eJournals motorik36/3

motorik
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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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2013
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Das aktuelle Stichwort: Gesundheit

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2013
Ruth Haas
Bedeutet Gesundheit Glückseligkeit, die Freiheit von Symptomen, ein Höchstmaß an Leistungsfähigkeit (Lippke / Renneberg 2006, 7) oder Abwesenheit von Krankheit?
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[ 153 ] motorik, 36. Jg., 153-155 © Ernst Reinhardt Verlag 3 | 2013 [ Auf den Punkt gebrAcht ] Das aktuelle Stichwort: Gesundheit ruth haas ■ Bedeutet Gesundheit Glückseligkeit, die Freiheit von Symptomen, ein Höchstmaß an Leistungsfähigkeit (Lippke / Renneberg 2006, 7) oder Abwesenheit von Krankheit? ■ Vermindert sich Gesundheit über die Lebensspanne oder kann sie stets neu gewonnen werden? ■ Kann Gesundheit als Leistungsfähigkeit, Lebensfreude, Gleichgewicht oder Erfüllung von gesellschaftlichen Rollen verstanden werden? ■ Kann ein Mensch trotz einer nicht reversiblen Schädigung gesund sein und Wohlbefinden und Lebensqualität erleben? ■ Gibt es objektivierbare Kriterien für Gesundheit? Diese Fragen benennen grundsätzliche Aspekte des Diskurses um Gesundheit und Krankheit. Gesundheit und Krankheit können als Prozesse beschrieben werden, die sich über die gesamte Lebensspanne kontinuierlich verändern - vergleichbar mit einer zum Leben gehörigen kontinuierlichen Pendelbewegung zwischen den zwei Polen. Gesundheit und Krankheit sind deshalb nur in der wechselseitigen Beziehung von biologisch-organismischen, leiblich-psychischen, kognitiven und sozial-kontextuellen Prozessen des Menschen bestimmbar. Gesundheit - Kerngedanken und begriffliche Einordnung Die Betrachtungsweisen von Gesundheit und Krankheit wandeln sich in Abhängigkeit vom zeitgeschichtlichen Kontext, dem subjektiven Befinden, der sozial und gesellschaftlich vorherrschenden Definition dieser Begriffe, der Professionalisierung und Dominanz der Experten. Es werden dichotome, bipolare und orthogonale Konzepte von Gesundheit und Krankheit unterschieden (Franke 2010, 85 ff ). Dichotome Konzepte beschreiben Gesundheit und Krankheit als (…) »voneinander unabhängige Zustände, die sich gegenseitig ausschließen (85). (…). Diese Betrachtung basiert auf einem biomedizinischen Modell. Bipolare Konzepte beschreiben Gesundheit und Krankheit als Pole auf einem Kontinuum, auf denen sich ein Mensch kontinuierlich bewegt. Jeder Mensch ist immer sowohl krank als auch gesund (87). Orthogonale Betrachtungsweisen stellen die Gesundheit erhaltende und krank machende Faktoren sowie subjektive und objektive Parameter von Gesundheit und Krankheit gegenüber« (Franke 2010, 88 f ). Die World Health Organization (WHO) beschreibt Gesundheit wie folgt: »A state of complete physical, mental and social well-being, and not merely the absence of disease« (WHO 2008, 2013). Darin ist eine deutliche Abkehr von einem rein biomedizinisch orientierten Gesundheitsverständnis zu erkennen. Kritisch gesehen werden kann an dieser begrifflichen Festlegung die darin enthaltene Statusannahme (»State«) sowie der Anspruch auf Vollständigkeit, wie er im Wort »complete« enthalten ist. In der International Classification of Function, Disability and Health (ICF)hat die WHO das biopsychosoziale Verständnis erweitert und spezifiziert. Sie liefert eine systematische Betrachtung [ 154 ] 3| 2013 Auf den Punkt gebracht von Gesundheitsproblemen des Menschen anhand der Kategorien Körperfunktionen (inklusive mentaler Funktionen), Körperstrukturen, Aktivitäten, Teilhabe, Umweltfaktoren und personale Faktoren. Umweltfaktoren können gesundheitsförderlich sein oder als gesundheitliche Barrieren eingeschätzt werden. Die ICF vertritt ein »biopsychosoziales Modell der Komponenten von Gesundheit« (DIMDI 2005, 4), das sowohl defizitorientiert als auch ressourcenorientiert einzusetzen ist. Die ICF bleibt jedoch auf einer deskriptiven Ebene und beschreibt keine Zusammenhänge zwischen den Faktoren. Gesundheit - salutogenetische ressourcenorientierte Modelle In der theoretischen Fachdiskussion um Gesundheit haben sich salutogenetische bzw. ressourcenorientierte Modelle der Gesundheit durchgesetzt. Die Frage, wie Gesundheit entsteht, anstatt allein nach den Ursachen von Erkrankungen zu fragen, entspricht der Denkrichtung von Antonovsky (1997) mit seinem Ansatz der Salutogenese. Er ist der Frage nachgegangen, warum manche Menschen trotz großer Belastungen und einschneidender Lebensereignisse gesund bleiben. In der Weiterentwicklung des salutogenetischen Konzeptes von Antonovsky (1997) sind in der gesundheitswissenschaftlichen Forschung zudem gesundheitliche Protektivfaktoren herausgearbeitet und empirisch von Viehauser (2000) überprüft worden. Das Konstrukt der gesundheitsbezogenen Lebensqualität betrachtet die »subjektive Wahrnehmung einer Person über ihre Stellung im Leben in Relation zur Kultur und den Wertesystemen, in denen sie lebt und in Bezug auf ihre Ziele, Erwartungen, Maßstäbe und Anliegen« (WHO 1997 zitiert in Lippke / Renneberg 2006, 29). Es umfasst Aspekte der körperlichen Gesundheit, des psychischen Befindens, der Überzeugungen eines Menschen. Des Weiteren werden Fragen der sozialen Ungleichheit und Gesundheit, der Geschlechtergesundheit und der sozialen Unterstützung und Gesundheit diskutiert (Kienle et al. 2006). Bieten die Lebensbereiche ausreichende Ressourcen an, um interne oder externe Anforderungen zu bewältigen? Becker (2006) unterscheidet interne und externe Ressourcen, die der Mensch als bedürftiges Lebewesen braucht, um gesund zu bleiben. Es gelingt ihm mit seinem Systemischen-Anforderungs-Ressourcenmodell (SAR- Modell) der Gesundheit eine Verknüpfung der Person-Umwelt-Interaktionen. Die Grundannahme des SAR-Modells besagt, dass die Gesundheit eines Menschen davon beeinflusst wird, wie es ihm gelingt, interne und externe Anforderungen mithilfe interner und externer Ressourcen zu bewältigen. Gesundheit steht also in engem Zusammenhang mit der Befriedigung von physiologischen, emotionalen und psychosozialen Bedürfnissen auf der Basis von internen und externen Ressourcen. Die menschliche Persönlichkeit stellt ein komplexes, vielschichtiges Wesen dar, biologische, psychische und soziale Systeme stehen in enger Wechselwirkung. Gesundheit ist demnach auch dann möglich, »wenn vollkommenes Glücklichsein, absolute Beschwerdefreiheit und höchste körperliche Leistungsfähigkeit nicht existieren« (Lippke / Renneberg 2006, 11) und als Pol auf einem Kontinuum zu verstehen, auf dem Menschen sich körperlich, psychisch und sozial weniger oder mehr wohlfühlen und sich hinsichtlich ihrer Leistungsfähigkeit, ihrer Selbstverwirklichung und der Sinnfindung unterscheiden. Literatur Antonovsky, A. (1997): Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit. dgvt, Tübingen Becker, P. (2006): Gesundheit als Bedürfnisbefriedigung. Hogrefe, Göttingen / Berlin / Bern Deutsches Institut für medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) (Hrsg.) (2005): Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit. Stand Oktober 2005. In: www.dimdi.de/ dynamic/ de/ klassi/ downloadcenter/ icf/ endfassung, 10.5.2007 Franke, A. (2010): Modelle von Gesundheit und Krankheit. Huber, Bern Lippke,- S., Renneberg, B. (2006): Konzepte von Gesundheit und Krankheit. In: Renneberg, B., Hammelstein, P. (Hrsg.): Gesundheitspsychologie. Springer, Heidelberg, 7-12 Kienle, R., Knoll, N., Renneberg, B. (2006): Soziale Ressourcen und Gesundheit: soziale Unterstützung und dyadisches Bewältigen. In: Renneberg, [ 155 ] Haas • Das aktuelle Stichwort: Gesundheit 3 | 2013 B., Hammelstein, P. (Hrsg.): Gesundheitspsychologie. Springer, Heidelberg, 107-117 Viehhauser, R. (2000): Förderung salutogener Ressourcen. Roderer, Regensburg World Health Organization (WHO) (2008): International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF) In: http: / / www.who.int/ classifications/ icf/ en, 11.02.2008 World Health Organization (WHO) (2013): Mental Health. In: http: / / www.who.int/ topics/ mental_ health/ en, 18.3.2013 Die Autorin Prof. Dr. Ruth Haas Diplom-Motologin und Sport- und Religionspädagogin. Professorin für Körper- und Bewegungstherapie an der Hochschule Emden-Leer und Studiengangsleitung des BA-Studienganges »Interdisziplinäre Physiotherapie - Motologie - Ergotherapie«. Anschrift Prof. Dr. Ruth Haas Hochschule Emden / Leer Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit Constantiaplatz 4 D-26723 Emden ruth.haas@hs-emden-leer.de 2010. 156 Seiten. 35 Abb. 2 Tab. UTB-M (978-3-8252-3287-0) kt Die Entwicklungspsychologie gehört zu den grundlegenden Fächern im Psychologiestudium. Dieses Lehrbuch gibt Studienanfängern einen ausgewogenen Einblick in Theorien, Methoden und Forschungsergebnisse der Entwicklungspsychologie - von der frühen Kindheit bis ins späte Erwachsenenalter. Entwicklungsvoraussetzungen und -bedingungen werden eingehend anhand der Funktionen Wahrnehmung, Denken, Problemlösen, Gedächtnis, Bindung, soziale Entwicklung u. a. diskutiert. Unerlässlicher Lesestoff zur Prüfungsvorbereitung! Prüfungswissen kompakt a w