motorik
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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2015.art03d
7_038_2015_1/7_038_2015_1.pdf11
2015
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Veränderungen im Selbstkonzept nach psychomotorischer Förderung
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2015
Fiona Martzy
Brigitte Ruploh
Anne Bischoff
Innerhalb des Forschungsschwerpunktes »Selbstkonzept und Körperkonzept« der Forschungsstelle Bewegung und Psychomotorik des Niedersächsischen Instituts für frühkindliche Bildung und Entwicklung wurde eine Untersuchung im Prä-Post-Design zu Veränderungen im Selbstkonzept nach psychomotorischer Förderung bei Kindergartenkindern durchgeführt. Die Selbst- und Fremdeinschätzung des Selbstkonzeptes der Kinder wurde anhand des Frankfurter Kinder-Selbstkonzept-Inventars und anhand leitfadengestützter Interviews erfasst und anschließend quantitativ und qualitativ ausgewertet. Die Ergebnisse der Analysen unterstreichen die Validität der kindzentrierten psychomotorischen Entwicklungsförderung.
7_038_2015_1_0004
[ FACHBEITRAG ] Zusammenfassung / Abstract Innerhalb des Forschungsschwerpunktes »Selbstkonzept und Körperkonzept« der Forschungsstelle Bewegung und Psychomotorik des Niedersächsischen Instituts für frühkindliche Bildung und Entwicklung wurde eine Untersuchung im Prä-Post-Design zu Veränderungen im Selbstkonzept nach psychomotorischer Förderung bei Kindergartenkindern durchgeführt. Die Selbst- und Fremdeinschätzung des Selbstkonzeptes der Kinder wurde anhand des Frankfurter Kinder-Selbstkonzept-Inventars und anhand leitfadengestützter Interviews erfasst und anschließend quantitativ und qualitativ ausgewertet. Die Ergebnisse der Analysen unterstreichen die Validität der kindzentrierten psychomotorischen Entwicklungsförderung. Schlüsselbegriffe: Psychomotorik, Selbstkonzept, Mixed Methods Design, kindzentrierter Ansatz, Validierung Changes in self-concept after psychomotor intervention: A multi-method examination of the child centred approach. Effects of psychomotor intervention on the development of selfconcept development in preschoolers were examined within a pre-post design. Conducted within the research program focus, »self-concept and body concept«, as a part of the research area of at the research unit »Movement and Psychomotricity« at the Niedersächsisches Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung, selfreports and external assessments of children’s self-concepts were collected through the use of guided interviews and standardized testing procedures. The results of quantitative and qualitative analyses support the validity of the ideas of child-centred psychomotor approach. Key words: psychomotricity, self-concept, mixed methods design, child-centred approach, validity Veränderungen im Selbstkonzept nach psychomotorischer Förderung Eine multimethodale Untersuchung des kindzentrierten Ansatzes Fiona Martzy, Brigitte Ruploh, Anne Bischoff Einleitung und theoretische Grundlagen Die positive Wirkung psychomotorischer Entwicklungsförderung auf das Selbstkonzept von Kindern ist eine zentrale Annahme der kindzentrierten psychomotorischen Entwicklungsförderung (Zimmer 2004; 2012). Das Selbstkonzept bezieht sich dabei nicht nur auf die subjektive Einschätzung der eigenen motorischen Fertigkeiten, sondern auch auf die Einschätzung verschiedener Aspekte der eigenen Person. Im kindzentrierten Ansatz werden motorische Entwicklung und Persönlichkeitsentwicklung z. B. dadurch verbunden, dass das Kind sich persönlich angesprochen fühlt und die Bewegungsangebote nutzt. Im bereits publizierten ersten Teil der Pilotstudie konnte gezeigt werden, dass es für die o. g. postulierte Wirkung empirische Hinweise gibt, und zwar sowohl in der Selbsteinschätzung der Kinder als auch in der Fremdeinschätzung durch Eltern und ErzieherInnen (Ruploh et al. 2013): Es zeigten sich signifikante positive Veränderungen in den Selbstkonzepten Angsterleben, Selbstsicherheit und Moralorientierung- - Selbstwertschätzung. Die Pilotstudie bezieht sich dabei in ihrer theoretischen Ausrichtung auf die Arbeiten von Shavelson et al. (1976), Filipp (1984), Epstein (1984), Zimmer (2012) und Deusinger (i. Vorb.) und deren Modelle zum Aufbau des Selbstkonzepts, seiner 1 | 2015 motorik, 38. Jg., 10-21, DOI 10.2378 / motorik2015.art03d © Ernst Reinhardt Verlag [ 10 ] [ 11 ] Martzy, Ruploh, Bischoff • Veränderungen im Selbstkonzept 1 | 2015 Entwicklung, Förderung und Diagnostik (Ruploh et al. 2013). In dem vorliegenden zweiten Teil der Pilotstudie ist von besonderem Interesse, welche Veränderungen Eltern und ErzieherInnen bei den Kindern im Untersuchungszeitraum wahrgenommen haben. Zur Klärung dieser Frage werden die Aussagen im nach der Intervention durchgeführten Interview einer qualitativen Inhaltsanalyse unterzogen. In einem weiteren Schritt werden Korrelationsanalysen quantitativer Daten durchgeführt, die Aufschluss geben sollen über das Zusammenspiel von Selbsteinschätzung und objektivierbaren Fähigkeiten der Kinder vor und nach einer psychomotorischen Entwicklungsförderung. Zeitversetzte Korrelationsanalysen in Anlehnung an Cross-lagged-panel-Designs (z. B. Bortz / Döring 1995, 485 f ) sollen zudem mögliche Effekte der motorischen Entwicklung auf das Selbstkonzept aufdecken helfen. Forschungsfrage qualitative Inhaltsanalyse Der Forschungsfrage liegt die Annahme zugrunde, dass sich das Selbstkonzept in von Dritten beobachtbarem Verhalten in allen Lebenskontexten ausdrückt. Veränderungen, die im Selbstkonzept stattfinden, werden im Verhalten des Kindes sichtbar (Zimmer 2012, 55). Die forschungsleitende Frage lautet: Welche Veränderungen im Selbstkonzept der Kinder nach psychomotorischer Förderung werden von den Bezugspersonen im Alltag wahrgenommen? Hierzu liegen kaum Forschungsergebnisse vor (Eggert/ Lütje-Klose 2002; Martzy 2006; Zimmer 2012). Hypothesen der quantitativen Analysen Mithilfe von Korrelationsanalysen werden drei Hypothesen geprüft. 1. Realismus. Es soll zunächst überprüft werden, ob Kinder im Alter von etwa 5 Jahren ihre körperliche Effizienz (Selbstkonzept-Skala des FKSI, Deusinger i. Vorb.) annähernd realistisch einschätzen, d. h. ob ihre Einschätzung mit dem Testwert des MOT 4-6 (Zimmer / Volkamer 1987) korrespondiert. Eine solche Anpassung der Selbsteinschätzung an die tatsächlichen Fähigkeiten ist für dieses Alter nach einigen entwicklungspsychologischen Modellen, die eine um das 5. Lebensjahr deutlich zunehmende Reflexionsfähigkeit der Kinder postulieren (z. B. Martin et al. 2002), zu erwarten, jedenfalls dann, wenn die Kinder diese Reflexionsfähigkeit zur Beurteilung ihrer zunehmenden motorischen Fähigkeiten nutzen. Dass Kinder im Übergang von der frühen Kindheit zum Vorschulalter ihre motorischen Fähigkeiten zunehmend realistisch einstufen, wird auch in sportpsychologischen Modellen angenommen, etwa in dem von Stodden et al. (2008), das zwar auf frühen Entwicklungsstufen keinen Zusammenhang zwischen motorischem Selbstkonzept und den entsprechenden objektiven Kompetenzen postuliert, sehr wohl jedoch mit zunehmendem Alter einen immer stärkeren Zusammenhang erwartet. Da die Kinder der vorliegenden Stichprobe dieser älteren Gruppe angehören, lässt die erste Hypothese der vorliegenden Untersuchung eine signifikante positive Korrelation zwischen dem Selbstkonzept bzgl. körperlicher Fähigkeiten und dem Kennwert im MOT 4-6 erwarten. 2. Optimismus. Es soll weiterhin geprüft werden, ob sich dieser Zusammenhang zwischen motorischen Kompetenzen und Selbsteinschätzung (reflektiert durch das Selbstkonzept Körperliche Effizienz) im Laufe der kindzentrierten psychomotorischen Förderung (Zimmer 2004; 2012) verändert. Diese Förderung soll vor allem Freude an der Bewegung und damit eine positive Einschätzung der zu erwartenden eigenen Entwicklungsfortschritte vermitteln (»Optimismus«). Das kann dazu führen, dass Kinder nicht immer ihr Selbstkonzept an die aktuelle Fähigkeit anpassen, sondern sich zuweilen auch aufgrund des vermit- Das Selbstkonzept drückt sich in beobachtbarem Verhalten aus. [ 12 ] 1 | 2015 Fachbeiträge aus Theorie und Praxis telten Entwicklungsoptimismus aktuell überschätzen, was dann die tatsächliche motorische Entwicklung intensivieren kann. Der kindzentrierte psychomotorische Ansatz geht davon aus, dass das Selbstkonzept des Kindes nicht einseitig als Reflektor der objektiven Fähigkeit fungiert, sondern auch aktiv als Entwicklungsmotor solcher Fähigkeiten wirksam wird, wenn durch die Freude an der Bewegung das Kind zu mehr Bewegungserfahrungen motiviert wird. Der beständige Wechsel zwischen der Angleichung des Selbstkonzepts an den Status quo und der entwicklungsorientierten Überschätzung der eigenen Fähigkeit kann nun zu einer Lockerung der Beziehung zwischen Selbstkonzept (hier der körperlichen Effizienz) und der objektiven Fähigkeit (hier der motorischen Kompetenzen im MOT 4-6) führen. Nach Hypothese zwei ist somit zu erwarten, dass die positive Korrelation zwischen MOT4-6-Kennwert und dem Selbstkonzept Körperliche Effizienz, wie sie Hypothese eins postuliert, zum zweiten Messzeitpunkt geringer ausfällt als vor Beginn der Förderung. 3. Förderung. Die kindzentrierte psychomotorische Förderung strebt nicht in erster Linie einen motorischen Leistungszuwachs an, sondern soll u. a. durch die Einbettung in einen selbstwertstärkenden Beziehungskontext die Freude an den vorhandenen motorischen Fähigkeiten wecken. In der Tat wurde im Verlauf der Förderung eine Zunahme von Selbstkompetenzen (z. B. mehr Selbstsicherheit, weniger Angsterleben) beobachtet (Ruploh et al. 2013). Es soll nun ein anderer möglicher Fördereffekt überprüft werden: Wenn die Förderung dazu beiträgt, dass die Kinder lernen, ihre motorischen Fähigkeiten als Quelle eines positiven Selbstkonzepts zu erleben und wenn dieser Effekt durch positive Beziehungserfahrungen vermittelt ist (Zimmer 2004; 2012), dann wäre ein zeitversetzter positiver Zusammenhang zwischen der vorhandenen motorischen Kompetenz und einer positiven Einstellung in sozialen Situationen zu erwarten. Hypothese drei postuliert, dass sich ein signifikanter und positiver korrelativer Zusammenhang zwischen dem MOT4- 6-Kennwert zum ersten Messzeitpunkt und der zum zweiten Messzeitpunkt geäußerten Selbsteinschätzung der Fähigkeit, den Kontakt zu Gleichaltrigen kompetent gestalten zu können, finden lässt. Die Selbsteinschätzung dieser Fähigkeit wird relativ gut durch die Skala Kontakt- und Umgangsfähigkeit des FKSI abgebildet. Methode Für das Mixed Methods Design der Studie wurde das Basisdesign eins nach Miles / Hubermann (1994, 94) herangezogen, bei welchem eine kontinuierliche Sammlung beider Datensorten parallel erfolgt, um diese anschließend zur Herstellung eines allgemeineren Bildes des zu untersuchenden Gegenstandes zu verknüpfen (Brymann 1988). Einen Überblick über die Stichprobe, über die Messinstrumente, die Intervention und das Untersuchungsvorgehen liefert Tabelle 1 (ergänzend für die gesamte Studie: Ruploh et al. 2013). Datenanalyse qualitativ Für die Auswahl der Methode zur Bearbeitung der oben genannten qualitativen Fragestellung waren drei methodologische Prinzipien des qualitativen Interviews nach Lamnek (2005, 351) ausschlaggebend. Das Prinzip der Zurückhaltung durch den Forscher (1. Prinzip) lässt den Befragten zu Wort kommen; dieser ist nicht nur Datenlieferant, sondern determiniert das Gespräch. Dadurch stehen die Relevanzsysteme des Betroffenen im Mittelpunkt. Sie definieren die Wirklichkeit und nicht die Vorgaben des Forschers (2. Prinzip). Der Forscher begegnet dem Interviewer mit einer möglichst großen Offenheit und lässt somit auch unerwartete Informationen zu (3. Prinzip). Die Beachtung dieser drei Prinzipien schien uns eine solide Grundlage zu sein, um die Sichtweisen und Wahrnehmungen der Eltern und ErzieherInnen erfassen zu können und danach durch qualitative Auswertungsmethoden die Essenz der Aussagen herauszufiltern. Es wurden Leitfadeninterviews geführt, bei rechte Seite: Tab. 1: Methodenübersicht zweiter Teil der Pilotstudie [ 13 ] Martzy, Ruploh, Bischoff • Veränderungen im Selbstkonzept 1 | 2015 Methoden Qualitativer Teil Quantitativer Teil StudienteilnehmerInnen ■ 14 Elternteile und 13 ErzieherInnen der 14 Kinder der quantitativen Untersuchung (s. rechts) ■ 14 Kinder (je 7 Mädchen und Jungen), alle Kinder waren neu in den psychomotorischen Gruppen ■ Alter in Mon.: M = 64.36, SD = 6.91 ■ Einschlusskriterium: 4bis 6-jährige Kinder ■ Indikation: erhöhter Förderbedarf in Entwicklungsbereichen, die u. a. Wahrnehmung, sozial-emotionale und motorische Kompetenzen betreffen Messinstrumente Interview, halbstrukturiert und leitfadengestützt Im Interview nach der 6-monatigen Intervention wurde zu Beginn eine offene allgemeine Frage zu den beobachteten Veränderungen gestellt: Offene Frage: »Das letzte Interview ist ja jetzt etwa ein halbes Jahr her. Gibt es da Veränderungen bei XX, die Ihnen spontan einfallen? « FKSI Inventar für Kinder zur Erfassung ihres Selbstkonzepts (3 bis 13 Jahre); 90 Selbstaussagen, die vorgelesen werden und von den Kindern auf dreistufiger Skala eingeschätzt werden (trifft zu, trifft etwas / nicht zu); 11 Selbstkonzepte bzw. Subskalen (z. B. körperliche Effizienz, Angsterleben, Selbstsicherheit) und Gesamtscore; Beispielitems: »Ich kann gut klettern«, »Oft verstehe ich Dinge nicht«; zufriedenstellende Werte für interne Konsistenz und Retestreliabilität (Deusinger 2011). MOT 4-6 Test zur Erfassung des motorischen Entwicklungsstandes 4bis 6-jähriger Kinder; konstruiert vor einem psychomotorischen Hintergrund; 1 Aufwärmaufgabe und 17 Testaufgaben (wie z. B. Hampelmannsprung, Punktieren [Tapping], Drehsprung in einen Reifen); quantitative Auswertung: Gesamtscore, qualitative Auswertung (nicht in dieser Studie): sieben Dimensionen (wie Gleichgewichtsvermögen, Sprungkraft) sowie Beobachtungskriterien; gute Werte für Reliabilität und Validität (Zimmer / Volkamer 1987; Ruploh 2014) Intervention ■ Kindzentrierte psychomotorische Entwicklungsförderung nach Zimmer (2004; 2012; wöchentliche Teilnahme der Kinder für jeweils eine Stunde; 10 bis 11 Kinder pro Gruppe ■ Interventionszeitraum in Wochen: M = 23, SD = 5 Untersuchungsvorgehen ■ Post-Untersuchung: Interview (Eltern und ErzieherInnen), offene Frage nach allgemeinen Veränderungen während des Interventionszeitraumes (Antworten auf diese Frage sind Untersuchungsgegenstand der vorliegenden qualitativen Analyse) ■ Prä-post-Untersuchung: FKSI (Kinder), MOT 4-6 (Kinder) ■ Quasi-experimentelles Design: Auswahl der Kinder nicht randomisiert, sondern nach Einschlusskriterium und Einverständnis der Eltern Anmerkungen. Die in der Tabelle aufgeführten Methoden beziehen sich lediglich auf Daten des vorliegenden Artikels. Weitere Methoden, die im Pilotprojekt zur Anwendung kamen, sind nachzulesen bei Ruploh et al. (2013). M = Mittelwert, SD = Standardabweichung, FKSI = Frankfurter Kinder-Selbstkonzept-Inventar (Deusinger i. Vorb.), MOT 4-6 = Motoriktest für 4bis 6jährige Kinder (Zimmer / Volkamer 1987). [ 14 ] 1 | 2015 Fachbeiträge aus Theorie und Praxis Schritte nach Mayring 2008 Inhaltliche Anwendung auf das Datenmaterial Interviewmaterial Methodische Begründung Gegenstand, Material, Ziel der Analyse Inhalte der ersten offenen Fragestellung in den Interviews, beobachtbare Veränderungen im Selbstkonzept der Kinder empirisch zu belegen Interviewfrage: »Das letzte Interview ist ja jetzt etwa ein halbes Jahr her. Gibt es da Veränderungen bei XX, die Ihnen spontan einfallen? « Ziel der zusammenfassenden Analyse nach Mayring (2008) ist es, »das Material so zu reduzieren, dass die wesentlichen Inhalte erhalten bleiben, durch Abstraktionen einen überschaubaren Corpus zu schaffen, der immer noch Abbildung des Grundmaterials ist« (Mayring 2008, 58). Festlegen des Selektionskriteriums und des Abstraktionsniveaus Alle Aussagen der Interviewten, die sich auf eine Veränderung im beobachtbaren Verhalten der Kinder bezogen Beispiele: »Traut sich ein bisschen mehr zu« (Elterninterview 1, Abs. 2), »Kann Angst überwinden«, »Kann ganz viel alleine« (Elterninterview 13, Abs. 16) Die induktive Kategorienbildung »leitet die Kategorien direkt aus dem Material in einem Verallgemeinerungsprozess ab, ohne sich auf vorab formulierte Theoriekonzepte zu beziehen« (Mayring 2008, 75). Dieses Vorgehen strebt nach einer möglichst gegenstandsnahen Abbildung des Materials und entsprach unserem Forschungsinteresse, die Beobachtungen von Eltern und ErzieherInnen möglichst alltagsnah zu erfassen. Materialdurcharbeitung, Kategorieformulierung, Subsumation bzw. neue Kategoriebildung Es wurden 16 Kategorien formuliert, die in zwei folgenden Schritten verdichtet werden konnten. Beispiele: a) Sich mehr zutrauen b) Mutiger c) Selbstständiger Revision der Kategorien nach 10-50 % des Materials Durch den relativ kleinen Datenbestand war eine hohe Informationsdichte in den Antworten vorhanden, sodass der verwendete Materialanteil sehr hoch war. Beispiele: a) + b) -> Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten c) Handlungskompetenz Bei der Auswertung wurden keine extensionalen Regeln benannt, da es sich hier um einen relativ kleinen Datenbestand handelt und somit »intensionale Regeln genügen […], um zu nachvollziehbaren inhaltlichen Aussagen zu gelangen« (Lamnek 2005, 204). Endgültiger Materialdurchgang Im endgültigen Materialdurchgang wurden die Kategorien, die durch mehrere Forscherinnen gebildet wurden, aufeinander abgestimmt und am Ausgangsmaterial überprüft. Um dem häufigen Kritikpunkt der Beliebigkeit der Kategorienzuordnung entgegenzuwirken, wurde der Datenbestand von mehreren Forscherinnen unabhängig voneinander mehrmals durchgearbeitet, um eine hohe Inter- und Intracodierreliabilität zu erzielen. [ 15 ] Martzy, Ruploh, Bischoff • Veränderungen im Selbstkonzept 1 | 2015 denen die erste Frage eine offene, bewusst neutral gehaltene Frage nach den wahrgenommenen Veränderungen über den Interventionszeitraum war, um den Spielraum der Antwortmöglichkeiten möglichst weit zu gestalten. Angelehnt an die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring (2008) wurde das Datenmaterial ausgewertet. Eine Übersicht über die Transkriptions-, Abduktions- und Interpretationswege der Analyse liefert Tabelle 2. Datenanalyse quantitativ Hypothesen eins und zwei. Es werden korrelative Zusammenhänge zu beiden Messzeitpunkten zwischen dem MOT 4-6-Testrohwert und den Selbstkonzept-Skalen des FKSI berechnet, aufgrund der Stichprobengröße (N = 14) jeweils als SpearmanRang-Korrelation. Hypothese drei. Da die geringe Stichprobengröße eine Strukturgleichungsmodellierung nach dem Cross-lagged-panel-Design nicht zulässt, wurden auf deskriptiver Ebene Vorhersagerichtungen mithilfe zeitversetzter Korrelationen überprüft. In Anlehnung an die Logik des Crosslagged-panel-Designs wurden »Überkreuz-Zusammenhänge« zwischen den vor Beginn der Förderung und nach 6 Monaten Intervention erfassten Variablen Kontakt- und Umgangsfähigkeit (FKSI-Skala) und MOT 4-6-Testrohwert wiederum nonparametrisch berechnet (Spearman-Rang-Korrelationen). Für das Cross-laggedpanel-Design (und erst recht für zeitversetzte Korrelationen) gilt die Einschränkung, dass diese Methode » … weitere kausale Erklärungen nicht ausschließt. Sie entscheidet >lediglich< über die relative Plausibilität von zwei konkurrierenden Kausalhypothesen« (Bortz / Döring 1995, 486). Im vorliegenden Fall wird die Plausibilität der Hypothese drei (motorische Kompetenz sagt Selbstkompetenz Kontakt- und Umgangsfähigkeit vorher) gegen die Plausibilität der umgekehrten Vorhersagerichtung getestet. Für das Cross-lagged-panel-Modell (und umso mehr bei non-parametrischer Analyse) gilt, dass die Überkreuzkorrelation, bei der nur eine der beiden Vorhersagerichtungen signifikant wird, »nicht als endgültiger Beleg für einen kausalen Zusammenhang gesehen werden [darf ], aber immerhin als einen ernstzunehmenden Hinweis, dessen Legitimation darauf beruht, dass Ursachen typischerweise ihren Wirkungen zeitlich vorausgehen« (Ruploh 2014, 212 f ). Da die kindzentrierte psychomotorische Förderung nicht in erster Linie einen motorischen Leistungszuwachs anstrebt, einen solchen aber auch nicht ausschließt, wurde keine konkrete Hypothese bezüglich der Leistungsveränderung formuliert. Die Entwicklung der mittleren Motorikquotienten des MOT 4-6 über den Zeitraum der Intervention sollte dennoch geprüft werden (Wilcoxon-Vorzeichen-Rang-Test, exakte Signifikanz, zweiseitig). Ergebnisse Qualitative Inhaltsanalyse Nach der Paraphrasierung und Generalisierung des Ausgangsmaterials sind insgesamt drei Reduktionsschritte jeweils nach der gleichen Logik systematisch durchgeführt worden (s. Tab. 3). Interpretation, Analyse Die entstanden Kategorien wurden anhand der theoretischen Grundlagen interpretiert und analysiert. Verknüpfung der theoretischen Kernaussagen des kindzentrierten Ansatz mit den Ergebnissen der Inhaltsanalyse Überprüfung der Gültigkeit von theoretischen Annahmen. Laut Seewald (2005) ist die Validierung theoretischer Konzepte eine wichtige Funktion von Evaluationsstudien. Nach Meyer / Stockmann (2010, 72 ff) ist die »Gewinnung neuer Erkenntnisse« eine der vier Hauptfunktionen von Evaluation, zu denen auch Erkenntnisse über die theoretische Fundierung von Intervention zählen. Tab. 2: Prozessmodell und methodische Begründung des Analyseprozesses [ 16 ] 1 | 2015 Fachbeiträge aus Theorie und Praxis Paraphrasen (Ankerbeispiel) 1. Reduktion 2. Reduktion 3. Reduktion Klettert in jeden Baum Probiert aus Handlungskompetenz Identitätssicherheit Kann auch ganz viel alleine Selbstständiger Wird im positiven Sinne frecher Bezieht mehr Position Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten Vom Wesen her sehr mutig geworden Mutiger Traut sich schon eher, was zu sagen Sich mehr zutrauen Geht auf andere Kinder selbstbewusst zu Selbstbewusster Ich-Kompetenz wahrnehmend Ist stolz auf Geschafftes Stolz Nun feste Freundin in Gruppe »Sozial besser« Soziale Kompetenz Nach wie vor Schwierigkeiten mit Grenzsetzung Soziales allgemein Sagt nicht gleich, etwas nicht zu können Frustrationstoleranz Mehr Lust am Sport Motorik-- emotionale Aspekte Motorik Motorisch wirklich ganz schön fit geworden Motorik-- Effektivität, Fertigkeiten Ist quirliger geworden Unruhe Gut zufrieden Allgemeine Gestimmtheit Enorme Fortschritte in Richtung Sprache Sprache Unglaubliche Fortschritte Fortschritte allgemein Tab. 3: Induktive Kategorienbildung in drei Reduktionsschritten [ 17 ] Martzy, Ruploh, Bischoff • Veränderungen im Selbstkonzept 1 | 2015 Das Vorgehen orientierte sich an dem Prozessmodell von Mayring (2008), das auf sechs Schritten basiert (s. Tab. 2). Aus den 27 Antworten zu der offenen Fragestellung ergaben sich 132 Paraphrasen (s. Ankerbeispiele Tab. 3), die nach der ersten Reduktionsphase in 16 Kategorien (z. B. »probiert aus«, »mutiger«, »selbständiger«) zusammengefasst werden konnten. Die drei Kategorien »Allgemeine Gestimmtheit«, »Sprache« und »Fortschritte allgemein« konnten nicht weiter aggregiert werden und blieben auf der ersten Ebene der Reduktion. Alle weiteren Kategorien konnten in einem zweiten Reduktionsschritt in 5 Kategorien subsumiert werden. Die Bereiche »soziale Kompetenz« und »Motorik« blieben auf der zweiten Ebene der Reduktion und wurden nicht weiter verdichtet, aber die Kategorien »Handlungskompetenz«, »Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten« und »Ich-Kompetenz wahrnehmend« wurden in einem dritten und letzten Reduktionsschritt in der Kategorie »Identitätssicherheit« zusammengeführt. Der oben beschriebene Reduktionsvorgang der Kategorien wird in Tabelle 3 sichtbar. Quantitative Analysen Die Motorikquotienten (MOT 4-6) der 14 Kinder erhöhten sich über den Zeitraum der Förderung um im Mittel etwa drei Punkte (erster Messzeitpunkt: M = 88.79, SD = 13.98; zweiter Messzeitpunkt: M = 92.14, SD = 12.72). Dieser Zuwachs ist nach dem Wilcoxon-Vorzeichen-Rang-Test (exakte Signifikanz, zweiseitig) nicht signifikant (z =.79, p =.45). Die Ergebnisse der Überprüfung der oben aufgeführten drei Hypothesen sind in Tab. 4 dargestellt. In Übereinstimmung mit Hypothese 1 zeigt sich ein signifikanter positiver Zusammenhang zwischen der Selbsteinschätzung der Kinder im Hinblick auf ihre körperliche Effizienz und dem Testrohwert des MOT 4-6 zum ersten Messzeitpunkt, d. h. vor Beginn der Fördermaßnahme (r s =.57*). Dagegen sinkt zum zweiten Messzeitpunkt, also nach etwa 6 Monaten psychomotorischer Förderung, diese Korrelation zwischen motorischem Entwicklungsstand und selbsteingeschätzter körperlicher Effizienz deutlich ab und wird insignifikant (Bestätigung der Hypothese zwei). Der MOT 4-6 korreliert pro Messzeitpunkt (also querschnittlich) mit keiner weiteren Selbstkonzept-Skala signifikant. In Übereinstimmung mit Hypothese drei korreliert der MOT 4-6-Testrohwert des ersten Messzeitpunktes längsschnittlich signifikant und positiv mit der FKSI-Selbstkonzept-Skala Kontakt- und Umgangsfähigkeit des zweiten Messzeitpunktes (r s =.55*; Tab. 4 und Abb. 1). Für die umgekehrte Vorhersagerichtung zeigt sich hingegen keine signifikante Korrelation (Zusam- Tab. 4: Korrelationsanalytische Überprüfung der Hypothesen Abb. 1: Korrelationsanalysen des Selbstkonzepts Kontakt- und Umgangsfähigkeit und des MOT 4-6 (Rohwerte; t1 = erster Messzeitpunkt, t2 = zweiter Messzeitpunkt, n. s. = nicht signifikant, * p < .05) Hypothese Relevante Variablen r s Variable 1 Variable 2 1) Realismus t1: MOT 4-6 Testrohwert t1: FKSI »Körperliche Effizienz« .57* 2) Optimismus t2: MOT 4-6 Testrohwert t2: FKSI »Körperliche Effizienz« -.06 (n. s.) 3) Förderung t1: MOT 4-6 Testrohwert t2: FKSI »Kontakt- und Umgangsfähigkeit« .55* - - - - MOT 4--6 t2 - MOT 4--6 t1 FKSI: Kontakt- und Umgangsfähigkeit t1 FKSI: Kontakt- und Umgangsfähigkeit t2 .30 (n. s.) --.13 (n. s.) .55* --.38 (n. s.) Anmerkungen. r s = Spearman-Rho (Rangkorrelation), t1 = erster Messzeitpunkt, t2 = zweiter Messzeitpunkt, n. s. = nicht signifikant, * p < .05. [ 18 ] 1 | 2015 Fachbeiträge aus Theorie und Praxis menhang zwischen Kontakt- und Umgangsfähigkeit zum ersten und dem MOT 4-6-Testrohwert zum zweiten Messzeitpunkt). Diskussion Qualitative Inhaltanalyse In der qualitativen zusammenfassenden Inhaltsanalyse wurden die Aussagen von Eltern und ErzieherInnen zu den wahrgenommen Veränderungen bei den Kindern, die an der kindzentrierten psychomotorischen Entwicklungsförderung teilgenommen hatten, ausgewertet. Es ergaben sich sechs Kategorien, die auf unterschiedlichen Reduktionsebenen liegen (s. Tab. 3). Auf der dritten Reduktionsebene ergab sich die Kategorie der »Identitätssicherheit«, auf welche sich die folgende Diskussion wegen ihrer theoretischen Relevanz bezieht. Fischer (2001) beschreibt in seinen Ausführungen die Hauptlinien der psychomotorischen Konzeptdiskussion. Er wählt hierfür vier übergeordnete Perspektiven, denen er jeweils mehrere Ansätze zuordnet. Der kindzentrierte Ansatz nach Zimmer und der verstehende Ansatz nach Seewald werden der »Identitätsbildenden Perspektive« zugeordnet (Fischer 2001, 161 ff ): »Das Anliegen der Autoren besteht darin, verhaltensauffälligen Kindern, die oft ein mangelndes Selbstbewusstsein und ein unrealistisches Selbstkonzept zeigen, über Körper- und Bewegungserfahrungen Selbstbewusstsein und ein positives Selbstkonzept zu ermöglichen und damit einen wichtigen Bestandteil in der kindlichen Persönlichkeitsentwicklung zu fördern« (Fischer 2001, 150). Zimmer selbst formuliert: »Im Mittelpunkt dieses Ansatzes steht die Frage, unter welchen Voraussetzungen Körper- und Bewegungserfahrungen die Identitätsentwicklung von Kindern unterstützen und zum Aufbau eines positiven Selbstkonzeptes beitragen können« (Zimmer 2004, 55). Betrachtet man nun die Aussagen der Eltern und ErzieherInnen, bestätigen diese, dass in dem halben Jahr, in dem die Kinder an der psychomotorischen Förderung teilgenommen hatten, Identitätsbildung und -entwicklung stattgefunden hat, da positive Veränderungen in der Identitätssicherheit der Kinder beobachtet wurden. Die zusammenfassende Inhaltsanalyse deutet somit darauf hin, dass indirekt eine höhere Identitätssicherheit bei den Kindern wahrgenommen wurde, die möglicherweise auf die Intervention zurückzuführen ist. Das Kernergebnis der qualitativen Inhaltsanalyse stellt somit eine Validierung des kindzentrierten Ansatzes dar, insofern als Eltern ohne Wissen um die konkreten Inhalte der Förderung und das theoretische Konzept, das hinter der Förderung steht, in umgangssprachlicher Formulierung den Kern des theoretischen Konstruktes beschrieben haben. Daraus kann geschlossen werden, dass sich die theoretischen Annahmen des kindzentrierten Ansatzes, die hinter der angebotenen Praxis stehen, nachhaltig im alltäglichen Verhalten der Kinder widerspiegeln und von Eltern und ErzieherInnen wahrgenommen werden. Dieses Ergebnis ist für den Fachdiskurs der Motologie und Psychomotorik von Bedeutung, da es sich bei der Validierung eines Ansatzes nach der Fachsystematik von Seewald (2005 [unveröffentlichtes Skript], zit. nach Schache 2013, 16) um eine wichtige Funktion der Evaluationsforschung handelt. Eine Theorie wird hinsichtlich ihrer Gültigkeit bewertet und es wird die Belastbarkeit dieser Annahmen überprüft. Die vorliegenden Ergebnisse der Studie deuten darauf hin, dass die theoretischen Annahmen des kindzentrierten Ansatzes in der Praxis sichtbar werden. Quantitative Analysen Deskriptiv ließ sich ein mittlerer Zuwachs im Motorikquotienten des MOT 4-6 um drei Punkte über den Förderzeitraum von sechs Monaten feststellen, der allerdings statistisch nicht signifikant war. Die kindzentrierte psychomotorische Entwicklungsförderung schließt zwar einen Leistungszuwachs nicht aus, strebt ihn aber nicht vorrangig an: Es geht nicht in erster Linie um die Das Kernergebnis stellt somit eine Validierung des kindzentrierten Ansatzes dar. [ 19 ] Martzy, Ruploh, Bischoff • Veränderungen im Selbstkonzept 1 | 2015 Verbesserung motorischer Kompetenzen, sondern um die Verbindung von Bewegungserfahrungen mit der Persönlichkeitsentwicklung. Um Aspekte dieser Verbindung zu prüfen, wurden zeitversetzte Korrelationen mit Persönlichkeitsvariablen gerechnet (s. Hypothese drei). Zur Hypothese eins, Realismus: Der hohe und signifikante positive Zusammenhang zwischen dem mit dem MOT 4-6 erfassten motorischen Entwicklungsstand und dem Selbstkonzept der Kinder im Hinblick auf ihre selbsteingeschätzte körperliche Effizienz (Selbstkonzept-Skala des FKSI, z. B. Einschätzung der Items »Ich bin stark«, »Ich kann gut klettern«) zum ersten Messzeitpunkt (s. Tab. 4) deutet auf eine eher realistische Beurteilung der eigenen motorischen Kompetenzen hin (realistisches Selbstkonzept). Dieser Befund unterstützt kognitiv-entwicklungspsychologische Modelle, welche für 5-jährige Kinder (im Vergleich zu 4-Jährigen) eine deutliche Zunahme der Reflexionsfähigkeit postulieren (Martin et al. 2002; Stodden et al. 2008). Zur Hypothese zwei, Optimismus: Der für den ersten Messzeitpunkt festgestellte Zusammenhang zwischen motorischem Entwicklungsstand und selbsteingeschätzter körperlicher Effizienz der Kinder (vgl. Hypothese eins) verschwindet zum zweiten Messzeitpunkt (s. Tab. 4). Dieses Ergebnis ist erwartungskonform, denn ein explizites Ziel der kindzentrierten psychomotorischen Entwicklungsförderung ist nicht die möglichst realistische, an »objektiven« Kriterien orientierte Einschätzung der eigenen Leistungsgrenzen, sondern eher eine Entkoppelung der objektiven Kompetenzen und ihrer Bewertung vom subjektiven Erleben (Zimmer 2004, 63). Nach Zimmer (2004) ist es essentiell für die Entwicklung von 4bis 6-jährigen Kindern, dass die Bewegungsfreude mitsamt der Reflexion über das eigene Leistungsniveau zunächst noch etwas von der Leistungsbeurteilung befreit bleibt. Wie bei der Begründung der Hypothese zwei bereits ausgeführt, ist die mit verschiedenen Indikatoren psychischer Gesundheit verknüpfte dosierte Überschätzung der eigenen Fähigkeiten (Scheier / Carver 1993; Seligman 2000; Taylor / Brown 1988) schon deshalb nicht als eine »unrealistische« Selbsteinschätzung anzusehen, weil der Wechsel zwischen realistischer und optimistischer Selbsteinschätzung als Motor für die Entwicklung eigener Fähigkeiten angesehen werden kann. Zur Hypothese drei, Förderung: Es ergab sich ein zeitlich versetzter hoher und signifikanter positiver Zusammenhang des motorischen Entwicklungsstandes zum ersten Messzeitpunkt mit dem Selbstkonzept der Kinder in Bezug auf ihre Kontakt- und Umgangsfähigkeit (FKSI) zum zweiten Messzeitpunkt (s. Tab. 4 und Abb. 1). Diese Skala gehört, der Testautorin nach, zum Selbstbereich Psychosoziale Interaktion mit Personen der Umwelt, erfasst also die selbst wahrgenommene Fähigkeit, mit anderen Menschen zu interagieren (auch mit Gleichaltrigen). Die zeitversetzte signifikante positive Korrelation zwischen den beiden Messinstrumenten bedeutet, dass der MOT4-6-Testrohwert sozusagen die Höhe der selbsteingeschätzten Kontakt- und Umgangsfähigkeit vorhersagt, während dies umgekehrt nicht der Fall ist (nach der Cross-lagged-panel- Logik, an die die hier durchgeführte statistische Analyse angelehnt ist, könnte damit die motorische Entwicklung während der Förderphase auf die Kontakt- und Umgangsfähigkeit des Kindes »wirken«). Dieses Ergebnis liefert somit einen ersten, empirisch weiter zu klärenden Hinweis darauf, dass die kindzentrierte psychomotorische Förderung Entwicklungsraum dafür schafft, dass sich die Bewegungserfahrung der Kinder mit dem Selbstkonzept ihrer Kontaktfähigkeit im Sinne der in der Förderung erfahrenen feinfühligen und kindzentrierten Interaktion verbinden könnte. Wie erklärt sich aber, dass die soziale Kompetenz nicht einfach im Verlauf der Förderung ansteigt, wie wir es für andere Selbstkonzepte wie Selbstsicherheit und Selbstwertschätzung gefunden haben (Ruploh et al. 2013)? Die aus dem kindzentrierten Ansatz ableitbare Erklärung besagt, dass gerade die Integration von Bewegungsangeboten und feinfühliger Kindzentrierung eine psycho-motorische Verbindung schafft: Der motorische Entwicklungsstand Mit dem MOT 4-6 wird die selbsteingeschätzte Kontaktfähigkeit vorhergesagt. [ 20 ] 1 | 2015 Fachbeiträge aus Theorie und Praxis kann so zum »Träger« oder Medium der Selbstaneignung der erfahrenen Beziehungsangebote werden. Dass Selbstaneignung durch Körpererfahrungen unterstützt wird, ist durch neurobiologische und psychologische Untersuchungen bestätigt (Damasio 2012; Kuhl et al. 2012): Wenn Bewegungserfahrungen mit persönlicher Beteiligung (Bewegungsfreude, sich angesprochen fühlen etc.) verbunden werden, öffnet sich das Selbst, sodass alle weiteren Erfahrungen (wie feinfühlige Ermutigung, Beruhigung etc.) ins Selbst integriert werden und später auch »von selbst« auf andere Lebensbereiche (z. B. auf den Umgang mit Gleichaltrigen) übertragen werden können (Kuhl et al. 2011). Es handelt sich bei der vorgestellten Untersuchung um eine Pilotstudie. Die geringe Verfügbarkeit von geeigneten Studienteilnehmern, der Mangel an geeigneten Instrumenten zur Erfassung des Selbstkonzepts sowie die evident problematische Manualisierbarkeit der Intervention führten zu Begrenzungen. Die geringe Fallzahl erlaubt nur eingeschränkt statistische Prozeduren, es fehlt eine Kontrollgruppe und es handelt sich um ein quasi-experimentelles Design (nicht randomisierte Auswahl der Probanden). Damit liefern die vorgestellten Ergebnisse zwar erste Hinweise, sie bedürfen jedoch für verallgemeinerbare Aussagen der Absicherung durch weitere Studien. Fazit Die vorgestellte Pilotstudie kommt zu zwei zentralen, allerdings replikationspflichtigen Ergebnissen: Zum einen deutet die qualitativ zusammenfassende Inhaltsanalyse darauf hin, dass Eltern und ErzieherInnen Veränderungen nach kindzentrierter psychomotorischer Entwicklungsförderung bei ihren Kindern wahrnehmen, die zentrale Anliegen dieses Ansatzes sind (z. B. die Förderung der Identitätsbildung). Zum anderen ergaben (zeitversetzte) Korrelationsanalysen erste statistische Hinweise u. a. darauf, dass die Förderung mit ihrem spezifischen zwischenmenschlichen Beziehungsmodell Transfereffekte von der motorischen auf die Persönlichkeitsentwicklung (insbesondere auf die Kontaktfähigkeit) der Kinder auslöst, auch dies ist ein Postulat des kindzentrierten Ansatzes. Dass dieser Ansatz positive Veränderungen in den Selbstkonzepten Angsterleben, Selbstsicherheit und Moralorientierung- - Selbstwertschätzung bewirken könnte, darauf deuteten bereits die Ergebnisse des ersten Teils der Pilotstudie hin (Ruploh et al. 2013). Es bestätigt sich somit die Annahme von Kluge (2001, 44), die schreibt, dass die Kombination qualitativer und quantitativer Methoden zu einem erhöhten Erkenntnisgewinn beiträgt und sich ein vollständigeres Bild ergibt, wenn sich, wie im vorliegenden Fall, die Ergebnisse ergänzen. In der Zusammenschau der Ergebnisse kann festgehalten werden, dass sich trotz sehr unterschiedlicher analytischer Herangehensweisen der qualitativen und quantitativen Methoden in beiden Fällen deutliche Hinweise darauf ergeben, dass der kindzentrierte psychomotorische Ansatz die Identitätssicherheit im engeren und die Persönlichkeitsbildung im weiteren Sinne fördert. Damit leisten die qualitativen und quantitativen Befunde der Studie einen Beitrag zur Validierung der kindzentrierten psychomotorischen Entwicklungsförderung. Literatur Bortz, J., Döring, N. (1995): Forschungsmethoden und Evaluation. 2. Aufl. Springer, Heidelberg Bryman, A. (1988): Quantity and Quality in Social Research. London, Unwin Hyman Damasio, A. (2012): Descartes’ Irrtum. Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn. 7. Aufl. List, München Deusinger, I. M. (i. Vorb.): Frankfurter Kinder-Selbstkonzept-Inventar. FKSI. Frankfurt Deusinger, I. M. 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Mitarbeiterin, Forschungsstelle Bewegung und Psychomotorik des nifbe, Dozentin der Deutschen Akademie für Psychomotorik Dr. Brigitte Ruploh Dipl. Psychologin; wiss. Mitarbeiterin, Forschungsstelle Bewegung und Psychomotorik des nifbe, An-Institut der Universität Osnabrück Dr. med. Anne Bischoff Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie; bis 2012 wiss. Mitarbeiterin im nifbe, nun in eigener Praxis tätig Anschrift Fiona Martzy c / o Forschungsstelle Bewegung und Psychomotorik (nifbe) Jahnstraße 75 D-49080 Osnabrück fiona.martzy@nifbe.de
