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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Auf den Punkt gebracht: Das aktuelle Stichwort: Beziehungsgestaltung
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Mone Welsche
Die Unterstützung in der Entwicklung einer angemessenen Beziehungsgestaltung zur eigenen Person und zur Umwelt, zu anderen Menschen wie zu Dingen, gehört zu den zentralen Zielen psychomotorischen Handelns.[…]
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[ 34 ] 1 | 2016 motorik, 39. Jg., 34-36, DOI 10.2378 / motorik2016.art06d © Ernst Reinhardt Verlag [ AUF DEN PUNKT GEBRACHT ] Das aktuelle Stichwort: Beziehungsgestaltung Mone Welsche Die Unterstützung in der Entwicklung einer angemessenen Beziehungsgestaltung zur eigenen Person und zur Umwelt, zu anderen Menschen wie zu Dingen, gehört zu den zentralen Zielen psychomotorischen Handelns. Anders als in der klinischen Bewegungstherapie (Hölter 1993; Welsche 2011; 2006) wird der Begriff der Beziehungsgestaltung in der psychomotorischen Fachliteratur eher selten verwendet, wobei dessen Relevanz als wesentlicher Aspekt der Psychomotorik unter anderem aus der Umschreibung der psychomotorischen Kernbegriffe der Ich- / Körper-, Sach- und Sozialkompetenz (Kasten-1), die das Erlernen von Fertigkeiten, die einen adäquaten Umgang, sprich: Beziehungsgestaltung, mit sich selbst und der Umwelt ermöglichen, deutlich herauszulesen ist. ■ Sich und seinen Körper wahrnehmen, erleben, verstehen, mit seinem Körper umgehen, Akzeptanz der eigenen Person (Ich- / Körper-Kompetenz) ■ Die materiale Umwelt wahrnehmen, erleben, verstehen und mit ihr umgehen (Sach-Kompetenz) ■ Andere Menschen wahrnehmen, verstehen und mit dem Spannungsfeld zwischen eigenen und den Bedürfnissen anderer umgehen (Sozial-Kompetenz) Lediglich Fischer (2009, 162 f ) nimmt den Begriff der Beziehungsgestaltung explizit auf, geht auf Möglichkeiten im psychomotorischen Setting mit Bezug zur Bindungstheorie ein und bezieht sich dabei sowohl auf Beziehungen zu anderen Menschen als auch zur Umwelt. Die Ebene der Körper- und Bewegungserfahrung im Körperdialog, die Bedeutung von Bewegung als nonverbales Kommunikationsmedium sowie der Bewegungs- und Explorationsdrang als Hinwendung zur Welt und Verselbstständigung werden von ihm hervorgehoben. Darüber hinaus beschreibt er die Auseinandersetzungsprozesse im gemeinsamen Spiel als wertvollen Anlass, um soziale Identität im spielerischen Miteinander zu entwickeln. Die Verknüpfung mit den drei Kompetenzbereichen findet sich dann bei Fischer 2009, mit Rückgriff auf Haas 1997, in der tabellarischen Auflistung von Bewegungsthemen zur leiblichen, materialen und sozialen Erfahrung. Hier wird der Begriff der Beziehungsgestaltung nicht explizit genannt, implizit allerdings sehr deutlich (Fischer 2009, 188 ff ). Die psychomotorische Literatur zeigt zwar die Förderung von - ich nenne es - Beziehungskompetenz im weitesten Sinne als wichtigen Aspekt, allerdings werden wenig systematische Hinweise gegeben, wie diese Kompetenz zu strukturieren ist und wie sie didaktisch aufgegriffen werden kann. Mit einem Blick über den deutschen Tellerrand finden sich zwei für diesen Beitrag interessante Konzepte. Auf der Bewegungsebene ansetzend bietet sich der Einsatz der Laban Bewegungslehre (Kennedy 2010) an, die mit Blick auf das Bewegungsrepertoire des einzelnen Menschen sowohl einen Ansatz zur Förderung als auch die Möglichkeit der Diagnostik (Wie gestalte ich Beziehung? ) bie- Kasten 1: Umschreibungen der Kompetenzbereiche nach Fischer (2009, 23) und Zimmer (2012, 23 f) [ 35 ] Welsche • Das aktuelle Stichwort: Beziehungsgestaltung 1 | 2016 tet (Tab. 1). Durch entsprechende Bewegungsangebote, welche die Exploration verschiedener Bewegungsqualitäten und -parameter zum Ziel haben, wird das Bewegungs- und damit Handlungsrepertoire ausgeweitet. Ein möglichst breites Bewegungsrepertoire stellt eine günstige Voraussetzung dar, um flexibel und der Situation angemessen Beziehung zu gestalten: Wenn ich meinen Krafteinsatz zwischen leicht und kraftvoll dosieren kann, bin ich in der Lage, sowohl einen Ziegel zu heben als auch ein Ei, ohne es zu zerbrechen. Ich kann jemanden zärtlich umarmen oder wegschieben, je nachdem, was mir sinnvoll oder notwendig erscheint. Sherbornes »Beziehungsorientierte Bewegungspädagogik« (1998) stellt ein weiteres beachtenswertes und in Deutschland wenig bekanntes Konzept dar. Es besteht aus einer von Laban geprägten Körper- und Bewegungsarbeit, in welcher Körperwahrnehmung und Entwicklung von Bewegungserfahrungen im Vordergrund stehen, und der Fokussierung der Beziehungsgestaltung durch das In-Beziehung-Setzen von Körperteilen, Menschen und Gruppen (Dirjack 1998). Der im Kontext dieses Stichwortes relevante Aspekt ihres Konzeptes liegt in ihrer Unterteilung in drei Dimensionen der Beziehungsgestaltung, angelehnt an entwicklungspsychologische Phasen im Kindesalter, die in körpernahen meist zu Zweit durchzuführenden-Bewegungsangeboten angesprochen werden. In einfacher Systematik werden Aspekte der Ich- und Sozial-Kompetenz ausdifferenziert: ■ »Caring« oder »Füreinander«. Ein Mensch wird von einem Zweiten umsorgt, behütet oder auch unterstützt, wodurch Themen wie »Geben und Nehmen«, »Vertrauen und Verantwortung« oder auch »Führen und Folgen« aufgegriffen werden. Diese Beziehungsdimension kann sowohl in ruhigen (den Partner wiegen) als auch in dynamischen Bewegungssequenzen (den Partner beim Bockspringen als Bock unterstützen) angesprochen werden. ■ »Against« oder »Gegeneinander«. Neben dem Austesten, Kanalisieren und Bestimmen der eigenen Kraft und dem Aufbau des Selbstvertrauens wird die Achtsamkeit im Kontakt zum Partner angesprochen. Against-Sequenzen können eine aktiv / aktive (sich Rücken an Rücken wegschieben) wie auch aktiv / passive (Vierfüßler umwerfen) Rollenverteilung beinhalten. ■ »Shared« oder »Miteinander«. In dieser Dimension steht das Erleben der gegenseitigen Abhängigkeit und Unterstützung im Vordergrund, wodurch die Wahrnehmung des Anderen und die Bereitschaft zur Kooperation gefördert werden kann. Sie stellt die anspruchsvollste Form der Beziehungsgestaltung dar. In den kurzen Ausführungen zur Laban Bewegungslehre wird ein Zusammenhang zwischen Bewegungsrepertoire und Beziehungsgestaltung in der Materialwie Sozial-Kompetenz offensichtlich. Ein breites Bewegungsrepertoire unterstützt den sachkundigen und angemessenen Umgang mit Material und Menschen und damit eine konstruktive und gelingende Beziehungsgestaltung zur Umwelt. Die Analyse des Bewegungsrepertoires kann Aufschluss geben, warum ein Kind z. B. Material häufig kaputt macht oder grob im Körperkontakt zu anderen ist und einen Förderansatz bieten, in welchem mit unterentwickelten oder dominanten Bewegungsqualitäten gearbeitet werden kann, um ein möglichst ausgeglichenes und breites Bewegungs- und Handlungsprofil zu erlangen. Ausgewählte Elemente der Laban-Bewegungslehre / -Analyse Antriebsqualitäten Fluss: frei - gebunden Zeit: plötzlich - allmählich Kraft: leicht - kraftvoll Raum: direkt - indirekt Formungsqualitäten öffnen - schließen steigen - sinken vorstreben - zurückziehen Raumdimensionen eindimensional zweidimensional dreidimensional Tab. 1: Ausgewählte Elemente der Laban-Bewegungslehre / -Analyse [ 36 ] 1 | 2016 Auf den Punkt gebracht Sherbornes Aufteilung in die drei Beziehungsdimensionen gibt eine sehr einfache und klare Struktur zur Unterscheidung von Beziehungsmodalitäten, welche es erleichtert, Bewegungsangebote insbesondere im Bereich Sozial-Kompetenz zu gestalten. Den drei Dimensionen sind die verschiedenen Aspekte der Sozial-Kompetenz, wie sie z. B. bei Fischer (2009) oder Zimmer (2012) formuliert werden, in einer übergeordneten und übersichtlichen Systematik gut zuzuordnen. Neben der Förderung der einzelnen Beziehungsdimension besteht auch hier ein besonderer Wert im diagnostischen Aspekt, da Präferenzen und Unsicherheiten in den Dimensionen der Beziehungsgestaltung mit einem Blick durch die Sherborne-Brille erkennbar werden. Für die deutsche Psychomotorik, die sich mit dem Bereich der Beziehungsgestaltung im Sinne der vorgestellten Konzepte bislang wenig beschäftigt hat, bieten beide Konzepte eine wertvolle Ergänzung und an einigen Stellen auch eine Spezifizierung und Konkretisierung der Förderung von Beziehungsgestaltung in der psychomotorischen Arbeit. Literatur Dirjack, C. (1998): Vorwort des Übersetzers. In: Sherborne, V.: Beziehungsorientierte Bewegungspädagogik. Ernst Reinhardt, München / Basel, 13-19 Fischer, K. (2009): Einführung in die Psychomotorik. 3.-Aufl. Ernst Reinhardt, München / Basel Hölter, G. (1993): Ansätze zu einer Methodik der Mototherapie. In: Hölter, G. (Hrsg.): Mototherapie mit Erwachsenen. Hofmann, Schorndorf, 52-80 Kennedy, A. (Hrsg.) (2010): Bewegtes Wissen. Logos, Berlin Sherborne, V. (1998): Beziehungsorientierte Bewegungspädagogik. Ernst Reinhardt, München / Basel Welsche, M. (2006): Sherbornes Beziehungsorientierte Bewegungspädagogik als Baustein der klinischen Bewegungstherapie mit Jugendlichen. Praxis der Psychomotorik 31 (4), 225-232 Welsche, M. (2011): Psychische Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter. In: Hölter, G.: Klinische Bewegungstherapie bei Psychischen Erkrankungen. Grundlagen und Anwendungen. Köln, Ärzteverlag, 448-525 Zimmer, R. (2012): Handbuch der Psychomotorik. Freiburg, Herder Die Autorin Prof. Dr. Mone Welsche Studium der Sondererziehung und Rehabilitation mit Schwerpunkt Bewegungserziehung und -therapie an der Universität Dortmund, M. A. in Somatic Studies & Laban Analysis University of Surrey (UK), Professorin für Entwicklungsförderung im Kindes- und Jugendalter an der KH Freiburg Anschrift Prof. Dr. Mone Welsche Katholische Hochschule Freiburg Karlstrasse 63 79104 Freiburg mone.welsche@kh-freiburg.de
