motorik
7
0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2013.art06d
7_036_2013_2/7_036_2013_2.pdf41
2013
362
Von Beginn an - Psychomotorik für Kinder unter drei in der Krippe, in Eltern-Kind-Gruppen und Therapie
41
2013
Manuela Rösner
Eine psychomotorische Entwicklungsförderung für Kinder unter drei ist überall sinnvoll und kann im Elternhaus, bei der Tagesmutter, im Kindergarten oder auch im Sportverein umgesetzt werden. Die Angebote unterscheiden sich in der Gruppenstruktur (Alterszusammensetzung und Größe), in den räumlichen Möglichkeiten und den sozialen und emotionalen Beziehungen.
7_036_2013_2_0004
[ 80 ] 2 | 2013 motorik, 36. Jg., 80-84, DOI 10.2378 / motorik2013.art06d © Ernst Reinhardt Verlag [ FachFORUM ] Von Beginn an - Psychomotorik für-Kinder unter drei in der Krippe, in-Eltern-Kind-Gruppen und Therapie Manuela Rösner Eine psychomotorische Entwicklungsförderung für Kinder unter drei ist überall sinnvoll und kann im Elternhaus, bei der Tagesmutter, im Kindergarten oder auch im Sportverein umgesetzt werden. Die Angebote unterscheiden sich in der Gruppenstruktur (Alterszusammensetzung und Größe), in den räumlichen Möglichkeiten und den sozialen und emotionalen Beziehungen. Schlüsselbegriffe: U3, Kindertagespflege, Krippe, Psychomotorik From the beginning - Psychomotricity for children under three in nursery, parent-child groups and therapy A psychomotor development for children under three makes sense everywhere, and can be-implemented in the parental home, at the childminder, kindergarten or in the sports club. The offers differ in the group structure (age composition and size), the spatial possibilities and-the social and emotional relationships. Key words: U3, child day care, nursery, psychomotricity [ 81 ] Rösner • Psychomotorik für-Kinder unter drei 2 | 2013 Durch den politischen und gesellschaftlichen Wandel ist die psychomotorische Entwicklungsförderung für Kinder unter drei zunehmend in den Fokus gerückt. Ende der 80er-Jahre waren in den »alten« Bundesländern (NRW) die kleinen altersgemischten Gruppen (0,4-6 Jahre) noch in der Pilotphase. In der damaligen Berufsausbildung zum ErzieherIn wurden nur geringe Kenntnisse für diese spezielle Altersgruppe vermittelt. Wer in einer solchen Gruppe arbeiten durfte, lernte von Kollegen, von den Kindern und von seinen eigenen Erfahrungen. Daher war es zwingend notwendig, sich auf diesem Gebiet fortzubilden, und so fand man sich schnell in der »Psychomotorik« wieder. Die Betreuung von Kindern unter drei wurde zu diesem Zeitpunkt noch eher kritisch betrachtet und der Pädagoge musste 100 %-ig hinter der eigenen Arbeit stehen und sie Eltern und Kollegen transparent genug darstellen. Viele Eltern hatten in den ersten Tagen ein schlechtes Gewissen, ihr Kind so früh in fremde Hände abzugeben. Politischer Wandel In den letzten Jahren wurde die Gruppenstrukturen in Kindertageseinrichtungen erst so verändert, dass bei geringerer Gruppenanzahl bereits 2-Jährige in die Regelgruppen mit aufgenommen werden konnten. Mit dem Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz in Kindertageseinrichtungen oder in der Kindertagespflege geht die Politik noch ein Stück weiter. Ab dem 01. August 2013 soll für alle 1- und 2-jährigen Kinder, deren Eltern einen Platz wünschen, ein solcher zur Verfügung stehen. In einigen Bundesländern wird dies aber noch nicht rechtzeitig ungesetzt werden können (http: / / www.mfkjks.nrw.de/ kinder-und-jugend/ betreuung-fuer-unter-dreijaehrige/ #Ausbau). Gesellschaftlicher Wandel Die veränderten Familiensituationen - beide Elternteile berufstätig - alleinerziehende Elternteile - vermehrt Einzelkinder, haben die Betreuung von Babys und Kleinkindern in Kindertageeinrichtungen zur Normalität gemacht. Hinzu kommen regionale Umweltveränderungen, in denen Kinder weniger Raum und Zeit bekommen / haben, sich zu entwickeln. Das Angebot von »Fertig«-Spielsachen, mit geringen sensorischen Erfahrungen, hat ebenso zugenommen, wie der allgemeine Medienkonsum. Im Vergleich sind drei Institutionen aufgeführt, die eine psychomotorische Entwicklungsförderung für Kinder unter drei anbieten können, in denen sich die Rahmenbedingungen unterscheiden. Eltern-Kind-Gruppen Bei Eltern-Kind-Gruppen finden sich in etwa gleichaltrige Kinder ein. Oft kennen sich die Familien schon z. B. aus der Pekip-Gruppe und suchen eine »Anschlussförderung«. In den Vorgesprächen mit den Eltern ist es wichtig, die Vorgehensweise und die Inhalte der Psychomotorikstunden zu vermitteln. Der Kursleiter sollte nicht »Animateur spielen«, sondern die Eltern und deren Kinder ihrem Entwicklungsstand entsprechend unterstützen (vgl. Abb. 1). Die Kinder bekommen Zeit und Raum, um sich und ihr Umfeld zu entdecken und ihre Fähigkeiten zu stärken und zu erweitern. Dabei kommt es immer wieder zu Vergleichen bzw. »Konkurrenzkämpfen«, welches Kind schon wie lange und ausdauernd krabbeln oder laufen kann. Die einzelnen Entwicklungsschritte können in den Psychomotorikstunden aufgegriffen und ihre Wichtigkeit bzw. Bedeutung erläutert werden. Abb. 1: Psychomotorik für Kinder unter Drei ist-in den Fokus gerückt [ 82 ] 2 | 2013 Fachforum Eine aufgebaute Bewegungslandschaft bietet z. B. unterschiedliche Möglichkeiten an, um nach oben zu gelangen, und die schräge Ebene (Fallschutzmatte) wieder nach unten zu rutschen. Je nach Entwicklungsstand wählen die Kinder die Treppe aus Bausteinen, die eingehängte Bank oder sie klettern die schräge Ebene von unten nach oben rauf (vgl. Abb. 2). Dabei ist zu beobachten, dass einige Kinder nicht wissen, wie und wo sie nach oben kommen sollen und ihre Eltern schnell zur Hilfe eilen, um das »schöne« Erlebnis des Rutschens zu ermöglichen. Dabei wird den Kindern der Weg abgenommen, sich diesen Herausforderungen zu stellen. Das Kind lernt in den Psychomotorikstunden durch das eigene Tun und wird erst dadurch in seinem Bewegungsverhalten gestärkt. Der Weg ist das Ziel. Die Kinder sind in den Eltern-Kind-Gruppen noch mehr auf ihre Bezugspersonen fixiert. Die Elternbegleitung nimmt daher einen hohen Stellenwert in den Kursen ein, und ist genauso wichtig wie das eigentliche Angebot für die Kinder. Wenn ich glaube, Michi ist soweit, gehe ich in einer der nächsten Stunden mit ihm zusammen den Berg hoch. Ich mache ihm und seiner Mutter vor, wie es gehen könnte und unterstütze ihn in seinem Tun. Das Rutschen schafft er dann ganz alleine. Michi strahlt vor Selbstbewusstsein. Im Kindergarten In den heutigen Krippengruppen, oder noch wenigen kleinen altersgemischten Gruppen (0,4-6 Jahre), wird die psychomotorische Entwicklungsförderung von Pädagogen gleich in den Alltag mit eingebaut. Im Gegensatz zu den Eltern-Kind-Gruppen erlebt man die Kinder im Tagesablauf, wo sich grundlegende Möglichkeiten zur Kontaktaufnahme, zur Kommunikation, zum Spielen und auch zur Beobachtung ergeben. Der Beziehungsaufbau, immer wieder kehrende Rituale und die Regelmäßigkeit sind Voraussetzungen einer psychomotorischen Entwicklungsförderung. Die Umsetzung im Kindergarten bietet aber auch die Möglichkeit eine größere Altersmischung vorzunehmen und sich nicht auf ein Alter zu beschränken. Der Beginn einer psychomotorischen Förderung kann z. B. das gemeinsame Umziehen für den Bewegungsraum sein. Jedes Kind hat eine Schublade oder eine Kiste, in der sich Wechselwäsche befindet. Für die »Kleinen« ist dies ein ganz wichtiges Ritual, und sie üben hierbei das selbständige An- und Ausziehen. Der Weg zum Töpfchen / zur Toilette oder andere entwicklungspsychologische Aspekte können hier also viel einfacher mit integriert werden. Das Angebot im Bewegungsraum beginnt mit einer rhythmischen Einheit, einem Materialangebot oder mit einem Geräteaufbau (vgl. Abb. 3, Abb. 4). Dem Entwicklungsstand entsprechend können Landschaften zum Bewegen einladen und den Kindern die nötige Selbstsicherheit verschaffen. Der Pädagoge kann hier anhand der Abb. 2: Möglicher Aufbau einer Bewegungslandschaft Michi (16 Monate) bewegt sich gerne krabbelnd über den Boden. Auch wenn er schon alleine laufen kann, gehört er eher zu den ruhigeren und bewegungsarmen Kindern. Er beobachtet mit großem Interesse die anderen Kinder, wie sie den Berg erklimmen und wieder runter rutschen. Nach nur kurzer Zeit fragt seine Mutter ihn: »Möchtest du auch rutschen? « Michi lacht seine Mutter an. Sie hebt ihn hoch zieht ihn rutschend den Berg hinunter. [ 83 ] Rösner • Psychomotorik für-Kinder unter drei 2 | 2013 sensomotorischen Entwicklung das Angebot gestalten. Mit zunehmender Erfahrung stärkt das Kind seine Fähigkeiten und beginnt mit den unterschiedlichsten Materialien zu experimentieren. Soziale Kontakte und Kompetenzen werden durch das Miteinander viel früher erworben. Eine Entspannungseinheit in Form von Massagen oder »Säckchen belegen« kann als Ritual die Stunde beenden (vgl. Abb. 5). Therapie (im Beisein und mit Unterstützung eines Elternteils) Benötigen Kinder unter drei therapeutische Unterstützungen, kann diese im Kindergarten oder auch in Praxen bzw. Frühförderzentren stattfinden. In der Regel begleiten die Eltern ihr Kind zur Förderung. Je nach Diagnose wählt der Motopäde gezielte Angebote zur Unterstützung der sensomotorischen Entwicklung aus und bindet die Eltern, bei Bedarf mit in das Angebot mit ein. Lily ist ein sogenanntes »Frühchen« und wurde in der 30. Schwangerschaftswoche geboren. In den ersten Wochen hatte sie wenig (Körper-) Kontakt zu den Eltern, weil sie auf der Intensivstation behandelt werden musste. Lily benötigte im ersten Lebensjahr mehr Zeit als Andere, um sich zu entwickeln. Sie zeigt im Wahrnehmungsbereich eine taktile Überempfindlichkeit und erforscht alle Materialien und Geräte auf ihre Beschaffenheit. Alle taktilen Reize »saugt« sie auf und entscheidet mit zunehmender Entwicklung Vorlieben und Ablehnung. Auch die Abb. 3: Entspannung mit Pool-Noodles Abb. 4: Das Experimentieren mit Alltagsmaterial im Kindergarten Abb. 5: Lea belegt Ida mit Sandfröschen Abb. 6: Erste Matscherlebnisse in der Therapie [ 84 ] 2 | 2013 Fachforum Personen in ihrem Umfeld wurden taktil erkundet, wenn sie Körperkontakt (auf den Arm oder Schoß sitzen) zu ihnen aufgebaut hat. Lily nutzte daher in der Förderung gerne Schmiermaterialien. Mit Rasierschaum, Kleisterfarben und Crememassagen konnte Lily ihre Bedürfnisse in der Förderung ausleben und sich nach einigen Wochen auch auf andere Reize einlassen (vgl. Abb. 6). Der persönliche Austausch mit den Eltern findet regelmäßig statt. Gezielte Angebote, Spielanregungen und Tipps für das die Elternhaus werden gemeinsam erörtert, um die Entwicklung des Kindes zu unterstützen. Literatur Rösner, M., Küsgen, B. (2011): Sich entdecken und verstecken. Pohl Verlag, Celle http: / / www.mfkjks.nrw.de/ kinder-und-jugend/ betreuung-fuer-unter dreijaehrige/ #Ausbau, 26. 09. 2012 Die Autorin Manuela Rösner, Motopädin, SI-Mototherapeutin, Erzieherin, Entspannungspädagogin, Neurophysiologische Entwicklungsförderin (NDT / INPP) und Autorin in eigener Praxis. Referentin und Lehrbeauftragte am Franz-Sales-Berufskolleg / Fachschule für Motopädie in Essen. Anschrift Manuela Rösner Praxis für Mototherapie Wittener Str. 34 D-58285 Gevelsberg praxis@mototherapie-en.de Anzeige
