eJournals motorik41/2

motorik
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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2018.art16d
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Wissen kompakt: Der Gestaltansatz in der Circuspädagogik

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Marcus Kohne
In der circuspädagogischen Arbeit stellt der Gestaltansatz eine Besonderheit dar, da er auf einem humanistisch orientierten, therapeutischen Konzept basiert. Im Zentrum dieses Ansatzes stehen die Aspekte und Prinzipien der Gestalttherapie, die gestaltorientierte, kontaktzentrierte Haltung sowie die daraus resultierenden Wirkfaktoren, wie sie nachfolgend in Zusammenhang mit der Circuspädagogik erläutert werden.
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[ TITELRuBRIK ] [ 90 ] 2| 2018 motorik, 41. Jg., 90-93, DOI 10.2378 / motorik2018.art16d © Ernst Reinhardt Verlag [ AuF DEN PuNKT GEBRACHT ] Wissen kompakt: Der Gestaltansatz in-der Circuspädagogik Marcus Kohne In der circuspädagogischen Arbeit stellt der Gestaltansatz eine Besonderheit dar, da er auf einem humanistisch orientierten, therapeutischen Konzept basiert. Im Zentrum dieses Ansatzes stehen die Aspekte und Prinzipien der Gestalttherapie, die gestaltorientierte, kontaktzentrierte Haltung sowie die daraus resultierenden Wirkfaktoren, wie sie nachfolgend in Zusammenhang mit der Circuspädagogik erläutert werden. Entstehung Der gegenwärtige Gestaltansatz in der Circuspädagogik entstand aus einer über 20-jährigen praktischen und theoretischen Auseinandersetzung in verschiedenen circuspädagogischen Arbeitsfeldern mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen und wurde zum ersten Mal 2005 in Zusammenhang mit Circusprojekten an Schulen von Kohne erwähnt. Der Ansatz basiert auf der Gestalttherapie nach Perls et al. (1992) und wurde in verschiedenen Veröffentlichungen in Hinblick auf die Wirkfaktoren (Kohne 2009; 2011; 2014), die gestaltorientierte, kontaktzentrierte Haltung (Kohne 2016a; 2016b) sowie die Gesundheitsförderung bzw. Suchtprävention (Kohne 2012; 2016c) ausdifferenziert. Der Ansatz wird bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt durch ein Team von GestalttherapeutInnen, CircuspädagogInnen, MotologInnen, SportwissenschaftlerInnen, SozialpädagogInnen, BildungswissenschaftlerInnen und LehrerInnen stetig weiterentwickelt sowie seit Beginn durch gestalttherapeutische Supervision reflektiert. Aspekte und Prinzipien Der Gestaltansatz in der Circuspädagogik basiert auf der Theorie der Gestalttherapie und der Gestalttheorie und bringt die folgenden zentralen Aspekte und Prinzipien in einen direkten Zusammenhang: ■ Ganzheit in Circusprojekten, ■ Vordergrund-Hintergrund-Erleben der ArtistInnen, ■ Kontaktprozess zur artistischen und persönlichen Kontaktaufnahme, ■ gestaltorientierter circensisch-motorischer Lernvorgang, ■ phänomenologisches Vorgehen vor dem circuspädagogischen Erfahrungshintergrund, ■ schöpferische Indifferenz als Quelle der Entwicklung und Ausdifferenzierung, ■ Prinzipien der Gestalttheorie zur Entstehung der Form, ■ circensische Krisen und deren Lösung nach dem Engpassmodell (Kohne 2005, 148 ff; 2012, 73; 2016a, 36 f ), ■ gestaltorientierte, kontaktzentrierte Haltung in Circusprojekten (Kohne 2016a; 2016b) sowie ■ Wirkfaktoren in gestaltorientierten Circusprojekten (Kohne 2005, 155 ff; 2009; 2011; 2014). Die beschriebenen Aspekte und Prinzipien bauen aufeinander auf, bedingen einander und beein- [ 91 ] Kohne • Wissen kompakt: Der Gestaltansatz in-der Circuspädagogik 2| 2018 flussen sich gegenseitig. Die Besonderheit des Ansatzes liegt u. a. darin, dass in ihm nicht nur beschrieben wird, was das circuspädagogische Arbeiten bewirkt, sondern es wird anhand der gestalttherapeutischen Theorien differenziert dargelegt, welche körperlich-motorischen, psychosozialen und seelischen Prozesse während eines Circusprojekts bei den Beteiligten stattfinden, durch welche circuspädagogischen Impulse sich das Selbst (Perls et al. 1992, 167 ff; Gremmler- Fuhr 2001, 384 ff ) der ArtistInnen verändert und wodurch das Wachstum der Persönlichkeit an der Kontaktgrenze (Perls et al. 1992, 9 ff; Dreitzel 1998, 41 ff; Votsmeier-Röhr / Wulf 2017, 63 ff ) einsetzt und gefördert wird (Abb. 1). Der Gestaltansatz in der Circuspädagogik kann demnach als wissenschaftliches Erklärungsmodell gesehen werden, um circuspädagogische Prozesse ganzheitlich-leiblich zu verstehen und um eine Umsetzungsperspektive in die circuspädagogische Praxis zu generieren. Haltung Im Zentrum des Gestaltansatzes in der Circuspädagogik steht die gestaltorientierte, kontaktzentrierte Haltung, die ein Circusprojekt durchdringt und die dessen Grundlage bildet. Sie wurde aus den haltungsrelevanten Prinzipien der Gestalttherapie und den haltungsrelevanten Aspekten des Kontaktprozesses hergeleitet und besteht aus den folgenden Dimensionen: Hier und Jetzt, Pole und Mitte, Achtsamkeit und Gewahrsein (Abb. 2), Verantwortung und Autonomie, Präsenz und Prägnanz (Kohne 2016a, 38 ff ) sowie Struktur und Grenzen, Klarheit und Gestalt, Sinnlichkeit und Reflexion, Energie und Zentrierung sowie Sättigung und Bestätigung (Kohne 2016b, 85 ff ). Daraus ergibt sich eine Haltung, die u. a. durch ein authentisches, kohärentes, wertebestimmtes und nachhaltiges Handeln geprägt ist. An der Kontaktgrenze ist sie z. B. erfahr- und fühlbar, freundlich, direkt und konfrontativ, wertschätzend, freudig, abgrenzend, umfassend, lebendig und kraftvoll. Die gestaltorientierte, kontaktzentrierte Haltung ist somit von Ehrlichkeit, Begegnung, Ernsthaftigkeit, Gegenwärtigkeit, Persönlichkeit, Reflexionsfähigkeit, Erfahrung, Wissen, Geschick und Professionalität (Kohne 2016b, 91) gekennzeichnet. Wirkfaktoren und deren Herleitung Die Wirkfaktoren Beziehung, Bewusstheit, Selbstwert, Kreativität und Integration realisieren sich fortlaufend durch die gestaltorientierte, kontaktzentrierte Haltung und die Aspekte und Prinzipien des Gestaltansatzes der Circuspädagogik in einem Circusprojekt, wurden daraus abgeleitet und besitzen einen hohen pädagogischen Wert. Beziehung: Während eines gestaltorientierten Circusprojekts entwickelt sich die circuspädagogische Beziehung von der Ich-Du-Beziehung, der Dialogbeziehung zu einem Dialogprozess, der Abb. 1: Umfassendes Wachstum der Persönlichkeit an der Kontaktgrenze (Foto: Raimund Vieth) Abb. 2: Achtsamkeit und Gewahrsein in Auftrittssituationen (Foto: Raimund Vieth) [ 92 ] 2| 2018 Auf den Punkt gebracht sich in einen leiblichen Kontakt und der Ganzheit manifestiert (Kohne 2011). Bewusstheit: Die Bewusstheit wird über das Interesse und die artistische und persönliche Kontaktaufnahme der ArtistInnen angeregt. Über die Aufmerksamkeit und Awareness (Gewahrsein) wird sie zur Konzentration und Präsenz ausgeweitet und somit zu einem wichtigen Bestandteil der artistischen Persönlichkeit (Kohne 2009) (Abb. 3). Selbstwert: Er wird über ein relationales, personales und transpersonales Selbst, die normativen, polaren und transrationalen Werte und die prozess- und zielorientierten Werte eines gestaltorientierten Circusprojekts definiert (Kohne 2014). Kreativität: Bei der Kreativität steht die schöpferische Indifferenz (Friedlaender 1918) im Zentrum. Aus ihr heraus gelingt es ArtistInnen, auf den motorischen, sozialen und künstlerischen Ebenen in Kontakt mit sich und dem Gegenüber zu treten. Die ArtistInnen erlangen somit einen Zuwachs an kreativer Erfahrung und Erfüllung (Kohne 2005, 157). Integration: Ihr kommt eine wichtige Bedeutung bezüglich der Nachhaltigkeit des Gestaltansatzes in der Circuspädagogik zu. Nur durch die Integration im Nachkontakt am Ende des Kontaktprozesses (Dreitzel 1998, 40 ff; Votsmeier- Röhr / Wulf 2017, 65 ff ) kann ein umfassendes Wachstum an der Kontaktgrenze der ArtistInnen stattfinden (Kohne 2005, 157), das auch die pädagogischen Ziele der allgemeinen Circuspädagogik (Kiphard 1991, 193; von Grabowiecki / Lang 2007, 27 ff; Ballreich / Lang 2007, 32 ff ) sowie die psychomotorischen Definitionen und Ziele der Circuspädagogik (Breuer 2004, 132; Behrens 2007, 24) mit einschließt. Sie ist auch dafür verantwortlich, dass sich einzelne Teile eines Circusprojekts (z. B. Personen, Gruppen, Nummern) zu einem großen Ganzen (z. B. Auftritt) organismisch zusammenfügen (Kohne 2005, 153 ff; 2011, 232). Unabhängig von Art, Dauer und Inhalt können in der Praxis die Wirkfaktoren in jedem Circusprojekt zu Tage treten, dessen Basis der Gestaltansatz in der Circuspädagogik darstellt und in dessen Zentrum eine gestaltorientierte, kontaktzentrierte Haltung steht. Sie zeigen sich während eines Circusprojekts explizit im Umgang der ArtistInnen bzw. der Beteiligten untereinander, im konzentrierten Training sowie beim Gelingen des jeweiligen Auftritts. Die fünf Wirkfaktoren des Gestaltansatzes wurden im Rahmen einer Bachelor-Arbeit im Fach der Bildungswissenschaft von März bis Juli 2017 anhand circuspädagogischer Schulprojekte in einer quantitativen, teil-standarisierten Evaluationsstudie mit n > 700 (Kinder der dritten und vierten Grundschulklassen) erfasst, um das Auftreten des dargestellten Forschungsgegenstandes zu belegen. Eine differenzierte Auswertung der Ergebnisse ist für 2018 geplant. Literatur Ballreich, R., Lang, T. (2007): Der pädagogische Wert der Zirkuskünste. In: Ballreich, R., Lang, T., von Grabowiecki, U. (Hrsg.): Zirkus Spielen. Das Handbuch für Zirkuspädagogik, Artistik und Clownerie. Hirzel, Stuttgart, 32-58 Behrens, M. (2007): Zirkus als Thema in der Psychomotorik. Statement zum Selbstverständnis der Zirkuspädagogik aus psychomotorischer Perspektive. Praxis der Psychomotorik 32 (1), 23-25 Breuer, F. (2004): Macht Zirkus Kinder stark? Möglichkeiten und Grenzen der Zirkusarbeit mit Kin- Abb. 3: Konzentration und Präsenz im Hier und Jetzt (Foto: Raimund Vieth) [ 93 ] Kohne • Wissen kompakt: Der Gestaltansatz in-der Circuspädagogik 2| 2018 dern - Eine kritische Bestandsaufnahme. Praxis der Psychomotorik 29 (2), 131-140 Dreitzel, H. P. (1998): Emotionales Gewahrsein. Psychologische und gesellschaftliche Perspektiven in der Gestalttherapie. dtv, München Friedlaender, S. (1918): Schöpferische Indifferenz. Müller, München Gremmler-Fuhr, M. (2001): Grundkonzepte und Modelle der Gestalttherapie. In: Fuhr, R., Sreckovic, M., Gremmler-Fuhr, M. (Hrsg.): Handbuch der Gestalttherapie. Hogrefe, Göttingen u. a., 345-392 Kiphard, E. J. (1991): Kinderzirkus-Aktivitäten - Chancen einer zeitgemäßen Erlebnispädagogik. Praxis der Psychomotorik 16 (3), 191-197 Kohne, M. (2016a): Professionelle Haltung in gestaltorientierten, kontaktzentrierten Circusprojekten. Haltungsrelevante Prinzipien der Gestalttherapie. Praxis der Psychomotorik 41 (1), 36-42 Kohne, M. (2016b): Professionelle Haltung in gestaltorientierten, kontaktzentrierten Circusprojekten. Haltungsrelevante Aspekte des Kontaktprozesses. Praxis der Psychomotorik 41 (2), 84-91 Kohne, M. (2016c): Circuspädagogik und Suchtprävention. Suchtprävention konkret - Beiträge aus Hessen. Heft 10. 3. Aufl. Hessische Landesstelle für Suchtfragen e. V., Frankfurt/ M. Kohne, M. (2014): Sich selbst als wertvoll erleben - Selbstwert in der gestaltorientierten Circusarbeit. Praxis der Psychomotorik 39 (2), 94-102 Kohne, M. (2012): Primäre Suchtprävention als Teil einer modernen Gesundheitsförderung an Schulen am Beispiel gestaltorientierter Circus-Projekte. motorik 35 (2), 70-79 Kohne, M. (2011): Beziehung in der Gestaltorientierten Circusarbeit. Praxis der Psychomotorik 36 (4), 226-233 Kohne, M. (2009): Zentriert sein - bewusst (er)leben. Bewusstheit als zentraler Wirkfaktor in der gestaltorientierten Circusarbeit. Praxis der Psychomotorik 34 (4), 189-194 Kohne, M. (2005): Die Bedeutung des Gestaltansatzes bei Circusprojekten an Schulen. motorik 28 (3), 147-158 Perls, F. S., Hefferline, R. F., Goodmann, P. (1992): Gestalttherapie. Grundlagen. Klett-Cotta, München von Grabowiecki, U., Lang, T (2007): Zirkuspädagogik im Überblick. In: Ballreich, R., Lang, T., von Grabowiecki, U. (Hrsg.): Zirkus Spielen. Das Handbuch für Zirkuspädagogik Artistik und Clownerie. Hirzel, Stuttgart, 27-30 Votsmeier-Röhr, A., Wulf, R. (2017): Gestalttherapie. Ernst Reinhardt, München / Basel Der Autor Marcus Kohne Diplom Sozialpädagoge, Circuspädagoge, Gestalttherapeut, Theaterpädagoge, Performance-Coach, Leiter des Centrum Mikado Anschrift Centrum Mikado Weinheimer Str. 6 D-69488 Birkenau marcus.kohne@centrum-mikado.de