eJournals motorik43/3

motorik
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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2020.art21d
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2020
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Forum Psychomotorik: Der Körper und die Bewegung

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2020
Michel Probst
Noëmi Hagemann
Der Körper und der Körper in Bewegung sind zwei wichtige Aspekte, die für die Pathologie von Essstörungen von entscheidender Bedeutung sind und die Eckpfeiler für die Psychomotorische Therapie. Konkret geht es darum, ein realistisches Selbstverständnis und Körperbild wiederherzustellen und die Hyperaktivität einzudämmen. Aus unserer 35-jährigen klinischen Erfahrung stellen psychomotorische Therapietechniken eine wirksame klinische Ergänzung zu den üblichen verfügbaren Behandlungen dar. Ziel dieses Beitrages ist es, praktische Leitlinien für einen psychomotorischen Therapieansatz bei Essstörungen vorzustellen.
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Zusammenfassung / Abstract Der Körper und der Körper in Bewegung sind zwei wichtige Aspekte, die für die Pathologie von Essstörungen von entscheidender Bedeutung sind und die Eckpfeiler für die Psychomotorische Therapie. Konkret geht es darum, ein realistisches Selbstverständnis und Körperbild wiederherzustellen und die Hyperaktivität einzudämmen. Aus unserer 35-jährigen klinischen Erfahrung stellen psychomotorische Therapietechniken eine wirksame klinische Ergänzung zu den üblichen verfügbaren Behandlungen dar. Ziel dieses Beitrages ist es, praktische Leitlinien für einen psychomotorischen Therapieansatz bei Essstörungen vorzustellen. Schlüsselbegriffe: Essstörungen, Anorexia Nervosa, Bulimia Nervosa, Psychomotorische Therapie, Bewegungstherapie, Körpererleben, Bewegungsdrang Body and movement. A psychomotor treatment approach of anorexia and bulimia nervosa The body and the body in movement are two aspects of the eating disorder pathology and cornerstones of psychomotor therapy. Based on 35 years of clinical experience, psychomotor therapeutic techniques represent a potent clinical addition to common treatments, aiming to restore a realistic self-concept and to reduce hyperactivity. The goal of this article is to present practical guidelines for a psychomotor therapy approach for eating disorder. Key words: eating disorders, Anorexia Nervosa, Bulimia Nervosa, Psychomotor therapy, body orientated therapy, body image, excessive exercise [ 113 ] motorik, 43. Jg., 113-119, DOI 10.2378 / mot2020.art21d © Ernst Reinhardt Verlag 3 | 2020 [ FORUM PSYCHOMOTORIK ] Der Körper und die Bewegung Eine psychomotorische Annäherung an die Behandlung von Anorexia und Bulimia Nervosa Michel Probst, Noëmi Hagemann Anorexia Nervosa und Bulimia Nervosa stellen ein großes Gesundheitsproblem bei meistens weiblichen Adoleszenten und jungen Erwachsenen dar. Anorexia Nervosa ist charakterisiert durch die Weigerung, ein Minimum des normalen Körpergewichts zu halten, einer großen Angst vor Gewichtszunahme sowie einer Störung des Körpererlebens. Kennzeichnend für die Bulimia Nervosa sind episodisch auftretende Essanfälle mit anschließendem unangemessenen kompensatorischen Verhalten, um einem Gewichtsanstieg vorzubeugen (APA 2013). Sexuell traumatische Erlebnisse erhöhen die Vulnerabilität (Guillaume et al. 2016). Körpererleben Das negative Körpererleben und die gestörte Wahrnehmung des eigenen Körpers sind primäre Bestandteile in der Diagnose von Essstörungen. Für eine wirksame Behandlung ist eine verbesserte und vertiefte Erfahrung mit dem eigenen Körper erforderlich (Keel et al. 2005; Exterkate et al. 2009). Der Begriff »Körpererleben« verweist auf eine Interaktion zwischen der Kognition, inklusive der Perzeption (kognitive Verzerrung, automatische Gedanken und Grundannahmen in Bezug auf den eigenen Körper), dem Affekt und dem Verhalten (Vermeidungs- und Kontrollverhalten, Flucht in übermäßige Aktivität usw.) (Probst/ Diedens [ 114 ] 3 | 2020 Forum Psychomotorik 2017). Die PatientInnen sind unzufrieden mit dem Körper und haben das permanente Gefühl, zu dick oder fett zu sein. Sie erfahren eine gedankliche Fixierung auf ihr Essverhalten, ihren Körper und ihr Gewicht. Des Weiteren erfahren sie einen Mangel an Vertrauen (Probst 1993; Schwiertz 2011). Dieses Konzept wird veranschaulicht durch die Linsentheorie (Probst 2008a). In diesem Model bestehen vier verschiedene Linsen, die verschiedene Blickwinkel auf den eigenen Körper repräsentieren: 1. Die neutrale Linse: »Wie sehe ich wirklich aus? « 2. Die innerliche Linse: »Wie sehe ich mich selbst? « 3. Die ideale Linse: »Wie möchte ich gerne aussehen? « 4. Die äußerliche Linse: »Wie sehen Andere mich? « Je »präziser« die »Linsen« ausgerichtet sind, also je mehr die Linsen sich einander annähern, desto wahrscheinlicher erfährt jede einzelne Person ein positives Selbstwertgefühl. Je mehr die Linsen auseinandergehen, desto wahrscheinlicher ist es, dass psychische Störungen in Bezug auf die Selbstwahrnehmung auftreten. Das Körpererleben und Selbstwertgefühl sind eng miteinander verflochten. Bewegungsdrang Das Bewegungsverhalten ist ein anderer Aspekt der Essstörung und ist schwierig zu behandeln. Viele PatientInnen zeigen eine Ruhelosigkeit auf. Dieses übertriebene Verhalten ist ein sekundäres Kriterium für Essstörungen, das zwar üblich ist, aber nicht bei allen PatientInnen vorkommt. Es besteht eine freiwillige Erhöhung der körperlichen Tätigkeit nicht etwa wegen des damit verbundenen Vergnügens, sondern aus Sorge um das Gewicht. Des Weiteren besteht ein unfreiwilliger oder unwiderstehlicher Drang, sich zu bewegen. Das Bewegungsverhalten zeigt zwanghafte Merkmale (Probst 2008b; Probst et al. 2014; Probst 2018). Im Allgemeinen ist der Bewegungsdrang ein Prädiktor für ein schlechteres Behandlungsergebnis (Danielsen / Rø 2012). Psychomotorische Therapie Die Psychomotorische Therapie (Probst 2008a; 2008b; 2017) ist in Flandern (BE) ein wesentlicher Bestandteil der Behandlung von PatientInnen mit Essstörungen und ist eingebettet in einen kognitiv-verhaltenstherapeutischen Behandlungsansatz. Diese Therapie hat zum Ziel, das Wohlbefinden und die Ermächtigung des Einzelnen durch die Förderung von körperlicher Aktivität, Bewegung und Bewegungsbewusstsein zu stärken. Hierbei werden physische und mentale Aspekte zusammengeführt (Probst 2017). Die Psychomotorische Therapie basiert auf dem transtheoretischen Modell von Marsh (Marsh / Shavelson 1985), worin die Interaktion zwischen dem physischen, dem emotionalen sowie dem sozialen Selbstkonzept betont wird. Darum brauchen die psychomotorischen TherapeutInnen in der Behandlung einen physischen, psychosozialen und einen psychotherapeutischen Ansatz (Probst/ Diedens 2017). Der physische Ansatz hat primär zum Ziel, die globale physische Gesundheit der PatientInnen zu verbessern. Hierbei wird die allgemeine Kondition verbessert und die Muskulatur gestärkt. Der psychosoziale Ansatz bezieht sich auf die sichtbaren, sozialen Lebenskompetenzen und fokussiert auf den Erwerb von geistigen und körperlichen Fähigkeiten innerhalb des sozialen Kontexts: Lernen, den Körper zu entdecken, zu entspannen und nonverbal zu kommunizieren. Der psychotherapeutische Ansatz nutzt psychologische und psychotherapeutische Konzepte, die das Verhalten erklären oder beeinflussen, um die Selbstwahrnehmung zu fördern. Körper- und Bewegungsaktivitäten werden eingesetzt, um den PatientInnen zu ermöglichen, mit ihrer inneren Welt in Kontakt und aus ihrer Komfortzone heraus zu treten. Loslassen und Festhalten, Berührung, Nähe und Distanz sowie Vertrauen in eigenen Körper sind mögliche Themen. Da die Übungen selbst nicht therapeutisch sind, wird jede Übung innerhalb dieser drei genannten Ansätze in Bezug zu psychomotorischen, [ 115 ] Probst • Der Körper und die Bewegung 3 | 2020 [ 115 ] Probst, Hagemann • Der Körper und die Bewegung 3 | 2020 kognitiven, kommunikativen, affektiven, beziehungsorientierten, verhaltensbezogenen und schließlich in Bezug zu symbolischen Elementen gebracht. Die Übung »Die Wippe« ist ein Beispiel (Probst 2017). Allgemeine Zielsetzungen für die Psychomotorische Therapie Die allgemeinen Ziele und der Rahmen für die Verknüpfung der Therapie mit der Behandlung von Essstörungen sollten für alle beteiligten Personen transparent sein. Die Ziele hängen direkt mit den diagnostischen Kriterien für Essstörungen zusammen (Probst et al. 1995; Probst/ Diedens 2017). Übung: »Die Wippe« Aus Bänken und Matten wird eine Wippe gebaut. Die Übung ist erfolgreich, wenn die Gruppe mindestens 5 Minuten lang das Gleichgewicht mit allen TeilnehmerInnen halten konnte. Eine kleine Bewegung kann das Gleichgewicht dramatisch beeinflussen. Psychomotorische Dimension: Zusätzlich zu den wesentlichen Fähigkeiten (Gleichgewicht und Wahrnehmung des Körpertonus) erkennen die PatientInnen, dass die körperlichen Fähigkeiten nicht die einzigen sind, die zur Erreichung eines Ziels erforderlich sind. Andere Gruppenmitglieder dringen in ihre Komfortzone ein und sie werden mit dem Körperkontakt und der Nähe Anderer konfrontiert. Für einige PatientInnen ist dies eine Stresssituation. Wie können sie mit diesem Stress umgehen? Die Übung stimuliert auch das Körper-, Bewegungs- und Sinnesbewusstsein. Kognitive und Kommunikationsdimension: Welche Gedanken sind an der Lösung des Problems beteiligt? Wer legt einen wesentlichen Vorschlag zur Bewältigung der Herausforderung vor? Wie ist die Kommunikation zwischen den Gruppenmitgliedern? Werden die Grundregeln der Kommunikation eingehalten? Wie ist die Aufmerksamkeit und Konzentration der Gruppenmitglieder? Affektive und beziehungsorientierte Dimension: Welche Emotionen (Angst, Unsicherheit, Anspannung und Stress usw.) kommen bei dieser Übung auf? Können die TeilnehmerInnen spüren, was die Anderen erleben? Erkennen sie, dass Persönlichkeit und Reaktionen innerhalb der Gruppe die Art und Weise beeinflussen können, wie die Person während dieser Übung handelt? Diese Übung führt auch zu der sichtbaren Wahl der Leitperson, die im Zentrum steht und dem Rest der Gruppe Anweisungen erteilt. Wie führt sie die Gruppe? In dieser Übung wird der Wert der Teamarbeit hervorgehoben. Wie sind die sozialen Interaktionen? Welche Rolle spielt jeder Einzelne in der Gruppe? Wie ist das Selbstwertgefühl/ das Selbstbild des Einzelnen? Verhaltensdimension: Welche Rolle spielt das Individuum (aktiv oder passiv) während der gesamten Aufgabe? Wie verhält sich die Person in der gegebenen Situation? Welche Strategie wird in der jeweiligen Situation angewendet (aktiv oder passiv, Vermeidungs- oder Kontrollverhalten, Rückzug aus dem Geschehen)? Was sind ihre Fähigkeiten zur Problemlösung? Wie ist ihr soziales Verhalten? Kann die Gruppe die Aufgabe erfüllen? Symbolische Dimension: Für jede Übung muss ein Zusammenhang zwischen der vorgeschlagenen Übung innerhalb der Therapie und der Außenwelt (außerhalb der Therapie, innerhalb der Gesellschaft) bestehen oder die vorgeschlagene Übung enthält eine Lebensbotschaft. Die Übung kann bewusste oder unbewusste Ereignisse aus der Vergangenheit hervorrufen. PatientInnen suchen immer nach Balance in ihrem Leben. Menschen mit Essstörungen werden beispielsweise eine Gewichtsskala sehen, aber bald erkennen, dass Gewicht bei dieser Übung nicht wichtig ist. Die Balance muss man auch nicht allein finden, Andere können helfen. Die Erfahrungen während der Psychomotorischen Therapie und die Reaktionen, die sich aus diesen Erfahrungen ergeben, wirken als dynamische Kräfte für Reflexion und Veränderung. [ 116 ] 3 | 2020 Forum Psychomotorik Psychomotorische Therapie kann direkt auf das negative Körpererleben und den erhöhten Bewegungsdrang eingehen und daraus zwei spezifische Zielsetzungen ableiten: 1. Angstfreies Selbstbild und Wiederaufbau / Herstellen eines realistischen Körperbildes 2. Regulation von Bewegungsdrang, Impulsen und Spannungen Basierend auf der Information aus dem Eingangsgespräch und den Fragebögen (Dresdner Körperbildfragebogen: Pohlmann et al. 2008; Fragebogen zur Körpereinstellung: Probst et al. 1990, Fragebogen zu körperlicher Aktivität und Unruhe: Probst/ Diedens 2018) können den PatientInnen angepasste und spezifische Ziele vorgeschlagen werden (Probst 1993): ■ Ausgangssituation: Ich bin mit mir und meinem Körper unzufrieden, ich finde mich zu dick/ zu dünn. Ziel: Ich möchte lernen, meinen Körper mehr zu akzeptieren. ■ Ausgangssituation: Ich kann mich in meinem Körper nicht wohl fühlen. Ziel: Ich möchte lernen, körperliches Wohlbefinden bzw. angenehme Körperwahrnehmungen stärker zu genießen, mehr Freude zu erfahren am Körpererleben sowie am Bewegen selbst. ■ Ausgangssituation: Ich bin unruhig und hyperaktiv. Ich fühle mich unruhig oder gehetzt. Ziel: Ich möchte ruhiger werden. Der erste Kontakt Im Erstgespräch werden die PatientInnen gebeten, ihre Problemlage einschließlich der Entwicklung ihrer Störung mitzuteilen. Die Übung »Die Hand« und »Die Schwelle überschreiten« können ein wertvolles Hilfsmittel sein. Konkretes Vorgehen in der Psychomotorischen Therapie Es gibt verschiedene Wege, um die Zielsetzungen zu erreichen. Aus der ganzen Breite an Möglichkeiten wählt man die Techniken aus, die am ehesten geeignet erscheinen, um den Aspekt des gestörten Körpererlebens zu beeinflussen. Eine Aktivität ist nicht aus sich selbst heraus therapeutisch. Die Übungen stellen in sich selbst kein Ziel dar, sondern ein Mittel, um die Zielset- Übung: »Die Hand« Aufgabe: Erkläre anhand deiner Finger, wie du im Leben stehst. Daumen: Was sind meine Talente, meine Kompetenzen, meine positiven Eigenschaften usw.? Zeigefinger: In welche Richtung möchte ich mit meinem Leben gehen? Was möchte ich erreichen? Mittelfinger: Was nervt mich? Ringfinger: Welchen Prinzipien und Werten widme ich mich? Was ist in meinem Leben wichtig? Kleiner Finger: Wann fühle ich mich unsicher? »High Five«: Ich bin stolz auf das, was ich in meinem Leben realisiert habe. Übung: »Die Schwelle überschreiten« Die PatientInnen stehen auf einer Seite des Raumes. Der Raum ist in fünf Bereiche unterteilt (0% -25% -50% -75% -100%). Eine Reihe von allgemeinen, unverbindlichen Aussagen und anschließend auch einige ausführlichere, persönliche Aussagen wird angeboten. Die PatientInnen antworten, indem sie sich auf die entsprechende Linie stellen, die ihrer Antwort entspricht. Die Aussagen können von den PatientInnen selbst gemacht werden. Überschreite die entsprechende Linie, wenn du-… … manchmal unter der Dusche singst, … Herausforderungen magst, … findest, dass die Beziehung zu deinen Eltern nicht so ist, wie du es gerne hättest, … noch nicht die Gelegenheit hattest, ein Kind zu sein, … mit deinem Körper/ einem Körperteil unzufrieden bist, … deinen Körper versteckst. [ 117 ] Probst • Der Körper und die Bewegung 3 | 2020 [ 117 ] Probst, Hagemann • Der Körper und die Bewegung 3 | 2020 zungen zu erreichen. Es geht um das Erleben therapeutischer Übungen. Dabei kann ein und dieselbe Übung für verschiedene Zielsetzungen eingesetzt werden. Haltungsübungen und Haltungsbewusstsein Eine korrekte Haltung verringert die körperlichen Symptome, erhöht aber auch das Selbstwertgefühl. Haltungsanomalien aufgrund von Muskelschwäche können zu einer schlechten Haltung und auch Rückenschmerzen führen. Entspannungsübungen PatientInnen werden ermutigt, zur Ruhe zu kommen und sich zu entspannen. Entspannungsübungen reduzieren den wahrgenommenen Stress und die Angst. Entspannung fällt den meisten PatientInnen äußerst schwer und wird oft als sinnlose Zeitverschwendung erfahren. Mögliche Entspannungstechniken sind die Progressive Muskelentspannung, die Funktionelle Entspannung, Autogenes Training, Yoga, Achtsamkeitsübungen oder Biofeedback. Atemübungen Atemübungen-- insbesondere solche zur Verringerung der Atemfrequenz- - werden oftmals in der Therapie angeboten. Hierbei wird die Bauchatmung verstärkt und die Dauer des Atemzyklus verlängert. Das Ziel von Atemübungen ist nicht nur die Beeinflussung der Atmung, sondern auch das Erlernen der Wahrnehmung des eigenen Körpers. Massage Verschiedene Massageformen werden angewendet: Entspannungs- und / oder Aktivierungsmassage des Rückens und der Beine mit oder ohne Hilfsmittel (z. B. Igel-Ball). Hierbei wird in Absprache mit den PatientInnen vereinbart, welche Körperteile berührt werden dürfen und welche lieber nicht. Übungen zur Selbstwahrnehmung Übungen zur Selbstwahrnehmung zielen darauf ab, das Bewusstsein für den eigenen Körper in seinem äußeren Erscheinungsbild zu stärken. Hierbei werden Spiegelübungen (Probst et al. 2008; Probst/ Diedens 2017) und Übungen zur Einschätzung des Körperumfangs eingesetzt (Anwendungsbeispiel: Übung »Das Seil«). Die Ergebnisse der Übung »Das Seil« veranschaulichen die Wahrnehmung, das Denken und Fühlen. Nach jeder Aufgabe wird das Ergebnis der Schätzung mit der tatsächlichen Messung verglichen. Es ist ratsam, sich nicht auf das Ergebnis zu konzentrieren, sondern mehr auf die Botschaft, die durch die Schätzung ausgedrückt wird. Übung: »Das Seil« Das Ziel ist es, die Reaktionen des Individuums während der verschiedenen Übungen zu beobachten und es mit seinen falschen Vorstellungen über den eigenen Körper zu konfrontieren. Die Person erhält ein Seil (± 120 cm), das immer auf dem Boden liegt. Sie wird gebeten, die Größe einiger Formen einzuschätzen. Schätzen bedeutet, dass sie versucht, ein angemessenes Urteil allein durch Beobachtung zu fällen, ohne tatsächlich das Objekt zu messen. Die Übung besteht aus verschiedenen Aufgaben: - Schätze den Umfang eines neutralen Objekts, beispielsweise den Boden eines Abfalleimers oder einer Flasche, mithilfe des Seils. - Schätze den Umfang deines Körpers auf Höhe der Taille. Wie schätzt du die Größe deiner Taille ein? - Schätze den Umfang / Umriss des Körpers einer anderen Person auf Höhe der Taille. - Schätze deinen idealen Umfang / Umriss auf Höhe der Taille. - Messe den Umfang / Umriss deines Körpers und lege ihn als Umriss anhand des Seils auf den Boden. [ 118 ] 3 | 2020 Forum Psychomotorik Die meisten PatientInnen können neutrale Objekte und den Umfang Anderer richtig einschätzen. Jedoch sind sie oft nicht in der Lage, ihren eigenen Körperumfang richtig einzuschätzen. Sie schätzen ihren eigenen Körperumfang größer ein als den tatsächlichen. Wenn sie sich selbst messen, sind sie überrascht über das wahre Ausmaß des Körperumfangs. Das Bauchgefühl der PatientInnen beruht auf falschen Annahmen. Die ganze Übung kann starke emotionale Reaktionen hervorrufen. Sensibilisierungstraining Das Sensibilisierungstraining zielt darauf ab, den Körper auf nicht bedrohliche Weise über die Sinne zu entdecken. Schwimmen ist eine wichtige Übung, weil PatientInnen den Körper innerhalb des Wassers neu erfahren, aber auch lernen, mit den Ängsten (z. B. sich in Badekleidung vor Anderen zeigen) umzugehen. Erkundung der Körpergrenzen Taktile Wahrnehmung, Körperscannen (»Reise durch den Körper«) und innere sensorische Erkundung sind Übungen, die die Erforschung der äußeren Erscheinungsformen des Körpers und die Aufmerksamkeit auf die Wahrnehmungen fördern sollen. Nähe und Distanz Neben der Selbstwahrnehmung und der Erkundung der Körpergrenzen spielt auch die Nähe und Distanz zu Anderen eine wichtige Rolle, weil viele PatientInnen Schwierigkeiten mit Kontaktaufnahme erfahren. Hier ist es insbesondere schwierig, Vertrauen zu fassen und sich auf jemanden näher einzulassen. Gruppen- und Interaktionsspiele sowie Aktivitäten, die problemlösungsorientiert sind, können hier zum Einsatz kommen. Tanz und ausdrucktherapeutische Annäherung Dieser therapeutische Ansatz umfasst alle Tanz- und Bewegungsformen, die sich auf den Ausdruck- richten. Dazu zählen rhythmische Übungen, Bewegungs- und Ausdruckstanz, Bewegungsimprovisation und Pantomime. Bewegung, Sport und Spiele Betreute Bewegungsangebote und körperliche Bewegungsaktivitäten, wie Fitnesstraining, Bewegung, Aerobic, Pilates und Sport, werden vorgestellt, um sich der eigenen Körpergrenzen bewusst zu werden und neue Bewegungsaspekte zu erfahren. Außerdem lernen die PatientInnen, Bewegung in einer anderen Perspektive zu sehen als alleinig in der Funktion von Gewichtsverlust (Probst 2018). Effektivität und Zusammenfassung Basierend auf der Meinung der PatientInnen weisen einige Studien darauf hin, dass eine multidisziplinäre Behandlung mit einem speziellen Platz für die Psychomotorische Therapie einen positiven Einfluss auf das Körpererleben hat (Probst 2007). Die Einstellung gegenüber dem Körper verändert sich auf positive Weise und hält auf mittelfristige Dauer an. Die meisten PatientInnen blicken zufrieden zurück auf das wertvolle Angebot der Psychomotorischen Therapie (Probst et al. 1999; 2007; Geerdens et al 2012). Bei der psychomotorischen Behandlung von PatientInnen mit Essstörungen geht es nicht darum, eine Lösung zu finden, sondern darum, ein sicheres Umfeld zu schaffen, in dem das Individuum mit seinem eigenen Körper in Dialog treten kann. 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President International Organization of Physiotherapy in Mental Health) (www.IOPTMH.org) Noëmi Hagemann promovierende Physiotherapeutin und Psychomotorische Therapeutin im Department Rehabilitationswissenschaften, Fachbereich »Psychomotorische Rehabilitation und-Physiotherapie im Fachbereich Psychische Gesundheit«, Universität Leuven, Belgien Anschrift KU Leuven Rehabilitation Sciences and Physiotherapy Herestraat 49, Bus 1510 BE-3000 Leuven michel.probst@kuleuven.be