eJournals motorik42/3

motorik
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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2019.art20d
7_042_2019_3/7_042_2019_3.pdf71
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Forum Psychomotorik: Das Außengelände als psychomotorischer Entwicklungsraum

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2019
Thorsten Späker
Markus Brand
Das Außengelände einer Einrichtung kann gezielt genutzt werden, um vielfältige psychomotorische Erfahrungen zu ermöglichen. Im vorliegenden Beitrag soll dazu eine ordnende Aufteilung vorgestellt werden. Es werden Gestaltungselemente im naturnahen Außengelände nach dem kompetenztheoretischen und dem sinnverstehenden Ansatz in der Psychomotorik benannt. Hierzu werden einige konkrete Hinweise zur praktischen Umsetzung dieser Gestaltungsideen vorgestellt.
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Zusammenfassung / Abstract Das Außengelände einer Einrichtung kann gezielt genutzt werden, um vielfältige psychomotorische Erfahrungen zu ermöglichen. Im vorliegenden Beitrag soll dazu eine ordnende Aufteilung vorgestellt werden. Es werden Gestaltungselemente im naturnahen Außengelände nach dem kompetenztheoretischen und dem sinnverstehenden Ansatz in der Psychomotorik benannt. Hierzu werden einige konkrete Hinweise zur praktischen Umsetzung dieser Gestaltungsideen vorgestellt. Schlüsselbegriffe: Außengelände, Natur, Naturerfahrung, Spielraum, Psychomotorik The outdoor area as a space for psychomotory development An institution’s outdoor area can be used selectively to enable a variety of psychomotor experiences. In the present article, an orderly division of design elements in the natural outdoor area according to the »kompetenztheoretischen Ansatz« (competence theory based concept) and the »sinnverstehenden Ansatz« (understanding concept) in psychomotricity are introduced. For this purpose, some concrete tips for the practical implementation of these design ideas are presented. Key words: outdoor area, nature, nature experience, play space, psychomotricity 3| 2019 motorik, 42. Jg., 118-124, DOI 10.2378 / mot2019.art20d © Ernst Reinhardt Verlag [ 118 ] [ FORUM PSYCHOMOTORIK ] Aus psychomotorischer Perspektive gibt es mittlerweile einige Veröffentlichungen, die sich mit den Möglichkeiten und der Gestaltung von Außengeländen befassen (z. B. Kramer-Jonas 1999; Cox 2000; Möller / Schmidt 2009 oder Brand 2016). Dabei scheint es sinnvoll, die Außenräume möglichst naturnah anzulegen. Es zeigte sich nämlich, dass Kinder auf naturnahen Spielplätzen mit offenen Flächen, Baum- und Pflanzenbewuchs, unstrukturiertem Material, wie z. B. Steinen, Stöcken, Sand, und einem vielseitigen Gelände anders spielen als auf »klassischen« Spielplätzen mit z. B. Rutsche, Schaukel, Klettergerüst. Auf naturnahen Spielflächen spielen die Kinder engagierter und ausdauernder in längeren Episoden, komplexer, planvoller, kreativer und gezielter, mit ausführlicheren, begeisterteren und interessierteren Berichten von ihren Erlebnissen. Sie spielen mehr aus eigenem Antrieb, ohne Begleitung Erwachsener, mit mehr unbeobachteten Freiräumen, häufiger mit anderen Kindern und in großen Gruppen über alle Altersstufen hinaus, mit weniger Konflikten, die selbstständiger gelöst wurden, mit mehr Interesse und Wissen über Tiere und Pflanzen und mit mehr Gestaltungsideen der Umgebung nach eigenen Vorstellungen (u. a. Schemel 2010; Luchs / Fikus 2011). Das Außengelände aus psychomotorischer Perspektive Stellt man dazu die psychomotorisch-motologischen Ansätze mit kompetenztheoretischem und sinnverstehendem Schwerpunkt in den Mittelpunkt der Betrachtung, hat dies weiterführende theoriestrukturierende Konsequenzen für die Gestaltung eines naturnahen Außenbereichs. Das Außengelände als psychomotorischer Entwicklungsraum Thorsten Späker, Markus Brand [ 119 ] Späker, Brand • Das Außengelände als psychomotorischer Entwicklungsraum 3| 2019 Das Außengelände einer Einrichtung sollte es durch seine Raumstruktur gezielt ermöglichen, durch Bewegungs-, Wahrnehmungs- und Handlungsmöglichkeiten konkrete Ich-, Sach- und Sozialkompetenzen anzuregen. Gleichzeitig sollte er so gestaltet sein, dass entwicklungsrelevante Spielthematiken angesprochen werden können. Dies gilt sowohl für den freien Zugang durch die Kinder als auch für gezielte Angebote, die von der begleitenden Fachkraft initiiert werden. Dies wird nun exemplarisch an einigen Praxisbeispielen veranschaulicht (Späker / Brand 2016, 127ff; Späker 2017, 304ff ). Wird zunächst die kompetenztheoretische Perspektive betrachtet (Schilling 1993, 55ff ), kann ein naturnahes Außengelände dazu anregen, die Ich-Kompetenz zu entwickeln, also sich und seinen Körper in der Natur wahrzunehmen, sich in ihm zu bewegen und zu erleben. Beispiele zur Körpererfahrung im naturnahen Außengelände sind: ■ freie Bewegungserfahrungen im modellierten Gelände mit unterschiedlichen Ebenen und verschiedenen Untergründen durch Hügel, Pfade, Gräben, Dickichte, Wiesen, Mulchbereiche, Steilhänge, Steine, Bäume, Baumstämme, Tümpel, Bäche, Bepflanzungen etc. für Spiele zum Rutschen, Gleiten, Schaukeln, Schwingen, Springen, Wippen, Balancieren, Klettern, ■ Körpererfahrungen auf den ins Gelände eingepassten Spielgeräten, z. B. Rutsche, Nestschaukel, schiefe Ebene, im Boden eingelassenes Trampolin, Bewegungsgeräte, ■ Aktionen mit mobilen Fahrgeräten auf asphaltierter Fläche, ■ Wahrnehmungsanlässe mit Lichtspiel, akustischen Anregungen oder Blumen, Kräutern, Früchten, Gemüsegarten zum Riechen und Schmecken, ■ angeleitete Bewegungsübungen und -spiele, z. B. Fang- und Laufspiele, ■ Angebote mit Seil- und Kletterkonstruktionen, z. B. Niedrigseilparcours, Slackline, Baumklettern, ■ Entwerfen und Gestalten auf der »natürlichen Bewegungsbaustelle«, z. B. mit Brettern, Steinen, Ästen, Balken, Klötze, Reifen, ■ spezifische Übungen zu verschiedenen sinnlichen Wahrnehmungsbereichen, z. B. Malen mit Naturfarben, Musik mit Naturmaterial, Geruchsmemory, ■ Aktionen in der Matsch-, Sand- und Wasserlandschaft. Die Sach-Kompetenz kann durch den Umgang mit der gegenständlichen Umwelt gefördert und in Form von reichhaltigen Materialerfahrungen im naturnahen Außengelände ausgebildet werden. Beispiele zur Materialerfahrung im naturnahen Außengelände sind: ■ Spiele und Übungen mit Naturmaterialien (Zapfen, Steine, Stöcke etc.), ■ Bauen und Konstruieren mit Naturmaterial, z. B. Hütten bauen, Brücken anfertigen, Outdoor-Kugelbahn, Zwergen- und Miniaturlandschaften, Lehm formen, ■ Erkundungsformen mit Messgeräten, Becherlupen, Forscherbuch etc., ■ Spiele und Übungen zu Tier- und Pflanzenkenntnis, z. B. Tierscharade, Spurenraten, Blättermemory, ■ Aktivitäten zur Selbstversorgung: Anlegen und Pflegen von Kräuterspirale, Brombeerpavillon, Gemüsehochbeet, Beerengarten, Obstbäume etc. plus Outdoorküche und Feuerstelle, ■ Biodiversität erleben: Pflanzen aus der Region nutzen, Insektenhotel anfertigen, Naturhecke bauen, Vogel- und Fledermauskästen aufhängen, Teich anlegen, ■ verwilderten Bereich sich selbst überlassen: »Mini-Nationalpark«. Das naturnahe Außengelände sollte des Weiteren Anregungen bieten, die Sozial-Kompetenz zu fördern, also Sozialerfahrungen in Form von Kommunikation, Kooperation und Interaktion in der Gruppe zu ermöglichen. Beispiele zur Sozialerfahrung im naturnahen Außengelände sind: ■ angeleitete Handlungsaufgaben in Kooperations-, Interaktions- und Kommunikationsspielen, z. B. Bach überqueren, Berg erklimmen, kreative Gruppenaufgaben, gemeinsame Gartenpflege (Abb. 1), ■ gemeinsame Bewegungs- und Wahrnehmungsspiele, [ 120 ] 3| 2019 Forum Psychomotorik ■ gemeinsames Erzählen und Kochen an einer Feuerstelle, ■ Hängematten-, Nest- oder Riesenschaukel, ■ Felsenforum (Amphitheater) für Naturmusik, Naturschauspiel, ■ Rückzugsräume, Ruhebereiche und Nischen zur Kommunikation, ■ vielfältiger Freiraum für die geländebezogenen Gruppenspiele, -übungen und soziale Handlungsthemen, welche durch die Klienten bestimmt werden. Stellt man die sinnverstehende Perspektive in den Mittelpunkt (Seewald 2007, 59ff ), muss ein naturnahes Außengelände so angelegt werden, dass altersentsprechend entwicklungsthematische Spielerfahrungen gemacht werden können. Beispiele für entwicklungsthematische Spielerfahrungen im naturnahen Außengelände in Anlehnung an das »symbolisches Echo« von Seewald sind: ■ Angebote für vorgeburtliche Spielthemen, z. B. in Höhlen kriechen, im Laub oder Sand einbuddeln, ■ Räume für Geburtsthemen, z. B. Matschrutschen, durch enge Räume/ Tunnel kriechen, ■ Möglichkeiten für Funktionsspiel und Materialexploration, z. B. Berührung und Handhabung von Zapfen, Gras, Sand, Steine, Holz, Laub, ■ Situationen zum Machen können, z. B. matschen und formen, Wasser stauen, Dämme bauen, Lehmschlacht-Angebote zu Kampf-, Eroberungs- und Überwindungsspielen, z. B. Jäger und Gejagt-Werden, Piraten, ■ Spiele zur Selbständigkeit und Emanzipation, z. B. Verstecken-Spiele, einen Berg erklimmen, ■ Möglichkeiten zur Einnahme neuer Welten, z. B. Stelzenhäuser, Hütten, Urwaldexpedition, Schatzsuche, ■ Pflege- und Versorgungsspiele, z. B. Nester bauen, kochen, essen und füttern, ■ Übungen zu Mess- und Wettkampfsituationen, z. B. Wiesenrennen, Bäumeslalom, Baumklettern, ■ Angebot von Regelspielen, z. B. Wikinger- Schach, Ultimate Frisbee, ■ Räume für Grenz- und Gegenwartserfahrung, z. B. Kletterparcours, ■ Orte zur Entspannung, z. B. Hängematte, Sitznischen, Spazierwege, ■ Angebot von Kommunikations-, Kooperations- und Interaktionssituationen, ■ Übungen mit kreativer Gestaltung, z. B. Naturkunst, Formung von Naturmaterial. Die Planung und Gestaltung eines psychomotorischen Außengeländes Am Beispiel des Vereins Ideenwerkstatt Lebens- [t]raum e.V. aus Ost-Westfalen soll gezeigt werden, wie die Gestaltung naturnaher Flächen in Partizipation in der Praxis möglich ist. Ablauf der Umgestaltung eines Kita- Geländes Das Außengelände wird von allen »Betroffenen« - Kindern, Eltern und PädagogInnen - gemeinsam entworfen, geplant, gebaut und anschließend gepflegt. Als erster Schritt im Planungsprozess wird eine Planungswerkstatt durchgeführt, in der die Ideen und Wünsche der Kinder, Eltern, PädagogInnen und EntscheidungsträgerInnen zur Geländegestaltung zusammengetragen werden. Visionen zum zukünftigen Außengelände werden in mehreren Modellen in Miniaturformat von Kleingruppen entworfen. In großer Gesprächsrunde wird aus den verschiedenen Modellen ein Konsens für das zukünftige Gelände erarbeitet und in einem Grobkonzept als »Ideenskizze« festgehalten. Unter Berücksichtigung Abb. 1: »Interaktion« (Fotos: Amira de-Laer) [ 121 ] Späker, Brand • Das Außengelände als psychomotorischer Entwicklungsraum 3| 2019 aller fachlichen Notwendigkeiten und Voraussetzungen, setzen LandschaftsarchitektInnen der Ideenwerkstatt die Ideenskizze planerisch um. Mit dem Freiraumkonzept geht es dann an die Umsetzung in einzelnen Bauabschnitten, den sogenannten Baueinsätzen. Es werden Materialien organisiert, Finanzmittel akquiriert, Spenden geworben, um dann unter Anleitung der Ideenwerkstatt Lebens[t]raum e.V. gemeinsam mit Kindern, Eltern und PädagogInnen die Pläne in die Realität umzusetzen (Abb. 2). Abb. 2: »Baueinsatz« Funktionsräume im Außengelände Ähnlich wie in der Architektur bei Häusern, werden auch in der Gestaltung naturnaher Außengelände verschiedene miteinander verbundene Spiel- und Funktionsräume entwickelt, welche das Gelände gliedern und den Kindern unterschiedliche Nutzungsmöglichkeiten anbieten. Nachfolgend werden beispielhaft einige Räume vorgestellt. Im Bewegungsbereich werden Klettermöglichkeiten und Bewegungselemente angeboten, die einen hohen Aufforderungscharakter besitzen (Abb. 3 und 4). Wichtig ist es dabei, einige Elemente so anzuordnen, dass ihre Nutzung von einem Spielraum zum anderen führt und sie somit den Charakter eines Spielweges bekommen. Zum Bau dieser Elemente sollten nur dauerhafte Hölzer, wie Eiche oder Robinie, verwandt werden. Die Rollenspiel- und Rückzugsbereiche dienen den Kindern in erster Linie zum Verstecken. Das Gefühl, nicht gesehen zu werden und einen »privaten Raum« zum Spielen für sich zu haben, kann z. B. durch Weidentipis gefördert werden - sie bieten neben dem Raumgefühl auch eine besonders schöne Atmosphäre durch das Spiel von Licht und Schatten (Abb. 5). Die Äste und Blätter laden Kinder zum Flechten und zu beständiger Pflege des Hauses ein, vielfältige Rollenspiele können sich entwickeln. Weiden sind Lichtholzarten und sollten deshalb nur in nicht beschatteten Bereichen gepflanzt werden, niemals unter vorhandenen Bäumen. Abb. 3: »Kletterbaum« Abb. 4: »Balancieren« [ 122 ] 3| 2019 Forum Psychomotorik Die Kleinkind-Erfahrungsbereiche für Kinder von 1-3 Jahren sollten gebäudenah und gut erreichbar angelegt werden. Neben der kleinräumigen Struktur mit sinnesanregenden Elementen und motorischen Herausforderungen sollten diese Räume eine »heimelige« Atmosphäre mit hoher Aufenthaltsqualität bieten. Bei Kleinkinderfahrungsräumen sind besondere Sicherheitsvorschriften zu beachten (Unfallkasse NRW 2017, 6ff ) - insbesondere bei der freien Fallhöhe gibt es Unterschiede zwischen Kindern über und unter drei Jahren (Abb. 6). Den Gestaltungsbereichen kommt aus psychomotorischer Perspektive eine ganz besondere Bedeutung zu. Ausgestattet mit Sand, Erde und Kies sind dies Freiräume zum Erleben und Gestalten, die für die leiblich-sinnliche Entwicklung der Kinder besonders wichtig sind. Ergänzend dazu sind vielfältige Baumaterialien, wie Baumstämme, Bretter, Reifen und Steine, zu empfehlen, mit denen sich komplexe Spielwelten gestalten lassen. Zu beachten ist, dass die Materialien dauerhaft, nicht scharfkantig und nicht splitterig sind. Bei Brettern sollte eine Länge von zwei Metern nicht überschritten werden, damit die Kinder diese noch gefahrlos bewegen können. Zudem muss besonders aufgepasst werden, wenn die Materialien in die Fallschutzbereiche, von z. B. Schaukel, Wippe oder Rutsche, transportiert werden. Die Wasser-Matsch-Bereiche sind aufgrund ihrer mannigfaltigen Beschäftigungsmöglichkeiten natürlich besonders beliebt. Ausgestattet mit Findlingen, Kies und Sand, gestaltet man diese Spielbereiche am besten entsprechend ihres natürlichen Vorbildes - dem Bach! Ein bespielbarer Wasserlauf, der sich durch das Gelände schlängelt, gliedert und gestaltet das Außengelände gleichermaßen (Abb. 7). Abb. 7: »Wasserspiel« Die häufig angebotenen Wasser-Matsch-Tische bieten Kindern dagegen nur ein sehr eingeschränktes Spielerlebnis. Beachtet werden muss, dass Spielbereiche mit stehendem Wasser für Kinder unter drei Jahren nicht frei zugänglich sind und das Wasser mindestens Badewasserqualität aufweisen muss (Agde et al. 2013). Grenzen im Einsatz des Außengeländes für psychomotorische Angebote Fragt man ErzieherInnen und LehrerInnen, warum das Außengelände nicht genutzt wird, ist eine erste Antwort oft die mangelnde Zeit, da zu viele andere Aufgaben (z. B. Verwaltungsaufgaben, Projektzeiten etc.) zu erfüllen sind. Als weiterer Grund wird genannt, dass die nötigen Ideen oder Materialien für ansprechende Angebote fehlen, da das Außengelände zu »steril« gestaltet ist. Abb. 5: »Verstecken« Abb. 6: »Höhenunterschiede« [ 123 ] Späker, Brand • Das Außengelände als psychomotorischer Entwicklungsraum 3| 2019 Bedeutsam ist sicherlich auch eine gewisse »Alltagsschläfrigkeit«, so dass Gewohnheiten, Bequemlichkeit und fest eingefahrene Strukturen das Rausgehen verhindern. Dies ist insbesondere dann schwierig, wenn es mehr KollegInnen im Team gibt, die prinzipiell lieber drinnen in der »Komfortzone« bleiben als rauszugehen. Wenn das Außengelände aufgesucht wird, dann eher zum Austausch mit den KollegInnen oder als Auszeit vom Stress in den Innenräumen, da die Kinder sich draußen so gut selbst beschäftigen. Dies wurde auch in einer umfassenden Studie zum Themenfeld »Bewegung in der frühen Kindheit« (BiK) bestätigt, in der ErzieherInnen u. a. nach der Nutzung des Außengeländes befragt wurden. Es zeigte sich u. a., dass das Außengelände eher zur freien, unangeleiteten Exploration genutzt wird und dass Sicherheitsbedenken und die Angst vor Haftungsansprüchen immer mehr zur handlungsleitenden Maxime werden (Stahl-von Zabern / Böcker-Giannini 2016, 298ff; siehe auch Beitrag Eimers in diesem Heft). Zum einen wird der Außenraum also oftmals als sehr bewegungsintensiver Raum zum »Dampf ablassen« funktionalisiert, um dann wieder ruhigere Angebote im Innenraum wahrnehmen zu können. Auch wenn es sicherlich gut ist, den Kindern im Außenraum freie Zeit zur Verfügung zu stellen und nicht mit pädagogischer Anleitung zu überfrachten, stellt sich aber schon die Frage, ob nicht auch der Außenraum für gezielte psychomotorisch orientierte Angebote genutzt werden kann (s. o.). Daneben scheint zum anderen die Angst vor Unfällen hemmend zu wirken. Die Kompetenz, mit Risiken umzugehen und Gefahren einschätzen zu können, ist aber für die Sicherheit der Kinder dringend notwendig. Insofern können naturnahe Außenspielräume präventive Eigenschaften haben, indem sie die Risikokompetenz der Kinder fördern. Für das baulich zulässige Maß an Risiko und spielerischer Herausforderung, legen die zuständigen Normen, die DIN 18034 für »Spielplätze und Freiräume zum Spielen« (Agde et al. 2013) und die DIN EN 1176 für »Spielgeräte« (Agde et al. 2007) Richtlinien fest. Hier sind Wasserqualität, Ausstattung von Naturerfahrungsräumen, Grenzen von Fallhöhen, Eigenschaften von Fallschutzbelägen, Maße für Fangstellen etc. detailliert beschrieben. Allerdings gibt es auch hier Ermessensspielräume, die im Austausch mit den SpielplatzprüferInnen diskutiert werden können. Die verantwortlichen PädagogInnen und TherapeutInnen sind aufgefordert, beim Außengelände stärker für einen naturnahen Entwicklungsraum einzutreten. Sie sollten darüber entscheiden, wie das Außengelände aus fachlicher Perspektive gestaltet werden muss, welche Pflegearbeiten durchgeführt werden, ob das Laub abgefahren wird etc. Viel zu oft stutzt z. B. noch ein externer Gartenbetrieb nach eigenem Ermessen die Sträucher und Bäume, womit aber auch Rückzugsräume, Klettergelegenheiten und Naturerlebnisse beschnitten werden. Betrachtet man das Außengelände als pädagogisch-therapeutischen Raum, in dem professionell gearbeitet wird, sollten auch dort alle Maßnahmen aus pädagogischer oder therapeutischer Sicht getroffen werden - drinnen würde man sich ja auch nicht vorschreiben lassen, wie die Räume ausgestattet werden. Das Außengelände sollte also wegkommen vom Image eines »Pausenortes«, hin zur Betrachtung als aktiver Entwicklungsraum. Dieser kann alleine durch die Gestaltung ein psychomotorischer Freispielraum sein, als auch für gezielte psychomotorische Förderangebote genutzt werden. Das Außengelände bietet viel - die Haltung und die Bereitschaft es zu nutzen, ist entscheidend! Fazit Das Außengelände bietet durch seine besonderen naturnahen Gestaltungsmöglichkeiten ideale Bedingungen für einen abwechslungsreichen und entwicklungsfördernden Lebens-, Lern-, Bewegungs- und Spielraum. Es ist anzustreben, dass sowohl die freie als auch die angeleitete Förderung konkreter psychomotorischer Kompetenzen im Außengelände ihre Umsetzung findet. Zudem kann ein Gelände aber auch dazu einladen, im freien Symbol- und Rollenspiel individuelle und altersrelevante Spielthemen auszuagieren. In diesem Beitrag wurden daher aus kompetenztheoretischer und sinnverstehender psychomotorischer Perspektive einige Beispiele zur Gestaltung eines naturnahen Außengeländes vorgeschlagen. Die konkrete Planung und Ge- [ 124 ] 3| 2019 Forum Psychomotorik staltung wurde mit Beispielen des Vereins Ideenwerkstatt Lebens[t]raum e.V. vorgestellt. Das Außengelände einer Einrichtung kann vielfältige Anregungen für psychomotorische (Natur-)Erfahrungen bieten. Dazu bedarf es vor allem die Bereitschaft und das Durchhaltevermögen des pädagogisch-therapeutischen Personals. Literatur Agde, G., Beltzig, G., Richter, J., Settelmeier, D. (2007): Spielgeräte. Sicherheit auf Europas Spielplätzen. Erläuterungen in Bildern zu DIN EN 1176. 3. Aufl. Beuth Verlag, Berlin Agde, G., Degünther, H., Hünekes, A. (2013): Spielplätze und Freiräume zum Spielen. Ein Handbuch für Planung und Betrieb. Beuth Verlag, Berlin Brand, M. (2016): Naturnahe Außengelände als ideale psychomotorische Erfahrungsräume in der Kita. Praxis der Psychomotorik 41 (1), 2-6 Cox, S. (2000): Der psychomotorische Kindergarten-- oder wie Bewegen, Spielen, Lernen »sinn-voll« ist. In: Lensing-Conrady, R., Schönrade, S. (Hrsg.): »Adler steigen keine Treppe-…« Kindesentwicklung auf individuellen Wegen. Borgmann Verlag, Dortmund, 227-253 Kramer-Jonas, V. (1999): Vom Entdecken der Sinne - der naturnahe Spielgarten in der Kita Ermelinghof. Praxis der Psychomotorik 24 (4), 228-235 Luchs, A., Fikus, M. (2011): Urbane Spiel- und Bewegungsräume. Untersuchung zum freien Spiel von Kindern im öffentlichen Raum. In: Rieder-Aignder, H. (Hrsg.): Zukunftshandbuch Kindertageseinrichtungen. Walhalla Verlag, Regensburg, 1-12 Möller, A., Schmidt, D. (2009): Umsetzung einer naturnahen, barrierefreien Spielraumplanung: Konzeption, Vorgehen, Ergebnisse. motorik 32 (4), 106-124 Schemel, H. J. (2010): Der Naturerfahrungsraum im städtischen Wohnumfeld. motorik 33 (3), 125-129 Schilling, F. (1993): Motodiagnostik und Mototherapie. In: Irmischer, T., Fischer, K. (Hrsg.): Psychomotorik in der Entwicklung. Hofmann Verlag, Schorndorf, 55-60 Seewald, J. (2007): Der Verstehende Ansatz in Psychomotorik und Motologie. Ernst Reinhardt, München/ Basel Späker, T. (2017): Natur - Entwicklung und Gesundheit. Handbuch für Naturerfahrungen in pädagogischen und therapeutischen Handlungsfeldern. Schneider Verlag Hohengehren, Baltmannsweiler Späker, T., Brand, M. (2016): Spielraum Natur - das Außengelände aus psychomotorischer Perspektive. In: Jessel, H. (Hrsg.): Spiel(T)raum - Spielraum lassen - Spielraum geben - Spielraum haben. Verlag Aktionskreis Psychomotorik, Lemgo, 127-150 Stahl-von Zabern, J., Böcker-Giannini, N. (2016): Der Raum als »3. Bewegungserzieher«. In: Fischer, K., Hölter, G., Beudels, W., Jasmund, C., Krus, A., Kuhlenkamp, S. (Hrsg.): Bewegung in der frühen Kindheit. Springer VS, Wiesbaden, 297-307, https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3-658-05116-7_20 Unfallkasse NRW (2017): Sichere Kita. Eigenverlag Unfallkasse NRW, Düsseldorf Autoren Dr. Thorsten Späker Motologe M.A., Motopäde, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Master-Studiengang Motologie an der Philipps-Universität Marburg Markus Brand Dipl.-Ing. Landschaftsarchitektur, seit 1999 als Planer und Gestalter naturnaher Spielräume tätig, Qualifizierter-Spielplatzprüfer nach DIN-79161, Fachqualifikation Psychomotorik im Erlebensraum Natur, Referent für Fortbildungen und Vorträge rund um das Thema Naturspielräume, Lehrbeauftragter der Fachhochschule Bielefeld, Fachbereich Frühkindliche Bildung Anschriften Dr. Thorsten Späker Lehrstuhl Motologie Barfüßerstraße 1 D-35032 Marburg spaekert@staff.uni-marburg.de Markus Brand Planungsbüro Brand - Naturnahe Erlebnisräume & Sicheres Spielen Ringstr. 9 D-32108 Bad Salzuflen mbrand@planungsbuero-brand.de www.ideenwerkstatt-lebenstraum.de