eJournals motorik42/4

motorik
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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
7_042_2019_4/7_042_2019_4.pdf101
2019
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Berichte: Zusammenhänge zwischen Händigkeitsentwicklung und Handgeschicklichkeit im Vorschulalter

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2019
Eva Michel
Sophia Leidel
Greifen, Manipulieren, Schreiben?… – Die Handgeschicklichkeit spielt in der kindlichen Entwicklung eine herausragende Rolle. Auffälligkeiten in der Handgeschicklichkeit sind ein Risikofaktor für die weitere motorische und kognitive Entwicklung (z.B. Michel et al. 2018), daher ist die frühe Erkennung und ggf. Intervention sehr bedeutsam. Ziele der Studie Aufgrund der wichtigen Rolle der Handgeschicklichkeit und der Tatsache, dass ca. 11?% aller Vorschulkinder feinmotorische Auffälligkeiten zeigen (Wagner et al. 2011), sollen mögliche Einflussfaktoren auf die Handgeschicklichkeit identifiziert werden. Dies könnte helfen, Risikokinder früh zu erkennen und zu fördern. Die Händigkeitsentwicklung soll dabei im Fokus stehen, da diese bereits in den ersten Lebensjahren erfolgt. Frühe Auffälligkeiten könnten für Probleme in der Handgeschicklichkeit, die sich im Kindergartenalter ausdifferenziert haben, prädiktiv sein. So hängen Händigkeitswechsel in einigen Studien mit geringerer Handgeschicklichkeit zusammen (Kastner-Koller et al. 2007; Krombholz 2008). Händigkeit wird als Oberbegriff für Handpräferenz und Handdominanz verwendet.
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[ 202 ] 4| 2019 Aktuelles / Kurz berichtet [ AKTUELLES / KURZ BERICHTET ] Berichte Zusammenhänge zwischen Händigkeitsentwicklung und Handgeschicklichkeit im-Vorschulalter Greifen, Manipulieren, Schreiben …- - Die Handgeschicklichkeit spielt in der kindlichen Entwicklung eine herausragende Rolle. Auffälligkeiten in der Handgeschicklichkeit sind ein Risikofaktor für die weitere motorische und kognitive Entwicklung (z. B. Michel et al. 2018), daher ist die frühe Erkennung und ggf. Intervention sehr bedeutsam. Ziele der Studie Aufgrund der wichtigen Rolle der Handgeschicklichkeit und der Tatsache, dass ca. 11 % aller Vorschulkinder feinmotorische Auffälligkeiten zeigen (Wagner et al. 2011), sollen mögliche Einflussfaktoren auf die Handgeschicklichkeit identifiziert werden. Dies könnte helfen, Risikokinder früh zu erkennen und zu fördern. Die Händigkeitsentwicklung soll dabei im Fokus stehen, da diese bereits in den ersten Lebensjahren erfolgt. Frühe Auffälligkeiten könnten für Probleme in der Handgeschicklichkeit, die sich im Kindergartenalter ausdifferenziert haben, prädiktiv sein. So hängen Händigkeitswechsel in einigen Studien mit geringerer Handgeschicklichkeit zusammen (Kastner-Koller et al. 2007; Krombholz 2008). Händigkeit wird als Oberbegriff für Handpräferenz und Handdominanz verwendet. Unter Handdominanz versteht man die höhere Leistungsfähigkeit einer Hand. Die Handdominanz wird mit feinmotorischen, aber auch schriftsprachlichen und kognitiven Leistungen in Zusammenhang gebracht (z. B. Doyen et al. 2017). Bisher ist die Befundlage relativ unklar, daher wird in vorliegender Studie explorativ untersucht, ob und in welcher Richtung die Handdominanz mit der Handgeschicklichkeit im Vorschulalter korreliert. Handpräferenz bezeichnet die konsistente Bevorzugung einer Hand für eine Tätigkeit (Lateralisierung). Mit drei Jahren hat ca. die Hälfte aller Kinder-- bei Schuleintritt ca. 90 %- - eine klare Handpräferenz ausgebildet (Kastner- Koller et al. 2007). Etwa 10 % aller Kinder präferieren die linke Hand, Jungen deutlich häufiger als Mädchen. Vorschulkinder mit inkonsistenter Handpräferenz (innerhalb einer Tätigkeit) erzielten niedrigere Entwicklungsscores als beidhändige Kinder, die innerhalb einer Tätigkeit eine konsistente Präferenz zeigten (Kastner-Koller et al. 2007). Motorisch auffällige Grundschulkinder zeigen laut Elternangaben häufiger eine inkonsistente Handpräferenz als unauffällige Kinder (Michel et al. 2018). Eine konsistente Handpräferenz scheint die Rechts-Links-Unterscheidung, Raumorientierung und visuomotorische Koordination zu erleichtern (Kastner-Koller et al. 2007). In vorliegender Studie soll daher geprüft werden, ob eine inkonsistente Handpräferenz negativ mit der Handgeschicklichkeit zusammenhängt. Methode Die Stichprobe bestand aus n-= 42-Kindern (22 Mädchen) die zum Testzeitpunkt 61-78 Monate alt waren (M- = 68,5 Monate; SD- = 5 Monate). Messinstrumente waren die Skala Handgeschicklichkeit der Movement ABC-2 (Petermann 2011) und der Punktiertest und Leistungsdominanztest (PTK-LDT) für Kinder im Altern von 5-12 Jahren (Schilling 2009). Im PTK-LDT kann die Punktierleistung für beide Hände separat ausgewertet (Motorikquotient (MQ) für Vorzugs- und Nichtvorzugshand) sowie ein Dominanzindex (DI) berechnet werden. Er gibt das Verhältnis der Leistung der rechten Hand zur Gesamtleistung an, unabhängig davon, wie hoch diese ist. Zusätzlich wurde ein Elternfragebogen zur Erfassung der Handpräferenzentwicklung und derzeitigen Handpräferenz eingesetzt. Zentrale Erkenntnisse Handdominanz und Handgeschicklichkeit DI und Handgeschicklichkeit, operationalisiert über die Movement ABC-2, hängen nicht zusammen, DI und MQ dagegen signifikant negativ (r- = -.39, p =.02). Eine geringere Handdominanz ging also mit höherer Handgeschicklichkeit einher. Ferner hing die Handgeschicklichkeit (Movement ABC-2) in vorliegender Studie deskriptiv stärker mit der Leistung (MQ) der nichtdominanten (r =.45, p <.01) als mit der Leistung der dominanten Hand (r =.34, p =.03) im PTK-LDT zusammen. Handpräferenz und Handgeschicklichkeit Die deskriptive Betrachtung der Handgeschicklichkeit bei den Kindern mit Wechsel der Handpräferenz (laut Elternbericht n-= 7) ergab keine Hinweise auf einen negativen Zusammenhang zwischen Handpräferenzwechseln und [ 203 ] Aktuelles / Kurz berichtet 4| 2019 Handgeschicklichkeit. Damit können die Befunde von Bruckner et al. (2011), Kastner-Koller et al. (2007) und Krombholz (2008) nicht bekräftigt werden, in denen eine inkonsistente Handpräferenz im Vorschulalter mit schwächeren (grapho-)motorischen Leistungen einhergeht. Vorhersage der Handgeschicklichkeit Zur Vorhersage der Handgeschicklichkeit (Movement ABC-2) wurde eine Regressionsanalyse (Einschlussverfahren) gerechnet. Einbezogen wurden Geschlecht, Alter in Tagen, Testreihenfolge, DI sowie der MQ der Vorzugshand und Nichtvorzugshand. Insgesamt konnten die einbezogenen Prädiktoren 16 % der Varianz aufklären. Einziger signifikanter Prädiktor war der MQ der Nichtvorzugshand (ß =.58; t = 2,15; p =.039). Doyen et al. (2017) vermuten, dass die größere Bedeutsamkeit der nichtdominanten Hand über deren langsamere Entwicklung im Kindesalter erklärbar ist, weshalb sie ein valider Indikator für allgemeine Entwicklungsverzögerungen sein könnte. Schlussfolgerungen und Ausblick Eine geringere Handdominanz im Vorschulalter geht in vorliegender Studie mit einer höheren Handgeschicklichkeit einher und die Leistung der nichtdominanten Hand hat- - im Rahmen der hier einbezogenen Variablen-- den größten Erklärungswert für die Handgeschicklichkeit. Die vorliegenden Befunde passen zur Studie von Doyen et al. (2017), in der eine geringere Handdominanz mit höheren Lese-Rechtschreibleistungen einhergeht. Die Ursachen dafür und für die besondere Bedeutsamkeit der nichtdominanten Hand sind bislang ungeklärt. Dennoch sollte aufgrund dieser Befunde der Leistung der nicht-dominanten Hand als Prädiktor für die Handgeschicklichkeit mehr Bedeutung beigemessen werden. Insgesamt erklärten die untersuchten Variablen einen eher geringen Varianzanteil der Handgeschicklichkeit. Zukünftige Studien sollten weitere Prädiktoren vergleichend einbeziehen, beispielsweise kognitiv-exekutive Aufmerksamkeitsfunktionen (z. B. Michel et al. 2018). Literatur Bruckner, J., Kastner-Koller, U., Deimann, P.,Voracek, M. (2011): Drawing andhandedness of preschoolers: A repeatedmeasurement approach to hand preference. Perceptual and Motor Skills 112 (1), 258-266, https: / / doi.org/ 10.2466/ 04.10.PMS. 112.1.258-266 Doyen, A.-L., Lambert, E., Dumas, F., Carlier, M. (2017): Manual performance as predictor of literacy acquisition. A study from kindergarten to Grade 1. Cognitive Development 43, 80-90, https: / / doi.org/ 10.1016/ j.cogdev.2017. 02.011 Kastner-Koller, U., Deimann, P., Bruckner, J. (2007): Assessing handedness in pre-schoolers: Construction and initial validation of a hand preference test for 4-6-year-olds. Psychology Science 49 (3), 239 Krombholz, H. (2008): Zusammenhänge zwischen Händigkeit und motorischen und kognitiven Leistungen im Kindesalter. Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie 40 (4), 189-199, https: / / doi.org/ 10.1026/ 0049-8637.40.4.189 Michel, E., Molitor, S., Schneider, W. (2018): Differential changes in the development of motor coordination and executive functions in children with motor coordination impairments. Child Neuropsychology 24 (1), 20-45, https: / / doi.org/ 10.1080/ 09297049. 2016.1223282 Petermann, F. (2011): Movement Assessment Battery for Children-2. 3. Aufl. Pearson, Frankfurt/ M. Schilling, F. (2009): PTK-LDT. Manual: Punktier- und Leistungs-Dominanztest für Kinder (5-12 Jahre). Verlag modernes lernen, Dortmund Wagner, M. O., Kastner, J., Petermann, F., Bös, K. (2011): Factorial validity of the Movement Assessment Battery for Children-2 (age band 2). Research in Developmental Disabilities 32 (2), 674-680, https: / / doi.org/ 10.1016/ j. ridd.2010.11.016 Eva Michel & Sophia Leidel eva.michel@uni-wuerzburg.de