motorik
7
0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2016.art12d
7_039_2016_2/7_039_2016_2.pdf41
2016
392
»Zuhause geht’s auch!«
41
2016
Anika Krüger
Die psychomotorische Entwicklungsförderung steht in vielen ihrer Prinzipien konträr zu der von vielen Eltern und Fachleuten skeptisch betrachteten aktuellen Entwicklung der kindlichen Lebens- und Aufwachsbedingungen. So wird das kindliche Spiel – durch ein ständiges Überangebot an Spielzeug und einer Schnelllebigkeit – seiner wesentlichen Merkmale wie Explorationsfreude und Kreativität beraubt. Der vorliegende Artikel versucht Wege aufzuzeigen, wie die Psychomotorik im häuslichen Milieu verankert werden kann. Er möchte damit einen Beitrag leisten, dem natürlichen Bewegungs- und Wahrnehmungsbedürfnis von Kindern Rechnung zu tragen.
7_039_2016_2_0003
Zusammenfassung / Abstract Die psychomotorische Entwicklungsförderung steht in vielen ihrer Prinzipien konträr zu der von vielen Eltern und Fachleuten skeptisch betrachteten aktuellen Entwicklung der kindlichen Lebens- und Aufwachsbedingungen. So wird das kindliche Spiel - durch ein ständiges Überangebot an Spielzeug und einer Schnelllebigkeit - seiner wesentlichen Merkmale wie Explorationsfreude und Kreativität beraubt. Der vorliegende Artikel versucht Wege aufzuzeigen, wie die Psychomotorik im häuslichen Milieu verankert werden kann. Er möchte damit einen Beitrag leisten, dem natürlichen Bewegungs- und Wahrnehmungsbedürfnis von Kindern Rechnung zu tragen. Schlüsselbegriffe: Dialog, Spiel in früher Kindheit, psychomotorische Prinzipien, Alltagsmaterial »It’s also possible at home! « A way of anchoring the psychomotricity in home environment The psychomotricity is contrary in many of its principles to the development of the child’s life and growth conditions of our time, which are considered sceptical by parents and experts. The child’s game is deprived of its essential characteristics like exploration joy and creativity by a permanent surplus of toys and a general fast pace. This article attempts to show ways in which the psychomotricity can be anchored in home environment. The article makes a contribution for taking into account the natural movement and perceptional needs of children. Key words: dialog, early childhood game, principles of psychomotricity, everyday materials [ TiTelRubRik ] [ FoRum PsychomoToRik ] »Zuhause geht’s auch! « Wege einer Verankerung der Psychomotorik im häuslichen milieu Anika krüger Die heutigen Lebens- und Aufwachsbedingungen von Kindern verlangen eine stärkere Berücksichtigung kindlicher (Bewegungs-)Bedürfnisse, heißt es oft. Dabei sind es weniger die beengten Wohnverhältnisse, die sich negativ auf die Entwicklung der Kinder auswirken. Vielmehr ist es die große Sorge der Eltern, dass das eigene Kind womöglich nicht genug vorbereitet wird auf die Welt. Eine Welt, die so gut wie keinen Platz lässt für den Glauben an eine individuelle und auf Eigenständigkeit basierende Entwicklung. Stattdessen wertet sie das zweckfreie Spiel ab, erzeugt Druck und nährt die Idee, Lernen sei ein Anreicherungsprozess von Informationen. Ein Prozess, vor dem die ungarische Kinderärztin Emmi Pikler bereits 1954 gewarnt hat: »Wesentlich ist, dass das Kind möglichst viele Dinge selbst entdeckt. Wenn wir ihm bei der Lösung aller Aufgaben behilflich sind, berauben wir es gerade dessen, was für seine geistige Entwicklung das Wichtigste ist. Ein Kind, das durch selbstständige Experimente etwas erreicht, erwirbt ein ganz andersartiges Wissen als eines, dem die Lösung fertig geboten wird« (Pikler 1982, 73). Kinder verbringen heute schon früh viel Zeit in Betreuungsformen außerhalb ihres familiären Milieus und müssen sich dort mit einem oftmals viel zu niedrigen Betreuungsschlüssel arrangieren. Hierdurch fehlt es ihnen an ungeteilter Aufmerksamkeit auf der personellen Seite, während sie auf der materiellen Seite überschwemmt werden. Ein Überangebot an Spielzeug kann als Risikofaktor für eine gesunde Entwicklung betrachtet werden: Es überfordert Kinder und behindert das Erlernen von Phantasie, Kreativität und Ausdauer. Psychomotorische Prinzipien Viele psychomotorische Prinzipien könnten da beinahe als Gegenbewegung empfunden werden, von denen einige nachfolgend erläutert werden. 2 | 2016 motorik, 39. Jg., 60-66, DOI 10.2378 / motorik2016.art12d © Ernst Reinhardt Verlag [ 60 ] [ 60 ] [ 61 ] Krüger • »Zuhause geht’s auch! « 2 | 2016 Im psychomotorischen Kontext hat das Kind die Möglichkeit, nach eigenen Interessen und Impulsen zu agieren und über das selbstständige Erleben mit allen Sinnen seine Umwelt zu begreifen. Gemäß des Dialogmodells von Milani Comparetti (Milani-Comparetti / Roser 1982) wird es als Akteur seiner Entwicklung verstanden und ihm werden Spiel- und Bewegungsangebote immer im Sinne eines Dialoggeschehens vorgeschlagen. Es erhält die emotionale Bereitschaft und die nötige Zeit für mögliche Gegenvorschläge, die ein von Kreativität und Offenheit geprägtes Geschehen in Gang setzen. Die Psychomotoriksetzt auf Beziehung. Sie will verstehen und nutzt die Vorzüge beziehungsstiftender Eigenschaften, wie beispielsweise Achtsamkeit, Respekt oder Echtheit. Eigenschaften, die es dem Klienten ermöglichen, eigene Ressourcen zu aktivieren und in einer vertrauensvollen Atmosphäre zu lernen. Psychomotoriker- Innen wissen um entwicklungspsychologische Lebens- und Spielthemen und können in der Interaktion mit dem Klienten entwicklungsadäquat reagieren. Eine auf Respekt vor der Eigenentwicklung des Klienten basierende Haltung lässt beispielsweise auch eine Zweckentfremdung von Materialien zu, die häufig während einer Explorationsphase entsteht. Gemeint ist die Verwendung von Materialien entgegen des eigentlichen Zweckes. Als drittes Prinzip sei hier die Problemaktualisierung genannt. Sie ist unbequem, weil sie zwar die Problemlösung und damit einen Zustand der Ruhe und Harmonie im Blick hat, der Weg dorthin jedoch holprig und langwierig sein kann. Problemaktualisierung erfordert Mut und Verständnis für unterschiedliche Sichtweisen. Und sie lohnt, weil sie eine selbstständige Entwicklung von Lösungsstrategien bewirkt. Eine solch verstehende Haltung wird auch durch entwicklungspsychologisches Grundwissen genährt. Stellvertretend für den verstehenden Ansatz werden daher nachfolgend Beobachtungen zum kindlichen Spiel von Bernard Aucouturier (2006) dargestellt und mit psychosozialen Entwicklungstheorien von Erik H. Erikson ergänzt. Entwicklungspsychologische Grundlagen als Wegweiser Sowohl die Arbeiten von Bernard Aucouturier als auch von Erik Erikson machen deutlich, dass kindliche Spielthemen und -aktivitäten abhängig vom Entwicklungsalter des Kindes eng mit der psychischen Reifung verbunden sind. Das kindliche Spiel hilft dabei, innere Prozesse der Entwicklung zu begreifen sowie die phasenspezifischen Konflikte zu lösen, die »zum einen durch die wachsenden Fähigkeiten und die damit verbundenen Bedürfnisse und Wünsche des Individuums, zum anderen durch veränderte Anforderungen des sozialen Umfeldes charakterisiert sind« (Fischer 2009, 152). Beispielsweise lernt ein Kleinkind über das lustvolle Zerstören eines Turmes aus Bauklötzen, dass etwas, das zu Boden fällt, wieder aufgebaut werden kann, indem es z. B. seine Mutter beim Aufeinanderstapeln der Klötze beobachtet. Die Erfahrungen im Spiel können Kinder auf das eigene körperliche Erleben übertragen. Sie lernen, den Verlust des eigenen Gleichgewichtsvermögens zu akzeptieren, weil sie verstanden haben, dass auch sie sich wieder aufrichten können. Eine derartige Rückversicherung gegenüber sich selbst oder der Umwelt erfährt das Kind ebenso beim Sichfallen-Lassen, Springen, Klettern oder Rutschen. Immer geht es um eine Lust an der Beschäftigung mit dem eigenen Körper und die Lust an der Bewegung des eigenen Körpers im Raum, bei der das Kind erfährt, dass es sich selbstständig bewegen und selbst für sich sorgen kann, dass es nicht ins Endlose fällt, sondern vom Boden gehalten wird. Bei diesen Spielen des sensomotorischen Lusterlebens (Bortel 2001,143) bearbeitet das Kleinkind zwei psychosoziale Krisen gleichzeitig: Vertrauen versus Misstrauen und Autonomie versus Scham und Zweifel (Erikson 1989 in Fischer 2009, 152). Gespeist durch unzählige Halt gebende Erfahrungen hat es ein Urvertrauen entwickelt und es Das kindliche Spiel hilft, innere Entwicklungsprozesse zu begreifen. [ 62 ] 2 | 2016 Forum Psychomotorik lernt nach und nach, sich auf die eigenen erworbenen Fähigkeiten zu verlassen. Es spürt gleichzeitig, dass sich auch das Verhalten der engen Bezugspersonen verändert. Sie können loslassen und ermöglichen eine zunehmende Emanzipation aufseiten des Kindes. »Wichtig ist in dieser Zeit, dass das Kleinkind möglichst angstfrei mit Nähe und Distanz, Weggehen und Wiederannähern experimentieren kann« (Fischer 2009, 154). Es sind die Spiele des Verschwindens und Wiederauftauchens, die das Getrenntsein von der Bezugsperson und die darauffolgende Wiedervereinigung lustvoll erleben lassen. Dabei ist es völlig unwichtig, ob das Versteck bekannt ist oder das Kind noch halb zu sehen ist. Es geht hinein um das Erleben des Getrenntseins und um die Freude des Wiederfindens. Ebenso wie Versteck- und Fangspiele können auch Spiele des Füllens und Leerens (Bortel 2001, 143) auf der ganzen Welt beobachtet werden. Kleinkinder räumen mit Vorliebe Schränke, Schubladen oder Körbe aus, öffnen und schließen Türen, halten Dinge fest und lassen sie wieder los. Auch hierbei lernen Kinder, dass Dinge veränderbar sind durch das eigene Tun und dass sie selbst den Kontakt zu ihrer Umwelt mitbestimmen können. Im Spiel lernen sie zudem ihre eigenen aggressiven Impulse zu tolerieren und erleben, dass sie in kanalisierter Form geduldet werden. Kinder toben gern mit ihren Eltern und spielen Verschlingen und Verschlungen werden (Bortel 2001, 143). Sie »haben sich zum Fressen gern«. In der Rolle des gefräßigen Löwen erleben sie - wie auch bei den Spielen der Zerstörung - dass ihre Aggressionslust, unter bestimmten Regeln, ausgelebt werden darf. Später sind es die Spiele der Macht und Ohnmacht (Bortel 2001, 143), in denen es Stärkere und Schwächere gibt, bei denen man gewinnen oder verlieren sowie Befehle erteilen oder auszuführen kann. Diese gehen entweder mit einem Gefühl von »Ich kann was bewirken und mir eigene Ziele stecken! « oder aber »Ich muss mich anpassen! « einher. Fischer beschreibt das Hauptthema dieser von Erikson geschilderten Entwicklungsphase »Initiative versus Schuldgefühle« folgendermaßen: »Es geht darum, neue Aufgaben und Herausforderungen anzunehmen, die individuellen Merkmale im Vergleich und in Abgrenzung zu anderen zu entdecken und damit die eigene Identität herauszubilden« (Fischer 2009, 155). Des Weiteren weist er auf die große Bedeutung des Erlebens von Selbstwirksamkeit in dieser Phase hin und empfiehlt »das Bereitstellen von Situationen, in denen das Kind selbstständig aktiv handeln kann« (Fischer 2009, 155). Typisch in dieser Entwicklungsphase sind zudem Allmachtsphantasien, die das Träumen vom Groß- und Starksein der Kinder erfüllen. Abb. 1: Gelenkigkeitstraining Abb. 2: Sozialerfahrungen im Rollenspiel [ 63 ] Krüger • »Zuhause geht’s auch! « 2 | 2016 Wo gespielt wird, gibt es immer auch Psychomotorik! Wenn Kinder zuhause spielen, finden sie abhängig von ihrer momentanen Entwicklungsphase selbstständig passende Anregungen in ihrer Umwelt und machen sich mit verschiedenen Eigenschaften vertraut. Angetrieben durch eine intrinsische Motivation leben sie die Psychomotorik im Alltag ganz von allein. Dabei unterscheiden sie nicht unbedingt zwischen Spielzeug und anderen Dingen. Sie sind Meister der Zweckentfremdung! Ein Kinderstuhl ist folglich nicht nur zum Sitzen da (Abb. 1), sondern dient auch der Ausbildung der Gelenkigkeit. Im gemeinsamen Spiel erfährt man, wie stark der eigene Freund ist (Abb. 2) und trainiert nebenbei das eigene Gleichgewichtsvermögen. Eine große Tragetasche (Abb. 3) ermöglicht das lustvolle Erleben von Begrenzungen. Es stellt sich also gar nicht die Frage, ob Psychomotorik in den Alltag integriert werden kann. Vielmehr scheinen die Lebens- und Aufwachsbedingungen der Kinder den Grad des psychomotorischen Erlebens im häuslichen Milieu zu bestimmen. Einflussfaktoren wie etwa Überbehütung oder Zeitmangel der Eltern führen unweigerlich dazu, dass Kinder wertvolle Bewegungs- und Sinneserfahrungen nur begrenzt machen können. Das Zulassen von Zweckentfremdung und eine Reduktion von zweckgebundenem Spielzeug fördern dagegen die Kreativität und damit das psychomotorische Erleben. Kinder profitieren in hohem Maße von einer verstehenden Haltung der Eltern, die den o. g. phasenspezifischen Spielen wertschätzend gegenüberstehen. Im Folgenden wird dies anhand verschiedener Spielsituationen verdeutlicht. Lernen geschieht schrittweise Das Prinzip der Prozessorientierung wird in Abb. 4 deutlich. Das Bild zeigt einen achtmonatigen Jungen, der erste Erfahrungen mit dem Bobby-Car macht. Er kann zwar noch nicht damit fahren, ist aber aufgrund seiner erworbenen Bewegungsfähigkeiten bereits in der Lage, das Fahrzeug selbstständig zu erreichen. Über orale und taktile Sinnesreize erhält er Informationen über dessen Beschaffenheit. Er lernt, dass sein Bobby-Car rot ist, eine glatte feste Oberfläche hat und über bewegliche Teile, wie Räder und Lenkrad verfügt. Über die kinästhetische Wahrnehmung nimmt er die Beweglichkeit des Fahrzeugs wahr. Wahrscheinlich erfährt er zudem eine positive Rückmeldung seiner Bezugspersonen, die sein Entdeckerverhalten bestätigen und sicher auch das Wort Bobby-Car fallen lassen. Mit zunehmenden Bewegungsfähigkeiten wird er dann in der Lage sein, sich selbstständig auf das Fahrzeug zu setzen. Gelingen ihm erste Rollbewegungen und verfügt er über einen stabilen Sitz, wird er seine ersten Fahrversuche draußen auf dem Gehweg machen. Abb. 4: Erstes Kennenlernen Abb. 3: Grenzen spüren [ 64 ] 2 | 2016 Forum Psychomotorik Bewegungsangebote schaffen Kinder verfügen über einen enorm großen Bewegungsdrang und versuchen diesen auch im häuslichen Milieu zu stillen. Nicht immer zur Freude der Eltern, wenn etwa das neue Sofa zum Trampolin umfunktioniert wird. Toll, dass es auf dem Markt heute eine große Auswahl an Bewegungsangeboten, wie Sitzsäcke, Wippen, kleine Rutschen oder Sitzkreisel gibt. Wichtig ist jedoch, dass Kinder Material zur Verfügung haben, das veränderbar ist, mit dem z. B. auch konstruiert werden kann. Ausrangierte Federmatratzen, Kissen und Decken dienen beispielsweise als Baumaterial für Höhlen, Matratzenbahnen oder Kletterberge. Spätestens im Krabbelalter können Wohnbereiche mit wenigen Handgriffen zu einer spannenden Bewegungslandschaft umfunktioniert werden, in denen es Wagnisse oder Spannendes zu entdecken gibt. Gerade im Kleinkindalter können zudem Alltagsgegenstände gut verwendet werden. Eine Kiste voller Papierrollen und Chipsdosen oder ein Wäschekorb sind beispielsweise spannende Spielzeuge für Kinder im Krabbelalter, weil sie beweglich sind und so das Kind auf unterschiedliche Art herausfordern. Auch die Freude am Füllen und Leeren können Kinder hier erleben. Vielleicht sind in den Chipsdosen ja noch Dinge versteckt? Das Kind beim Spiel emotional begleiten Kinder lieben das gemeinsame Spiel und laden daher die Eltern gern zum Mitspielen ein. Nicht allen Eltern gelingt dies auf Anhieb gleich gut. Manchmal ist ihr inneres Kind noch tief verborgen. Auch das Wissen darüber, dass noch einiges erledigt werden müsste, verhindert ein freies und lustvolles Spielen aufseiten der Eltern. Es lohnt sich aus verschiedenen Gründen, dass Eltern das innere Kind in sich suchen: Zum einen wird es ihnen leichter fallen, das Spiel des Kindes zuzulassen, weil sie den Sinn des jeweiligen Spiels erkennen. Sie werden sich mitfreuen können, auch mit der Gewissheit, anschließend wieder für Ordnung sorgen zu müssen. Zum anderen erfahren sie über die Beobachtung von Spielthemen, Körperhaltung sowie die nonverbalen und sprachlichen Botschaften viel über den Gemütszustand und Entwicklungsstand des Kindes. Eltern haben die Chance, sich mitzufreuen, wenn ihr Kind etwas Neues gelernt hat oder auch mit ihrem Kind mitzufühlen, wenn es frustriert ist. Das Begleiten einer Emotion gibt dem Kind das Gefühl verstanden zu werden. Emotionale Situationen können benannt werden, wie etwa: »Das macht Dir Spaß, wenn das Wasser so doll spritzt! « (Abb. 5). Derartig wertfreie Feststellungen helfen Kindern beim Aufbau ihres Selbstkonzeptes. Sie erlangen Vorstellungen über eigene Vorlieben, Wünsche und Fähigkeiten. Und sie lernen durch Rückmeldungen von anderen, das eigene Verhalten einzuordnen. Was ist gewünscht, was weniger, wofür erhalte ich eine Wertschätzung, was wird ganz klar von mir erwartet usw. Spielen ist ein kreativer Prozess Zu Beginn wurde bereits auf die Problematik hingewiesen, dass Kinder in Wohlstandsgesellschaften häufig überschwemmt werden von Spielzeug und kleinen Aufmerksamkeiten mit jahreszeitenbedingten Höhepunkten. Dies kann unsere Kinder um ihre Kreativität und ihr Wertegefühl berauben. Kinder haben z. B. kaum noch eine Chance, ein heiß geliebtes Kuscheltier als ihren ganz Abb. 5: »Das macht Dir Spaß, wenn das Wasser so doll spritzt! « [ 65 ] Krüger • »Zuhause geht’s auch! « 2 | 2016 persönlichen Begleiter auszuwählen, wenn die Körbe damit vollgestopft sind. Wie soll etwas geschätzt werden, wenn es nicht selten ist? Stattdessen lernen sie früh, dass alles austauschbar ist und in der Regel stets verfügbar. Viele Spielzeuge lassen den Kindern wenig Möglichkeit zur Kreativität. Alltagsmaterialien dagegen fördern die Kreativität und Phantasie, sind vielseitig verwendbar, kosten wenig bis gar nichts und dürfen auch kaputtgehen. Die o. g. Lust an der Zerstörung kann hierbei also wunderbar bedient werden, wie uns ein zweijähriger Junge zeigt, der lustvoll die äußeren Kopfsalatblätter zerrupft, während die inneren Blätter zu einem Salat zubereitet werden (Abb. 6) Wenn Eltern in der Lage sind, ihr Kind als gleichberechtigten Dialogpartner im Sinne des Dialogmodells nach Comparetti anzusehen (Milani-Comparetti / Roser 1982), können sich mit wenigen Spielmaterialien kreative Prozesse entwickeln. (Hinweis: Ein jahreszeitliches Beispiel für ein kreatives Spiel mit Alltagsmaterial finden sie in der Rubrik Spieletipp). Begrenzung als elterliche Aufgabe Es fällt Kindern oft leichter, kreativ zu sein, wenn das Angebot begrenzt ist. Zudem fördert es das soziale Miteinander. Die Kinder spielen gemeinsam und profitieren von den unterschiedlichen Spielideen der anderen. So wird z. B. ein Kind im Spiel von vier »Ärztinnen« gleichzeitig liebevoll umsorgt (Abb. 7). Abb. 6: Die Lust an der Zerstörung Abb. 7: Von vier »Ärztinnen« liebevoll umsorgt [ 66 ] 2 | 2016 Forum Psychomotorik Ist das Spielzeug begrenzt, haben Kinder zudem die Chance zu streiten, auch das will geübt sein! Eltern sollten daher aufhören, alles doppelt zu haben, um Streit zu vermeiden. Dieser Beitrag versteht sich als ein Plädoyer dafür, dass PsychomotorikerInnen Eltern ermutigen sollen, die Flut an Reizen zu begrenzen und den Kindern mit einem Verständnis für ihre aktuellen Entwicklungsbedürfnisse entgegenzutreten. Der Grad des psychomotorischen Inhalts eines kindlichen Spiels ist abhängig von äußeren Bedingungen. Es ist also eine Frage des Verstehens und auch des elterlichen Verantwortungsgefühls, Kinder auch häusliche Spielräume psychomotorisch zu überlassen. Dessen werden Kinder sicher nicht überdrüssig! Literatur Aucouturier, B. (2006): Der Ansatz Aucouturier. Handlungsfantasmen und psychomotorische Praxis. proiecta-Verlag. Bonn Bortel, D. (2001): Die psychomotorische Beobachtung in der psychomotorischen Praxis Aucouturier. Praxis der Psychomotorik 26 (3), 140-151 Fischer, K. (2009): Einführung in die Psychomotorik. Ernst Reinhardt, München / Basel Milani-Comparetti, A., Roser, L. O. (1982): Förderung der Normalität und der Gesundheit in der Rehabilitation. In: Wunder, M., Sierck, U. (Hrsg.): Sie nennen es Fürsorge. Verlagsgesellschaft Gesundheit mbH, Berlin, 77-88 Pikler, Emmi (1982): Friedliche Babys - Zufriedene Mütter. Pädagogische Ratschläge einer Kinderärztin. 10. Aufl. Herder, Freiburg / Br. Die Autorin Dipl.-Rehapäd. Anika Krüger Diplom-Rehabilitationspädagogin und Erzieherin, seit 2005 als Psychomotorikerin und Referentin tätig, Fachliche Begleitung des Projekts Bewegungsbaustelle und Mutter von zwei Kindern, Schwerpunkte spielimmanente Aggressivität, frühkindliche Entwicklungsförderung und verstehende Arbeit. Kontakt Anika Krüger Bewegungsambulatorium an der Universität Dortmund Otto-Hahn-Str. 3 D-44147 Dortmund anikrueger@gmx.de
