eJournals motorik40/4

motorik
7
0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2017.art30d
7_040_2017_4/7_040_2017_4.pdf101
2017
404

Exekutive Funktionen und Psychomotorik

101
2017
Carmen Deffner
Sonja Quante
Laura Walk
Die Fähigkeit, sich selbst zu steuern, ist grundlegend für sozial-emotionales Verhalten, Erfolg in Schule und Beruf sowie für Gesundheit und Lebensbewältigung. Die Psychomotorik hat den Anspruch, die Handlungskompetenz des Kindes zu stärken. So kann das Wissen zur Entwicklung, Bedeutung und Förderung der exekutiven Funktionen (EF) – als Basis für Selbstregulation – dem Psychomotoriker dazu dienen, sein Angebot entsprechend zu reflektieren und zu erweitern. Anhand nachweislich wirksamer Prinzipien der EF-Förderung zeigt dieser Beitrag auf, inwieweit sich diese in der Psychomotorik wiederfinden, bzw. wie sie für die psychomotorische Förderung nutzbar gemacht werden können. Als Beispiel für eine alltagsintegrierte Förderung der EF wird abschließend das Kindergartenkonzept EMIL vorgestellt.
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Zusammenfassung / Abstract Die Fähigkeit, sich selbst zu steuern, ist grundlegend für sozial-emotionales Verhalten, Erfolg in Schule und Beruf sowie für Gesundheit und Lebensbewältigung. Die Psychomotorik hat den Anspruch, die Handlungskompetenz des Kindes zu stärken. So kann das Wissen zur Entwicklung, Bedeutung und Förderung der exekutiven Funktionen (EF) - als Basis für Selbstregulation - dem Psychomotoriker dazu dienen, sein Angebot entsprechend zu reflektieren und zu erweitern. Anhand nachweislich wirksamer Prinzipien der EF-Förderung zeigt dieser Beitrag auf, inwieweit sich diese in der Psychomotorik wiederfinden, bzw. wie sie für die psychomotorische Förderung nutzbar gemacht werden können. Als Beispiel für eine alltagsintegrierte Förderung der EF wird abschließend das Kindergartenkonzept EMIL vorgestellt. Schlüsselbegriffe: Selbstregulation, exekutive Funktionen, sozialemotionale Kompetenz, Neurowissenschaften, EMIL, Psychomotorik Executive functions and the psychomotor concept - Promoting self-regulation from a neuroscientific perspective The ability to regulate ones own emotions is fundamental to socioemotional behavior, school and job performance as well as health and coping with life. Psychomotricity intends to strengthen a child’s competence. Know how of the development, significance and promotion of executive functions (EF) - as the basis for self-regulation - may help the psychomotor therapist to reflect and expand interventions. Using case examples, the article demonstrates to what extent the EF findings are already reflected in psychomotor interventions and how this could be useful for psychomotor programs. Key words: self regulation, executive functions, socio-emotional competence, neurosciences, EMIL, Psychomotoricity [ 189 ] motorik, 40. Jg., 189-196, DOI 10.2378 / motorik2017.art30d © Ernst Reinhardt Verlag 4| 2017 [ FACHBEITRAG ] Exekutive Funktionen und Psychomotorik Stärkung der Selbstregulationsfähigkeit aus neurowissenschaftlicher Sicht Carmen Deffner, Sonja Quante, Laura Walk Im Laufe seiner Entwicklung zeigt das Kind, dass es sich mit zunehmendem Alter immer besser kontrollieren und willentlich steuern kann. Die Neurowissenschaften haben in den letzten Jahren mit ihren Studien zu den exekutiven Funktionen Erkenntnisse über die Hintergründe und Einflüsse dieser Entwicklung hervorgebracht, die für die Gestaltung pädagogischer Prozesse von hoher Bedeutung sind (Huizinga et al. 2006). Im Fachdiskurs der Psychomotorik werden die EF bisher nur vereinzelt erwähnt (z. B. Schlink/ Fischer 2012) und die Erkenntnisse der Neurowissenschaften nur selten als Erklärungsansatz herangezogen. Dabei ermöglicht fundiertes Wissen über die Entwicklung, Bedeutung und Förderung exekutiver Funktionen es, die psychomotorische Praxis und kindliche Verhaltensweisen aus neuer Perspektive zu sehen und zu verstehen sowie bisherige Ansätze zur Strukturierung von Angeboten und zur Begleitung von Kindern mit Blick auf die Förderung von Selbstregulation zu erweitern. Definition und Entwicklung der Exekutiven Funktionen Die im präfrontalen Cortex (PFC) lokalisierten exekutiven Funktionen (EF) stellen wichtige Steuerungsfunktionen des Menschen dar, gleichsam einem Piloten im Cockpit. So ist das Frontalhirn für alle willentlich informationsverarbeitenden Prozesse und deren zielgerichtete Umsetzung unerlässlich. EF ermöglichen selbstreguliertes [ 190 ] 4| 2017 Fachbeiträge aus Theorie und Praxis Verhalten, d. h. einen kontrollierten und situationsangemessenen Umgang mit den eigenen Gefühlen-, Gedanken und Handlungen (Blair 2016). Das Arbeitsgedächtnis, die Inhibition (Hemmung) und die kognitive Flexibilität stellen drei Komponenten des exekutiven Systems dar (Miyake et al. 2000). EF entwickeln sich über einen langen Zeitraum: Während in der frühen Kindheit ein deutlicher Entwicklungsspurt zu verzeichnen ist (Best / Miller 2010), geht die Entwicklung im weiteren Verlauf etwas langsamer vonstatten, weitestgehend abgeschlossen ist sie im frühen Erwachsenenalter (Davidson et al. 2006). Aber auch darüber hinaus sind die EF bis ins hohe Alter trainierbar (Diamond 2016). Das Arbeitsgedächtnis (AG) speichert Informationen temporär und verarbeitet diese weiter. Es gleicht einem mentalen Notizblock, der im Alltag beispielsweise beim Regelmerken oder Planen von mehrschrittigen Handlungsabsichten sowie bei komplexeren Leistungen wie dem Erlernen einer Sprache zum Einsatz kommt. Eine deutliche Entwicklung des AG wird ab dem dritten Lebensjahr sichtbar: Den meisten Kindern gelingt es dann, zwischen zwei Regeln zu unterscheiden oder zwei Arbeitsaufträge sicher auszuführen. Ab dem Grundschulalter kann das Kind dann schon drei oder vier Elemente memorieren (Davidson et al. 2006). Die Inhibition (= Hemmung) (INH) beschreibt die Fähigkeit, spontanen, im ersten Moment naheliegenden Handlungsimpulsen zu widerstehen und Störreize auszublenden. Sie ist wie ein mentales Stoppschild und ermöglicht Fokussierung. Damit unterstützt die INH angemessenes und zielgerichtetes Verhalten und stellt eine Grundlage für die Regulation von Emotionen dar (Huizinga et al. 2006). Inhibitorische Kontrolle ist schon für junge Kinder möglich, wenn auch schwierig. Im Alter von 3-4 Jahren entwickelt sich die INH rasant. Im Alter von 5-8 Jahren ist die Verbesserung der Inhibitionsleistung erkennbar: in Testsituationen zeigen die Kinder eine deutlich höhere Antwortgenauigkeit bei geringerer Reaktionszeit (Best/ Miller 2010). Die kognitive Flexibilität (FLEX) bezeichnet die Fähigkeit, sich auf neue Anforderungen einzustellen und außerhalb gewohnter Verhaltensmuster agieren zu können sowie Probleme aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten bzw. zwischen diesen zu wechseln. Die FLEX entwickelt sich im Vergleich zu den anderen beiden Komponenten langsamer (Davidson et al. 2006). Sich auf den Wechsel zwischen zwei Regeln einzustellen, gelingt selbst Dreijährigen auf der Verhaltensebene kaum, auch wenn sie die Regel kognitiv verstanden haben. Etwas ältere Kinder meistern den Wechsel besser, sofern dieser nicht zu schnell und unerwartet geschieht. Im Vorschulalter sind Kinder besser in der Lage, sich ohne viel Vorlaufzeit spontan an Veränderungen anzupassen (Diamond 2002). Ein bedeutsamer Aspekt der FLEX ist die Perspektivenübernahme. Um sich in die Perspektive einer anwesenden oder gedachten Person hineinzuversetzen, muss die eigene Sichtweise für den Moment inhibiert und im AG aufrechterhalten werden, während andere Sichtweisen aktiviert werden (Diamond 2016). Demzufolge stellt dieser Aspekt ebenfalls eine wichtige Voraussetzung für empathisches und soziales Handeln dar. Die Fähigkeit zum Perspektivwechsel entwickelt sich ab dem vierten Lebensjahr und festigt sich bis zur Einschulung. Bedeutung der EF Zahlreiche Studien belegen die weitreichende Bedeutung der EF hinsichtlich psychischer und physischer Gesundheit (z. B. Moffit et al. 2011), akademischer Leistung und Schulerfolg (z. B. Duckworth / Seligman 2005), sozialer Kompetenz sowie positiver Lebensbewältigung (z. B. Trentacosta / Shaw 2009). So konnten Moffit und Kollegen (2011) in ihrer groß angelegten, über 40 Jahre dauernden Längsschnittstudie mit 1.000 neuseeländischen Kindern zeigen, dass unabhängig von IQ und sozialer Herkunft die Probanden im Erwachsenenalter umso gesünder, finanziell bessergestellt, gebildeter, sel- Das Arbeitsgedächtnis, die Inhibition und die kognitive Flexibilität stellen die drei Komponenten des exekutiven Systems dar. [ 191 ] Deffner, Quante, Walk • Exekutive Funktionen und Psychomotorik 4| 2017 tener straffällig und substanzabhängig sind, je besser ihre EF in der Kindheit entwickelt waren. Dazu verfügen sie über stabilere Familienverhältnisse, Freundschaftsbeziehungen und gesündere Lebensweisen (Moffit et al. 2011). In die gleiche Richtung weisen die Erkenntnisse des Psychologen Walter Mischel (2011). Der von ihm entwickelte Marshmallow-Test prüft die Fähigkeit zum Belohnungsaufschub (Delay of Gratification). Mischel stellte fest, dass diejenigen, die mit vier Jahren ihr Bedürfnis (eine Süßigkeit sofort zu essen) länger aufschieben konnten, zehn Jahre später fließender sprachen, vernünftiger argumentierten, sich besser konzentrierten, vorausschauender dachten und bei Stress weniger unorganisiert reagierten. Je länger die Kinder dem Reiz widerstehen konnten, desto erfolgreicher und gesünder waren diese als Erwachsene (Mischel et al. 2011). Kinder, denen dies gelingt, nutzen vielfältige kognitive (auf den EF beruhende) Strategien, die es ihnen ermöglichen, sich von einem dargebotenen Reiz zu distanzieren (Moffit et al. 2011). Die Fähigkeit zum Belohnungsaufschub wird auch mit weitreichenden Konsequenzen für das soziale Miteinander diskutiert, denn geringe Selbstkontrollfähigkeit führt u. a. zu sozialer Exklusion (Stenseng et al. 2015). Jungen, die sich im frühen Kindesalter besser regulieren können, erfahren in der mittleren Kindheit weniger Ablehnung durch Gleichaltrige und zeigen im Jugendalter weniger delinquentes Verhalten (Trentacosta / Shaw 2009). Wer seine Emotionen besser im Griff hat, kommt auch in der Schule besser zurecht. Kinder mit gut entwickelten exekutiven Funktionen reagieren auf frustrierende Erlebnisse mit weniger aggressivem Verhalten und zeigen sich im Umgang mit ihren Klassenkameraden sozialer. Exekutive Funktionen gelten hinsichtlich der Schulreife nicht nur im Hinblick auf das Bewältigen sozialer und emotionaler Situationen als wichtiger Prädiktor, sondern beispielsweise auch in Bezug auf die Entwicklung der (Vorläufer-)Fähigkeiten des Schriftspracherwerbs und mathematischer Grundfertigkeiten (Bierman et al. 2008). Neben den akademischen Leistungen zeigen Schüler mit weit entwickelten EF deutlich positiveres Lernverhalten: Sie haben weniger unentschuldigte Fehltage, beginnen früher mit den Hausaufgaben, bearbeiten diese zeitlich effektiver und sehen weniger fern (Duckworth / Seligmann 2005). Förderung der EF EF sind trainierbar, und zwar vom Kleinkindbis in das hohe Erwachsenenalter (Diamond 2016). Verschiedene Ansätze, kognitive als auch körperlich orientierte, haben sich als wirksam erwiesen: Dazu gehören spezielle Computertrainings, Tae Kwon Do, Yoga und Achtsamkeitstraining sowie akute körperliche Aktivität, Ausdauertraining und eine gesteigerte körperliche Fitness (Diamond / Lee 2011). Als erfolgreich haben sich auch Kindergarten- oder Schulkonzepte wie z. B. PATHS (Domitrovich et al. 2007) und das unter anderem auf Rollenspiel basierende Tools of the Mind (Bodrova et al. 2007) oder auch der montessoripädagogische Ansatz erwiesen (Lillard / Else-Quest 2006). Prinzipien der Förderung Welche Art von Förderung hilft wem unter welchen Bedingungen am meisten? Auch wenn hier noch Forschungsbedarf besteht, geben die bisher durchgeführten Studien Hinweise darauf, wie eine EF-Intervention angelegt sein muss, um Erfolg versprechend zu sein. In Anlehnung an den Übersichtsartikel von Diamond und Ling (2016) werden hier die wesentlichen und für den psychomotorischen Kontext relevanten Wirkfaktoren aufgezählt): 1. Don’t just train the test! In der Regel wird nur das gelernt, was auch geübt wurde. Transfereffekte sind, wenn überhaupt, nur sehr gering. Um breiter angelegte Fortschritte zu erzielen, müssen die EF in un- Exekutive Funktionen sind trainierbar, und zwar vom Kleinkindbis in das hohe Erwachsenenalter. [ 192 ] 4| 2017 Fachbeiträge aus Theorie und Praxis terschiedlichen und komplexen Situationen trainiert werden. 2. Übung macht den Meister! Das menschliche Gehirn lernt durch Wiederholung. Das gilt auch für das Erlernen von EF und Selbstregulation (SR): In der Regel zeigen sich größere Effekte, je länger und häufiger geübt wurde. 3. Bloß kein Stress! Wie ein Muskel, der nach einer Trainingseinheit eine Regenerationsphase benötigt, brauchen auch die EF Pausen. Denn die EF sind stressanfällig und relativ schnell ermüdbar. 4. Go to the limit! Damit das Üben von EF und SR zum Erfolg führt, brauchen Kinder Herausforderungen. Vygotsky (1978) hat dafür den Begriff der »Zone der nächsten Entwicklung« geprägt. Diese zeigt an, was der nächste selbstständige Schritt ist und was aktuell mit etwas Unterstützung erreicht werden kann. Wichtig ist, dass kein Kind über- oder unterfordert wird. 5. Die Schwächsten profitieren am meisten! In der Regel sind es die Kinder mit den am geringsten entwickelten EF, die den größten Gewinn durch eine Förderung haben - auch wenn sich diese nicht speziell an die Schwächsten richtet, sondern für alle Kinder einer Einrichtung konzipiert ist. 6. Auf das »Wie« kommt es an! Die Persönlichkeit des Leiters und die Art, wie Aktivitäten präsentiert und angeleitet werden, haben einen großen Einfluss auf den Erfolg von Fördermaßnahmen. Bewegung ja, aber wie? Es ist bekannt, dass Bewegung kognitive Prozesse begünstigt (Best/ Miller 2010). Körperliche Aktivität verbessert die Durchblutung im Gehirn und trägt zur Bildung des sogenannten neurotrophen Wachstumsfaktors BDNF bei, der den Schutz und das Wachstum von Nervenzellen sowie die Bildung von Synapsen begünstigt (Dishman et al. 2006). Körperliches Training fördert so auch die Entwicklung und Funktionsweise der EF, auch wenn abgesehen von der Wirkung akuter Belastung noch wenig über die genauen Wirkmechanismen bekannt ist. Es gibt Hinweise darauf, dass sich verschiedene Arten von Bewegung (z. B. Krafttraining, Ausdauertraining, Yoga) in unterschiedlicher Weise auf Gehirnfunktionen auswirken und nicht jedes Training alle Teilaspekte der EF erreicht. Der Effekt von länger andauernden Bewegungsprogrammen auf die EF hängt u. a. davon ab, ob diese kognitive Komponenten enthalten (z. B. Moreau et al. 2015). »Kopflose« körperliche Aktivität zeigt nur relativ begrenzte Effekte (vgl. Diamond / Ling 2016). Es ist also empfehlenswert, Bewegungsangebote mit kognitiven Anteilen zu verbinden, um AG, INH und FLEX zu fördern (Kubesch et al. 2009). EMIL - ein alltagsintegriertes Kindergartenkonzept Der Kindergarten bietet ein ideales Feld für eine frühe und alltagsintegrierte Förderung der EF und SR auf der Grundlage der oben beschriebenen Kriterien. Im deutschsprachigen Raum bildet das alltagsintegrierte Kindergartenkonzept »EMIL« das erste evaluierte Konzept dieser Art (Evers et al. 2014; nähere Informationen zum Konzept: Quante et al. 2016; Baden-Württemberg Stiftung). EMIL qualifiziert pädagogische Fachkräfte, die EF und die SR von 3-6jährigen Kindern zu stärken und diese zu befähigen, ihre Gefühle, Gedanken und ihr Verhalten im Dienste längerfristiger Ziele zunehmend besser steuern zu können. Das EMIL-Konzept bezieht sich in der Umsetzung auf vier zentrale Aspekte pädagogischen Handelns (Abb. 1): (1) Haltung, (2) Dialog und Interaktion, (3) Strukturen und (4) pädagogische Angebote. Auf allen Ebenen können die sogenannten »Kleinen Helferlein« unterstützend eingesetzt werden. Die Aspekte pädagogischen Handelns lassen sich auch in anderen pädagogischen Kontexten als Reflexionshilfe nutzen, u. a. in der Psychomotorik. Deshalb sollen diese hier ausführlicher dargestellt und mit Beispielen aus der psychomotorischen Praxis unterlegt werden. Haltung Kinder widmen sich einer Aktivität, wenn diese ihnen Freude bereitet, sie positive Bestärkung [ 193 ] Deffner, Quante, Walk • Exekutive Funktionen und Psychomotorik 4| 2017 erfahren und sie sich dabei als selbstwirksam und sozial eingebunden erleben (Diamond / Lee 2011). So ist es für die Stärkung der EF zentral, die psychischen und physischen Bedürfnisse der Kinder zu berücksichtigen (Diamond 2016), ihnen die eigenständige Bewältigung von Herausforderungen zuzutrauen und sie immer wieder zu ermutigen, ihre Ziele ausdauernd zu verfolgen. Hier haben pädagogische Fachkräfte nicht nur die Aufgabe, passende Impulse zu setzen und die Kinder feinfühlig zu begleiten, sondern ihnen kommt auch eine wichtige Vorbildfunktion zu. Dialog und Interaktion Die wenigen vorliegenden Studien zum Zusammenhang von EF und Interaktionsverhalten (z. B. Choi et al. 2016) deuten darauf hin, dass insbesondere Kinder, die über schlechtere EF verfügen, von emotionaler Unterstützung mit hoher Sensitivität und einem Klima profitieren, das auf Aggressivität verzichtet. Mit Blick auf die Förderung und Entwicklung der EF geht es darum, das Denken des Kindes durch Impulse, Fragen oder Hinweise in einer Form anzuregen, die das Kind zum Weiterdenken und eigenständigen Lösen der Fragestellung anregt (Sustained Shared Thinking: u. a. Sylva et al. 2004). Im Dialog ein Problem zu lösen oder eine Geschichte weiterzuentwickeln, ist auch zentraler Bestandteil psychomotorischen Arbeitens. Durch offene W-Fragen, systemische Fragen und Impulse, die zum Forschen und Spekulieren anregen, werden die EF beansprucht. Damit Dialogpartner aufeinander Bezug nehmen können, ist Perspektivwechsel gefragt und das Antizipieren dessen, was das Gegenüber mitteilen will. Inhibitorische Kontrolle übt das Kind beispielsweise, wenn es den Gesprächspartner ausreden lässt, ohne gleich mit seinen eigenen Gedanken und Formulierungen herauszuplatzen. Im Rahmen der Psychomotorik bietet u. a. die anfängliche Besprechungsrunde ein wichtiges Übungsfeld für diese EF-förderliche Art der Kommunikation. Strukturen Nach Maria Montessori sorgt die äußere Ordnung für die innere Ordnung des Kindes (Montessori 2000). Im Chaos und umgeben von vie- Abb. 1: Das EMIL- Konzept [ 194 ] 4| 2017 Fachbeiträge aus Theorie und Praxis len Reizen können sich Kinder nur schwer selbst regulieren. Ihre EF sind schnell erschöpft, was wiederum impulsives und unkontrolliertes Verhalten zur Folge haben kann (z. B. Baumeister 2003). Übersichtlichkeit und eine klare Strukturierung von z. B. Abläufen und der Umgebung fördern dagegen selbstreguliertes Verhalten (z. B. Bauer et al 2017). So macht es Sinn, die räumlichen und zeitlichen Strukturen, die Gruppenorganisation sowie die gelebten Regeln und Rituale im Hinblick auf die dadurch ermöglichte SR der Kinder zu reflektieren und zu optimieren. Bei der Darbietung von Material ist es hilfreich, wenn Kinder selbsttätig darauf zugreifen können, ohne dass die Auswahl sie überfordert. Während manche, die sich in der SR noch schwer tun, mit der Wahl zwischen 2-3 Materialien gut bedient sind, kann es für andere sinnvoll sein, das komplette Materialangebot frei zugänglich zu machen, um auch komplexe Spielthemen und Aufbauten zu ermöglichen. Auch klare Regeln erleichtern es Kindern, sich selbstreguliert zu verhalten (z. B. Taylor 2011). Es geht dabei nicht um strikte Vorgaben, sondern darum, in einem verlässlichen nachvollziehbaren Rahmen möglichst viel Raum für eigentätiges und selbstreguliertes Tun zu schaffen. Pädagogische Angebote Auf Grundlage bisheriger Interventionsstudien setzt das EMIL-Konzept den inhaltlichen Schwerpunkt auf die Bereiche Bewegung, Themen- und Rollenspiel sowie Achtsamkeit und Entspannung. Darüber hinaus werden die pädagogischen Fachkräfte angeregt, alle Angebote und Situationen im Tagesablauf daraufhin zu prüfen, inwieweit sie geeignet sind, die EF zu stärken und diese ggf. entsprechend anzupassen. So eignen sich beispielsweise auch zahlreiche alte Kinderspiele («Alle Vögel fliegen hoch«), verschiedene Tisch- und Gesellschaftsspiele sowie musikalische und kreativ künstlerische Tätigkeiten zur Förderung der EF. Besonders im begleiteten Rollenspiel sind Kinder gefordert, gemeinsam zu planen, was für das Spiel gebraucht wird, wer welche Rolle einnimmt und wie das Spiel gestaltet werden soll (Thibodeau et al. 2016). Achtsamkeitsübungen sowie kleine Entspannungsrituale tragen zur Erholung der EF bei und unterstützen auch direkt die Fähigkeit zur SR. Die Aufmerksamkeit auf das Hier und Jetzt zu richten und achtsam mit dem eigenen Körper umzugehen, wirkt negativ erlebtem Stress und Angst entgegen. Längerfristig lernen Kinder auf diese Weise, bei Aufregung und Stress sich selbst zu regulieren und bei Problemen gelassener zu bleiben (z. B. Zelazo / Lyons 2012). Das Konzept der Psychomotorik verbindet genau die zentralen Elemente Bewegung, Achtsamkeit/ Entspannung und begleitetes Themen- / Rollenspiel, die sich für die Förderung der EF als Erfolg versprechend herausgestellt haben und fokussiert dabei gleichzeitig auf eigentätiges selbstreguliertes Tun (Deffner 2017). Kleine Helferlein Manchmal benötigen Kinder Unterstützung, wenn sie eine Herausforderung noch nicht alleine bewältigen können (»Scaffolding«). Statt ihnen schwierige Tätigkeiten abzunehmen, können auch in der Psychomotorikstunde kleine Hilfsmittel - sogenannte »Kleine Helferlein« - dazu beitragen, dass Kinder den Sprung in die eigenständige Bewältigung schaffen (Bodrova / Leong 2007). So erleichtern beispielsweise Sitzkissen in der Besprechungsrunde das Sitzenbleiben und Zuhören. Visualisieren Kinder ihre Pläne (z. B. wo etwas gebaut werden soll) durch Aufmalen oder legen Markierungen im Raum, wird ihr AG unterstützt. Ein vereinbartes Zeichen (Gong, Musik) kündigt das Beenden der jeweiligen Spielphase an. Und ein schweres Sandsäckchen erleichtert es den Kindern, in der Entspannungsphase zur Ruhe zu kommen. Kleine Unterstützungsmaßnahmen dieser Art entlasten die EF und können vorübergehend eine Hilfe zur SR darstellen. Wenn die Kinder die mit der Hilfe unterstützte Verhaltensweise internalisiert haben, kann auf das Hilfsmittel verzichtet werden. Eine klare Strukturierung von Abläufen und der Umgebung fördern selbstreguliertes Verhalten. [ 195 ] Deffner, Quante, Walk • Exekutive Funktionen und Psychomotorik 4| 2017 Fazit Die Psychomotorik mit ihrer Schwerpunktsetzung auf Bewegung, begleitetem (Rollen-)spiel und Entspannung bietet einen optimalen Rahmen, um EF und SR zu fördern. Dazu tragen nicht nur die inhaltliche Ausrichtung, sondern auch die dialogische Beziehungsgestaltung und der Fokus auf selbsttätiges Handeln bei. Mögliche positive Auswirkungen der Psychomotorik auf die sozialemotionale und kognitive Entwicklung könnten durch die Stärkung der EF vermittelt sein. Empirische Belege für diesen Zusammenhang und die Wirksamkeit der Psychomotorik bezüglich EF und SR stehen allerdings noch aus. Studien zeigen, dass von der Förderung der EF insbesondere benachteiligte Kinder profitieren (Diamond / Lee 2011). Insofern ist anzunehmen, dass die psychomotorische Intervention durch die Stärkung der EF einen Beitrag zu größerer Chancengleichheit leisten könnte. Für PraktikerInnen bietet das Wissen um die EF die Chance, das Verhalten von Kindern besser zu verstehen und ihnen geeignete Unterstützung anzubieten. Für diesen Zweck wäre es hilfreich, den Aspekt »Selbstregulation« auch in das diagnostische Repertoire der Psychomotorik aufzunehmen und hierfür geeignete Beobachtungsinstrumente zu entwickeln. Vor dem Hintergrund der großen Bedeutung der EF für Bildung, Gesundheit und Lebenserfolg bleibt zu hoffen, dass die Psychomotorik die neurowissenschaftlichen Erkenntnisse zur Entwicklung und Förderung der EF aufnimmt und gleichzeitig zukünftige Interventionsstudien die Psychomotorik als vielversprechenden Ansatz zur Förderung der EF berücksichtigen. Dieser Beitrag durchlief das Peer-Review. Literatur Baden-Württemberg Stiftung (2016): EMIL - Emotionen regulieren lernen. 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