eJournals motorik43/2

motorik
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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2020.art18d
7_043_2020_2/7_043_2020_2.pdf41
2020
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Medien & Materialien: Ganterer, Julia: Körpermodifikationen und leibliche Erfahrungen in der Adoleszenz. Eine feministisch-phänomeno­logische Studie zu Inter-Subjektivierungsprozessen.

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2020
Gabriele Sobiech
Ganterer, Julia: Körpermodifikationen und leibliche Erfahrungen in der Adoleszenz. Eine feministisch-phänomeno­logische Studie zu Inter-Subjektivierungsprozessen. Barbara Budrich, Opladen u.a., 2019, 346 Seiten, € 39,90 (D) Die Körperpraktiken von Jugendlichen, wie Piercings, Tattoos, Bodybuilding, Diät, Frisuren und Styling, lösen häufig Skepsis, Irritation oder Provokation aus. Julia Ganterer will verstehen, welche »lautlosen«, leiblichen Erfahrungen den Handlungsstrategien der Adoleszent*innen, die ihren Körper im Zuge von »Inter-Subjektivierungsprozessen« modifizieren, zugrunde liegen. Dazu führt die Autorin im Rahmen einer feministisch-phänomenologischen Perspektive und dem Rückgriff auf ein qualitatives Forschungsparadigma 14 episodische Interviews mit Jugendlichen durch, die sie hermeneutisch auswertet. [...]
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[ 96 ] 2 | 2020 Medien und Materialien Ganterer, Julia: Körpermodifikationen und leibliche Erfahrungen in der Adoleszenz. Eine feministisch-phänomenologische Studie zu Inter-Subjektivierungsprozessen. Barbara Budrich, Opladen u. a., 2019, 346 Seiten, €-39,90 (D) Die Körperpraktiken von Jugendlichen, wie Piercings, Tattoos, Bodybuilding, Diät, Frisuren und Styling, lösen häufig Skepsis, Irritation oder Provokation aus. Julia Ganterer will verstehen, welche »lautlosen«, leiblichen Erfahrungen den Handlungsstrategien der Adoleszent*innen, die ihren Körper im Zuge von »Inter-Subjektivierungsprozessen« modifizieren, zugrunde liegen. Dazu führt die Autorin im Rahmen einer feministisch-phänomenologischen Perspektive und dem Rückgriff auf ein qualitatives Forschungsparadigma 14 episodische Interviews mit Jugendlichen durch, die sie hermeneutisch auswertet. Nach einem einführenden Teil setzt sich die Verfasserin zunächst im Kapitel zum »theoretischen Bezugsrahmen« mit grundlegenden Ansätzen zu Leib- Körper-Diskursen, zu Körpermodifikationen und Körperpraktiken, zu Schönheit und Ästhetik der Erfahrung als auch zum feministisch-phänomenologischen Geschlechterdiskurs auseinander. Hierbei wird auf phänomenologische (Merleau-Ponty; Meyer-Drawe), diskursanalytische (Foucault) und (de-) konstruktivistisch-feministische (Butler) Analyseperspektiven zurückgegriffen. Die ästhetische Körperindustrie, die auch jungen Heranwachsenden »unter die Haut« geht, den Leib affiziert und zur Körpergestaltung motiviert, wird in diesem Kontext als Teil einer neuen Disziplinarmacht verstanden. In der Darstellung der Ergebnisse werden die interviewten Jugendlichen im ersten Schritt kurz porträtiert sowie zusätzliche Informationen zu ihrer sozialen Situation (Bildungsniveau, Berufsstand, soziales Milieu etc.) gegeben. Die anschließenden Ausführungen zu fallübergreifenden »Klangmustern« basieren auf einer tiefer angelegten Rekonstruktion der latenten Sinnstrukturen der Interviewtexte. Hierzu gehören neben der sprachlichen Ebene auch verbale Laute (verstärktes Atmen, Lachen, Schmatzen), die auf die Leiberfahrungen der Jugendlichen verweisen. Dem Leib eine Sprache zu geben, bedeutet, die Vielschichtigkeit und Mehrdeutigkeit eines prozesshaften Phänomens herauszuarbeiten. Die Klangmuster- umfassen Körpermodifikationen, die sich auf den Kleidungsstil, den Umgang mit »Körpern von Gewicht« beziehen (z. B. durch Diäten, Fitnesstraining und Bodybuilding eine Gewichtsreduktion erzielen wollen), aber auch Frisur und Haarschnitt im Rahmen einer zweigeschlechtlichen Geschlechterordnung in den Fokus stellen. In den Körpermodifikationen, so ein Ergebnis, werden die Balance zwischen Selbstständigkeit und Abhängigkeit, Bindung und Abgrenzung ver- und ausgehandelt. Subjektive Identifizierungen und Differenzierungen im Hinblick auf Geschlecht und Sexualität gehen vor allem auf Primärbeziehungen in der Kindheit zurück, die häufig nicht verbal mitgeteilt werden können, sondern leiblich, auch in der Transzendenz starrer Kategorien von männlich und weiblich, ausgedrückt werden. Ein weiterer Aspekt zeigt sich in der Spiegelung durch Andere auf der Basis gegenwärtiger kultureller Körperideale. Schamempfinden und Unwohlsein entstehen durch den Vergleich des eigenen Spiegelbildes mit normativen Schönheitskriterien, die quasi zum Zwang werden, diesen zu entsprechen oder aber im Gegenteil, diesen zu widersprechen (z. B. durch die Tätowierung des Gesichts). Ganterer kann durch ihre detaillierte Analyse der Interviewtexte überzeugend darstellen, wie Konflikte und Spannungsverhältnisse geschlechtlicher Intersubjektivität durch Körpermodifikationen bearbeitet, ausgelotet und von den Jugendlichen für die eigene Entfaltung genutzt werden. Die lautlosen Leiberfahrungen werden in dieser Darstellung als individuelle Sinn- und Bedeutungsstrukturen verstanden und unter Verweis auf die sie umgebenden Machtstrukturen und Geschlechterordnungen eindrücklich zur Sprache gebracht. Einziger Kritikpunkt bezieht sich auf das Lektorat, das etwas sorgfältiger hätte sein können. Gabriele Sobiech DOI 10.2378 / mot2020.art18d