motorik
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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2014.art03d
7_037_2014_1/7_037_2014_1.pdf11
2014
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Die sportmotorische Leistungsfähigkeit hörgeschädigter Grundschulkinder
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2014
Claudia Augste
Hannes Lichtner
Das auditive Sinnessystem stellt eine bedeutende Informationsquelle bei sportlichen Bewegungen dar. Bei hörgeschädigten Kindern sind im Lehr- / Lernprozess verbale Informationen (z. B. für Bewegungsbeschreibungen und -korrekturen), aber auch sensorische Rückmeldungen bei der Bewegungsausführung deutlich eingeschränkt. In der vorliegenden Untersuchung wurden die Auswirkungen unterschiedlicher Grade an Hörschädigungen bei Grundschulkindern auf unterschiedliche motorische Fähigkeiten differenziert betrachtet.
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[ 11 ] motorik, 37. Jg., 11-15, DOI 10.2378 / motorik2014.art03d © Ernst Reinhardt Verlag 1 | 2014 [ Fachbeitrag ] Die sportmotorische Leistungsfähigkeit hörgeschädigter Grundschulkinder claudia augste, hannes Lichtner Das auditive Sinnessystem stellt eine bedeutende Informationsquelle bei sportlichen Bewegungen dar. Bei hörgeschädigten Kindern sind im Lehr- / Lernprozess verbale Informationen (z. B. für Bewegungsbeschreibungen und -korrekturen), aber auch sensorische Rückmeldungen bei der Bewegungsausführung deutlich eingeschränkt. In der vorliegenden Untersuchung wurden die Auswirkungen unterschiedlicher Grade an Hörschädigungen bei Grundschulkindern auf unterschiedliche motorische Fähigkeiten differenziert betrachtet. Schlüsselbegriffe: Hörschädigung, gehörlos, Motorik, Grundschulkinder, Deutscher Motorik-Test, motorische Leistungsfähigkeit, Förderzentrum Motor fitness of hearing-impaired primary school children The acoustic sensory system is a major source of information in sports movements. In hearingimpaired children, verbal information (e. g. for movement descriptions and corrections), but also sensory feedback during movement execution is significantly reduced in the teachinglearning process. In the present study the effects of different degrees of hearing impairment in primary school children were differentiated in different motor skills. Key words: Hearing impairment, deaf, motor skills, elementary school children, german motor test, motor performance, support center [ 12 ] 1 | 2014 Fachbeiträge aus Theorie und Praxis Laut der letzten umfassenden Erhebung zur Hörschädigung in Deutschland waren 1999 ca. 19 % der deutschen Bevölkerung über 14- Jahre hörbeeinträchtigt (Sohn / Jörgenshaus 2001). Die Tendenz dieser Prävalenz ist durch zunehmende Lärmemissionen in der Umwelt oder durch ständige Beschallung weiter steigend. Der Anteil an Neugeborenen mit einer Hörstörung ist mit 0,12 % zwar noch relativ gering. Diese Diagnose bedeutet jedoch für jedes betroffene Kind einen bedeutsamen Eingriff in die kognitive, emotionale und psychosoziale Entwicklung (IQWiG 2007). Der akustische Reiz ist für die alltägliche Aufnahme von Informationen oder die Umgebungsorientierung des Menschen nach dem optischen Reiz von größter Bedeutung. Das auditive Sinnessystem stellt aber auch bei sportlichen Bewegungen eine bedeutende Informationsquelle dar. Bei hörgeschädigten Kindern sind die Übermittlung verbaler Informationen im Lehr- / Lernprozess (z. B. für Bewegungsbeschreibungen und -korrekturen, taktische Anweisungen, Motivation zur Bewegung), aber auch sensorische Rückmeldungen bei der Bewegungsausführung (Bewegungsdifferenzierung, Richtungsortung, Entfernung von Schallquellen) eingeschränkt (Weineck 2010). Empirische Studien zur Auswirkung einer Hörschädigung auf die sportmotorische Leistungsfähigkeit sind sowohl in Deutschland als auch international jedoch sehr rar und liegen teilweise lange zurück. Im Allgemeinen zeigen die Untersuchungen in vielen Bereichen Nachteile für Hörgeschädigte. Beispielsweise fand Kosel (1981) in einer Metaanalyse in Bezug auf die Grob- und Feinkoordination, insbesondere bei der Seitigkeit, der Bewegungskopplung, dem motorischen Gleichgewicht und dem Bewegungsgefühl, zwischen hörgeschädigten und nichteingeschränkten Kindern signifikante Differenzen. Myklebust (1981) zeigte zusätzlich Einschränkungen in der motorischen Schnelligkeit und in den Ergebnissen des Eurhythmie-Tests, mit dem der Entwicklungsstand bzgl. rhythmisch-harmonischer Bewegungen erfasst wird. Engel-Yeger und Weissman (2009) fanden bei hörgeschädigten Kindern Defizite in der Handgeschicklichkeit, in Ballfertigkeiten und bei statischen und dynamischen Balanceaufgaben. Dass die Ausprägung der Schädigung des Vestibulärapparates, mit der oft eine Störung des Gleichgewichtsorgans einhergeht, dabei ein entscheidender Faktor für die Höhe der Defizite ist, zeigte sich in verschiedenen Untersuchungen (Crowe / Horak 1988; de Kegel et al. 2012). Wenngleich die Beeinträchtigung für eine Vielzahl an koordinativ dominierten motorischen Fähigkeiten belegt wurde, gibt es kaum Studien, die auch motorische Fähigkeiten wie Kraft und Ausdauer in Betracht ziehen. Deshalb war es das Ziel der vorliegenden Untersuchung, die Auswirkung unterschiedlicher Grade an Hörschädigungen auf mehrere motorische Fähigkeiten differenziert zu betrachten. Methode Die Untersuchungsstichprobe setzte sich aus 85 Grundschulkindern eines regionalen Förderzentrums für Hörgeschädigte zusammen. Anhand der Art ihrer Beeinträchtigung wurden die Kinder unterschiedlichen Gruppen zugeordnet. Zum einen wurden 8 Kinder anhand ihrer Audiogramme als gehörlos und 45 als schwerhörig eingestuft. Kinder mit Cochlear-Implantat (CI) waren dabei in beiden Gruppen vorhanden. Bei weiteren 33 Kin- Anzahl gesamt weiblich männlich Alter [Jahre] MW / SD Größe [m] MW / SD Gewicht [kg] MW / SD BMI [kg / m²] MW / SD hörend 97 44 53 8,3 ±0,9 1,33 ±,07 31,8 ±8,4 17,85 ±3,33 hörgeschädigt 85 32 53 9,1 ±1,5 1,38 ±,10 34,7 ±8,9 17,91 ±3,18 MW: Mittelwert, SD: Standardabweichung Tab. 1: Anthropometrische Merkmale der untersuchten Gruppen [ 13 ] Augste, Lichtner • Die sportmotorische Leistungsfähigkeit 1 | 2014 dern lag eine auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung vor, womit bei diesen Kindern eher die reduzierte Hörleistung als ein geschädigtes Gleichgewichtsorgan als Ursache für mögliche Leistungsunterschiede in Betracht kommt. Kinder mit zusätzlichen Behinderungen wurden ausgeschlossen. Als Vergleichsstichprobe wurden elf hörende Kinder, die das Förderzentrum in einer integrativen Klasse besuchten, sowie weitere 86 hörende Kinder aus drei verschiedenen 2. bis 4. Grundschulklassen im Stadtgebiet herangezogen. Die anthropometrischen Merkmale der untersuchten Gruppen sind in Tabelle 1 dargestellt. Um verschiedenste Aspekte der sportmotorischen Leistungsfähigkeit zu testen, wurde der Deutsche Motorik-Test (DMT 6-18) eingesetzt (Bös 2009). Die 8 zu absolvierenden Testaufgaben prüfen dabei die Beweglichkeit (Rumpfbeugetest), Schnelligkeit (20-Meter-Sprint), die Koordination unter Präzisionsanforderungen (Balancieren rückwärts auf 6 cm, 4,5 cm und 3 cm breiten Balken), die Koordination unter Zeitdruck (seitliches Hin-und-Herspringen), die Kraftausdauer (je 40 Sekunden Sit-ups und Liegestütze), die Sprungkraft (Standweitsprung) und die aerobe Ausdauerfähigkeit (6-Minuten-Lauf ). Für jede Testaufgabe wurden die erreichten Werte anhand von alters- und geschlechtsspezifischen Normwerten in einen Punktwert (z-Wert) umgewandelt (100 Punkte entsprechen der Norm), sodass die Ergebnisse auch über Altersgruppen und Geschlechter hinweg verglichen werden konnten. Ergebnisse Die motorischen Leistungen der beiden Gruppen sind in Abbildung 2 dargestellt. Zunächst ist festzustellen, dass die hörgeschädigten Kinder durchschnittlich in allen Aufgaben schlechter abschnitten als die hörenden Kinder. Statistisch bedeutsam war der Leistungsunterschied jedoch nur bei vier Testaufgaben: beim Balancieren rückwärts (T = 4,39; df = 174; p <,001), beim seitlichen Hin-und-Herspringen (T = 5,61; df = 177; p < ,001), beim 20-Meter-Sprint (T = 2,48; df = 166: p = ,014) und im 6-Minuten- Lauf (T = 7,41; df = 140; p < ,001). Damit zeigt sich der Unterschied in den beiden Koordinationsaufgaben sowie in der Schnelligkeit und in der Ausdauer. Während diese Befunde zur Schnelligkeit und zur Koordination durchaus mit dem Abb. 1: Hörgeschädigte Kinder beim Motoriktest [ 14 ] 1 | 2014 Fachbeiträge aus Theorie und Praxis bisherigen Forschungsstand im Einklang stehen (Westphal 1976; Kosel 1981; Myklebust 1981), ist die schlechtere Leistungsfähigkeit im Bereich der aeroben Ausdauer dagegen bisher nicht so eindeutig dokumentiert. Eine Schädigung des Vestibulärapparates allein kann dieses Defizit kaum erklären. Möglicherweise sind hier motivationale Aspekte in Betracht zu ziehen, die sich durch fehlende verbale Unterstützung ergeben. Die beiden Aufgaben zur Kraftausdauer, Liegestütze (T = 1,19; df = 167; p = ,232) und Sit-ups (T = 0,98; df = 178; p = ,327), meisterten die Hörgeschädigten ohne bedeutsame Defizite gegenüber Hörenden. Auch beim Beweglichkeitstest (T = 0,94; df = 175; p = ,386) und beim Standweitsprung (T = 0,993; df = 175; p = ,152) ergaben sich keine relevanten Unterschiede. Dies ist durchaus als positiv zu werten, denn da hörgeschädigte Kinder sich im Alltag weniger körperlich betätigen (Engel-Yeger / Weissman 2009), hätten sich doch Defizite auch in diesen Bereichen ergeben können. Betrachtet man die Ergebnisse hinsichtlich der Art der Hörschädigung, so ist festzustellen, dass sich kaum statistisch bedeutsame Unterschiede zwischen Kindern mit unterschiedlichen Hörschädigungen zeigten (Abb. 3). Einzig beim seitlichen Hin-und-Herspringen blieben völlig gehörlose Kinder hinter ihren Altersgefährten zurück (T = 3,01; df = 38; p = ,005). Somit besteht kein Anlass, bei der Förderung gruppenspezifische Schwerpunkte zu setzen. Fazit Diese Untersuchung zeigte Defizite in einigen, aber nicht in allen motorischen Bereichen. Das sportmotorische Defizit manifestierte sich vorwiegend im koordinativen Bereich, in der Schnelligkeit und in der Ausdauer, nicht jedoch in der Sprungkraft, der Kraftausdauer und der Beweglichkeit. Große Unterschiede nach dem Grad der Hörschädigung wurden nicht ermittelt. Um die Defizite im Entwicklungsverlauf hörgeschädigter Kinder in der Koordination möglichst gering zu halten, sollten in diesem Bereich spezifische Fördermaßnahmen entwickelt werden. Für eine Beeinträchtigung in der aeroben Ausdauerfähigkeit liegen rein physiologisch kaum Anhaltspunkte vor. Hier ist folglich nach anderen, beispielsweise soziologischen Ursachen zu suchen. So haben Förderschulkinder zwar meist einen längeren Schulweg, verbringen diesen jedoch oft sitzend im Bus, während andere Kinder auf öffentlichen Spiel- oder Bolzplätzen Bewegungsmöglichkeiten nutzen können. Durch gezielte Maßnahmen, z. B. noch mehr Spielräume für Bewegung jeglicher Art in Ganztagesangeboten, sind daher Leistungssteigerungen in diesem Bereich sehr wahrscheinlich. Explorative Analysen der Daten zeigen eine negative Tendenz mit zunehmendem Alter der Kinder. Diesem Aspekt sollte in Folgestudien differenzierter nachgegangen werden. Abb. 3: Sportmotorische Leistungsfähigkeit der Grundschulkinder in Abhängigkeit von der Art der Hörschädigung (**: hoch signifikanter Gruppenunterschied) 1 Abb. 3: Sportmotorische Leistungsfähigkeit der Grundschulkinder in Abhängigkeit von der Art der Hörschädigung (*: signifikanter Gruppenunterschied) 80 85 90 95 100 105 110 115 Z-Wert im Test AVWS schwerhörig gehörlos ** Abb. 2: Sportmotorische Leistungsfähigkeit hörender und hörgeschädigter Grundschulkinder (**: hoch signifikanter Gruppenunterschied) 1 Abb. 2: Sportmotorische Leistungsfähigkeit hörender und hörgeschädigter Grundschulkinder (**: hoch signifikanter Gruppenunterschied, ***: höchst signifikanter Gruppenunterschied) 80 85 90 95 100 105 110 115 Z-Wert im Test hörend hörgeschädigt ** ** ** ** [ 15 ] Augste, Lichtner • Die sportmotorische Leistungsfähigkeit 1 | 2014 Literatur Bös, K. (2009): Deutscher Motorik-Test 6-18 (DMT 6-18). Hamburg, Czwalina Crowe, T., Horak, B. (1988): Motor proficiency associated with vestibular deficits in children with hearing impairments. Journal of The American Physical Therapy Associations 68, 1493-1499 De Kegel, A., Maes, L., Baetens, T., Dhooge, I., Van Waelvelde, H. (2012): The influence of a vestibular dysfunction on the motor development of hearingimpaired children. The Laryngoscope 122, 2837- 2843 Engel-Yeger, B., Weissman, D. (2009): A comparison of motor abilities and perceived self-efficacy between children with hearing impairments and normal hearing children. Disability and Rehabilitation 31, 352-358 IQWiG (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen) (Hrsg.) (2007). Früherkennungsuntersuchung von Hörstörungen bei Neugeborenen. Abschlussbericht. In: https: / / www.iqwig. de/ download/ S05-01_Abschlussbericht_Frueherkennungsuntersuchung_von_Hoerstoerungen_ bei_Neugeborenen.pdf, 30.07.2013 Kosel, H. (1981): Dokumentation und Bericht zum Stand der Forschung im Bereich des Sports mit Hörgeschädigten. In: Van der Schoot, J. (Hrsg.): Behindertensport und Rehabilitation Teil 2. Hofmann, Schorndorf, 151-197 Myklebust, H. R. (1981): The pupil rating scale revised: Screening for learning disabilities. Grune & Stratton, New York Sohn, W., Jörgenshaus, W. (2001): »Schwerhörigkeit in Deutschland«, Repräsentative Hörscreening-Untersuchung bei 2000 Probanden in 11 Allgemeinpraxen. Hippokrates, Stuttgart Weineck, J. (2010): Sportbiologie. 10. Aufl. Spitta, Balingen Westphal, G. (1976): Die psychomotorische Leistungsfähigkeit bei hörgeschädigten Kindern. Vergleichende Untersuchung mit dem KTK-Test von Schilling und Kiphard. Deutsche Sporthochschule Köln, Köln Dieser Beitrag durchlief das Peer Review. Die AutorInnen Dr.-Claudia Augste Dipl.-Sportwissenschaftlerin, Promotion an der Universität Augsburg, seit 2008 tätig als Akademische Rätin an der Universität Augsburg Hannes Lichtner 1. Staatsexamen für das Lehramt an Realschulen (Mathematik/ Sport), arbeitete von 2011 bis 2013 am Schwäbischen Förderzentrum für Hörgeschädigte in Augsburg Korrespondenzanschrift Dr.-Claudia Augste Institut für Sportwissenschaft Universität Augsburg Universitätsstr. 3 D-86159 Augsburg claudia.augste@sport.uni-augsburg.de
