eJournals motorik36/2

motorik
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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2013.art08d
7_036_2013_2/7_036_2013_2.pdf41
2013
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Ganzheitliches Gehirntraining (GGT) für Senioren

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2013
Stefania Battellini
Bedingt durch den demographischen Wandel in Europa rückt die Altersgruppe 65+ verstärkt in den Blickpunkt wissenschaftlicher Forschungen. Was hält uns im höheren und hohen Alter körperlich und geistig fit? Das Ganzheitliche Gehirntraining integriert durch sein sogenanntes »Vielseitigkeitsmodell« physiologische und psychische Kompetenzen. Bewegungsorientiertes Gedächtnistraining trainiert vielfältige Fähigkeiten wie Koordination, Konzentration, Gleichgewicht, Reaktion, Gedächtnis und Körperwahrnehmung. Aktuelle empirische Studien der Gerontopsychologie bestätigen, dass die mit motorischen Aufgaben kombinierten Trainingsprogramme die höchsten Effekte bei der Förderung der Alltagskompetenz älterer Menschen zeigen.
7_036_2013_2_0006
[ 90 ] 2 | 2013 motorik, 36. Jg., 90-94, DOI 10.2378 / motorik2013.art08d © Ernst Reinhardt Verlag [ FachFORUM ] Ganzheitliches Gehirntraining (GGT) für Senioren Begründung, Konzeption und Praxis Stefania Battellini Bedingt durch den demographischen Wandel in Europa rückt die Altersgruppe 65+ verstärkt in den Blickpunkt wissenschaftlicher Forschungen. Was hält uns im höheren und hohen Alter körperlich und geistig fit? Das Ganzheitliche Gehirntraining integriert durch sein sogenanntes »Vielseitigkeitsmodell« physiologische und psychische Kompetenzen. Bewegungsorientiertes Gedächtnistraining trainiert vielfältige Fähigkeiten wie Koordination, Konzentration, Gleichgewicht, Reaktion, Gedächtnis und Körperwahrnehmung. Aktuelle empirische Studien der Gerontopsychologie bestätigen, dass die mit motorischen Aufgaben kombinierten Trainingsprogramme die höchsten Effekte bei der Förderung der Alltagskompetenz älterer Menschen zeigen. Schlüsselbegriffe: Ganzheitliches Gehirntraining, Koordination, Kognition, Geschicklichkeit, Spiel, Tanz, Wahrnehmung Holistic Brain Training (GGT) for seniors. Reasoning, concepts and practice As a result of demographic changes, sport science raises awareness to the age group 65+. What keeps us fit in an advanced age? How can I stay physical and mental healthy? The Integrated braintraining includes physiological and mental exercises. This combination promotes coordination, concentration, balance, responsiveness, memory and body awareness. Cause of-this diversity we call this training »Vielseitigkeitsmodell«. Current empirical studies of gerontopsychology confirm mental training with motor tasks better effects in everyday life competence than trainings without motor tasks. Key words: Integrated braintraining, coordination, cognition, skill, play, dance, exercise [ 91 ] Battellini • Ganzheitliches Gehirntraining (GGT) 2 | 2013 Begründung und Konzeption des Ganzheitlichen Gehirntraining (GGT) In Deutschland vollzieht sich, wie auch in vielen anderen europäischen Ländern, ein bedeutender demografischer Wandel. Immer mehr Menschen bleiben bis ins hohe Alter fit, können und wollen länger aktiv am sozialen und gesellschaftlichen Leben teilhaben. (Bundesministerium des Inneren 2011). Ältere Menschen wollen auch nach dem Renteneintritt ihr Leben selbstbestimmt und aktiv gestalten. Dafür sind neben körperlicher Gesundheit vielfältige Fähigkeiten wie geistige, emotionale und soziale Kompetenzen wichtig. Das Ganzheitliche Gehirntraining (GGT) setzt im Gegensatz zu anderen Gehirntrainingsprogrammen an den (psycho)motorischen Fähigkeiten des älteren Menschen an. Neben den körperlich-physiologischen Effekten werden kognitive und psychische Kompetenzen trainiert. Es ist mittlerweile wissenschaftlich belegt, dass die intelligenzgesteuerten psychomotorischen Aufgabestellungen in ihrer Wirksamkeit bezüglich Gedächtnisleistungen deutlich bessere Effekte zeigen als Trainingsprogramme ohne motorische Aufgaben (Oswald 2005). Die praktische Umsetzung In den Übungsstunden des Ganzheitlichen Gehirntrainings haben sich sieben unterschiedliche Themenkomplexe herauskristallisiert, die sich zur Umsetzung des oben genannten Konzeptes in der Arbeit mit Senioren als besonders geeignet erwiesen haben. Diese Aufgabentypen können als sogenanntes Vielseitigkeitsmodell zusammengefasst werden. Themenkomplex 1: Finger-Hand-Arm-Koordination kombiniert mit Zehen-Fuß-Bein-Koordination Beim ersten Themenkomplex handelt es sich um Koordinations- und Kombinationsaufgaben der Finger. Die Hände und die Arme werden simultan oder sukzessiv mit Bewegungen der Zehen, Füße und Beine verknüpft. Als zentraler Bestandteil nahezu aller GGT- Stunden sind diese Aufgaben in unterschiedlichen Organisationsformen leicht zu entwickeln und entsprechend dem Leistungsstand der Teilnehmerinnen und Teilnehmer einfach zu variieren. 1 Praxisbeispiel: Hände / Füße 2 × Oberschenkelklatschen, 2 × Händeklatschen, 2 × Fingerschnipsen, simultan dazu den linken Fuß vor- und zurücksetzen, den linken Fuß seitwärts und zurück setzen, den linken Fuß nach hinten und wieder vor setzen. Anschließend wird dieselbe Abfolge mit dem rechten Fuß durchgespielt. 2 Praxisbeispiel: Überkreuzklatschen Die linke Hand wird an die rechte Schulter geführt. Gleichzeitig wird die rechte Hand auf den linken Oberschenkel gebracht. Danach erfolgt ein beidhändiges Klatschen auf die Oberschenkel. Nun wird die rechte Hand an die linke Schulter geführt. Gleichzeitig wird die linke Hand auf den rechten Oberschenkel gebracht. Wieder erfolgt ein beidhändiges Klatschen auf die Oberschenkel. 3 Praxisbeispiel: Kombinationsmöglichkeiten mit Fußbewegungen Der linke Fuß wird »vor-zurück«, »seitzurück«, »hinten-zurück« gesetzt. Danach wird das Gleiche mit dem rechten Fuß wiederholt. Themenkomplex 2: Kognitives Training mit Zahlen, Buchstaben, Begriffen, Namen und Geschichten Dieser motorikfreie Themenkomplex ist für das Konzept des Ganzheitlichen Gehirntrainings eher untypisch. Er bietet jedoch vielfältige interessante Aufgabenstellungen, wie z. B. das Rückwärtsbuchstabieren, Wort- und Zahlenspiele, kurze Gedichte auswendig lernen. Die Aufgaben, die meistenteils im Sitzen stattfinden, werden meist durch plausibel erscheinende Bewegungsaufgaben bereichert. [ 92 ] 2 | 2013 Fachforum 4 Praxisbeispiel: Wege merken Bei dieser Aufgabe soll man sich einen Weg-merken, der ein Abbild des alltäglichen Lebens darstellt, z. B. das Nach- Hause-kommen: Hierzu werden bestimmte Orte mit Nummern belegt: 1 = Haustür, 2 = Schlüsselbrett, 3 = Telefon mit AB, 4 = Küchentisch etc. Diesen imaginären Weg geht jeder Teilnehmer und jede Teilnehmerin nicht nur in seiner bzw. ihrer Vorstellung durch, sondern läuft ihn pantomimisch im Raum ab. Dabei können z. B. passende Gegenstände an die Orte gelegt werden, die zu merken sind. Auf-diese Weise wird das rein imaginative Arbeiten mit motorischem Lernen kombiniert: Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen orientieren sich über mehrere Stationen im Raum. Sie lassen sich durch andere Teilnehmer und Teilnehmerinnen in ihrer Konzentration nicht stören und erinnern sich sukzessiv an einen Weg. 5 Praxisbeispiel: Buchstabieren Namen oder Begriffe werden (ohne Benutzung von Papier und Stift) vorwärts und dann rückwärts buchstabiert, während man-vorwärts bzw. rückwärts auf einer Linie oder auf einem am Boden liegenden Seil balanciert, im Einbeinstand steht, anderen Teilnehmern und Teilnehmerinnen auf einem Parcours ausweichen muss und so weiter. Themenkomplex 3: Geschicklichkeitstraining mit Kleingeräten Im Zusammenhang mit diversen Kleingeräten (Bälle, Stäbe, Reifen, Tücher, Frisbees etc.) ergibt sich eine Fülle von Aufgaben, die ein mehr oder weniger großes Maß an Geschicklichkeit vom Teilnehmer und der Teilnehmerin erfordern. 6 Praxisbeispiel: Tauschmarkt An die Hälfte der Teilnehmer und Teilnehmerinnen werden verschiedenfarbige Frisbeescheiben verteilt. Den unterschiedlichen Farben werden bestimmte Aufgaben zugeordnet, zum Beispiel: rot = linke Hand, grün = um die eigene Achse drehen, gelb = hoch werfen, in die Hände klatschen, wieder auffangen usw. Während des Herumgehens im Raum geben die Teilnehmer und Teilnehmerinnen die Frisbees untereinander weiter. 7 Praxisbeispiel: Jonglieren Die Vorübung zum Jonglieren kann mit Chiffon-Tüchern erfolgen. Im Anschluss daran folgen leichte Wurf- und Auffangübungen mit Tennisbzw. Jonglierbällen; die Teilnehmer und Teilnehmerinnen üben erst mit zwei und dann mit drei Bällen. Jonglieren wird auf der Basis empirischer Studien als besonders effektives Training für das Gehirn propagiert (Nehen et al. 2007) Themenkomplex 4: Bewegungsspiele und Spielformen mit kognitiven Ansprüchen Aufgaben, zu deren Lösung kognitive Fähigkeiten, wie z. B. Konzentration, Reaktion, Orientierung, Beobachtungs- und Antizipationsgabe eingesetzt werden müssen, trainieren eben diese Fähigkeiten. 8 Praxisbeispiel: Bewegungslotto Ein Teilnehmer oder eine Teilnehmerin beginnt mit einer Bewegung oder Geste und nummeriert diese Bewegung mit der Nummer 1. Der Teilnehmer oder die Teilnehmerin links oder rechts von Teilnehmer bzw. Teilnehmerin 1 macht eine andere Bewegung bzw. Geste vor und hat die Nr. 2, usw., bis alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine Bewegung und Zahl haben. Der Spielleiter nennt nun eine Nummer. An die damit verknüpfte Bewegung sollen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sich erinnern und diese ausführen. Als Variation sind zwei-, drei- oder vierstellige Zahlen denkbar. [ 93 ] Battellini • Ganzheitliches Gehirntraining (GGT) 2 | 2013 9 Praxisbeispiel: Ballspiel mit Zahlencode Dieses Spiel wird partnerweise mit einem Ball gespielt. Jeder Zahl wird eine bestimmte Wurftechnik zugeordnet, wie zum Beispiel: 1 = mit der rechten Hand zuprellen, 2 = mit der linken Hand zuprellen, 3 = mit der rechten Hand zuwerfen, 4 = mit der linken Hand zuwerfen, 5 = beide Hände, 6 = halbe Drehung und Überkopfwurf, 7 = halbe Drehung und durch die Beine. Als Variation dieses Spiels ist es denkbar, anstelle der Zahlen den Buchstaben zuzuordnen, wie zum Beispiel: 1 = A, 2 = B usw. Der Spielleiter ruft den Teilnehmerinnen und Teilnehmern Städtenamen zu, wie beispielsweise Bonn: Bonn = B = 2 = mit der linken Hand zuprellen. Alternativ können auch bekannte Persönlichkeiten, Gerichte, Getränke und vieles mehr mit den Bewegungen kombiniert werden. Themenkomplex 5: Rhythmische und tänzerische Formen Die Herausforderungen bezüglich der Aufmerksamkeit, des Gedächtnisses, den Anpassungsleistungen an die Musik und den Partner, die in den verschiedenen Tanzformen an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gestellt werden, sind augenscheinlich und werden nochmals anhand der Praxisbeispiele deutlich. 10 Praxisbeispiele: Überkreuzbewegungen Überkreuzbewegungen werden von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern zunächst auf langsame und später schnellere Musik durchgeführt. Einfache Schrittfolgen auf bekannte Schlager oder klassische Musik bieten sich hier sehr gut an. Märsche eignen sich besonders gut zum Training der Orientierungsfähigkeit, da die Teilnehmerinnen und Teilnehmer z. B. alleine oder mit einem Partner verschiedene Raumwege durchlaufen. Die Musikauswahl wird gerne von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern selbst ausgewählt. 11 Praxisbeispiel: Rhythmicals oder Bodypercussion Rhythmusübungen wie Klatschen, Schnipsen, Patschen, Reiben, Klopfen, Stampfen werden ergänzt durch Sprechen und Singen. Am Anfang können einfache, allen gut bekannte Lieder, wie z. B. »Alle Vöglein sind schon da«, angestimmt werden. Dazu wird geschnipst und mit den Füßen gestampft. Später kann der Versuch mit komplexeren Bewegungsformen im Kanon versucht werden. Die Synchronisierung von Motorik und Sprache erfordert von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern ein hohes Maß an Konzentration, fördert die Eigen- und Fremdwahrnehmung und schult darüber hinaus spielerisch das Gedächtnis für Rhythmus und Text. Themenkomplex 6: Wahrnehmungs- und Sinnesschulung Ein spezieller Aspekt gezielter Einflussnahme auf die vielfältig vernetzten Gehirnfunktionen bietet das Ansprechen unserer Sinnesorgane. Funktionsbeeinträchtigungen des Gehörs und des Tastsinns durch Alterungseinflüsse und nicht ausreichende Belastung sind eklatant, so dass deren Einbeziehung in das Training zu einer komplexen Förderung führen kann. 12 Praxisbeispiele für sinnliche Wahrnehmungsschulung Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ertasten Gegenstände unter einem Tuch, erkennen Düfte, reagieren auf ein akustisches Signal, setzen visuelle Reize in Bewegungen um, erkennen Körperpositionen im Raum bei geschlossenen Augen und so weiter. Themenkomplex 7: Körperwahrnehmung und Entspannung Körperwahrnehmungs- und Entspannungsübungen, die zumeist am Ende einer Unterrichtseinheit angeboten werden, begründen sich durch ihre regenerative Wirkung nach Konzentrations- und Aufmerksamkeitsphasen. [ 94 ] 2 | 2013 Fachforum Zudem ist dieser Teil auch dazu geeignet, die Wahrnehmung des eigenen Ichs zu vertiefen und einer körperlich-geistig-seelischen Harmonie näher zu kommen. 13 Praxisbeispiele für Entspannungseinheiten Die progressive Muskelentspannung nach Jakobsen, Atem- und Energieübungen in Anlehnung an Tai Chi bzw. Qi Gong und Phantasiereisen sind ein beliebter Ausklang, der die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in einer ruhigen und gelassenen Stimmung in den Alltag entlässt. Abschließende Anmerkungen Diese wenigen Beispiele geben nur ausschnittartig das von uns entwickelte Grundlagenkonzept des GGT wieder (Schmidt/ Scholl/ Battellini 1999-2012) Seit 1999 bietet der Förderverein Psychomotorik Bonn (e.V.) in seinem jährlich neu aufgelegten Fortbildungsprogramm der Rheinischen Akademie für Psychomotorik Grund- und Aufbaukurse zum bewegungsorientierten Ganzheitlichen Gehirntraining (GGT) für Senioren an. Dieter Schmidt ist es zu verdanken, dass das GGT seine Geburtsstunde erlebte, da er für sein Konzept beharrlich warb und Mitstreiter fand, die ihn in seinem Vorhaben unterstützten. In den Regionen Bonn und Köln existieren zurzeit fünf GGT-Gruppen für Senioren ab 65 Jahren. Die Gruppengröße variiert zwischen 8 und 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Durch die jährlich stattfindenden Aus- und Fortbildungsveranstaltungen sind zahlreiche weitere GGT- Angebote nach der beschriebenen Konzeption entstanden. Zahlreiche Absolventinnen und Absolventen dieser Veranstaltungen kommen aus therapeutischen, schulischen und außerschulischen Arbeitsfeldern (Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Pädagogen, Lehrer). Sie bestätigen uns, dass das Einfließen des bewegungsorientierten Gehirntrainings in ihre tägliche Arbeit als große Bereicherung empfunden wird. Unsere Teilnehmerinnen und Teilnehmer der GGT-Gruppen schätzen an diesem Training auch nach jahrelanger Teilnahme das vielfältige Übungsangebot und die alltagsnahe Relevanz der Übungen. Literatur Bundesministerium des Inneren (2011): Demografiebericht. Bericht der Bundesregierung zur demografischen Lage und künftigen Entwicklung des Landes. In: http: / / www.bmi.bund.de/ SharedDocs/ Downloads/ DE/ Broschueren/ 2012/ demografiebericht.pdf? __blob=publicationFile, 20. 12. 2012 Gedächtnistraining lässt Hirnbereiche wachsen. Die Welt, 20. 05. 2008 Nehen, H. G. und Mitarbeiter (2007): Sendereihe Visite im NDR-Fernsehen, Texte zur Sendung vom 20. März 2007 Oswald, W. D. (2005): SimA-basic-Gedächtnistraining und Psychomotorik. Hogrefe, Göttingen. Schmidt, D., Scholl, C., Battellini, S. (1999-2012).: Lehrgangsmaterialien für den Übungsleiter-Lehrgang »Ganzheitliches Gehirntraining (GGT) für Senioren«. Unveröffentlichtes Skript, Bonn Die Autorin Stefania Battellini ist Sportwissenschaftlerin M. A. und Bewegungstherapeutin (BTD) Anschrift Stefania Battellini Altrheinstr. 10 53227 Bonn