motorik
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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2019.art23d
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2019
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Fachbeitrag: Gestaltung von bewegungs- und peerfreundlichen Schulfreiräumen in der Ganztagsgrundschule
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Ahmet Derecik
Björn Brandes
Informelle Spiel- und Bewegungsmöglichkeiten in der Grundschule haben eine große Bedeutung für die kindliche Entwicklung. Zum einen erleichtern sie es den Schulkindern, entwicklungsrelevante Peerbeziehungen (Freundschaften) anzubahnen und aufrechtzuerhalten. Zum anderen generieren sie informelle Lernsituationen, die sowohl zu einer Erweiterung des Handlungsraums der Kinder als auch zur Verbesserung von körperlich-motorischen, sprachlich-kognitiven und sozial-emotionalen Kompetenzen beitragen. Der vorliegende Beitrag betrachtet die Bedeutung von bewegungs- und peerfreundlichen Schulfreiräumen und gibt Anregungen zur Gestaltung von Freiräumen im Innen- und Außenbereich an Schulen.
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Zusammenfassung / Abstract Informelle Spiel- und Bewegungsmöglichkeiten in der Grundschule haben eine große Bedeutung für die kindliche Entwicklung. Zum einen erleichtern sie es den Schulkindern, entwicklungsrelevante Peerbeziehungen (Freundschaften) anzubahnen und aufrechtzuerhalten. Zum anderen generieren sie informelle Lernsituationen, die sowohl zu einer Erweiterung des Handlungsraums der Kinder als auch zur Verbesserung von körperlich-motorischen, sprachlich-kognitiven und sozial-emotionalen Kompetenzen beitragen. Der vorliegende Beitrag betrachtet die Bedeutung von bewegungs- und peerfreundlichen Schulfreiräumen und gibt Anregungen zur Gestaltung von Freiräumen im Innen- und Außenbereich an Schulen. Schlüsselbegriffe: Peerbeziehungen, Schulfreiräume, Bewegungsräume, Spielaktivitäten, informelles Lernen, Entwicklungsförderung, Verhältnisprävention Creating spaces supporting motor activities and peer experiences in all-day schools Informal play and movement opportunities in primary schools are of great importance for the development of children. On the one hand, they make it easier for pupils to initiate and maintain development relevant peer relationships (friendships). On the other hand, they create informal learning situations which contribute both to an expansion of the children’s scope of action and to the improvement of motor ability, linguistic-cognitive and social-emotional competences. This article examines the significance of spaces, supporting motor activities and peer experiences to give suggestions on the design of open spaces at all-day primary schools. Key words: peer relationships, open spaces at schools, physical activity, play, informal learning, promotion of development, behavioural prevention 3| 2019 motorik, 42. Jg., 138-143, DOI 10.2378 / mot2019.art23d © Ernst Reinhardt Verlag [ 138 ] [ FACHBEITRAG ] Gestaltung von bewegungs- und peerfreundlichen Schulfreiräumen in der Ganztagsgrundschule Ahmet Derecik, Björn Brandes Während Lehrkräfte ihre Aufmerksamkeit und Bemühungen in der Schule meist auf den Unterricht lenken, da er für sie das Kerngeschäft der Schule darstellt, nehmen Kinder oft andere Aspekte des Schullebens als sinnerfüllt und bedeutsam wahr. Laut einer aktuellen Studie liegen Bewegung und Spielen mit FreundInnen in den Pausen mit Abstand auf dem ersten Platz der Rangliste, wenn es darum geht, was Kinder in der Schule am liebsten tun (Deinet et al. 2018). Hierfür benötigen sie entsprechende bewegungs- und peerfreundliche Schulfreiräume. Insgesamt wird den Schulfreiräumen sowohl in klassischen als auch in aktuellen Forschungsarbeiten ein enormes Potenzial für die Entwicklung von Kindern zugesprochen (u. a. Deinet et al. 2018; Bahr et al. 2012; Derecik 2011; Reinert/ Zinnecker 1978). Anhand dieser Ausführungen offenbaren sich zwei gleichermaßen bedeutsame Aspekte für eine optimale Entwicklung von Kindern in informellen Räumen: zum einen die Bedeutung von Bewegung und zum anderen die Bedeutung von Peers. Aufgrund der veränderten Bedingungen des Aufwachsens von Kindern gewinnen beide an neuer Brisanz. So zeichnet sich die aktuelle Lebenswelt der Kinder vor allem durch den zunehmenden Verlust an informellen Bewegungsräumen mit Gleichaltrigen aus. Dies kann Aus- [ 139 ] Derecik, Brandes • Gestaltung von bewegungs- und peerfreundlichen Schulfreiräumen 3| 2019 wirkungen auf die persönliche und soziale Entwicklung der Kinder sowie auf ihre Schulleistungen haben (Laging / Schillack 2007, 10ff; Deinet 2005, 222). In Ganztagsgrundschulen erweisen sich der Schulhof sowie Pausen- und Aufenthaltsflächen im Schulgebäude als größter Sozialraum der Kinder, in dem sie ohne kontinuierliche Beaufsichtigung und Begleitung durch Erwachsene auf Gleichaltrige treffen und der ihnen dadurch Möglichkeiten zum informellen Lernen eröffnet. Die wöchentlichen Pausenzeiten in Ganztagsgrundschulen übersteigen dabei sowohl die Bewegungszeiten in den Sportstunden als auch in nicht-formellen (Nachmittags-)Angeboten im Ganztag um ein Vielfaches. Deshalb sollte eine Erweiterung des pädagogischen Schulauftrags der Ganztagsgrundschule darin gesehen werden, den Kindern bewegungs- und peerfreundliche Räume auf dem Schulhof und im Schulgebäude zur Verfügung zu stellen. Im Folgenden wird zunächst auf die Bedeutung des bewegungs- und peerfreundlichen Raums für die Entwicklung von Kindern eingegangen, um dann anschließend exemplarische Hinweise zur Gestaltung von entwicklungsförderlichen Schulfreiräumen zu skizzieren. Bedeutung des bewegungs- und peerfreundlichen Raums für die Entwicklung von Kindern Motorische Aktivitäten besitzen für die Entwicklung von Kindern zweifelsfrei einen hohen Stellenwert. Bewegung und Spiel werden aus einer entwicklungspsychologischen (u. a. Mogel 2008),- allgemeinpädagogischen (u. a. Flitner 1996), sozialpädagogischen (u. a. Böhnisch 2008), aneignungstheoretischen (u. a. Derecik/ Deinet 2013), sportpädagogischen (u. a. Hildebrandt-Stramann 2010) und psychomotorischen Perspektive (u. a. Zimmer 2013) für eine gelingende Entwicklung des Kindes als elementar betrachtet. Aus einer aneignungs- und raumtheoretischen Perspektive kann festgestellt werden, dass sich Kinder in den Mittagspausen von Ganztagsgrundschulen eine Vielzahl von neuen Bewegungs- und Spielräumen aneignen, da ihnen meist unterschiedliche Aufenthaltsbereiche zur Verfügung stehen, welche sie selbstbestimmt aufsuchen können. In diesen informellen und selbstgesteuerten Aneignungsprozessen, diesen informellen Situationen, lernen die Kinder die Bedeutungen von Gegenständen und Symbolen im gesellschaftlichen Zusammenhang kennen und entwickeln sich so in der eigentätigen Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt weiter. Die Erweiterung der motorischen Fähigkeiten sowie die Erweiterung des Handlungsraumes spielen dabei eine entscheidende Rolle. Jüngere Kinder in der Ganztagsgrundschule zeigen hierbei kaum geschlechtertypische Nutzungsmuster. Geschlechterdifferenzen im Bewegungsverhalten können vermehrt bei älteren Kindern der dritten und vierten Klasse festgestellt werden und äußern sich besonders in den unterschiedlichen Themen der Rollenspiele. Bei ihren Aktivitäten bewegen sich Kinder zwar oft intensiv, wenn sie mit Freunden zusammen sind, suchen aber phasenweise auch nach Rückzugsmöglichkeiten und Momenten der Ruhe. Die Aneignung von altersentsprechenden Bewegungs-, Spiel- und Rückzugsräumen kann deshalb aus einer gegenwartsorientierten Perspektive einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung von Kindern leisten (Derecik 2011). Aus einer eher zukunftsorientierten, entwicklungspsychologischen Perspektive gehört der Aufbau und der Erhalt von Freundschaften mit Gleichaltrigen im Grundschulalter zu den zentralen Entwicklungsaufgaben (Hurrelmann 2004, 37). In der Schule bieten der Klassenverband und die Pausen dafür geeignete Rahmenbedingungen, da sie über einen Zeitraum von Monaten und Jahren regelmäßig wiederkehrende Kontakte zwischen den Kindern herbeiführen und so fortschreitende Entwicklungen ermöglichen. Während die Wahl von InteraktionspartnerInnen und Interaktionsformen im Klassenverband jedoch oft eingeschränkt ist (z. B. durch zusammengestellte Lern- und Arbeitsgruppen sowie vorgegebene Sitzpläne und Interaktionsformen), bieten Pausen die Möglichkeit, dass sich Kinder InteraktionspartnerInnen selbstständig aus einer großen Peergroup wählen und Interaktions- [ 140 ] 3| 2019 Fachbeiträge aus Theorie und Praxis formen ko-konstruktiv bestimmen, was ihren Wert im Sinne von informellen Lerngelegenheiten deutlich steigert. Studien zur Peerinteraktion offenbaren, dass informelles Lernen mit einer sprachlichen und sozial-kognitiven Produktivität der Kinder einhergeht (de Boer / Deckert-Peaceman 2009; Röhner / Oliva 2007), welche ihre sozialen sowie emotionalen Kompetenzen fördert (Kanevski / von Salisch 2011; Kanders 2004). Berücksichtigt man diese Erkenntnisse, scheint es sowohl für die individuelle Entwicklung von Kindern als auch für die qualitative Weiterentwicklung von Ganztagsgrundschulen »eine wichtige Aufgabe zu sein, sich Lernprozessen dieser Art zu öffnen, sie ernst zu nehmen, konstruktiv in den Schulalltag einzubinden und zu nutzen« (Rohlfs 2010, 69). Eine gute Umsetzungsmöglichkeit besteht in der Schaffung von entwicklungsförderlichen Schulfreiräumen, welche den Aufbau und Erhalt von Freundschaftsbeziehungen über Bewegung und Spiel unterstützen (Derecik 2011,-32). Exemplarische Hinweise zur Gestaltung von entwicklungsförderlichen Schulfreiräumen Es existieren vielfältige Umsetzungsmöglichkeiten, um für Kinder im Schulgebäude und auf dem Schulgelände Räume für Bewegungs-, Spiel- und Entspannungsphasen zu generieren, die entwicklungsförderlich sind und gleichzeitig den Aufbau von Freundschaftsbeziehungen unterstützen (für einen Überblick siehe Derecik 2015). Exemplarisch werden an dieser Stelle drei Möglichkeiten aufgezeigt. Eine kostengünstige Maßnahme ohne bauliche Veränderungen stellt die erweiterte Öffnung bereits vorhandener Räume im Schulgebäude dar (dazu gehört u. a. die offene Sporthalle). Darüber hinaus bietet sich z. B. die Einrichtung eines Toberaums an, welcher jedoch Umbaumaßnahmen oder einen zusätzlichen Raumbedarf erfordert. Im Außenbereich der Schule stellt insbesondere die Ausstattung von naturnahen Nischen mit beweglichen Materialien eine gute Umsetzungsmöglichkeit dar. Offene Sporthalle Die Öffnung der Sporthalle während der Pausen- und Betreuugszeiten ist eine einfache und kostengünstige Möglichkeit, die Schulfreiräume von Grundschulkindern zu erweitern. Praxiserfahrungen an Ganztagsgrundschulen zeigen, dass dieses Angebot - besonders an kalten Tagen - von vielen Kindern und ihren FreundInnen angenommen wird, was zu einer Verringerung der Anzahl der Kinder auf dem Schulhof und im Schulgebäude führt. Allein dieser Umstand geht oft mit einer Abnahme von Konflikten und Streitigkeiten unter den SchülerInnen während der Pause einher. Die Entwicklung von Regeln für die Sporthallennutzung und eines Hallenplans inklusive der jeweiligen Angebote, die organisatorische Ausgabe benötigter Spielgeräte und die Bereitstellung einer moderierenden Aufsicht sind an dieser Stelle unverzichtbar. In der offenen Sporthalle können sowohl freie als auch thematische Spiel- und Bewegungsangebote bereitgestellt werden, die den Wünschen aller Nutzungsgruppen gerecht werden. Unter Umständen kann an dieser Stelle auch eine Differenzierung nach Interessengruppen vorgenommen werden. Toberaum Falls ein separater Toberaum eingerichtet werden kann, sollte darauf geachtet werden, dass dieser eine angemessene Größe für Spiel und Bewegung bietet und den Unterricht in den benachbarten oder darunterliegenden Klassen nicht stört. Er sollte so abgesichert sein, dass sich die Kinder mit ihren FreundInnen auch ohne Aufsicht gefahrlos in ihm bewegen können (Köckenberger 2007, 9ff ). Der Bodenbelag sollte nach Möglichkeit abfedernd sowie rutschhemmend wirken, gleichzeitig aber den Umgang mit z. B. rollenden Materialien ermöglichen. Konstruktionen (z. B. an Wänden und Decke eingelassene Karabinerhaken, Sprossenund/ oder Kletterwand), die das schnelle Anbringen oder Aufhängen bestimmter Materialien (Schwungseile, Schaukeln, Trapeze oder Ringe) ermöglichen, sind wünschenswert (Zimmer 2009, 49f ). Ansonsten sollte der Bewegungsraum nicht überladen werden und viel freie Fläche zum Laufen, Spielen, Fangen und Bauen gewähren, was im Idealfall einen anliegenden [ 141 ] Derecik, Brandes • Gestaltung von bewegungs- und peerfreundlichen Schulfreiräumen 3| 2019 Lagerraum oder Schränke für die Materialien erfordert (Köckenberger 2007, 31). Die Materialien sollten grundsätzlich für die Kinder reizvoll sein, sie weder übernoch unterfordern und aus altbekannten und neuen bzw. unbekannten Materialen bestehen. Im Normalfall werden den Kindern keine fertigen Bewegungslandschaften angeboten, sondern einfache Alltags- und Gebrauchsgegenstände (Zimmer 2009, 54) sowie einfache Geräte und Materialien einer sogenannten Bewegungsbaustelle (Miedzinski / Fischer 2014) für offene Handlungssituationen. Diese geben ihnen die Chance, »selbstständig ihre Bewegungsumwelt mitzugestalten, d. h. in aktiver Auseinandersetzung mit den Dingen mehr über deren Eigenschaften und Handhabung, sowie den eigenen Körper zu erfahren« (Miedzinski 1983, 7). Naturnahe Nischen mit beweglichen Materialien Naturnahe Nischen mit beweglichen Materialien bieten ein besonderes und entwicklungsadäquates Erlebnispotential und sind zudem wesentlich kostengünstiger als genormte Spielplatzkonstruktionen (Forster 2000, 159). Sie sind hochbedeutsam für die sensomotorische Entwicklung und im Gegensatz zu normierten Spielplätzen ergeben sich wesentlich mehr Interaktionen zwischen den Peers (Forster 2000, 159; Derecik 2015, 172). Insgesamt stellen naturnahe Nischenflächen mit Büschen und Bäumen sowie zusätzlichen Materialien in ihrer Gesamtheit einen enormen Gewinn für das Schulgelände dar und bieten Spielgemeinschaften für verschiedene Altersstufen sowie beide Geschlechter. Gleichzeitig können Rückzugs- und Kommunikationsnischen entstehen (Derecik 2015). Naturnahe Nischenflächen werden als der optimale Bewegungs- und Spielraum für Kinder betrachtet, weil in diesen »das Kind besonders viele visuelle, taktile und auditive Sinneserfahrungen machen und seine Motorik auf vielfältigste Weise einsetzen« kann (Largo / Beglinger 2009, 127). Als typische Elemente einer naturnahen Gestaltung von Schulhofflächen können Rasen, Erde, Sand, Busch- und Baumgruppen sowie die Bereitstellung von beweglichen Natur-, Spiel- und Bewegungsmaterialien betrachtet werden. Darüber hinaus sind eine Anpflanzung von Weidenhütten, Konstruktionen mit Naturholz und die Verwendung von Naturstein denkbar. Die Gestaltung der Schulfreiräume mit naturnahen Nischenflächen wirkt beruhigend auf die NutzerInnen und bietet sowohl Möglichkeiten zur sozialen Kommunikation in (Klein-)Gruppen als auch zum Rückzug in einen privaten Raumbereich (Forster 2000, 161). Dafür sollten ökologische Nischen so angeordnet werden, dass sie »nicht in den Hauptzuwegungen und Verkehrsbereichen liegen« (Edinger-Achenbach 1993, 15). Das Naturschutz- und Grünflächenamt der jeweiligen Städte übernimmt oftmals die Planung und Bauleitung. Baumstämme und Lastkraftwagenreifen sind vielfältige und anregende bewegliche Materialien, die ohne großen finanziellen Aufwand angeschafft werden können und keinen personellen Aufwand nach sich ziehen. Naturbelassene Baumstämme verdeutlichen den Kindern die Eigenverantwortung für eine sichere Nutzung und können problemlos platziert werden, wenn Rindenmulch ausgelegt wird. Daher sollte bei Balancierstationen vermehrt auf natürlich geformte Baumstämme von ca. 30 Zentimeter Durchmesser zurückgegriffen werden statt auf teurere, künstliche Balancierbalken. Ein positiver Effekt der naturbelassenen Baumstämme ist, dass ihre Unbestimmtheit und ihre vielfältigen Ausdeutungsmöglichkeiten es den Abb. 1: Mädchen beim Spiel mit diversen Reifen (Laging et al. 2010, 155) [ 142 ] [ 142 ] 3| 2019 Fachbeiträge aus Theorie und Praxis Kindern leicht machen, sie - je nach Situation - als Rückzugs- und Kommunikationsnischen oder als Bewegungs- und Spielraum zu nutzen. Alte Trecker-, LKW- und Autoreifen können beim Schrotthandel oder im Fachhandel oftmals kostenfrei abgeholt werden. Sie bieten viele Bewegungs- und Spielmöglichkeiten. Beispielsweise können u. a. Schaukelsitze hergestellt werden, sie können als »Tische« genutzt werden oder als Niedersprungsmöglichkeit dienen. Große Reifen laden gleichzeitig auch zum Verweilen, Sitzen und Lesen ein (Abb. 1). Dafür sollten sie vor ihrem Einsatz jedoch mit einem Hochdruckreiniger behandelt und an einigen Stellen mit einer Bohrmaschine durchlöchert werden, sodass Regenwasser ablaufen kann. Die aufgeführten beweglichen Materialien sind bereits jeweils für sich wertvoll, aber in ihrer Kombination steigt ihr Wert für Kinder nochmals. Denn dann können Kinder durch Bauaktivitäten oder Rollenspiele diese Umgebungen für sich erobern, sie entsprechend ihrer Bedürfnisse herrichten und mit eigenem Sinn belegen. Fazit Bewegung und Interaktion mit Peers sind wesentliche entwicklungsdienliche Momente für Kinder. Ganztagsgrundschulen sollten Kindern dementsprechend bewegungs- und peerfreundliche Schulfreiräume für die umfangreichen Pausen- und Betreuungszeiten zur Verfügung stellen, um informelles Lernen unter den Kindern zu ermöglichen. Diese weitgehend erwachsenenfreien Räume sind während eines gemeinsamen Schultages zur Intensivierung von Freundschaften sowie zum Erwerb von vielfältigen Kompetenzen wichtig und können einen ausgesprochen wertvollen Beitrag für die Entwicklung von Kindern sowie die (Weiter-)Entwicklung von Ganztagsgrundschulen leisten. Der erste Weg und eine kostenlose Möglichkeit, zusätzliche Bewegungs-, Spiel- und Ruheräume in Schulen zu schaffen, besteht in der Öffnung existierender Räume in der Pausenzeit, wie z. B. der Sporthalle, der Aula oder der Flure (Derecik 2015, 176ff ). Die Öffnung und Gestaltung dieser Innenräume ist zu jeder Jahreszeit von Vorteil, insbesondere wenn die Schule nur über ein kleines Außengelände verfügt. Toberäume richten sich an Schulen, welche Mittel und Kapazitäten für zusätzliche, zweckgebundene Freiräume im Schulgebäude haben. Durch eine multifunktionale Ausstattung des Toberaums können die Kinder nicht nur ihrem Grundbedürfnis nach Bewegung und Spiel nachkommen, sondern es ergeben sich auch vielfältige Interaktionsmöglichkeiten mit Peers. Dies gilt ebenfalls für naturnahe Nischen mit beweglichen Materialien. Dadurch, dass diese weitgehend undefiniert sind, bestimmen nicht die normierten Geräte die Spielhandlungen, sondern die Natur und die Materialien ordnen sich den Spielhandlungen der Kinder unter. Daher ist es wichtig, in der Schule solche veränderbaren und wenig definierten Spielräume bereitzuhalten und fest montierte Spielgeräte - aufgrund ihrer Monofunktionalität - nur sensibel als Ergänzung zu diesen einzusetzen. Naturnahe Nischen sind nicht nur wesentlich kostengünstiger, sondern auch pädagogisch wertvoller und wesentlich attraktiver für Kinder, da sie vielfältige Bewegungs- und Interaktionsmöglichkeiten mit den Peers bieten. Dieser Beitrag durchlief das Peer Review. Literatur Bahr, S., Kallinich, K., Beudels, W., Fischer, K., Hölter, G. Jasmund, C., Krus, A., Kuhlenkamp, S. (2012): Bedeutungsfelder der Bewegung für Bildungs- und Entwicklungsprozesse im Kindesalter. motorik 35 (3), 98-109 Böhnisch, L. (2008): Sozialpädagogik der Lebensalter. Eine Einführung. Juventa, Weinheim de Boer, H., Deckert-Peaceman, H. (2009): Schulische Ordnung und Peerkultur. In: de Boer, H., Deckert- Peaceman, H. (Hrsg.): Kinder in der Schule. Zwischen Gleichaltrigenkultur und schulischer Ordnung. Springer VS, Wiesbaden, 319-328, https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3-531-91551-7_19 Deinet, U. (2005): Das sozialräumliche Muster in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit. In: Deinet, U., Sturzenhecker, B. 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Anschriften Jun.-Prof. Dr. Ahmet Derecik Universität Osnabrück Arbeitsbereich Sport und Gesellschaft Jahnstraße 75 D-49080 Osnabrück ahmet.derecik@uni-osnabrueck.de Björn Brandes Universität Osnabrück Arbeitsbereich Sport und Erziehung Jahnstraße 75 D-49080 Osnabrück bjoern.brandes@uni-osnabrueck.de
