eJournals motorik40/4

motorik
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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Das aktuelle Stichwort: Stress

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Ruth Haas
Der Begriff »Stress« wird umgangssprachlich meist unscharf und mehrdeutig benutzt und alltagssprachlich mit Zeitdruck, Hektik, hoher Ereignisdichte gleich gesetzt wird. Der Begriff »Stress« wurde von Selye (1936) erstmals aus einer biologischen Perspektive als »[…] non-specific response of the body to any demand […]« (Selye 1936 in Selye 1976, 4) definiert, also als unspezifische Antwort des Körpers auf jede Art der Anforderung.
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[ 197 ] motorik, 40. Jg., 197-198, DOI 10.2378 / motorik2017.art31d © Ernst Reinhardt Verlag 4| 2017 [ AuF DEN PuNKT GEBRACHT ] Das aktuelle Stichwort: Stress Ruth Haas Der Begriff »Stress« wird umgangssprachlich meist unscharf und mehrdeutig benutzt und alltagssprachlich mit Zeitdruck, Hektik, hoher Ereignisdichte gleich gesetzt wird. Der Begriff »Stress« wurde von Selye (1936) erstmals aus einer biologischen Perspektive als »[…] non-specific response of the body to any demand […]« (Selye 1936 in Selye 1976, 4) definiert, also als unspezifische Antwort des Körpers auf jede Art der Anforderung. Der Begriff »Stress« wurde spezifiziert und in Eu- und Distress, systemischen und lokalen Stress unterteilt. Eustress (aus dem Griechischen ›Eu‹ als gut) wird assoziiert mit starker Euphorie, Wohlbefinden, Lob, während ›Distress‹ mit Missempfinden, Unzufriedenheit und Krankheit verknüpft wird (Selye 1976). Selye (1976) betrachtet Stress als normalen Bestandteil unseres täglichen Lebens und verknüpft diese Bezeichnung mit unterschiedlichen Erfahrungen wie z. B. mit Traumaerfahrungen, Unfällen, Sterbebegleitung naher Angehöriger, starker körperlicher oder physischer Anstrengung, oder aber andauerndem beruflichem Druck. Der menschliche Organismus reagiert auf der Basis seines evolutionären Erbes unabhängig von der Art der Belastung vergleichbar (Selye 1976). Lazarus (1999) rückt die Stressbewältigung (Coping) mehr in den Mittelpunkt seiner Untersuchungen. Er spricht vom Stressstimulus oder Stressor als externes Einwirken und der Stressantwort oder -reaktion als Wirkung nach außen. Er betont, dass der Stressvorgang als Ganzes betrachtet werden muss. Insbesondere die enge Verknüpfung mit Emotionen und die wechselseitige Abhängigkeit von Stress und Emotionen werden hervorgehoben (Lazarus 1999). Stress kann aus dieser Perspektive nur angemessen betrachtet werden, wenn die physiologischen Aspekte (körperliche Reaktionen, Prozesse im Gehirn, hormonelle Neurotransmitter), soziologische Zusammenhänge und psychologische Aspekte in der Betrachtung mit berücksichtigt werden. In der Gesundheitspsychologie und modernen Stressforschung wird Stress verstanden als »wahrgenommene Diskrepanz zwischen Anforderungen und eigenen Reaktionskapazitäten sowie Coping« (Kaluza 2012, 339). Stresszustände können sich durch anhaltende, unangenehme, angstbetonte und erregte Anspannung beim einzelnen Menschen zeigen. In der Forschung werden die Bedingungen untersucht, die das »Funktionieren eines Systems gefährden sowie die Analyse der daraus resultierenden Folgen« (Siegrist/ Knesebeck 2009, 119). Es wird zwischen Stressoren, Stressreaktionen und individuellen Stressverstärkern unterschieden (Kaluza 2012). Mit Stressoren werden äußere Bedingungen und Situationen gemeint, die das Funktionieren eines Systems gefährden (Siegrist/ Knesebeck 2009; Kaluza 2012). Diese Bedingungen und Situationen können aufgrund ihrer Dauer ein System so beeinträchtigen, dass Stressreaktionen entstehen. Der Mensch reagiert mit körperlichen und psychischen Antworten auf diese Stressoren. Solche Antworten können im Verhalten, im emotionalen Erleben und durch physiologische Reaktionen gegeben werden. Auf der Verhaltensebene zeigen sich Stressreaktionen z. B. durch hastiges, ungeduldiges Verhalten, Betäubungsverhalten, unkoordiniertes Arbeitsverhalten, Vergessen, Planlosigkeit oder durch konfliktreichen Umgang mit Menschen (Kaluza 2012). Kognitiv-emotionale Stressreaktionen zeigen sich u. a. in Gefühlen der Unruhe, in Ärger, in der Angst, sich zu blamieren, Gefühlen und Gedanken der Hilflosigkeit, Selbstvorwürfen, Grübeln, Denkblockaden oder [ 198 ] 4| 2017 Auf den Punkt gebracht einem Tunnelblick, der einen realistischen Blick auf die Situation verstellt (Kaluza 2012). Persönlichkeitseigenschaften, persönliche Einstellungen und Werte können die Stressreaktionen auslösen und verstärken (persönliche Stressverstärker). Dazu gehören Perfektionsstreben und mangelnde Akzeptanz der eigenen Leistungsgrenzen. Einzelkämpferdasein oder das Gefühl unentbehrlich zu sein können die Wirkung der Stressoren ebenfalls verstärken. Die körperliche Stressreaktion basiert auf einer Anpassungsleistung des Organismus auf Belastung. Das Gleichgewicht der körperlichen Prozesse ist gestört und muss wiederhergestellt werden. Dies gelingt jedoch durch die verfügbaren Reaktionsmuster nicht. Im Austausch mit der Umwelt passt der Organismus sich kontinuierlich mit dem Ziel an, die Sollwerte seiner physiologischen Systeme einzuhalten (Kaluza 2015; Krohne 2017). Da es sich um ein fließendes Gleichgewicht handelt, werden Abweichungen der Sollwerte innerhalb einer Schwankungsbreite vom Organismus toleriert. Diese Regulationsprozesse bleiben im Gleichgewicht, solange die Umweltbedingungen weitgehend stabilisiert sind. Ausgeprägte Ist-Soll-Diskrepanzen, die durch starke, plötzliche oder neuartige Umweltstörungen oder den Menschen selbst aktiv bewirkt werden, überschreiten die Kompensationsgrenze und führen zu einer Art Notfallreaktion, der Stressreaktion (Kaluza 2015; Krohne 2017). Aus evolutionsbiologischer Perspektive aktiviert die Stressreaktion den Organismus und ermöglicht die Bewältigung verschiedenster Gefahrensituationen (Hüther 2015). Die biologischen Reaktionen auf Stressoren beinhalten komplexe neurohumorale und vegetativ-physiologische Vorgänge mit dem Ziel einer Mobilisierung von Energie und einer Aktivierung (Kaluza 2012, 2015; Krohne 2017). Biologische Stressreaktionen bereiten den Organismus blitzschnell darauf vor, sich einer Auseinandersetzung stellen zu können oder ebenso schnell zu fliehen. Stressreaktionen weisen eine große individuelle Variabilität auf und die Reaktionsweisen fallen von Mensch zu Mensch unterschiedlich aus. Die Einschätzung, ob eine Lebenssituation als bedrohlich erlebt wird, unterliegt der individuellen Bewertung in Abhängigkeit von Vorerfahrungen. Diese führen je nach Bewertung zu unterschiedlichen Körperreaktionen (Bauer 2014). Die Bandbreite von gesundheitlichen Auswirkungen von Stress auf die Gesundheit ist groß, da sich Stress auf eine Vielzahl von Organen auswirken kann. Diese variieren von Störungen der kognitiven Leistungsfähigkeit und des Gedächtnisses wie z. B. Konzentrationsmangel, Gedankenkreisen, über Störungen des Herz-Kreislaufsystems, des Atmungs- oder Verdauungssystems und des Bewegungsapparates bis hin zu psychischen Störungen wie Depressionen, Schlafstörungen oder Suchterkrankungen (Kaluza 2012, 2015). Literatur Bauer, J. (2014): Das Gedächtnis des Körpers. Wie Beziehungen und Lebensstile unsere Gene steuern. 3.-Aufl. Piper, München Hüther, G. (2015): Biologie der Angst. Wie aus Stress Gefühle werden. Vandenhoeck& Ruprecht, Göttingen Kaluza, G. (2012): Gelassen und sicher im Stress: Das Stresskompetenz-Buch. Stress erkennen, verstehen, bewältigen. 4. Aufl. Springer Verlag, Berlin / Heidelberg, https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3- 662-53000-9 Kaluza, G. (2015). Stressbewältigung. Springer Verlag, Berlin / Heidelberg Krohne, H. W. (2017): Stress und Stressbewältigung bei Operationen. Springer Verlag, Berlin / Heidelberg, https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3-662-53000-9 Lazarus, R. S. (1999): Stress and emotion. A New Syntheses. Springer Paperback, New York Selye, H. (1976): Stress in Health and Disease. Butterworth, Boston / London Siegrist, J., von dem Knesebeck, O. (2009): Prävention chronischer Stressbelastung. In Hurrelmann, K., Klotz, T., Haisch, J. (Hrsg.): Lehrbuch Prävention und Gesundheitsförderung, 3. Aufl. Huber, Bern, 119-127 Die Autorin Prof. Dr. Ruth Haas Diplom Motologin, Weiterbildung in Integrativer Tanztherapie seit 2002, Professorin für Körper- und Bewegungstherapie an der Hochschule Emden- Leer, Studiengangsleitung des Interdisziplinären Bachelorstudiengangs Physiotherapie-Motologie-Ergotherapie Anschrift Prof. Dr. Ruth Haas Hochschule Emden-Leer Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit Constantiaplatz 4 D-26723 Emden