eJournals motorik37/3

motorik
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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2014.art18d
7_037_2014_3/7_037_2014_3.pdf71
2014
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Forum Psychomotorik: Theorie und Praxis der Bewegungserfahrung als explorative und ­gestaltende Gegenstandserfahrung in der Psychomotorik

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2014
Ulrike Kunze-Langenfeld
Explorative und gestaltende Gegenstandserfahrung wird als ein bedeutsames, didaktisch- methodisches Prinzip psychomotorisch orientierter Bewegungserziehung verstanden. Dieser Beitrag stellt daher den Bereich der materialen Erfahrung in Theorie und Praxis vor.
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[ 100 ] 3 | 2014 motorik, 37. Jg., 100-107, DOI 10.2378 / motorik2014.art18d © Ernst Reinhardt Verlag [ FORUM PSYCHOMOTORIK ] Theorie und Praxis der Bewegungserfahrung als explorative und gestaltende Gegenstandserfahrung in der Psychomotorik Ulrike Kunze-Langenfeld Explorative und gestaltende Gegenstandserfahrung wird als ein bedeutsames, didaktischmethodisches Prinzip psychomotorisch orientierter Bewegungserziehung verstanden. Dieser Beitrag stellt daher den Bereich der materialen Erfahrung in Theorie und Praxis vor. Schlüsselbegriffe: Psychomotorik, materiale Erfahrung Theory and practice of movement experience as exploratory and formative experience in psychomotricity Exploratory and formative experience is understood as a significant, didactic methodical principle of psychomotor-oriented movement education. This paper presents the range of material experience in theory and practice. Key words: Psychomotricity, material experience Theoretische Grundlagen Gegenstandserfahrung wird hier entsprechend der von Scherler (1975) begründeten materialen Erfahrung verstanden, die definiert ist als handelnde, auf Erkenntnis materialer und funktionaler Bedingungen ausgerichtete Auseinandersetzung des Kindes mit seiner Umwelt. Da der Begriff zu oft nicht nur orthographisch, sondern auch inhaltlich auf Materialerfahrung reduziert wird, im Sinne von Bewegungsanpassung auf unterschiedliches Material und Erlernen adäquater Handhabungsmuster mit diesem Material, wird stattdessen die Begrifflichkeit »explo- [ 101 ] Kunze-Langenfeld • Theorie und Praxis der Bewegungserfahrung 3 | 2014 rative und gestaltende Gegenstandserfahrung« gewählt. Gegenstandserfahrung impliziert Erkenntnisgewinn über sensomotorisches Handeln. Über Bewegungshandlungen setzen sich Kinder mit ihrer räumlich-dinglichen Umwelt auseinander, erkunden sie sensomotorisch und begreifen sie dabei hinsichtlich ihrer Gesetzmäßigkeiten und Eigenschaften. Über motorisches Begreifen erfolgt das kognitive Begreifen. Bewegung und Wahrnehmung sind Medium für Gegenstandserfahrung: Indem das Kind z. B. ein Chiffontuch mit den Händen fühlt und eine Blüte formt, es in die Luft wirft und wieder auffängt, es zu einer festen Schnur zwirbelt oder es durch Pusten in der Luft zu halten versucht, lernt es die Eigenschaften und Verwendungsmöglichkeiten des Materials kennen. Das Tuch kann in trockenem oder nassem Zustand an einen Luftballon geknotet werden, es kann gleichzeitig mit Tüchern aus anderem Material verwendet oder viele Tücher können unterschiedlich zusammengeknüpft werden, sodass verschiedene Qualitäten des Gegenstandes sowie Zusammenhänge und Wirkmechanismen direkt erfahren werden. Bewegung und Wahrnehmung dienen hier dem Prozess, durch den sich das Kind seine Umwelt aneignet; sie sind notwendig für das direkte handelnde Verstehen, gleichzeitig dienen sie der kreativen Nutzung, Veränderung und Gestaltung der dinglichen Umwelt. Gegenstandserfahrung beinhaltet also sowohl Aneignungsals auch Gestaltungsprozesse. Beides steht in der explorativen und gestalterischen Auseinandersetzung mit dem Gegenstand in Wechselwirkung zueinander. Didaktisch-methodische Ausrichtung Explorative und gestaltende Gegenstandserfahrung benötigt im pädagogischen Rahmen Situationen, in denen das Kind Motivation, Raum, Zeit und sensomotorische Möglichkeiten zur Gegenstandserfahrung erhält. Die explorative Funktion von Bewegung steht dabei im Mittelpunkt. Es geht um die situative Auseinandersetzung mit Gegenständen, d. h. um das Experimentieren mit Gerät und Material unter bestimmten Vorgaben. Das Geschehen als Prozess steht im Vordergrund. Das Ergebnis ist nicht vorprogrammiert: Ausprobieren, Lösungen überlegen, praktisch umsetzen, verändern, verwerfen, neu experimentieren, Erkenntnisse und Erfahrungen sammeln, weitere Ideen entwickeln, durchführen, usw. sind Weg und Ziel. Gegenstandserfahrung als didaktischmethodisches Prinzip bedeutet daher prozessorientierten, zieldifferenten Unterricht. Gegenstandserfahrung ermöglicht ein Begreifen der Umwelt im wahrsten Sinne des Wortes. Bei diesem kreativen Agieren und Explorieren gilt es sicher auch immer wieder, die eigene Bewegung an Gegenstandserfordernisse anzupassen und darüber können auch neue Bewegungsmuster entstehen oder vorhandene ausdifferenziert werden, aber sie sind eben nicht vorrangiges Ziel, sondern ergeben sich situativ und gegenstandsbezogen. Die Umwelt (sprich Gerät- und Materialangebot sowie -arrangement in der Turnhalle) muss so ausgerichtet sein, dass sie Aktivität und Neugier weckt. Erkundendes und experimentierendes Verhalten muss ermöglicht werden z. B. durch prinzipielle Veränderbarkeit der Umwelt, durch Freiraum und ausreichend Zeit in offenen gestaltbaren Bewegungssituationen. Das bedeutet, dass die Kinder Entscheidungsspielraum haben, der es ihnen ermöglicht, sich als Urheber von Veränderung zu erfahren. Selbst initiierte Resonanzerfahrungen mit der Umwelt steigern die Identifikation und die Motivation zum eigenen Tun, sie verhelfen zudem besser zur Verstehbarkeit als von außen vorgegebene Erkenntnisse und Handlungsanweisungen. Explorative und gestaltende Gegenstandserfahrung beinhaltet Selbstwirksamkeitserfahrungen, die das Selbstkonzept des Kindes positiv beeinflussen. Das Ausmaß von Offenheit einer Gegenstandserfahrungssituation hängt von den Möglichkeiten der Kinder ab. Eine zu weite offene Aufgabenstellung oder Handlungssituation kann überfordern. Vorstrukturierte oder mehr gelenkte Erkundendes und experimentierendes Verhalten ermöglicht Resonanzerfahrungen. [ 102 ] 3 | 2014 Forum Psychomotorik Erfahrungssituationen bieten einen sicheren Rahmen und Orientierungshilfe für eigenes Handeln. Materialbegrenzung und Zusammenstellung von vordergründig nicht zusammenpassenden Gegenständen ist oft hilfreich, um kreatives experimentierendes Handeln zu provozieren. Mit gezielter Materialauswahl, richtungsweisenden Aufgabenstellungen und kleinen Problemlöseaufgaben kann auch in eher gelenkten Erfahrungssituationen explorative und gestaltende Gegenstandserfahrung vermittelt werden. Die Exploration und Gestaltung ist hier zwar gelenkt, aber die Aufgabenstellung hält Entscheidungs- und Gestaltungsspielräume offen und ermöglicht eine eigenständige aktive Auseinandersetzung mit dem Material. Methodisch lassen sich hinsichtlich der Strukturiertheit der Erfahrungssituationen folgende Formen der explorativen und gestaltenden Gegenstandserfahrung unterscheiden: ■ Gegenstandserfahrung über offene Aufgaben und Erfahrungssituationen / unstrukturiert ■ Gegenstandserfahrung durch Spielideen über Problemlöseaufgaben / leicht strukturiert durch die Problemvorgabe ■ Gegenstandserfahrung durch Spielideen über die Fokussierung eines Wahrnehmungs- oder Handlungsaspekts / leicht strukturiert über die Fokussierung auf einen Aspekt ■ Gegenstandserfahrung über gelenkte Spielformen zu ausgewähltem Material/ strukturiert ■ Gegenstandserfahrung über Bewegungsgeschichten / vorstrukturiert/ strukturiert Bei allen Formen wird das Material vorgegeben. Praktische Anregungen Zu Gegenstandserfahrung über offene Aufgaben und Erfahrungssituationen Ziel-Ball-Stationen Materialvorgabe: Reifen und Schaumstücke Beispiele für entstandene Zielstationen: 1. Aus Reifen und Schaumstücken wird ein Parcours gebaut, durch den mithilfe eines Reifens ein Tischtennis- oder kleiner Vollgummiball in ein Ziel befördert wird. 2. Aus Reifen und Schaumstücken entsteht ein Parcours über und durch den man sich bewegen muss, während man einen Ball auf einem Schaumstück balanciert und ihn am Ende mittels Schaumstück in ein Ziel befördert. Variante: Der Parcours muss zu zweit bewältigt werden, indem beide das Schaumstück halten. 3. Reifen und Schaumstücke werden zu einem Parcours gebaut, durch den man in vorgegebener Weise mithilfe eines Schaumstücks einen Tischtennisball prellen und zum Schluss in ein Ziel schlagen muss. Weitere mögliche Materialvorgaben: z. B. dicke Matten und Tücher, Schaumstoffteile und Stäbe, kleine Matten und Teppichfliesen Bergbau Material: verschiedene Groß- und Kleingeräte, Klebeband, Luftballons Aus Klein- und Großgeräten ist ein Berg so zu bauen, dass man von seiner Spitze aus einen Luftballon an einer vorher festgelegten Stelle an der Hallenwand (oder an Ringen oder Tauen) mit Abb. 1: Beispiel einer Ziel-Ball- Station [ 103 ] Kunze-Langenfeld • Theorie und Praxis der Bewegungserfahrung 3 | 2014 Klebeband befestigen kann. Nach Fertigstellung und Erproben aller »Berge« wird ein (Wett-)Spiel für die Gesamtgruppe entwickelt und durchgeführt, das die unterschiedlichen Berge im Fokus hat. Variation: Einen Berg bauen, dessen Spitze man blind erreichen kann, um oben ein Sandsäckchen abzulegen. Zu Gegenstandserfahrung durch Spielideen über Problemlöseaufgaben Murmeltransport Material: Teppichfliesen, Murmeln oder Tischtennisbälle Arbeitsform: Kleingruppen In Kleingruppen sollen drei verschiedene, originelle Möglichkeiten gefunden werden, mithilfe der Teppichfliesen (jeder hat eine zur Verfügung) eine Murmel oder einen Tischtennisball ohne Bodenberührung von einem Startzu einem Endpunkt zu transportieren. Die gefundenen Möglichkeiten können anschließend in einem Spiel wie z. B. einer Staffel oder einem Kreislauf, bei dem der Tischtennisball die Murmel einholen muss, eingesetzt werden. Schaumstoffformen Material: Schaumstoffstücke Schaumstoffstücke sollen so verformt oder zusammengestellt werden, dass sie immer wieder einen anderen Gegenstand darstellen, der in einer kurzen Pantomime-Geschichte zum Tragen kommt. Mögliche Lösungsbeispiele: In der Mitte zusammendrücken und an den Hals halten (Fliege), zusammengeklappt als Handtasche, zwei im rechten Winkel aneinandergestellt als Laptop usw. Zu Gegenstandserfahrung durch Spielideen über die Fokussierung eines Wahrnehmungs- oder Handlungsaspekts Pezziball und Holzklötze Material: Pezziball und Holzklötze Arbeitsform: Kleingruppen Jede Gruppe soll ein Spiel entwickeln, bei dem Holzklötze (evtl. verschiedener Größe) und ein oder mehrere Pezzibälle zum Einsatz kommen. Das Spiel soll so konzipiert werden, dass ein vorgegebener Wahrnehmungs- oder Handlungsaspekt besonders angesprochen wird. Mögliche Fokussierungen: ■ Die vestibuläre Wahrnehmung (Gleichgewicht) soll angesprochen werden ■ Die auditive Wahrnehmung soll eine tragende Rolle spielen ■ Die Auge-Hand-Koordination soll im Fokus stehen ■ Partner- oder Kleingruppenaktionen sollen im Vordergrund stehen Hinweis: Zum Einstieg ist es sinnvoll, für die spätere Umsetzung der Aufgabe als Beispiel ein entsprechendes Spiel zunächst vorzugeben und durchzuführen: Abb. 2: Murmeltransport Variante 1 Abb. 3: Murmeltransport Variante 2 [ 104 ] 3 | 2014 Forum Psychomotorik Zum Fokus vestibuläre Wahrnehmung Schießbude Die Holzklötze werden in ca. 40 cm Abstand voneinander in einer Bahn (oder auch, etwas einfacher, zwei- oder dreireihig) ausgelegt. Ein Pezziball ist im Spiel, das von zwei Mannschaften bestritten wird. Mannschaft A hat die Aufgabe, nacheinander, von Beginn bis Ende der Holzklotzbahn, über die Holzklötze ohne Bodenberührung zu balancieren. Mannschaft B steht in festgelegter Entfernung an zwei Linien parallel an beiden Seiten der Holzklotzbahn. Je nach Alter und Größe der Teilnehmer versucht Mannschaft-B, durch Rollen oder Werfen des Pezziballs eine wandernde Schießbudenfigur abzutreffen, denn nur »Unversehrte« bekommen am Ende einen Punkt für ihre Mannschaft (wenn man nach Punkten spielen will). Zum Fokus auditive Wahrnehmung Prellballstaffel Mit den Holzklötzen werden für jede Mannschaft identische Parcours aufgebaut. Bei der Staffel sind immer zwei Kinder mit einem Pezziball pro Gruppe in Aktion. Kind A muss das »blinde« Kind- B mithilfe von Pezziballgeräuschen so durch den Parcours führen, dass es nirgends anstößt. Der Ball kann z. B. geprellt oder aber auch mit klopfenden Handbewegungen gerollt werden. Am Wendepunkt wechseln Partner A und B die Rollen. Zum Fokus Augen-Hände-Koordination Ball gegen Klotz Jede Gruppe (ca. 10 Kinder) steht oder sitzt im Kreis. Der Ball und zwei aufeinandergestapelte Klötze werden von verschiedenen Stellen startend im Kreis herumgegeben. Schafft der Ball es, die Klötze einzuholen oder umgekehrt? Variationen: ■ Zwischendurch kann plötzlicher Richtungswechsel angesagt werden ■ Beidhändige-- einhändige Weitergabe ■ Jeder hat einen Holzklotz in der Hand, mit dem er den Ball sowie den Klotzstapel seinem Kreisnachbarn zuschieben muss ■ Es werden zwei Pezzibälle, mit je einem Klotz drauf, herumgegeben Zum Fokus Partner- oder Kleingruppenaktionen Dinosaurier-Ei a) Immer vier SchülerInnen müssen ihr Dinosaurier-Ei (Pezziball) so durch den Klötzeparcours transportieren, dass es von ihnen nur mit dem Rücken berührt wird und sie selbst nie gegen einen Klotz stoßen. b) Das Dino-Ei liegt auf vier im Viereck aufgestellten Klötzen. Jede/ r SchülerIn fasst einen Klotz an, und gemeinsam muss das Ganze auf diese Weise hochgehoben, anschließend transportiert und auch wieder abgestellt werden. Das Ei darf niemals zu Boden fallen, es beinhaltet das letzte Dinosaurierküken! Abb. 4: Dinosaurier-Ei [ 105 ] Kunze-Langenfeld • Theorie und Praxis der Bewegungserfahrung 3 | 2014 Zu Gegenstandserfahrung über gelenkte Spielformen zu ausgewähltem Material Tuchanzug Material: Tücher Es gibt einen großen Pool verschiedener Tücher (bunte Baumwolltücher, Geschirrhandtücher, Bodenwischtücher, Spültücher, Chiffontücher). Jede Kleingruppe zu vier SchülerInnen hat die Aufgabe, einem Mitglied einen Tuchanzug zu verpassen. D. h. alle Körperteile, bis auf den Kopf, die Hände und die Füße müssen mit Tüchern umwickelt/ eingekleidet werden. Die drei »EinkleiderInnen« sind abwechselnd an der Reihe: Sie würfeln eine Zahl und holen sich die entsprechende Menge an Tüchern, sind diese »angezogen«, ist der Nächste an der Reihe; das geht so lange, bis der Tuchanzug komplett ist. Die Angezogenen führen die Kreationen auf dem Laufsteg vor. Gewonnen hat die Gruppe, die am schnellsten war, die den hübschesten Tuchanzug kreiert hat, die den originellsten Tuchanzug erfunden hat etc. Wurftuch Das Tuch wird von zwei Personen jeweils an zwei Ecken angefasst und straff gehalten. ■ Auf dem Tuch liegt ein Sandsäckchen, das mittels Tuch hochgeworfen und wieder aufgefangen werden soll. ■ Das Gleiche wird mit einem Tennisball ausprobiert: Hochwerfen und Auffangen, dann ein vorgegebenes Ziel damit treffen. ■ Wie kann man das Tuch am besten als Katapult benutzen? ■ Aus den Explorationsergebnissen werden Spielideen für Kleingruppen entwickelt, z. B. Gruppe A muss mittels der Tücher Sandsäckchenwürfe von Gruppe B auf einen Kasten in der Kreismitte abwehren. Fliesenbiathlon Material: Teppichfliesen 1. Station: Slalom durch eine Hütchenbahn mit umgedrehten Fliesen als Ski unter den Füßen. 2. Station: Erste Schießstation: Mithilfe einer Fliese einen Ball auf eine Zielscheibe mit verschiedenen Punktezonen an der Wand werfen. 3. Station: Auf einer Fliese eine steil in die Sprossenwand eingehängte Langbank herunterrutschen. 4. Station: Eine Fliese zur Röhre formen, einen Tischtennisball so hindurchlaufen lassen, dass er über eine Startlinie, dann eine Seilchenbahn entlang und schließlich in ein Schaumstücketor rollt. 5. Station: »Blind« unregelmäßigen Fliesenweg ertasten und so zum Ziel gelangen. Zu Gegenstandserfahrung über Bewegungsgeschichten-- Ausflug in den Trollwald Material: Stäbe aus Holz und Kunststoff Unser Ziel, der Trollwald, gehört zu einem Naturschutzgebiet, in dem der Wald als Urwald belassen und nicht beforstet wird. Es führen aber ein paar schöne Wanderpfade hindurch. Um dorthin zu gelangen, müssen wir ein Stück mit dem Zug fahren. Abb. 5: Der Zug zum Trollwald [ 106 ] 3 | 2014 Forum Psychomotorik Zugfahrt Die Kinder teilen sich in Gruppen zu ca. sechs Teilnehmern auf. Jede Gruppe hat eine Langbank und Stäbe zur Verfügung und baut sich daraus eine Eisenbahn, mit der die Gruppe von A nach B fahren kann. Bei der Konstruktion soll herausgefunden werden, wie viele Stäbe als Minimum notwendig sind und ob es möglich ist, das Ganze so vorwärts zu bewegen, dass alle dabei auf der Bank sitzen / stehen und niemand zum Rollstäbe-Wechsel nebenher laufen muss. Nach einer Experimentier- und Probierphase stellen die einzelnen Gruppen ihre Lösung vor. Anschließend einigen sie sich auf eine Konstruktions- und Fortbewegungsart (bei der auch z. B. Rollstäbewechsler eingesetzt werden können) und es findet eine Eisenbahn-Wettfahrt statt. Nach der Wettfahrt sind wir nun auch am Zielbahnhof angekommen. Bevor die Wanderung losgeht, findet nun noch ein Training statt: Wie können wir ein Gruppenmitglied transportieren, das sich den Fuß verletzt hat und nicht gehfähig ist? Tragesitz-Training Je drei Kinder bilden eine Gruppe und haben die Aufgabe, mithilfe der Stäbe zu zweit den dritten zu transportieren. Welche Art von Tragesitzen lassen sich konstruieren? Mit / ohne Lehne, wie viele Stäbe erweisen sich als sinnvoll, Holz- oder Kunststoff-Stäbe, welcher Sitz ist am bequemsten …? Im Anschluss an dieses Notfall-Training geht die Wanderung los; alle vorhandenen Stäbe müssen mit auf die Tour genommen werden … Schließlich gelangen wir immer tiefer in den Wald hinein, und an einer Stelle sind so viele Bäume vom Sturm kreuz und quer gelegt, dass kein Pfad mehr zu erkennen ist. Sturmbäume-Lichtung Um diese Lichtung zu bauen, stehen kleine Matten, kleine Kästen und alle Stäbe zur Verfügung. Mithilfe der Matten, Mattenzwischenräume und der kleinen Kästen wird ein Baumstämme-Gebilde hergestellt, das einem dreidimensionalen Spinnennetz ähnelt. Es soll so gebaut werden, dass durch die Stäbe Vielecke entstehen, in die man mit mindestens einem Bein einsteigen kann. D. h. es muss begehbar sein. Die Begehbarkeit wird nach dem Bauen partnerweise erprobt. Jedes Paar stellt sich an eine beliebige Einstiegs-Stelle. Dann geht Partner A außenherum an eine von ihm gewählte Ausstiegsstelle. Dorthin muss nun Partner B gelangen, indem er durch die Lücken im Baumstammgebilde steigt, ohne jemals einen Baumstamm zu berühren. Vielleicht gibt A ihm auch die Aufgabe, den kürzesten Weg dorthin zu finden. Alle haben es geschafft, die Stelle, an der der Sturm gewütet hat, zu bewältigen; die Wanderung kann fortgesetzt werden. Die kleinen Kästen, Matten und Stäbe bleiben im Raum verteilt im Geschehen, auch die Bänke werden jetzt wieder mitgenutzt. Da inzwischen etwas Nebel aufgezogen ist und wir nicht mehr so gut gehen können, trainieren wir unsere Ohren ein bisschen. Jeder nimmt sich einen Stab und probiert aus, wie verschieden die Geräusche sind, die er damit erzeugen kann, je nachdem, auf welchen Untergrund oder welchen Gegenstand es damit klopft, streicht, rollt. Nebelwanderung Paarweise wandern wir durch den Nebel. Partner A hat die Augen geschlossen und orientiert sich an den Klopfgeräuschen, die Partner A für ihn mit dem Stab am Boden entlang macht. Immer wieder muss er zwischendurch stehen bleiben und eine Aufgabe lösen: Partner A klopft, streicht oder rollt den Stab an einem Gegenstand, und B muss sagen, worum es sich handelt. Abb. 6: Eine Lichtung mit Sturmbäumen [ 107 ] Kunze-Langenfeld • Theorie und Praxis der Bewegungserfahrung 3 | 2014 Der Nebel lichtet sich schließlich wieder, sodass alle wieder gut sehen können. Alle nehmen sich jetzt zwei Stäbe und wandern damit weiter, indem sie diese zur Bewegungsunterstützung einsetzen. Auf den Matten kann man sich damit bestimmt zu einem kleinen Sprung abdrücken- - geht das auch am Boden? Nach diesen Bewegungsexperimenten kommen wir allmählich zum Ende unserer Wanderung: Ein Picknickplatz. Aber dort sieht es schlimm aus. Der Sturm hat hier die Abfalleimer umgeworfen und überall liegt Müll verstreut herum. Da müssen wir Ordnung schaffen, und damit das Spaß macht, machen wir daraus ein Spiel. Müllsammeln Für jede Gruppe steht ein Müllbehälter (umgedrehter kleiner Kasten) im Raum. Im ganzen Raum verteilt liegen Sandsäckchen auf dem Boden. Jeder hat zwei Stäbe zur Verfügung, die er als Greif- oder Schiebewerkzeug einsetzen kann. Es gilt nun auf Startkommando, so viele Sandsäckchen wie möglich in den Kasten der eigenen Gruppe zu transportieren, und zwar so lange, bis kein Müll mehr am Boden liegt. Es kann auch die Regel gelten, dass man jemandem aus der gegnerischen Mannschaft ein Sandsäckchen abjagen darf, nur Müll, der schon im Kasten ist, darf nicht wieder herausgenommen werden. Nach der Säuberung des Platzes und unserem eigenen Picknick können wir uns, bevor wir die Rückfahrt mit der Eisenbahn antreten, noch kurz entspannen und unsere angestrengten Muskeln ein wenig massieren lassen. Rollmassage Jede Gruppe sollte mindestens 15-20 Stäbe zur Verfügung haben. Die Stäbe werden nebeneinander gelegt, und immer eine Person wird wahlweise im Sitz oder in Rückenlage darauf von den anderen hin und her bewegt. Wem diese Massage zu kräftig ist, kann sich auf den Bauch legen, und der Partner rollt zwei nebeneinander liegende Stäbe durch leichtes Hin- und Herrollen über ihn von den Füßen bis zu den Schultern und zurück. Literatur Kunze-Langenfeld, U. (2012): Psychomotorisch orientierter Sportunterricht. Dortmund: Borgmann. Scherler, K. H. (1975): Sensomotorische Entwicklung und materiale Erfahrung. Begründung einer vorschulischen Bewegungs- und Spielerziehung durch Piagets Theorie kognitiver Entwicklung. Schorndorf: Hofmann Die Autorin Ulrike Kunze Langenfeld, Diplompädagogin, Motopädin, Dozentin am Institut für Sport und Sportwissenschaft der Technischen Universität Dortmund Anschrift Ulrike Kunze-Langenfeld Technische Universität Dortmund Institut für Sport und Sportwissenschaft Otto-Hahn-Str. 3 D-44227 Dortmund ulrike.kunze-langenfeld@tu-dortmund.de Abb. 7: Müllsammeln im Trollwald