motorik
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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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2020
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Bericht: Bewegung und Stimme für Parkinsonbetroffene
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2020
Ursina Degen
Erika Hunziker
Morbus Parkinson ist weltweit die häufigste neurodegenerative Erkrankung. Sie führt zu motorischen und stimmlichen Problemen. Parkinsonbetroffene leiden unter den Folgen ihrer Erkrankung, was ihre Lebensqualität beeinträchtigt und sich in den meisten Fällen negativ auf das subjektive Wohlbefinden auswirkt. Ausgehend vom Störungsbild und dessen weitreichenden Folgen wurde das Kurskonzept »Bewegung und Stimme für Parkinsonbetroffene« entwickelt. Es handelt sich um ein interdisziplinäres Angebot der Fachbereiche Psychomotorik und Logopädie, an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik Zürich (HfH). [...]
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[ 44 ] 1 | 2020 Aktuelles / Kurz berichtet Bewegung und Stimme für Parkinsonbetroffene Empirische Studie zur Wirkung eines interdisziplinären Gruppenangebotes für Menschen mit Morbus Parkinson auf das subjektive Wohlbefinden (ParBEST) Morbus Parkinson ist weltweit die häufigste neurodegenerative Erkrankung. Sie führt zu motorischen und stimmlichen Problemen. Parkinsonbetroffene leiden unter den Folgen ihrer Erkrankung, was ihre Lebensqualität beeinträchtigt und sich in den meisten Fällen negativ auf das subjektive Wohlbefinden auswirkt. Ausgehend vom Störungsbild und dessen weitreichenden Folgen wurde das Kurskonzept »Bewegung und Stimme für Parkinsonbetroffene« entwickelt. Es handelt sich um ein interdisziplinäres Angebot der Fachbereiche Psychomotorik und Logopädie, an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik Zürich (HfH). Ziel dieses Angebotes ist, durch Bewegungsunterstützung die Stimme zu kräftigen und das Grundvertrauen in die eigene Kommunikation zu festigen. Neu sind die Verbindung von Bewegung und Stimme und das Gruppensetting. Neben einem gezielten Training, bei dem es um den Erhalt und die Verbesserung motorischer und stimmlicher Funktionen geht, stehen die Körperwahrnehmung und der Wiedergewinn des Vertrauens in die eigenen Fähigkeiten im Vordergrund. Bewegung und Stimme werden auf eine unbeschwerte Art kombiniert, z.B. mit dem gemeinsamen Heben und Senken des Schwungtuches wird die motorische Koordinationsfähigkeit verbessert und dazu die Stimme bezüglich Lautstärke und Modulation variiert. Im Gruppensetting können die Bewegungen und das gemeinsame Experimentieren mit der Stimme auf eine lustvolle Art und Weise erfahren werden (Abb.- 1). Die Kursinhalte orientieren sich dabei immer an den Ressourcen der Teilnehmenden. Bisherige positive Rückenmeldungen der Kursteilnehmenden deuten darauf hin, dass das Angebot ihr Wohlbefinden verändert. Dies bildet die Ausgangslage des Forschungsprojektes ParBEST. Abb.-1: Gemeinsames Experimentieren (Foto: Daniela Brunner) Forschungsdesign Das Forschungsprojekt orientiert sich an der Fragestellung: »Hat die Verbindung von Bewegung und Stimme, in einem zeitlich begrenzten ressourcenorientierten Gruppenangebot, Einfluss auf das subjektive Wohlbefinden von Menschen mit Morbus Parkinson? « Die Stichprobe besteht aus 21 Personen mit leichter bis mittelschwerer Parkinsonerkrankung. Die Experimentalgruppe umfasst 11 Personen, die alle den Kurs »Bewegung und Stimme« besuchen. Die Kontrollgruppe zählt 10 Personen, die im Zeitraum der Untersuchung an keinem vergleichbaren Gruppenangebot teilnehmen. Als Untersuchungsinstrumente werden der WHO-5-Fragebogen zum Wohlbefinden (Brähler et al. 2007) und der Kurzfragebogen zum allgemeinen Wohlbefinden (FAHW-12) von Wydra (2014) eingesetzt, um die Selbsteinschätzung zu erheben. Die Vielfalt der Symptomatik von Parkinson kann dazu führen, dass die Ergebnisse der Untersuchung durch Störfaktoren beeinflusst werden. Um diese zu kontrollieren, werden der Experimental- und der Kontrollgruppe spezifische Fragen aus dem Parkinson’s Disease Quality of Life Questionnaire (PDQ-39) der deutschen Version (Berger et al. 1999) und der Parkinson’s Well-Being Map (UCB- Pharma AG 2013) vorgelegt. Der Umfang der Fragen des PDQ umfasst im Forschungsprojekt ParBEST 20 Fragen. Um differenziertere Aussagen zur Wirkung des Kurses, zur Gruppenatmosphäre und zu Veränderungen im Alltag zu erhalten, wird bei der Experimentalgruppe zudem ein Leitfadeninterview durchgeführt. Auch in der Kontrollgruppe findet eine mündliche Befragung statt, mit Fragen zu Interessen, Freizeitbeschäftigungen und Therapien. Die Datenerhebung findet bei der Experimentalgruppe innerhalb des Kurses zu drei, bei der Kontrollgruppe am [ 45 ] Blessing • Bewegungsgetragene Traumaarbeit in-Kindergarten und Schule 1 | 2020 [ 45 ] Aktuelles / Kurz berichtet 1 | 2020 Wohnort zu zwei Zeitpunkten statt. Das Follow-up wird bei der gesamten Stichprobe zuhause durchgeführt. Die Erhebungen werden von den sechs am Kurs beteiligten Studierenden der Studiengänge Psychomotorik bzw. Logopädie der HfH durchgeführt. Vor diesen Interviews findet eine Schulung der Studierenden statt, um die Vergleichbarkeit und Qualität der Ergebnisse zu erhöhen. Nach der Datenaufbereitung werden die quantitativen Daten mit SPSS und die qualitativen mit MAXQDA ausgewertet. Ergebnisse und Beantwortung der Fragestellung Die Fragestellung nach dem Einfluss des Gruppenangebotes auf das Wohlbefinden, kann auf der Basis der Ergebnisse des WHO-5-Fragebogens vorsichtig mit JA beantwortet werden. Die Auswertung der quantitativen Untersuchung zeigt, dass die Mittelwerte über die vier Messzeitpunkte steigen, was bedeutet, dass das subjektive Wohlbefinden der Experimentalgruppe zugenommen hat. Die Kontrollgruppe erfährt keine solche Veränderung. Aufgrund der kleinen Stichprobe und den abweichenden Messergebnissen der weiteren Fragebögen (FAHW-12 und PDQ-39) ist es schwierig, dieses deskriptive Ergebnis abzusichern. Die Ergebnisse der qualitativen Untersuchung zeigen, dass in erster Linie das Gruppenangebot, die Atmosphäre in der Gruppe und das Miteinander ausschlaggebend für die Zunahme des subjektiven Wohlbefindens sind. Daraus lässt sich schließen, dass der soziale Faktor der Gruppenintervention einen hohen Stellenwert hat. Die ressourcenorientierte, offene Herangehensweise wie auch das kreative Vorgehen führen dazu, dass sich die Experimentalgruppe im Kurs wohl fühlt und dass sich das Wohlbefinden zumindest innerhalb des Kurses und während der Kursdauer verbessert. Aus Aussagen, dass sich die Kursteilnehmenden im Kurs aufgehoben fühlen, neue positive Erfahrungen mit dem Gehen und der Stimme machen, sich sozial wieder mehr integrieren, die Krankheit während des Kurses vergessen und Impulse erhalten, kann gefolgert werden, dass das ressourcenorientierte Gruppensetting mit der inhaltlichen Verbindung von Bewegung und Stimme das aktuelle subjektive und teilweise das habituelle Wohlbefinden begünstigt. Durch den Kurs werden Ressourcen wiederentdeckt, was positive Auswirkungen auf den Alltag und auf die Lebensqualität hat. Schlussfolgerungen Die Ergebnisse der vorliegenden Studie zeigen, dass das ressourcenorientierte, mulitmodale Kursangebot »Bewegung und Stimme für Menschen mit Parkinson« positive Auswirkungen auf das subjektive Wohlbefinden hat, was durch die deskriptiven Ergebnisse des WHO-5 und Aussagen in den Leitfadeninterviews bestätigt wird. Zumindest während der Dauer des Kurses, gelingt es den Teilnehmenden den Fokus weg von der Krankheit zu legen, die Perspektive auf die Ressourcen zu richten und das Selbstvertrauen zu stärken. Eine statistische Auswertung der quantitativen Daten wird zur Sicherung der Ergebnisse noch durchgeführt. Literatur Berger, K., Broll, S., Winkelmann, J., Heberlein, I., Müller, T., Ries, V. (1999): Untersuchung zur Reliabilität der deutschen Version des PDQ-39: Ein krankheitsbezogener Fragebogen zur Erfassung der Lebensqualität von Parkinsonpatienten. Akt. Neurologie 26 (4), 180-184, https: / / doi. org/ 10.1055/ s-2007-1017628 Brähler, E., Mühelan, H., Albani, C., Schmidt, S. (2007): Teststatistische Prüfung und Normierung der deutschen Version des EUROHIS-QOL Lebensqualitäts-Index und des WHO-5 Wohlbefindens-Index. Diagnostica 53, 83-96, https: / / doi.org/ 10.1026/ 0012- 1924.53.2.83 UCB-Pharma AG (2013): Parkinson’s Well- Being Map zur Unterstützung der Kommunikation beim Arztbesuch Wydra, G. (2014): Kurzfragebogen zum allgemeinen habituellen Wohlbefinden (FAHW-12). Copyright Georg Wydra. In: http: / / www.sportpädagogiksb.de/ pdf/ FAHW12.pdf, 12.01.2017 Kontakt Lic. phil. Ursina Degen udegen@bluewin.ch Dr. phil. Erika Hunziker erika.hunziker@hfh.ch
