eJournals motorik39/2

motorik
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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2016.art13d
7_039_2016_2/7_039_2016_2.pdf41
2016
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Sport- und bewegungsorientierte Projektarbeit im Kontext psychischer Erkrankungen bei Jugendlichen

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2016
Böhlke Nicola
Müller Johannes
Der Beitrag setzt sich mit dem Phänomen psychische Erkrankungen / Störung im Jugendalter auseinander. Er präsentiert – unter Berücksichtigung der Bedeutung von Sport und Bewegung im Rahmen (heil)päd­agogischer wie therapeutischer Maßnahmen – Erfahrungen und didaktische Überlegungen bei der konkreten Umsetzung eines bewegungsorientierten Projektes mit psychisch erkrankten Jugendlichen.
7_039_2016_2_0004
Zusammenfassung / Abstract Der Beitrag setzt sich mit dem Phänomen psychische Erkrankungen / Störung im Jugendalter auseinander. Er präsentiert - unter Berücksichtigung der Bedeutung von Sport und Bewegung im Rahmen (heil)pädagogischer wie therapeutischer Maßnahmen - Erfahrungen und didaktische Überlegungen bei der konkreten Umsetzung eines bewegungsorientierten Projektes mit psychisch erkrankten Jugendlichen. Schlüsselbegriffe: Psychische Erkrankungen, Psychomotorik, Bewegungsorientierte Interventionen, Diversität, Jugendliche Physical education and activity based project for adolescents with mental disorders This article focuses on physical education and activity in the field of mental disorder. Based on a project with mentally ill adolescents it gives an insight into didactical considerations and aims at potential benefits for participants. Key words: psychomotricity, mental illness, physical intervention, diversity, adolescent [ 67 ] [ Forum Psychomotorik ] motorik, 39. Jg., 67-72, DOI 10.2378 / motorik2016.art13d © Ernst Reinhardt Verlag 2 | 2016 Sport- und bewegungsorientierte Projektarbeit im Kontext psychischer Erkrankungen bei Jugendlichen Nicola Böhlke, Johannes müller Seit Anfang 2012 findet im Rahmen einer Kooperation zwischen dem Institut für Sportwissenschaften der Universität Göttingen und einer medizinischen Rehabilitationseinrichtung für Jugendliche mit psychischen Erkrankungen ein von der Autorin und dem Autor initiiertes Sport- und Bewegungsprojekt statt. Im vorliegenden Beitrag soll - nachgehend einer grundlegenden Einordnung des Phänomens »psychische Erkrankung« - zunächst im Allgemeinen auf die Funktion von Sport und Bewegung im Rahmen (heil) pädagogischer wie therapeutischer Maßnahmen verwiesen werden, indem auf zugeschriebene Potenziale und Zielsetzungen von Sport- und Bewegungsangeboten eingegangen wird. Dabei zielt der folgende Beitrag im Konkreten darauf ab, die sport- und bewegungsorientierte Projektarbeit mit betroffenen Jugendlichen aus einer vorwiegend sportpädagogischen Perspektive zu beleuchten und vor dem subjektiven Erfahrungshorizont der Anleitung zu reflektieren. Psychische Erkrankung: Begriffliche Eingrenzung und gesellschaftliche Bedeutung Cockerham (2003) betont in seinen Ausführungen, dass eine allgemein akzeptierte Eingrenzung der mit Begriffen »psychische Erkrankung« oder »psychische Störung« bezeichneten Phänomene weder in fachspezifischen Lehrbüchern noch in den aktuellen diagnostischen Klassifikationssystemen auffindbar ist. Das gängige amtliche Klassifikationssystem ICD-10-GM (2015) fasst »Psychische Störung« als eine klinisch erkennbare Symptomatik. Die dortige Definition verweist jedoch gleichermaßen auf das Ineinandergreifen von Beeinträchtigungen und Belastungen auf individueller und sozialer Ebene, auch deren Ursächlichkeit wird als multifaktoriell angesehen (Lingg / Theunissen 2008, 21). [ 68 ] 2 | 2016 Forum Psychomotorik Gegenwärtig ist von einer steigenden gesellschaftlichen Bedeutung des Phänomens zu sprechen, wobei bislang wenige zuverlässige Daten zur tatsächlichen Prävalenz vorliegen. Neueste Studien (z. B. Jacobi et al. 2004; Mauz / Jacobi 2008) belegen, dass über ein Drittel der Gesellschaft (42,6 %) im Lauf ihres Lebens an einer psychisch bedingten Erkrankung leidet. Aktuelle Zahlen des Psychiatriemoduls (»BELLA-Studie« des Robert-Koch-Instituts zur Verbreitung des Phänomens bei Kindern und Jugendlichen) verweisen auf 21,8 % im Alter zwischen sieben und elf Jahren, die Hinweise auf psychische Auffälligkeiten vorweisen (Ravens-Sieberer et al. 2007, 871). Die Diskussion um eine zutreffende wissenschaftliche Fassung des Phänomens ist aktuell von einer Gegensätzlichkeit der betroffenen Fachdisziplinen geprägt. Das Phänomen psychische Erkrankung umschreibt gemäß der medizinischen Auffassung zumeist übergreifend eine individuelle Schädigung als einen objektiv medizinischen Sachverhalt. Ziel einer Therapie ist die Wiederherstellung von »Normalität«, um perspektivisch Funktionalität des Betroffenen in der Gesellschaft gewährleisten zu können. In den letzten Jahren kann jedoch - im Zusammenhang mit neuen Denk- und Handlungsansätzen zum Thema Chancengleichheit und Inklusion von Menschen mit psychischen und physischen Beeinträchtigungen - von einem Paradigmenwechsel in der wissenschaftlichen Betrachtungsweise des Phänomens (körperliche, geistige und psychische) Krankheit bzw. Behinderung gesprochen werden. Soziologische wie auch (sozial)pädagogische Ansätze lenken den Blick über eine individuumsbezogene, defizitorientierte Engführung hinaus auf die soziale Umwelt der betroffenen Person und verstehen Krankheit sowie ihre Behandlungsbedürftigkeit als eine Folge von Zuschreibung und dementsprechend als weitestgehend sozial konstruiert (Kilian 2012, 936). Ausgangspunkt ist dabei die Annahme, dass die Krankheit im Sinne eines »Andersseins« im Vergleich zum »Normal-Sein« erst in der Relation und in der Interaktion mit der Umwelt entsteht (z. B. Crow 1996, 56) Sport und Bewegung im Rahmen therapeutischer und rehabilitativer Maßnahmen Die moderne Psychiatrie bzw. Psychotherapie bedient sich mittlerweile einem breit gefächerten Spektrum bewegungsorientierter Interventionen. Hölter differenziert hierbei zwischen vier Zielsetzungen, welche sich in jeweils typischen Inhalten und Methoden konkretisieren: allgemeine Aktivierung, Vermittlung von Kompetenzen, bewegungsorientierte Alltagsgestaltung und psychotherapeutische Interventionen (Hölter 2015, 156 ff ). Die Ausgestaltung der Angebote im Rahmen der Kinder- und Jugendpsychiatrie unterscheidet sich zudem in Abhängigkeit von der disziplinären Ausrichtung der Institutionen wie auch dem Genesungsstatus der PatientInnen: Während in stationären Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie meist Bewegungsmaßnahmen mit medizinisch-therapeutischer Ausrichtung wie Sporttherapie, Reittherapie, Tanztherapie oder psychomotorische Förderung vorzufinden sind, integrieren sozialpädagogische Einrichtungen wie Rehabilitationseinrichtungen bzw. Wohngruppen für Jugendliche mit psychischen Erkrankungen eher offene Sport- und Bewegungsangebote in ihr Programm. Weiterer übergreifender Ausgangspunkt für eine Implementierung sportlicher Aktivitäten in die Behandlung von psychischer Erkrankung im Kindes- und Jugendalter ist die Annahme, dass die Betroffenen infolge der Selbsterfahrung als »anders« oder »komisch« und damit einhergehenden Diskriminierungs- und Stigmatisierungserfahrungen in verschiedenen Lebensbereichen (auch im Setting Schulsport oder Vereinssport) über ein geschwächtes Selbstwertgefühl verfügen. Gemäß psychomotorischer Denkweise, die in einer positiven, ganzheitlichen Herangehensweise nicht am »Defekt« eines Individuums, Gegenwärtig ist von einer steigenden gesellschaftlichen Bedeutung des Phänomens zu sprechen. [ 69 ] Böhlke, Müller • Sport- und bewegungsorientierte Projektarbeit 2 | 2016 sondern an dessen Ressourcen ansetzt, sollen durch Bewegung Erlebnisse inszeniert werden, die den Menschen in seiner Persönlichkeit stärken und in einer positiven Weise stabilisierend auf seine Selbstwahrnehmung einwirken (Zimmer 2006, 189). Festzuhalten ist, dass sich der Bereich Sport und Bewegung insgesamt in einem normativ aufgeladenen Spannungsfeld wiederfindet: So soll durch die sportive Praxis eben das erlernt werden, was für die Partizipation am Sport eigentlich vorausgesetzt wird: das Erlernen psycho-sozialer Kompetenzen wie Kommunikationsfähigkeit oder Frustrationstoleranz gilt insbesondere für Jugendliche mit psychischen Erkrankungen als relevant, weswegen nicht nur von therapeutischer Seite gerade dieser Gruppe zum Sporttreiben angeraten wird. Praxisbeispiel: Sport- und bewegungsorientierte Projektarbeit mit psychisch erkrankten Jugendlichen an der Universität Göttingen Das dem vorliegenden Beitrag zugrunde liegende Sport- und Bewegungsprojekt hat sich mittlerweile fest in das Programm des Rehabilitationskonzepts der Einrichtung eingefügt. Grundidee des Projektes ist es, im wöchentlichen Turnus ein eineinhalbstündiges sport- und bewegungsorientiertes Angebot auf »neutralem Terrain« - d. h. außerhalb des sonstigen therapeutischen Kontextes im Hinblick auf die Örtlichkeit und das anleitende Personal - zu schaffen. Die jugendliche Zielgruppe des sport- und bewegungsorientierten Projektes Den Jugendlichen des Projektes ist in erster Linie gemein, dass sie sich in verschiedenen Bereichen des alltäglichen Lebens auf affektiver und psychosozialer Ebene als von der Norm abweichend erleben, was tendenziell zu einer pessimistischen Selbsteinschätzung sowie Hemmungen und Scham führt. Im therapeutischen Kontext nehmen die Jugendlichen überwiegend die Rolle passiver RezipientInnen therapeutischer Maßnahmen ein: Ohne viele Möglichkeiten der Mitentscheidung werden ihnen wichtige Entscheidungen ihres Alltages abgenommen. Diese »erlernte Passivität« äußert sich häufig in Antriebslosigkeit, sodass viele der Jugendlichen auch im Rahmen des Projektes Schwierigkeiten damit haben, Eigeninitiative zu ergreifen. Darüber hinaus zeichnet sich die Gruppe durch eine starke Heterogenität bezüglich ihrer Bewegungsaffinität aus. Die skizzierten Eigenschaften und Besonderheiten der Gruppe stellen den konstitutiven Ausgangspunkt der didaktischen Überlegungen dar. Zielsetzungen und didaktische Überlegungen Das bereitgestellteSport- und Bewegungsangebot versteht sich übergreifend als Maßnahme, dessen Zielsetzung sich vordergründig an sportpädagogischer bzw. psychomotorischer Denkweise orientiert und sich hierbei von therapeutischen Interventionen - im Sinne von am individuellen Krankheitsbild ansetzender »behandelnder« Sporttherapie - distanziert. Ausgehend von einer ganzheitlichen Betrachtungsweise des Menschen zielt das Bewegungskonzept darauf ab, sowohl die körperliche Beschaffenheit der Jugendlichen zu stärken als auch persönlichkeitsfördernde Prozesse anzustoßen. Diesem Ziel folgend wird jedem Neuling mit einer positiven Wertschätzung begegnet und versucht - auf Grundlage des gezeigten Verhaltens innerhalb der Sportgruppe - den individuellen Förderbedarf auszumachen. Dabei wird auf folgende didaktische Grundsätze zurückgegriffen. ■ Zwanglosigkeit und Freiwilligkeit Da die BetreuerIn des Sport- und Bewegungsangebotes nicht in den Kontext des »Reha-Alltags« eingebunden ist, wird sie von den Jugendlichen als (therapie-)externe, aber dennoch vertraute, Eigeninitiative erweist sich als ein gruppenspezifisches Problem. [ 70 ] 2 | 2016 Forum Psychomotorik Spiel- und SportpartnerIn wahrgenommen. Hieraus ergibt sich der didaktische Grundsatz, den Jugendlichen einen geschützten (Bewegungs-) Raum zugänglich zu machen, in welchem sie unter sich sind, jedoch explizit nicht als »Kranke / r« behandelt werden. Das Schaffen einer positiven Atmosphäre ohne Druck und Zwang ist von höchster Priorität: Das Angebot beruht auf »Motivationshilfe«, jedoch ebenso auf Zwanglosigkeit und Freiwilligkeit, sodass den Jugendlichen jederzeit die Möglichkeit zugestanden wird, sich aus dem sportlichen Geschehen zurückzuziehen. ■ Positive Bewegungserlebnisse im »geschützten« Rahmen Die »geschützte Rahmung« des vertrauten sozialen Umfeldes unter Ausschluss »Externer« sowie das Wissen um die niedrigschwellige Erwartungshaltung an das eigene sportmotorische Können bietet den Jugendlichen zusätzliche Sicherheit in Bezug auf ein möglichst unbeschwertes Partizipieren. Unter der Zielsetzung, positive Bewegungserlebnisse zu ermöglichen, wird sich in starkem Maße an den sportlichen Interessen der Jugendlichen selbst orientiert. Das Spektrum der Stundeninhalte ist abwechslungsreich und reicht von verschiedenen Spielsportarten bis hin zu Outdoor-Aktivitäten wie Frisbee, Inlineskaten oder Slacklinen. Um Frustrationserlebnisse einzelner TeilnehmerInnen zu vermeiden, wird weitestgehend auf Wettkampfformen verzichtet: Jedoch äußern die Jugendlichen oft ausdrücklich den Wunsch, gerade Spielsportarten in einem »Gegeneinander« auszutragen. Beispiele aus der Praxis: Inszeniert werden i. d. R. spielerische Wettkampfformen, die weniger auf sport- und dafür mehr auf spielspezifische Fertigkeiten abheben bzw. mehrere »Erfolgsvariablen« miteinander kombinieren: So geht es beim Spiel »der schiefe Turm von Pisa« darum, möglichst schnell möglichst viele Schaumstoffklötze in die eigene Ecke zu transportieren (Erfolgsvariable motorische Fähigkeiten); gewonnen hat jedoch die Mannschaft, die einen möglichst hohen Turm erbaut (Erfolgsvariable kreative Fähigkeiten). Das sportspielerische »Gegeneinander« ist auf Chancengleichheit ausgelegt. So wird z. B. mit »Zonierungen« des Spielfeldes gearbeitet (gleichstarke GegnerInnen spielen in einer Zone des Spielfeldes gegeneinander) oder bei Torschussspielen mit verschiedenen »Toren«, sodass jeder die Chance hat, ein Tor zu erzielen. Auch werden Spiele realisiert, in denen das »Miteinander« statt des »Gegeneinanders« in den Vordergrund rückt: Ein Beispiel dafür ist »Riesenhandball« (angelehnt an das klassische Handballspiel), was mit einem großen Gymnastikball gespielt wird und dessen schwierige Handhabbarkeit zu lustigen Gruppenerlebnissen führt. ■ Begegnung von Antriebslosigkeit Obwohl die Mehrheit Sporttreiben und Sich-Bewegen generell positiv konnotiert, bleiben die Jugendlichen - zumeist aufgrund von Misserfolgserlebnissen und Befürchtungen von Stigmatisierungen und Diskriminierungen - dem organisierten Freizeitsport fern. Für Sport- und Bewegungsaktivitäten im informellen Rahmen fehlt es zudem oft an Eigeninitiative, SozialpartnerInnen und adäquaten Umsetzungsmöglichkeiten. So zeigen sich auch diejenigen Jugendlichen, die vor ihrer Erkrankung als sehr sportaffin und dem Handlungsfeld Sport zugewandt bezeichnet werden können, als weitestgehend sportabstinent. In Hinblick auf die bereits benannte Antriebslosigkeit, welche sich übergreifend auf nahezu jeden Bereich ihres gegenwärtigen Lebens zu erstrecken scheint, stellt eine weitere Zielsetzung das Aufbrechen dieser dar. Sporttreiben bedeutet für die Jugendlichen zunächst eine Tätigkeit, die mit Anstrengung und Selbstdisziplin - der Überwindung des »inneren Schweinehundes« - verbunden ist. Auch für die Partizipation an diesem Sport- und Bewegungsprojekt bedarf es eines gewissen Grads an Eigeninitiative, sofern den Jugendlichen vom therapeutischen Personal zwar nachdrücklich zur Teilnahme an diesem Projekt geraten wird, es letztendlich jedoch in der individuellen Entscheidung der Jugendlichen liegt, sich »aufzuraffen«, um das Angebot Das Schaffen einer positiven Atmosphäre ohne Druck und Zwang ist von höchster Priorität. [ 71 ] Böhlke, Müller • Sport- und bewegungsorientierte Projektarbeit 2 | 2016 wahrzunehmen. In Bezug auf das (Teil)Ziel werden in dem hier genutzten Medium Sport besondere Potenziale gesehen, da die »eigentliche« Lust an der Bewegung eine niedrigschwellige Ausgangslage bietet, die Jugendlichen zum Aktiv-Werden zu bewegen: Alle Jugendlichen erleben sich als gleichermaßen verantwortlich für die inhaltliche Stundenplanung und einen gelingenden Ablauf der Bewegungszeiten. Die ihnen zugewiesene Aufgabe stellt sich für die Jugendlichen als Chance dar, (Stunden-)Inhalte auszuhandeln - d. h. in Kommunikation miteinander zu treten - und sich zu positionieren sowie ihre individuellen Präfenzen (unter Moderation der AnleiterIn) zu vertreten. Bei auftretenden Meinungsverschiedenheiten oder Interessenskonflikten werden die Jugendlichen dazu angeleitet, sich eigene Lösungswege auszudenken und auszuführen. So erleben sich die Jugendlichen als aktive MitgestalterInnen des Sport- und Bewegungsangebots. Beispiel aus der Praxis: Während sportiver Großereignisse (bspw. Olympische Spiele) gestalten die Jugendlichen selbst ihr »Sportfest«: In Kleingruppen bekommen sie die Aufgabe zugeteilt, einfache Spiele in Anlehnung an verschiedene Disziplinen (bspw. Leichtathletik, Skispringen, Bobfahren) zu entwerfen, was Absprache und Kreativität verlangt. Eigene Beobachtungen zur Entwicklung der Jugendlichen Im Folgenden werden konkrete Entwicklungsverläufe innerhalb des Sportprojektes dargestellt. An dieser Stelle sei erwähnt, dass die Ausführungen allein auf den Beobachtungen der AnleiterIn beruhen und es sich daher um subjektive Wahrnehmungen und keineswegs um empirisch überprüfte »Wirkzusammenhänge« handelt. Zu Beginn des Projektes stießen die Spiel- und Sportangebote bei den Jugendlichen vermehrt auf Zurückhaltung. Nur wenige Jugendliche brachten sich engagiert in die Sport- und Bewegungsstunden ein, einige bevorzugten es, die Sportstunde auf der Bank zu verbringen. Mit zunehmender Dauer konnte jedoch eine verstärkte Beteiligung der Jugendlichen wahrgenommen werden und auch die Rückmeldungen der Jugendlichen wurden zunehmend positiver. Das Sport- und Bewegungsprojekt wurde - so die Aussagen vieler MitarbeiterInnen der Rehabilitationseinrichtung - für zahlreiche Jugendliche »zu einem Thema«: Sie unterhielten sich über das Projekt, reflektierten eigenständig über einzelne Spielsituationen, diskutierten Gestaltungsentwürfe für die kommenden Stunden etc. In der Folge brachten immer mehr Jugendliche eigene Ideen bzw. Spielvorschläge und -modifikationen ein. So zeigten sie insbesondere Freude daran, sich kreativ Spiele auszudenken oder als ExpertIn »ihrer« Sportart die anderen anzuleiten. Infolge einer schrittweisen Entwicklung einer gemeinschaftlichen Atmosphäre konnten zudem eine zunehmend lockere Interaktion zwischen den Jugendlichen und der AnleiterIn sowie den Jugendlichen untereinander festgestellt werden. Darüber hinaus verbesserten sich die physischen Kompetenzen vieler Jugendlicher: Zahlreiche Jugendliche verwiesen in den Reflexionsgesprächen auf eine gesteigerte »Grundfitness«. In dem Wissen um diese Fortschritte, auf die die Jugendlichen stetig aufmerksam gemacht wurden und sie weiter bestärkten, agierten die Jugendlichen mit gesteigertem Selbstbewusstsein in sportbezogenen Einzel- und Gruppensituationen. Die Bereitschaft, sich neuen bzw. herausfordernden und damit für sie »unsicheren« Situationen zu stellen, nahm zu und die Angst vor Fehlern und Misserfolgen rückte offenbar in den Hintergrund. Diese Beobachtungen lassen im Sinne der psychomotorischen Grundannahmen (u. a. Zimmer 2006) auf ein scheinbar positiv gewachsenes Bild der eigenen sportlichen Fähigkeiten schließen. Dadurch, dass sie die AnleiterIn offenbar als wohlwollende und unterstützende Personen wahrnahmen und deren Anforderungen an sie besser einschätzen konnten, wussten sie zudem, was sie im Sportprojekt erwartet. Dieses Wissen hatte für sie eine scheinbar ent- Mit zunehmender Dauer konnte eine verstärkte Beteiligung der Jugendlichen wahrgenommen werden. [ 72 ] 2 | 2016 Forum Psychomotorik lastende Wirkung. Die regelmäßige Teilnahme an diesem Angebot wurde für sie zunehmend zum selbstverständlichen, akzeptierten und positiv konnotierten Bestandteil ihres Alltages. Literatur Cockerham, W. C. (2003): Sociology of Mental Disorder. 6. Aufl. Prentice Hall, Upper Saddle River Crow, L. (1996): Including All of Our lives: Renewing the Social Model of Disability. In: Barnes, C., Mercer, G. (Eds.): Explorimg the Devide: Illness and Disability. The Disability Press.nd, Leeds, 53-73 Hölter, G. (2015): Psychische Erkrankungen und bewegungsorientierte Interventionen. In: Wegner, M., Scheid, V., Knoll, M. (Hrsg.): Handbuch Sport und Behinderung. Hofmann, Schorndorf Jacobi, F., Wittchen, H.-U., Hölting, C., Höfler, M., Pfister, H., Müller, N., Lieb R. (2004): Prevalence Cormorbidity an Correlates of Mental Disorders in the General Population: Results from the German Health Interview an Examination Survey (GHS). Psychological Medicine, 34 (4), 597-611. In: http: / / dx.doi.org/ 10.1017/ S0033291703001399 Kilian, R. (2012): Psychische Krankheit als soziales Problem. In: Albrecht, G., Groenemeyer, A. (Hrsg.): Handbuch soziale Probleme. Bd. 2. 2. überarb. Aufl. Springer VS, Wiesbaden, 924-957. In: http: / / dx.doi.org/ 10.1007/ 978-3-531-94160-8_22 Lingg, A., Theunissen, G. (2008): Psychische Störungen und Geistige Behinderungen. Ein Lehrbuch und Kompendium für die Praxis. Lambertus-Verlag, Freiburg Mauz, E., Jacobi, F. (2008): Psychische Störungen und soziale Ungleichheit im Geburtskohortenvergleich. Psychiatrische Praxis 35 (7), 343-352. In: http: / / dx.doi.org/ 10.1055/ s-2008-1067557 Ravens-Sieberer, U., Wille, N., Bettge, S., Erhart, M. (2007): Psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Ergebnisse aus der BELLA-Studie im Kinder- und Jugendgesundheitssur vey (KiGGS). Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 50 (5-6), 871-878. In: http: / / dx.doi. org/ 10.1007/ s00103-007-0250-6 Zimmer, R. (2006): Psychomotorik. In: Haag, H., Strauß, B. (Hrsg): Themenfelder der Sportwissenschaft. Hofmann, Schorndorf, 187-203 Die AutorInnen Nicola Böhlke M.A. Sportwissenschaften, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sportwissenschaften an der Georg-August-Universität Göttingen. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Umgang mit Diversität (Disability) im Setting Sport und Bewegung, Psychomotorik sowie Qualitative Methoden. Johannes Müller M.A. Sportwissenschaften, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sportwissenschaften an der Georg-August- Universität Göttingen. Seine Forschungsschwerpunkte sind Sport und soziale Ungleichheit, Außerschulischer Jugendsport, Sport und Gender sowie Qualitative Methoden. Kontakt Nicola Böhlke, Johannes Müller Institut für Sportwissenschaften Sprangerweg 2 D-37075 Göttingen nicola.boehlke@sport.uni-goettingen.de johannes.mueller@sport.uni-goettingen.de