eJournals motorik37/3

motorik
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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2014.art20d
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2014
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Forum Psychomotorik: Video-Interaktions-Begleitung zur Reflexion und Erweiterung des professionellen Handelns in der psychomotorischen Förderung

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2014
Britta Gebhard
In diesem Beitrag wird die Video-Interaktions-Begleitung als Methode zur Reflexion und ­Erweiterung des professionellen Handelns in der psychomotorischen Förderung vorgestellt. Dabei werden, ausgehend von Prinzipien psychomotorischer Entwicklungsförderung, die theoretische Konzeption und die methodische Grundlage der Video-Interaktions-Begleitung beschrieben. Die praktische Umsetzung der Methode für Studierende in einem bewegungs­orientierten Praxisseminar wird beschrieben und abschließend bezüglich der Passung mit ­psychomotorischen Grundprinzipien reflektiert.
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[ 114 ] 3 | 2014 motorik, 37. Jg., 114-120, DOI 10.2378 / motorik2014.art20d © Ernst Reinhardt Verlag [ FORUM PSYCHOMOTORIK ] Video-Interaktions-Begleitung zur Reflexion und Erweiterung des professionellen Handelns in der psychomotorischen Förderung Britta Gebhard In diesem Beitrag wird die Video-Interaktions-Begleitung als Methode zur Reflexion und Erweiterung des professionellen Handelns in der psychomotorischen Förderung vorgestellt. Dabei werden, ausgehend von Prinzipien psychomotorischer Entwicklungsförderung, die theoretische Konzeption und die methodische Grundlage der Video-Interaktions-Begleitung beschrieben. Die praktische Umsetzung der Methode für Studierende in einem bewegungsorientierten Praxisseminar wird beschrieben und abschließend bezüglich der Passung mit psychomotorischen Grundprinzipien reflektiert. Schlüsselbegriffe: Video-Interaktions-Begleitung, Professionalisierung, Ausbildung, Psychomotorik, Reflexion Video-interaction-accompaniment for reflecting and extending professional procedures in psychomotricity This article focusses on a videobased method to support reflection and enhancement of professional procedure. Based on principles of psychomotor interventions the theoretical and methodologial background of «Video-Interaktions-Begleitung” (video-interaction-accompaniment) are described. The practical implementation of this method in regard to the principles of psychomotor intervention is described and reflected upon for students in a movement oriented practical course. Key words: video-interaction-accompaniment, professionalization, training, psychomotricity, reflection [ 115 ] Gebhard • Video-Interaktions-Begleitung 3 | 2014 Die Gestaltung von Interaktionsprozessen sowie die Beziehungsgestaltung gelten als Kernelemente der psychomotorischen Förderung. Durch die unterstützende Arbeit mit Videos können Interaktionsprozesse zwischen den Eltern / Bezugspersonen und ihrem Kind, aber auch der psychomotorischen Fachkraft und dem Kind bzw. seinen Eltern sichtbar gemacht werden. Allgemein wird Interaktion als das Dazwischensein bzw. wörtlich: Zwischen-Handlungen oder als das Geschehen zwischen zwei Menschen verstanden (Dunitz-Scheer et al. 2003). Indem sich zwei oder mehr Menschen aufeinander beziehen, entsteht eine Wechselseitigkeit. Zur Gestaltung von Interaktionsprozessen werden verschiedene Kommunikationssysteme (verbalnonverbale Signale und Verhaltensweisen, Mimik, Gestik) eingesetzt. Interaktionsprozessen wird allgemein eine wichtige entwicklungsfördernde Bedeutung zugesprochen. Die Video-Interaktions-Begleitung (VIB)® richtet sich als Angebot an Fachkräfte aus dem pädagogischen und therapeutischen Kontext. Ziel ist eine kurzzeitige intensive, praxisnahe und ressourcenorientierte Form der Reflexion und Weiterentwicklung ihrer professionellen Kompetenzen im Kontakt zu den von ihnen betreuten Kindern und Familien, ebenso aber auch bezüglich der Zusammenarbeit im Team oder ihres Verhaltens in ihrer Leitungsposition. Eine andere Form der Video-Arbeit ist das Video- Home-Training (VHT)®. Dieses zielt darauf ab, gelungene Basiskommunikation zwischen Eltern und Kind als Grundlage für gelingende Erziehungsprozesse und Entwicklungsförderung zu stärken. Hierbei steht die Interaktion zwischen Eltern und Kind im Fokus. Da im Kontext dieser Ausführungen die Beziehung zwischen professioneller Fachkraft und Kind / Eltern im Vordergrund steht, ist dieser Ansatz nicht Gegenstand der weiteren Ausführungen. Im Folgenden wird erläutert, wie durch Video-Interaktions-Begleitung ein Beitrag geleistet werden kann, professionelle Handlungskompetenzen in der psychomotorischen Förderung auszubilden, zu erweitern und zu reflektieren. Die Methode beruht dabei auf den Prinzipien der zwischenmenschlichen Achtung, Anerkennung und Wertschätzung. Bedeutung von Bildern und der Videoarbeit Im berufspraktischen Alltag geschieht ein Austausch über Situationen, Begegnungen oder Gespräche meist in Form mündlicher Berichte. Diese werden- - wenn auch aus professioneller Sicht um Neutralität bemüht- - meist nur aus einer Perspektive, einem Blickwinkel (dem eigenen) berichtet. Die Arbeit mit einem Videofilm ermöglicht, die konkreten Erlebnisse direkt und ungefiltert abzubilden. Dabei ist das Video beliebig oft wiederholbar. Szenen können »eingefroren« oder in einem verlangsamten Tempo abgespielt werden. Auf diese Weise wird ein neuer Blick auf die Sequenz ermöglicht: Die professionelle Fachperson sieht nicht nur ihr Gegenüber, wie in der real erlebten Situation, sondern kann sich selbst in der Interaktion erleben. Der »Bericht« über eine Situation wird durch die Filmaufnahme zu einer erneut erlebbaren Situation, in der verschiedene Sichtweisen und Blickwinkel ermöglicht werden. Hervorzuheben ist, dass dabei-- entgegen eines mündlichen Berichts- - keine Interaktion, Handlung und Reaktion verloren geht (Hawellek 2012). Die Selbstbeobachtung ist bei der Erweiterung der eigenen professionellen Kompetenzen eine wesentliche Grundlage (s. u.). Das konkret Erlebte kann sichtbar gemacht werden und gerade die damit verbundenen Affekte, Einstellungen und Erlebnisse bleiben an diese konkrete Situation angebunden. Das Video ermöglicht, über das »Gleiche« zu sprechen und eine Situation sehr differenziert in ihren einzelnen Facetten zu betrachten. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, die Erlebnisse, Gefühle und Bewertung der Situation anhand des Videos konkret zu prüfen und ggfls. zu revidieren. Die videobasierte Beratung ermöglicht einen Rollenwechsel: Die Fachperson ist nicht mehr Teilnehmer in der Situation, sondern wird Selbstbeobachter in der vergangenen, abgeschlossenen Situation. Beobachtungssituationen kön- Videos ermöglichen, real Erlebtes ungefiltert abzubilden. [ 116 ] 3 | 2014 Forum Psychomotorik nen nach Hawellek (2012) in verschiedene Ordnungsgrade eingeteilt werden. Beobachtungssituationen erster Ordnung entsprechen der unmittelbar real erlebten Faceto-Face-Kommunikation. Eine Fachperson sieht ihren Interaktionspartner, der Interaktionspartner sieht die Fachperson. Dabei hat das Gegenüber immer eine hohe Präsenz, wodurch das Gewahrwerden der eigenen (Re-) Aktionen eher im Hintergrund steht. Eine Beobachtungssituation zweiter Ordnung entsteht in der videobasierten Beratungsarbeit. Dabei sieht die Fachperson, wie sie z. B. mit einem Kind interagiert und wie das Kind auf sie reagiert und umgekehrt. Es wird das Wechselspiel innerhalb der Interaktion, Kommunikation, gerade auch auf Basis der Beziehungsebene, sichtbar. Es wird eine Metaperspektive eröffnet, indem sich die Fachperson selbst erleben kann. Eine Beobachtungssituation dritter Ordnung kann darüber hinaus entstehen, wenn die Beratungssituation, in der mit einem Video gearbeitet wurde, ihrerseits wieder Gegenstand einer videobasierten Supervision wird- - eine Meta- Metaperspektive kann eingenommen werden. Dies ist beispielsweise in der Ausbildung zur Video-Interaktions-Begleitung der Fall, wenn die eigene Beratung einer Fachperson videographiert und gemeinsam als Fall in der Ausbildung gesprochen wird. Videoarbeit ermöglicht, das eigene Verhalten gezielt zu analysieren und Verhaltensalternativen zu besprechen. Dabei steht im Vordergrund, Selbstwirksamkeitserfahrungen bei der zu beratenden Person zu ermöglichen. In diesem Zusammenhang wählt der Berater Videosequenzen aus, in denen gelungene Kommunikation sichtbar wird. Über die Stärkung vorhandener Kompetenzen sollen diese nach und nach erweitert werden. Dabei bilden die sogenannten Basiskommunikationsprinzipien (s. u.) die Grundlage für den Ansatz der Video-Interaktions-Begleitung. Ursprünge und Grundannahmen der Video-Interaktions-Begleitung Um die Grundzüge der Video-Interaktions-Begleitung zu beschreiben, muss auf das Video- Home-Training zurückgegriffen werden, da sie sich aus diesem entwickelt hat. Bei dem Video- Home-Training handelt es sich um ein Konzept, welches seit Anfang der 1990er Jahre in Deutschland, zumeist im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe, aber auch in der Frühförderung, etabliert ist. Video-Home-Training hat sich gemeinsam mit Marte Meo aus dem niederländischen »Orion Hometraining« in den 1970er Jahren entwickelt (Bünder 2009). An der Entwicklung waren unter anderem Maria Aarts (Marte Meo) und Harrie Biemans (Video-Home-Training) beteiligt. Daher erklären sich auch die vielen Gemeinsamkeiten dieser beiden Methoden. Durch die Arbeit mit Videobildern aus dem Alltag bzw. einer häuslichen Situation werden Muster einer Basiskommunikation (s. u.) analysiert. Dabei werden diese Muster im Sinne gelingender Kommunikationsprozesse analysiert und auf positive Weise verstärkt und erweitert. Ausgewählte Videoausschnitte werden hierzu mit den Eltern gemeinsam angeschaut und durchgesprochen. Dabei soll gelingende Kommunikation nach und nach aufgebaut und erweitert werden. Video-Interaktions-Begleitung baut auf den Prinzipien und Arbeitsweisen des Video-Home- Trainings auf, wird jedoch in der Begleitung von Fachkräften zur Erweiterung ihrer professionellen Handlungskompetenzen eingesetzt. Die Videoaufnahmen stammen folglich aus dem beruflichen Kontext der Fachkraft. Ziel ist dabei das Sichtbarmachen sowie die positive Erweiterung und Reflexion persönlicher und fachlicher Kompetenzen. Dabei steht die Betonung von Stärken und Kompetenzen im Vordergrund. Der Fachperson soll ermöglicht werden, Selbstwirksamkeit zu erfahren (Bünder et al. 2013) und ihr Selbstwertgefühl zu stärken (ter Horst 2006). Die Beratung baut immer auf Freiwilligkeit auf. Grundannahmen des Video-Home-Trainings und der Video-Interaktions-Begleitung beinhalten zum einen ein positives Menschenbild. In diesem wird davon ausgegangen, dass jede Person Ressourcen für gelingende Kommunikation Videoarbeit ermöglicht, das eigene Verhalten gezielt zu analysieren und Alternativen zu finden. [ 117 ] Gebhard • Video-Interaktions-Begleitung 3 | 2014 besitzt und jede Person den Wunsch nach dieser hat. Das positive Verstärken gelingender Kommunikation führt dazu, dass diese vermehrt auftritt. Ein guter Kontakt zwischen Eltern und Kind bzw. Fachperson und Kind wird als Voraussetzung gesehen, um Entwicklungsprozesse anzuregen und die Entwicklung positiv begleiten zu können. Dabei soll die zu beratende Person selbst ihre eigenen Lösungswege finden bzw. Ressourcen (re-)aktivieren, um ihr Verhaltensrepertoire zu erweitern (ter Horst 2006). Basiskommunikationsprinzipien Die Basiskommunikationsprinzipien sind aus Erkenntnissen der Säuglingsforschung zur Mutter-Kind-Interaktion und der Entwicklungspsychologie abgeleitet. Sie bilden die Basis für gelingende Kommunikationsprozesse. Folgende Basiskommunikationsprinzipien werden unterschieden: ■ Aufmerksamkeit füreinander haben, z. B. durch Zuwendung, Blickkontakt, offene Körperhaltung und einen freundlichen Gesichtsausdruck. ■ Bestätigen von Initiativen, indem genickt wird, das, was gesagt wurde, wiederholt wird oder verbal zugestimmt wird (»ja, hmm«). Dabei stimmen sich die Interaktionspartner aufeinander ein. ■ Gleichmäßige Verteilung der Aufmerksamkeit, Gesprächsanteile und Handlungen auf alle an der Interaktion Beteiligte und Sorge für einen wechselseitigen Interaktionsverlauf. So erhält jeder Beteiligte Beachtung. ■ Benennen (Verbalisieren) dessen, was bei dem Interaktionspartner gesehen oder empfunden wird, aber auch, was einen selbst bewegt. ■ Positives Lenken und Leiten der Kommunikationssituation und Handlung. Hierzu gehören auch angemessene Grenzziehungen, wobei ein Schwerpunkt darauf liegt, gewünschtes statt unerwünschtes Verhalten zu benennen (ter Horst 2006; Bünder et al. 2013). Gemeinsame Grundprinzipien von Psychomotorik und Video-Interaktions- Begleitung Sowohl in der psychomotorischen Förderung als auch in der Video-Interaktion-Begleitung wird an den Stärken des Kindes bzw. der zu beratenden Fachperson angesetzt. Auf der Basis gelingenden Interaktionsverhaltens werden Kompetenzen zur Gestaltung von Interaktionssequenzen ausgebaut. Über das Prinzip der Selbstwirksamkeit sollen sowohl Prozesse in der Psychomotorik als auch in der Video-Interaktions-Begleitung in Gang gesetzt werden, die es dem Lernenden ermöglichen, die eigenen Kompetenzen als wirksam und effektiv zu erleben. Selbstwirksamkeitserfahrung in der Psychomotorik ermöglichen dem Kind über das Themenfeld der Ich-Kompetenz die Entwicklung der Persönlichkeit über die Förderung des Selbstkonzeptes. Durch Selbstwirksamkeitserfahrungen erleben sich Kind bzw. Fachperson als handelnde und bewirkende Person. Somit kann ein Bild über die eigenen Kompetenzen und Fähigkeiten entwickelt werden. Wendler und Hammer (2008) beschreiben als Grundvoraussetzung für den Aufbau sozialer Kompetenzen, als ein Themenfeld innerhalb der Psychomotorik, Kommunikationsfähigkeit, Sensibilität, Toleranz, Kontakt- und Kooperationsbereitschaft. Der Aufbau dieser Kompetenzen wird durch die psychomotorische Fachkraft initiiert, begleitet und reflektiert. Das Basiskommunikationsprinzip des positiven Lenkens und Leitens erhält hierbei einen großen Stellenwert, indem die Fachkraft eine Modellfunktion für die Kinder einnimmt. So sehen die Kinder beispielsweise, wie die Fachkraft in Konfliktsituationen agiert. Durch ihr Rollenvorbild kann das Kind z. B. Kompetenzen entwickeln, Kompromisse zu finden, Lösungsvorschläge zu verbalisieren, aber auch Lösungsvorschläge anderer zu akzeptieren. Durch bewusstes verbales Benennen sollen vor allem positive Lösungsansätze in den Vordergrund gestellt werden. Psychomotorik und Video-Interaktions-Begleitung haben gemeinsame Prinzipien. [ 118 ] 3 | 2014 Forum Psychomotorik Auf der Basis von Echtheit und Wertschätzung (Keßel 2014) erfährt das Kind das Gefühl des Angenommenseins. Darauf aufbauend kann eine vertrauensvolle therapeutische Beziehung innerhalb der Förderung initiiert werden. Echtheit und Wertschätzung drücken sich durch das verbale, nonverbale und tonisch-dialogische Verhalten in der Begegnung mit dem Kind aus. Durch die Berücksichtigung des Prinzips Dialog und Begleitung erlebt das Kind innerhalb der Förderung den Erwachsenen als Entwicklungsbegleiter, der sich an den kindlichen Bedürfnissen orientiert und diesen einen hohen Stellenwert einräumt. Die Aufmerksamkeit für sein Gegenüber, die Wahrnehmung von Bedürfnissen, welche sich auch in einer guten Aufmerksamkeitsverteilung ausdrückt, spiegeln sich auch in den o. g. Basisprinzipien der Video-Interaktions-Begleitung (z. B. Aufmerksamkeit, Bestätigung, Benennen). Die Berücksichtigung dieser Basiskommunikationsprinzipien in der praktischen Arbeit bedürfen einer intensiven Auseinandersetzung, Reflexion und professionellen Weiterentwicklung der Kompetenzen der psychomotorischen Fachkraft. Ablauf und Durchführung einer Video-Interaktions-Begleitung Eine Beratung mittels Video-Interaktions-Begleitung hat ihren Ursprung immer im Anliegen, dem Auftrag bzw. einer Fragestellung der ratsuchenden Fachperson. Diese wird an die Video-Interaktions-Begleiterin gestellt, die die Beratung übernehmen wird. Auf Basis verschiedener Videoaufnahmen der Situation aus dem beruflichen Alltag wird durch die Person des Beraters eine Videointeraktionsanalyse vorgenommen. Diese wird in mehreren sogenannten Rückschauen mit der Fachperson gemeinsam betrachtet. Bei dieser werden gelungene Aspekte der Kommunikation anhand der Basiskommunikationsprinzipien sichtbar gemacht. Die Fachperson erlebt sich hierbei als kompetent und wirksam. Durch die Person des Beraters, seine Zuwendung, Kommunikation und Haltung wird eine Anerkennung dieser Kompetenzen vermittelt. Dies ermöglicht eine gute Lernatmosphäre. Durch die gemeinsame Analyse ausgewählter Videosequenzen sollen sich für den Berufsalltag ein neuer Umgang und veränderte Verhaltensmuster mit und in der Situation, die die Fragestellung betrifft, ergeben. Je nach Anlass werden meist zwischen vier bis sechs Videoaufnahmen und Rückschauen pro Fall analysiert. Praktische Umsetzung und Reflexion der Video-Interaktions-Begleitung in der Ausbildung von Studierenden Im Rahmen eines über zwei Semester stattfindenden Seminars werden den Studierenden im ersten Semester Grundlagen zur kindlichen Wahrnehmungs- und Bewegungsentwicklung, Grundlagen psychomotorischer Arbeitsweise und der Gestaltung bewegungsorientierter Fördereinheiten vermittelt. Darauf aufbauend führen die Studierenden in Kleingruppen von 2-3 Personen im folgenden Semester eine bewegungsorientierte Fördereinheit mit einer Gruppe von 8-10 Kindern im Alter von 4-6 Jahren, die aus einer kooperierenden Kindertagesstätte stammen, durch. Die Einheiten werden gefilmt. Auf Basis dieser Videos wird den Studierenden das Angebot gemacht, in der Kleingruppe ein einmalig stattfindendes Feedback, auf den Prinzipien der Video-Interaktions-Begleitung beruhend, zu erhalten. Die Teilnahme ist freiwillig. Aus der 45-minütigen Sequenz werden pro Person 2-3 ca. 10bis 30-sekündige Interaktionssequenzen ausgewählt. Im Fokus steht immer eine Person, während die anderen Personen das Feedback mitverfolgen können und sich gegebenenfalls anschließend mit den eigenen Beobachtungen einbringen können. Bevor eine Videosequenz gemeinsam betrachtet wird, wird eine Frage gestellt, unter deren Fokus der folgende Videoausschnitt betrachtet werden soll. Mögliche Fragen wären z. B. »Was trägst du dazu bei, dass die Kinder aufmerksam deiner Erläuterung zum nächsten Spiel folgen können? « oder »Wie reagierst du auf das Basiskommunikationsprinzipien können der Erweiterung psychomotorischer Kompetenzen dienen. [ 119 ] Gebhard • Video-Interaktions-Begleitung 3 | 2014 Verhalten von Kind xy? «. Zuerst schildern die Studierenden ihre Beobachtungen an sich selbst. Durch gezielte weitere Fragen der Dozentin wird der Fokus auf verschiedene Kommunikationskanäle gelenkt, z. B. die eigene Körperhaltung, Zuwendung zu dem Kind, die Aufmerksamkeitsverteilung (Blickkontakt) zu allen Kindern, die Stimmlage etc. Die Rückfragen beruhen dabei auf den o. g. Basiskommunikationsprinzipien. Dabei kann auch die Möglichkeit des nochmaligen Zeigens des Videos sehr gut genutzt werden, um das eigene Erkennen anstelle des Benennens durch die Dozentin zu ermöglichen. In einem weiteren Schritt kann das Verhalten der Studierenden in Bezug auf die Reaktionen der Kinder gesetzt werden. Es wird rekonstruiert, wie Verhaltensweisen und Reaktionen der Kinder zustande gekommen sind und welche Rolle die Studierenden durch ihr eigenes Verhalten in der Situationsgestaltung hatten. Sehr kurze gelingende Interaktionssequenzen, z. B. ein intensiver Blickkontakt, ein gegenseitiges Anlächeln, eine berührende Kontaktaufnahme, die eher unbewusst ablaufen, können durch Standbilder »groß« sichtbar gemacht werden. Eine Besprechung von 6-9 Videoausschnitten mit bis zu 3 Personen bedarf eines Zeitumfangs von ca. 1,5 Stunden. Zusätzlich wird eine Vorbereitungszeit benötigt, um die zu besprechenden Sequenzen auszuwählen (ca. 1 Stunde bei einer 45-minütigen Einheit). Zum Abschluss wird mit allen Studierenden gemeinsam thematisiert, welche Stärken und Kompetenzen sie an sich selbst durch die Video-Rückschau entdecken konnten. Entgegen des Prinzips der Video-Interaktions- Begleitung, die über einen Zeitraum von mehreren Sitzungen stattfindet, konnte im Rahmen dieses Seminars aus Ressourcengründen nur eine einmalige Rückschau mit den Studierenden durchgeführt werden. Wünschenswert wäre eine mehrmalige Rückschau, um eine Prozessbegleitung zu ermöglichen. Sinnvollerweise könnte die Methode in der Praktikumsbegleitung und Reflexion etabliert werden. Video-Interaktions-Begleitung zur professionellen Kompetenzerweiterung in der Psychomotorik Durch die Arbeit mit dem Video kann direkt an den Handlungspotenzialen bzw. der Handlungsplanung und Handlungsbereitschaft durch Selbstreflexion angesetzt werden. Über das Erkennen eigener Handlungspotenziale, die in spezifischen Situationen durch Videos »sichtbar« gemacht werden, kann einerseits Handlungssicherheit (durch positive Evaluation) entstehen. Andererseits können Handlungsalternativen in der praktischen Ausgestaltung der Situation gefördert werden, wenn durch die Evaluation, die Bewertung der sichtbaren eigenen Handlung in der Videorückschau, diese als veränderbar bewertet und (gemeinsam) alternative Handlungsmöglichkeiten erörtert werden. Ziel ist die Befähigung zur Entwicklung einer adäquaten Kommunikations- und Entwicklungsförderung von Kindern. Dabei beruhen Analyse und Reflexion der Videobilder immer auf der Grundlage von Anerkennung und Wertschätzung des gezeigten Verhaltens und auf positiver Verstärkung. Die intensive Arbeit mit den Videoaufnahmen schärft und fokussiert die eigene Wahrnehmung. Signale, die von dem Kind ausgesendet werden, können deutlicher wahrgenommen werden. Die Kommunikationsinitiativen des Kindes können durch die mehrmalige Betrachtung erkannt und gewürdigt werden. Durch die ressourcenorientierte Vorgehensweise in der Beratung stellen sich positive Effekte schnell ein. Abb. 1: Rückschau einer Video-Interaktions-Begleitung [ 120 ] 3 | 2014 Forum Psychomotorik Der Fokus in der Videoarbeit liegt dabei auf dem selbsttätigen Erkennen eigener Kompetenzen, die durch die Videobilder sehr gut sichtbar gemacht werden. Der Berater kann durch gezielte Fragen, z. B. »Woran können Sie sehen, dass Sie in diesem Moment gut auf das Kind reagiert haben? « oder »Was tragen Sie dazu bei, dass die Stimmung in dieser Sequenz so ruhig und entspannt ist? « das selbsttätige Erkennen gut unterstützen und Selbstwirksamkeit ermöglichen. Standbilder ermöglichen, eine Situation für eine längere Zeit festgehalten und wirksam in Szene zu setzen, die sich in der Handlung selbst viel schneller verflüchtigt. Die entgegengebrachte Haltung des Beraters, die auf Anerkennung und Wertschätzung beruht, kann als Vorbild dienen, um ggf. diese Haltung auf Situationen im Berufsalltag zu übertragen, z. B. auf den Umgang mit den Kindern, aber z. B. auch Kollegen oder Familien. Insgesamt stellt die Methode also eine Möglichkeit dar, als professionelle psychomotorische Fachkraft die eigenen Kompetenzen zu erkennen, zu reflektieren und weiter auszubauen. Hierbei zeigt sich hinsichtlich der Grundannahmen und der zu Grunde liegenden Haltung eine gute Passung zur psychomotorischen Arbeitsweise. Diese Methode kann zudem, wie im Beispiel gezeigt, sinnvoll für die Arbeit mit Studierenden, Auszubildenden oder Praktikanten eingesetzt werden. Literatur Bünder, P. (2009): Bericht über das Praxisforschungsprojekt Entwicklungsförderung von Risikokindern und ihren Eltern mit Hilfe von Videoberatung nach der Marte Meo-Methode. Forschungsbericht, Düsseldorf Bünder, P., Sirringhaus-Bünder, A., Helfer, A. (2013): Lehrbuch der Marte-Meo-Methode. Entwicklungsförderung mit Videounterstützung. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen Dunitz-Scheer, M., Scheer, P., Stadler, B. (2003): Interaktionsdiagnostik: Versuch einer Objektivierung einer subjektiven Welt. In: Keller, H. (Hrsg.): Handbuch der Kleinkindforschung, 3. Auflage. Hans Huber, Bern, 1125-1152 Hawellek, Ch. (2012): Entwicklungsperspektiven öffnen. Grundlagen beobachtungsgeleiteter Beratung nach der Marte-Meo-Methode. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen Keßel, P. (2014): Prinzipien psychomotorischer Entwicklungsförderung. Überlegungen für die fachschulische Erzieherausbildung. motorik 36 (1), 24-28, http: / / dx.doi.org/ 10.23789/ motorik2014. art05d ter Horst, K. (2006): Dokumentation von Veränderungen im Hilfeplanverfahren durch den Einsatz der Videotechnik. In: Schwabe, M. (Hrsg.): Methoden der Hilfeplanung, Zielentwicklung, Moderation und Aushandlung. IGFH, Frankfurt, Anhang Wendler, M., Hammer, R. (2008): Die Bedeutung der Psychomotorik im Spiegel der aktuellen Bildungsdiskussion. motorik 31 (3), 116-126 Die Autorin Juniorprof. Dr. Britta Gebhard, Dipl.-Pädagogin, Juniorprofessorin für das Fachgebiet Pädagogik und Didaktik bei chronischen und progredienten Erkrankungen sowie körperlichen und motorischen Beeinträchtigungen an der Universität Oldenburg, 1. Vorsitzende des Fördervereins Ambulatorium für ReHabilitation, zertifizierte Video-Home- Trainerin und Video-Interaktions-Begleiterin (Spin e. V.) Anschrift Juniorprof. Dr. Britta Gebhard CvO Universität Oldenburg, Fak. 1 Ammerländer Heerstr. 114-118 D-26111 Oldenburg britta.gebhard@uni-oldenburg.de