zum Mehrebenenmodell allerdings benennen, dass das Modell aktuell zwar als heuristischer Rahmen fungieren kann, aber die teils hochkomplexen, dynamischen Wechselwirkungen zwischen den Ebenen nur sehr vereinfacht abbildet. Dies zeigt sich in der Herausforderung der Anpassung an vielfältige Behinderungsbilder oder den Auswirkungen von Finanzierungsproblemen, die die gesamte Beratungssituation infrage stellen kann. Neben der Bedeutung und Gewichtung einzelner Elemente bleibt weiterhin der Balancierungsmechanismus im Umgang mit Adaptionen, Barrieren und ihrer Kompensation unklar. Zukünftige quantitative Studien sind unerlässlich. Die Ergebnisse bestätigen strukturelle und organisatorische Hürden früherer Studien (Walter- Klose, 2017). Mangelnde Barrierefreiheit, fehlende Vernetzung und unklare Finanzierung bleiben Haupthindernisse. Dieser Befund macht die Diskrepanz zwischen dem im KJSG (2021) anvisierten Ziel, 2028 inklusiv zu sein, und der derzeitigen Arbeitsrealität offensichtlich. Ideen und Lösungen (Walter, 2020; Delle Donne, Freudenberger & Beck, 2026) sind weiter nachhaltig VHN 4 | 2026 222 CHRISTIAN WALTER-KLOSE, SONJA HEIDENBLUT Inklusive Familien- und Erziehungsberatung FACH B E ITR AG umzusetzen, wenn der angestrebte Inklusionsprozess gelingen soll. Dies gilt auch in Beratungsstellen mit Inklusionserfahrung, um Überforderung und Frustration zu vermeiden, die entstehen kann, wenn Beratende Systemmängel mit eigenen Ressourcen kompensieren müssen. Im Vergleich zu den 2017 beschriebenen Befunden aus der Befragung von Führungskräften fällt auf, dass mangelnde Eignung primär mit fehlendem behinderungsspezifischem Fachwissen begründet wurde und Leitungen diese Frage aus der Perspektive des Personalmanagements betrachten. Die Beratenden dagegen betonen die Bedeutung einer inklusiven Beziehungsgestaltung, die Klient: innen als Expert: innen ihrer Lebenswelt anerkennt und ihnen mit Wertschätzung begegnet. Dies zeigt sich auch mit Blick auf Qualifizierungsmaßnahmen. Neben einer Wissensvermittlung fordern die Praktiker: innen praxisnahe Formate zur Haltungsreflexion und transparenten Umgang mit eigenem Nichtwissen. 4.2 Limitationen und weiterer zukünftiger Forschungsbedarf Bei der Interpretation der Ergebnisse müssen methodische und stichprobenbezogene Limitationen berücksichtigt werden. Die Akquise verdeutlichte eine zentrale Herausforderung: Es ist schwierig, Fachkräfte zu finden, die sich selbst als Expert: innen für inklusive Beratung verstehen. Dies spiegelt wider, dass der Inklusionsprozess noch relativ neu ist (Kieslinger & Graeber, 2026). Die finale Stichprobe von acht Berater: innen ermöglicht zwar ein tiefgehendes Verständnis des Feldes, lässt jedoch keine repräsentativen Schlussfolgerungen zu, auch wenn eine inhaltliche Sättigung im Rahmen der Erhebung erreicht werden konnte. Die hohe fallübergreifende Übereinstimmung dürfte teilweise auf die Homogenität der Stichprobe zurückzuführen sein (ausnahmslos alte Bundesländer, überwiegend städtische Kontexte). Die Übertragbarkeit auf ländliche oder andere Kontexte bleibt offen und erfordert größere, stratifizierte Stichproben. Eine weitere Limitation ergibt sich aus der breiten, explorativen Konzeption. Die Daten lassen keine differenzierten Aussagen darüber zu, wie konkrete Beratungsmethoden an die vorhandenen Kompetenzen angepasst werden müssen. Um den Umgang mit derartigen Anforderungen differenzierter zu erfassen, sind weiterführende Erhebungen - beispielsweise durch Fokusgruppen - erforderlich. Schließlich blieben auch die Angaben zur konkreten didaktischen Umsetzung von Schulungsformaten allgemein. Zukünftige Forschungsvorhaben sollten hier ansetzen und die vorliegenden Erkenntnisse gezielt um die Perspektive von Expert: innen der Beratungsdidaktik erweitern. 5 Fazit Die vorliegende Studie verdeutlicht Möglichkeiten und Bedingungen für die erfolgreiche inklusive Beratung, wie sie deskriptiv mit dem vorgeschlagenen Mehrebenenmodell beschrieben werden können. Dabei erhebt das aktuelle Modell keinen Anspruch auf universelle Gültigkeit oder Abgeschlossenheit, sondern stellt eine Grundlage für erforderliche Weiterentwicklung inklusiver Familien- und Erziehungsberatung dar. Für eine erfolgreiche Umsetzung von Inklusion in diesem Handlungsfeld ist der weitere Abbau gesellschaftlicher und organisationaler Barrieren sowie die Entwicklung reflexiver Austauschräume für die tägliche Beratungsarbeit unerlässlich. Literatur Arnold, J., Macsenaere, M. & Hiller, S. (Hrsg.) (2018). Beiträge zur Erziehungshilfe: Band 45. Wirksamkeit der Erziehungsberatung: Ergebnisse der bundesweiten Studie Wir.EB. Lambertus. Boger, M.-A. (2019). Theorien der Inklusion. Edition assemblage. VHN 4 | 2026 223 CHRISTIAN WALTER-KLOSE, SONJA HEIDENBLUT Inklusive Familien- und Erziehungsberatung FACH B E ITR AG Bundesjugendkuratorium. (2012). Inklusion: Eine Herausforderung auch für die Kinder- und Jugendhilfe. Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums. https: / / bundesjugendkuratorium. de/ data/ pdf/ press/ Stellungnahme_Inklusion_61 212.pdf Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (2015). Inklusion und Familienvielfalt in der Erziehungsberatung. Informationen für Erziehungsberatungsstellen, 1 (15), 12 -16. Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (2022). Kinder und Jugendliche mit Behinderung und ihre Eltern kompetent beraten. Informationen für Erziehungsberatungsstellen, 2 (22), 4 -11. Bundesministerium für Arbeit und Soziales (2021). Dritter Teilhabebericht der Bundesregierung über die Lebenslagen von Menschen mit Beeinträchtigungen: Teilhabe - Beeinträchtigung - Behinderung. https: / / www.bmas.de/ SharedDocs/ Down loads/ DE/ Publikationen/ a125-21-teilhabebericht. pdf? __blob=publicationFile&v=7 Delle Donne, V., Freudenberger, K. & Beck, N. (2026). Erziehungsberatung inklusiv. In D. Kieslinger & M. Graeber (Hrsg.), Profession und Professionalisierung in der Kinder- und Jugendhilfe (S. 337 -350). Lambertus. Eckert, A. (2018). Familien mit Kindern mit einer Behinderung: Leben im Spannungsfeld von Herausforderung und Zufriedenheit. In Bundesvereinigung Lebenshilfe (Hrsg.), Familien unterstützen (S. 37 -47). Lebenshilfe-Verlag. Heidenblut, S. & Walter-Klose, C. (2025). Beziehungsgestaltung in der inklusiven Familien- und Erziehungsberatung [Manuskript in Vorbereitung]. Kassebrock, F. (2000). Behinderte Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in der Erziehungsberatung. In W. Körner & G. Hörmann (Hrsg.), Handbuch der Erziehungsberatung: Band II (S. 77 -90). Hogrefe. Kieslinger, D. & Graeber, M. (Hrsg.). (2026). Profession und Professionalisierung in der Kinder- und Jugendhilfe. Lambertus. Kieslinger, D., Metzner, K., Owsianowski, J., Rück, F. & Schröer, W. (2024). Inklusion jetzt! Lambertus. Kuckartz, S. & Rädiker, S. (2024). Qualitative Inhaltsanalyse, Methoden, Praxis, Umsetzung mit Software und künstlicher Intelligenz. Beltz Juventa. Liljeberg, H. & Magdanz, E. (2022). Eltern von Kindern mit Beeinträchtigungen - Unterstützungsbedarfe und Hinweise auf Inklusionshürden (Forschungsbericht 613). Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Ondracek, P. (2026). Beratung in heilpädagogischen Handlungsfeldern. Kohlhammer. Schmidt, L., Jux, C., Tiesmeyer, K. & Falkson, S. (2022). Beratungsbedarf von Eltern mit Kindern mit Beeinträchtigung. Teilhabe, 61 (3), 107 -113. Walter, A. (2020). 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