eJournals motorik43/3

motorik
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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2020.art22d
7_043_2020_3/7_043_2020_3.pdf71
2020
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Forum Psychomotorik: Konzentrationsfähigkeit, körperliche Aktivität und Medienkonsum - Kinder aus Waldkindergarten und Regelkindergarten im Vergleich

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2020
Daniel Klein
Alina Lied
In Waldkindergärten verbringen Kinder einen wesentlichen Teil ihrer Zeit in der Natur; dies wirkt sich potenziell entwicklungsfördernd aus. Die vorliegende Studie zeigt, dass Kinder, die einen Waldkindergarten besuchen, hinsichtlich der Konzentrationsfähigkeit genauso gut auf die Schule vorbereitet werden wie Kinder aus dem Regelkindergarten. Unterschiede in der körperlichen Aktivität oder im Medienkonsum konnten statistisch nicht nachgewiesen werden, auch wenn sich positive Tendenzen zugunsten der Waldkindergärten zeigten. Auffällig ist, dass wenige Mütter von Kindern aus dem Waldkindergarten voll berufstätig sind. Hier zeigt sich Entwicklungspotenzial im Angebot einer Ganztagsbetreuung.
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Zusammenfassung / Abstract In Waldkindergärten verbringen Kinder einen wesentlichen Teil ihrer Zeit in der Natur; dies wirkt sich potenziell entwicklungsfördernd aus. Die vorliegende Studie zeigt, dass Kinder, die einen Waldkindergarten besuchen, hinsichtlich der Konzentrationsfähigkeit genauso gut auf die Schule vorbereitet werden wie Kinder aus dem Regelkindergarten. Unterschiede in der körperlichen Aktivität oder im Medienkonsum konnten statistisch nicht nachgewiesen werden, auch wenn sich positive Tendenzen zugunsten der Waldkindergärten zeigten. Auffällig ist, dass wenige Mütter von Kindern aus dem Waldkindergarten voll berufstätig sind. Hier zeigt sich Entwicklungspotenzial im Angebot einer Ganztagsbetreuung. Schlüsselbegriffe: Kindergarten, Wald, Natur, Konzentration, Aktivität, Medien Ability to concentrate, physical activity and media consumption-- a comparison of children attending forest and regular nurseries Children attending forest kindergartens spend a significant amount of their time in nature; which might affect their development positively. The present study shows that children attending forest kindergartens get prepared for school as well as children attending regular nurseries regarding their ability to concentrate. No statistically significant differences occurred relating to physical activity or media consumption, even though positive tendencies could be shown in favour of forest kindergartens. It is notable that only a few mothers of children attending forest kindergartens are working full-time. Here is potential for developing a full-day care offer. Key words: nurseries, forest, nature, concentration, activity, media [ 120 ] 3 | 2020 motorik, 43. Jg., 120-125, DOI 10.2378 / mot2020.art22d © Ernst Reinhardt Verlag [ FORUM PSYCHOMOTORIK ] Konzentrationsfähigkeit, körperliche Aktivität und Medienkonsum-- Kinder aus Waldkindergarten und Regelkindergarten im Vergleich Daniel Klein, Alina Lied Die Welt, die ein Vorschulkind umgibt, prägt dessen Leben und Persönlichkeit. »Im Waldkindergarten wirkt der Naturraum mit seinen besonderen Qualitäten […] auf ein Kind ein und hinterlässt seine Spuren in der individuellen Biografie« (Miklitz 2011, 40). In Deutschland existieren mehr als 1.000 Waldkindergärten, Tendenz steigend (BvNW 2019a). Deren Konzeptionen richten sich, ebenso wie in Regelkindergärten, nach den allgemeinen Bildungszielen für Kindergärten, mit dem entscheidenden Unterschied, dass die Kinder in der freien Natur betreut werden. Nur im Fall extremer Witterung verbringen die Kinder Zeit in einem dafür vorgesehenen Schutzraum (z. B. beheizbarer Bauwagen oder Waldhütte). Der Aufenthalt im Wald bietet neben ständig verfügbaren Naturmaterialien auch ausreichend Raum für das natürliche Bewegungsbedürfnis der Kinder. Das Repertoire an Spiel-, Entdeckungs- und Lernmöglichkeiten ist dabei nahezu unbegrenzt (Kiener 2004). Die Notwendigkeit, Kinder vermehrt Zeit in der Natur verbringen zu lassen, wurde auch in der wissenschaftlichen Literatur vielfach beschrieben und vor allem aus gesundheitlicher sowie motorischer Perspektive begründet (Klein / Kurth [ 121 ] Klein, Lied • Kinder aus Waldkindergarten und Regelkindergarten im Vergleich 3 | 2020 2017; Klein et al. 2018b). Im Vorschulalter bieten Waldkindergärten hierfür eine hervorragende Möglichkeit. Dementsprechend werden häufig entsprechende Zielvorstellungen formuliert: Waldkindergartenkinder sollen sich besser motorisch, emotional und sozial entwickeln, kreativ und ausgeglichen sein, sich umweltgerecht und nachhaltig verhalten und konzentrationsfähiger sein (BvNW 2019b). Im Bereich der Motorik konnte bereits eine höhere Leistungsfähigkeit von Kindern aufgezeigt werden, die einen Waldkindergarten besuchen (Scholz / Krombholz 2007). Studien zu den Effekten von Naturerfahrungen weisen darüber hinaus nach, dass der Erfahrungsraum Natur einen wichtigen Aspekt für die Entwicklung von kognitiven, sozialen und emotionalen Fähigkeiten darstellt (Späker 2010). Es liegen bislang jedoch keine Studien vor, die die Konzentrationsfähigkeit von Kindern aus dem Waldkindergarten mit der Konzentrationsfähigkeit von Kindern aus dem Regelkindergarten vergleichen; entsprechende Untersuchungen wurden nur retrospektiv durchgeführt, also in der Nachbetrachtung der Konzentrationsfähigkeit ehemaliger Waldkindergartenkinder im Laufe des ersten Schuljahrs; in kleinen Stichproben wurde dabei von einer höheren Konzentrationsfähigkeit und Leistungsmotivation berichtet (Gorges 2002; Häfner 2003; Kiener 2004). Die Forschungsfrage der vorliegenden Untersuchung lautet daher: Unterscheidet sich die Konzentrationsfähigkeit von Waldkindergartenkindern und Regelkindergartenkindern? Zudem werden mögliche Unterschiede hinsichtlich der Häufigkeit der körperlichen Aktivität und des Medienkonsums untersucht. Methodik Bei der vorliegenden Studie handelt es sich um eine Querschnittserhebung, die von Mai bis Juli 2019 in insgesamt sechs Kindergärten in Nordrhein-Westfalen aus den Bezirken Münster, Warendorf, Datteln und Essen durchgeführt wurde. Dabei handelte es sich um drei Waldkindergärten und drei Regelkindergärten. Vor der Durchführung der Tests wurde das schriftliche Einverständnis der Eltern eingeholt und eine anonymisierte Verarbeitung aller erhobenen Daten zugesichert. Insgesamt nahmen 68 Kinder im Alter von vier bis sechs Jahren an der Erhebung der Konzentrationsfähigkeit teil, davon 33 Kinder aus Waldkindergärten und 35 Kinder aus Regelkindergärten. Die Eltern der teilnehmenden Kinder erhielten einen Elternfragebogen. Von den insgesamt 68 Fragebögen wurden 49 Fragebögen vollständig ausgefüllt abgegeben (Rücklaufquote: 72,1 %), davon 23 Fragebögen von Eltern aus Waldkindergärten und 26 Fragebögen von Eltern aus Regelkindergärten. Als Erhebungsinstrument der kurzzeitigen selektiven Aufmerksamkeits- und Konzentrationsfähigkeit wurde die Kaseler-Konzentrations- Aufgabe (KKA) eingesetzt, die als bewährtes Verfahren gilt (Krampen 2007). Dabei handelt es sich um einen Durchstreichtest für 3bis 8-Jährige, bei dem die Kinder nacheinander in neun Zeilen mit verschiedenen Symbolen bestimmte Zielobjekte anstreichen sollen; pro Zeile haben sie dafür zehn Sekunden Zeit. Der Testwert kann zwischen 0 und 36 liegen, wobei 36 das bestmögliche Ergebnis darstellt. Die KKA wurde nach Vorgabe mit allen Kindern in Einzel-Testsituationen durchgeführt. Der eingesetzte Elternfragebogen enthielt folgende Fragen: 1. Wie häufig spielt Ihr Kind im Freien? 2. Wie häufig treibt Ihr Kind Sport im Verein? 3. Wie lange sieht Ihr Kind Fernsehen / Videofilme an einem Wochentag? 4. Wie lange sieht Ihr Kind Fernsehen / Videofilme an einem Samstag / Sonntag? 5. Berufliche Tätigkeit Vater? 6. Berufliche Tätigkeit Mutter? Bei allen Fragen handelte es sich um geschlossene Fragen. Die Fragen 1 und 2 ließen die Antwortmöglichkeiten »fast jeden Tag«, »3-5 Mal pro Woche«, »1-2 Mal pro Woche«, »seltener« und »nie« zu. Die Fragen 3 und 4 ließen die Antwortmöglichkeiten »gar nicht«, »30 Minuten / Tag«, »1-2 Stunden / Tag«, »3-4 Stunden / Tag« und »> 4 Stunden / Tag« zu. Die Fragen 5 und 6 umfassten die Antwortmöglichkeiten »voll berufstätig«, »Teilzeit oder stundenweise«, »vorübergehende Freistellung«, »auszubildend« und »nicht [ 122 ] 3 | 2020 Forum Psychomotorik berufstätig / arbeitslos«. Der Fragebogen wurde von den Eltern zu Hause ausgefüllt und gesammelt von der Kindergartenleitung an das Forschungsteam weitergegeben. Die statistische Auswertung der erhobenen Daten erfolgte mittels SPSS 25.0. Im Rahmen der deskriptiven Statistik wurden Mittelwerte und Standardabweichungen berechnet. Der Vergleich der Testwerte der KKA erfolgte mittels T- Test für unabhängige Stichproben. Der Zusammenhang zweier kategorialer Variablen wurde indirekt durch den Chi²-Test überprüft. Ergebnisse Die Kinder aus dem Waldkindergarten (WK) waren im Mittel 5,3 ± 0,8 Jahre alt (n-= 33), die Kinder aus dem Regelkindergarten (RK) 5,5 ± 0,8 Jahre (n-= 35), dieser Unterschied war nicht signifikant (p-= 0,278). Der durchschnittlich in der Kaseler-Konzentrations-Aufgabe (KKA) erzielte Testwert betrug im WK 34,2 ± 2,7 und im RK 34,7 ± 1,4; somit konnte kein signifikanter Unterschied nachgewiesen werden (p- = 0,336). Auch differenziert nach Altersgruppen betrachtet konnte kein signifikanter Unterschied der KKA-Testwerte beobachtet werden, auch wenn die Kinder aus dem WK in der Altersgruppe der 4-5-Jährigen tendenziell schlechter und in der Altersgruppe der 5-6-Jährigen tendenziell besser abschnitten als die Kinder aus dem RK (Abb.-1). Die Ergebnisse des Elternfragebogens zeigen, dass alle Kinder aus dem WK täglich im Freien spielten, im RK waren es 84,6 %. Hier spielten 11,5 % 3-5 Mal pro Woche im Freien und 3,8 % 1-2 Mal pro Woche (Abb.-2). Dieser Unterschied war nicht signifikant (p-= 0,146). Ebenfalls nicht signifikant waren Unterschiede in der Häufigkeit des Sporttreibens im Verein (p- = 0,297), auch wenn Kinder aus dem RK etwas häufiger Sport im Verein trieben als Kinder aus dem WK (Abb.-3). Kinder aus dem RK beschäftigten sich häufiger mit Fernsehen / Videofilmen als Kinder aus dem WK, dies galt für Wochentage (Abb.-4) ebenso wie für das Wochenende (Abb.- 5). Auch hier waren die Unterschiede jedoch nicht signifikant (Wochentage: p-= 0,119, Wochenende: p-= 0,477). Zwischen Kindern aus dem WK und dem RK konnten keine Unterschiede hinsichtlich der Berufstätigkeit des Vaters festgestellt werden (p- = 0,596; Abb.-6). Bei den Müttern hingegen waren nur 4,3 % der Mütter von Kindern aus dem WK voll berufstätig im Gegensatz zu 34,6 % der Mütter von Kindern aus dem RK, dieser Unterschied war signifikant (p-= 0,038; Abb.-7). Diskussion Kinder, die einen Waldkindergarten besuchen, verbringen einen wesentlichen Teil ihrer Zeit in der Natur. Dieses Setting ermöglicht umfangreiche Wahrnehmungs- und Bewegungserfahrungen, die geschlossene Räume nicht in gleicher Form bieten können, und eignet sich insbesondere auch für eine psychomotorische Bewegungsförderung (Klein / Kurth 2017; Späker 2010). In Bezug auf die Forschungsfrage der hier vorgestellten Studie kann festgehalten werden, dass sich die Konzentrationsfähigkeit von Waldkindergartenkindern und Regelkindergartenkindern in der untersuchten Stichprobe nicht signifikant voneinander unterscheidet. Die beobachteten geringen tendenziellen Unterschiede bei den 4-5-jährigen und 5-6-jährigen Kindern sind unmittelbar vor Schuleintritt bei den 6-7-Jährigen komplett angeglichen. Somit kann diesbezüglich kein Vorteil, aber auch kein Nachteil für Kinder konstatiert werden, die ihre Vorschulzeit in einem Waldkindergarten verbringen. Die Konzentrationsfähigkeit stellt eines der wesentlichen Elemente für ein fokussiertes Ar- Abb.-1: KKA- Testwert, *t-Test für unabhängige Stichproben Abb.-2: Wie häufig spielt Ihr Kind im Freien? *Chi²-Test Abb.-3: Wie häufig treibt Ihr Kind Sport im Verein? *Chi²-Test Abb.-4: Wie lange sieht Ihr Kind Fernsehen / Videofilme an einem Wochentag? *Chi²-Test Abb.-5: Wie lange sieht Ihr Kind Fernsehen / Videofilme an einem Samstag / Sonntag? *Chi²-Test [ 123 ] Klein • Kinder aus Waldkindergarten und Regelkindergarten im Vergleich 3 | 2020 [ 123 ] Klein, Lied • Kinder aus Waldkindergarten und Regelkindergarten im Vergleich 3 | 2020 11,5 % 3-5 Mal pro Woche im Freien und 3,8 % 1-2 Mal pro Woche (Abb.-2). Dieser Unterschied war nicht signifikant (p-= 0,146). Ebenfalls nicht signifikant waren Unterschiede in der Häufigkeit des Sporttreibens im Verein (p- = 0,297), auch wenn Kinder aus dem RK etwas häufiger Sport im Verein trieben als Kinder aus dem WK (Abb.-3). Kinder aus dem RK beschäftigten sich häufiger mit Fernsehen / Videofilmen als Kinder aus dem WK, dies galt für Wochentage (Abb.-4) ebenso wie für das Wochenende (Abb.- 5). Auch hier waren die Unterschiede jedoch nicht signifikant (Wochentage: p-= 0,119, Wochenende: p-= 0,477). Zwischen Kindern aus dem WK und dem RK konnten keine Unterschiede hinsichtlich der Berufstätigkeit des Vaters festgestellt werden (p- = 0,596; Abb.-6). Bei den Müttern hingegen waren nur 4,3 % der Mütter von Kindern aus dem WK voll berufstätig im Gegensatz zu 34,6 % der Mütter von Kindern aus dem RK, dieser Unterschied war signifikant (p-= 0,038; Abb.-7). Diskussion Kinder, die einen Waldkindergarten besuchen, verbringen einen wesentlichen Teil ihrer Zeit in der Natur. Dieses Setting ermöglicht umfangreiche Wahrnehmungs- und Bewegungserfahrungen, die geschlossene Räume nicht in gleicher Form bieten können, und eignet sich insbesondere auch für eine psychomotorische Bewegungsförderung (Klein / Kurth 2017; Späker 2010). In Bezug auf die Forschungsfrage der hier vorgestellten Studie kann festgehalten werden, dass sich die Konzentrationsfähigkeit von Waldkindergartenkindern und Regelkindergartenkindern in der untersuchten Stichprobe nicht signifikant voneinander unterscheidet. Die beobachteten geringen tendenziellen Unterschiede bei den 4-5-jährigen und 5-6-jährigen Kindern sind unmittelbar vor Schuleintritt bei den 6-7-Jährigen komplett angeglichen. Somit kann diesbezüglich kein Vorteil, aber auch kein Nachteil für Kinder konstatiert werden, die ihre Vorschulzeit in einem Waldkindergarten verbringen. Die Konzentrationsfähigkeit stellt eines der wesentlichen Elemente für ein fokussiertes Ar- Abb.-2: Wie häufig spielt Ihr Kind im Freien? *Chi²-Test Abb.-3: Wie häufig treibt Ihr Kind Sport im Verein? *Chi²-Test Abb.-4: Wie lange sieht Ihr Kind Fernsehen / Videofilme an einem Wochentag? *Chi²-Test Abb.-5: Wie lange sieht Ihr Kind Fernsehen / Videofilme an einem Samstag / Sonntag? *Chi²-Test beiten und eine schnellere Aufnahme von Lerninhalten dar, sie kann also als Voraussetzung für Lernprozesse angesehen werden. Die Konzentrationsleistung korreliert im Allgemeinen gering bis moderat mit den Ergebnissen von Intelligenztests (Krampen 2007). Hinsichtlich der Konzentrationsfähigkeit werden Kinder aus dem Waldkindergarten dementsprechend nicht schlechter auf die Schule vorbereitet, als Kinder aus dem Regelkindergarten. Zudem fällt auf, dass die Kinder beider Gruppen im Mittel sehr hohe Testwerte erzielten. Über alle Altersgruppen hinweg erreichten die Kinder aus dem WK 34,2 Punkte und die Kinder aus dem RK 34,7 Punkte von maximal 36 möglichen Punkten. Krampen (2008) ermittelte in einer großen Kohorte von 5.314 Kindern einen Deckeneffekt im KKA-Testwert erst bei 6-8-jährigen Kindern, die ähnlich hohe Werte wie die Kinder in der vorliegenden Studie erzielten; in den jüngeren Altersstufen erzielten die Kinder in seiner Studie jedoch deutlich geringere Werte. Über die Ursachen lässt sich nur spekulieren, möglicherweise ist hier die geringe Stichprobengröße der vorliegenden Studie ein limitierender Faktor. Hinsichtlich der körperlichen Aktivität spielten in der vorliegenden Studie wenig überraschend 100 % der Kinder aus dem WK fast täglich im Freien; dies trifft allerdings auch auf den Großteil der Kinder aus dem RK zu. Die drei untersuchten RK hatten je ein naturnahes Außengelände zur Verfügung; die Nutzung dessen könnte zu diesem Ergebnis beigetragen haben. Andere Studien bei Kindern im Vorschulalter geben bei der gleichen Frage geringere Zeiten an (teils mit leicht anderer Antwortskala); so bewegten sich in der KiMo-Studie 48,6 % der Kinder täglich im Freien, 38,2 % an 4-6 Tagen und 13,3 % an 1-3 Tagen (Klein et al. 2018a). Kinder, die draußen körperlich aktiv sind, haben ein geringeres Risiko für chronische Erkrankungen (Strong et al. 2005); sie profitieren in körperlicher und mentaler Hinsicht vom Kontakt mit der Natur (Sharma- Brymer / Bland 2016). Daher bieten Waldkindergärten ein optimales Setting für eine frühzeitige Bewegungs- und Gesundheitsförderung. Hinsichtlich der Häufigkeit des Sporttreibens im Verein zeigten sich keine statistisch signifikanten Unterschiede, auch wenn deutlich mehr [ 124 ] 3 | 2020 Forum Psychomotorik Kinder aus dem WK offenbar nicht Mitglied in einem Sportverein sind als aus dem RK (43,5 % vs. 26,9 %). Im Umkehrschluss sind 56,5 % der Kinder aus dem WK und 73,1 % der Kinder aus dem RK Mitglied in einem Sportverein. Laut den Ergebnissen des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS) sind in Deutschland in der Altersgruppe der 3-6-Jährigen 50,9 % der Kinder in einem Sportverein aktiv (Manz et al. 2014). Somit scheinen die Kinder aus dem WK der vorliegenden Untersuchung etwas und die Kinder aus dem RK deutlich häufiger im Sportverein aktiv zu sein. Die Mediennutzungszeiten (Fernsehen / Videofilme) unterscheiden sich nicht signifikant, auch wenn Kinder aus dem WK tendenziell seltener ihre Zeit vor elektronischen Bildschirmen verbringen als Kinder aus dem RK. Eine Begrenzung von Mediennutzungszeiten ist relevant, da ein Konsum elektronischer Medien von mehr als 30 Minuten täglich im Vorschulalter mit Entwicklungsauffälligkeiten (Konzentration, Sprache, Hyperaktivität) einhergehen kann (Büsching / Riedel 2017). Wenn auch nicht statistisch signifikant, könnte es diesbezüglich dennoch ein Vorteil sein, dass Kinder aus dem WK einen tendenziell geringeren Medienkonsum zu haben scheinen. Auffällig ist, dass im RK deutlich und statistisch signifikant mehr Mütter voll berufstätig waren als im WK. Dies könnte darin begründetliegen, dass sich die Öffnungszeiten der WK größtenteils auf den Vormittag beschränken und somit keine Ganztagsbetreuung angeboten wird. Zudem wird von den Eltern häufig ein hohes Engagement verlangt. Offenbar scheint es daher kaum möglich zu sein, ein Kind im WK anzumelden, wenn beide Eltern voll berufstätig sind. Dies muss als deutliche Einschränkung formuliert werden, da es unter diesen Umständen möglicherweise nur finanziell besser gestellten Familien möglich ist, ihre Kinder in einem WK anzumelden. Die vorliegende Studie unterliegt einigen Limitationen. Zunächst handelt es sich um eine relativ geringe Stichprobengröße von 68 Kindern und um eine Querschnittserhebung, die keine Kausalzusammenhänge aufdecken kann. Für das Instrument der KKA liegt die Retestreliabilität bei r- = 0,84 bis r-= 0,96; auch die interne Konsistenz und Validität werden als hoch eingeschätzt (Krampen 2007; 2008). Dennoch lässt sich kritisch hinterfragen, ob der Test in der vorliegenden Stichprobe ausreichend nach oben differenziert hat, da in allen Altersgruppen sehr hohe Testwerte erzielt wurden. Bei den Elternfragebögen könnte es zu sozial erwünschtem Antwortverhalten gekommen sein, auch wenn die Beantwortung der Fragen anonymisiert durchgeführt wurde. Fazit Waldkindergärten bieten ein großes Potenzial zur Bewegungs- und Gesundheitsförderung im Vorschulalter. Die vorliegende Untersuchung Abb.-7: Berufliche Tätigkeit Mutter, *Chi²-Test Abb.-6: Berufliche Tätigkeit Vater, *Chi²-Test [ 125 ] Klein • Kinder aus Waldkindergarten und Regelkindergarten im Vergleich 3 | 2020 [ 125 ] Klein, Lied • Kinder aus Waldkindergarten und Regelkindergarten im Vergleich 3 | 2020 zeigt, dass Kinder, die einen Waldkindergarten besuchen, eine ebenso hohe Konzentrationsfähigkeit besitzen wie Kinder, die einen Regelkindergarten besuchen. Somit werden sie bezüglich der Konzentrationsfähigkeit nicht schlechter auf die Schule vorbereitet. Der Aufenthalt in der Natur hat jedoch potenziell zahlreiche positive Auswirkungen auf die Entwicklung von Kindern (zusammengefasst in Klein et al. 2018b). Zukünftige Studien sollten untersuchen, ob ein Ausbau von Waldkindergärten zu Ganztageseinrichtungen dazu führen kann, dass die Eltern aller sozialen Schichten die Möglichkeit erhalten, ihre Kinder in einem Waldkindergarten betreuen zu lassen. Literatur Büsching, U., Riedel, R. (2017): BLIKK-Medien: Kinder und Jugendliche im Umgang mit elektronischen Medien. In: https: / / www.bundesgesundheitsminis terium.de/ fileadmin/ Dateien/ 5_Publikationen/ Praevention/ Berichte/ Abschlussbericht_BLIKK_ Medien.pdf, 29.10.2019 BvNW (2019a): Von Skandinavien nach Deutschland. In: https: / / bvnw.de/ von-skandinavien-nachdeutschland/ , 03.04.2019 BvNW (2019b): Warum Natur- und Waldkindergärten? In: https: / / bvnw.de/ editorial/ , 24.10.2019 Gorges, R. (2002): Waldkindergarten im ersten Schuljahr. Eine empirische Untersuchung. Zeitschrift für Erlebnispädagogik 22 (7-8), 10-18 Häfner, P. (2003): Wie schulfähig macht der Waldkindergarten? Eine Studie. Kindergarten heute 33 (4), 32-34 Kiener, S. (2004): Zum Forschungsstand über Waldkindergärten. Schweizerische Zeitschrift für Forstwesen 155 (3-4), 71-76, https: / / doi.org/ 10.3188/ szf.2004.0071 Klein, D., Kurth, A. 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(2014): Körperlich-sportliche Aktivität und Nutzung elektronischer Medien im Kindes- und Jugendalter. Ergebnisse der KiGGS- Studie- - Erste Folgebefragung (KiGGS Welle 1). Bundesgesundheitsblatt 57 (7), 840-848, https: / / doi.org/ 10.1007/ s00103-014-1986-4 Miklitz, I. (2011): Der Waldkindergarten. Dimensionen eines pädagogischen Ansatzes. Cornelsen, Berlin Scholz, U., Krombholz, H. (2007): Untersuchung zur körperlichen Leistungsfähigkeit von Kindern aus Waldkindergärten und Regelkindergärten. motorik 30 (1), 17-22 Sharma-Brymer, V., Bland, D. (2016): Bringing Nature to Schools to Promote Childrenʼs Physical Activity. Sports Medicine 46, 955-962, https: / / doi. org/ 10.1007/ s40279-016-0487-z Späker, T. (2010): Psychomotorik in der Natur- - Eine praktische Annäherung. In Späker, T., Jessel, H. (Hrsg.): Brücken bauen in der Psychomotorik-… damit Theorie in Praxis übergeht- - und umgekehrt! Aktionskreis Psychomotorik, Lemgo, 31-50 Strong, W., Malina, R., Blimkie, C., Daniels, S., Dishman, R., Gutin, B., Hergenroeder, A., Must, A., Nixon, P., Pivarnik, J., Rowland, T., Trost, S., Trudeau, F. (2005): Evidence Based Physical Activity for School-Age Youth. Journal of Pediatrics 146, 732- 737, https: / / doi.org/ 10.1016/ j.jpeds.2005.01.055 Die AutorInnen Dr. Daniel Klein Studienrat i. H. in den Instituten für Outdoor Sport und Umweltforschung sowie Sportdidaktik und Schulsport an der Deutschen Sporthochschule Köln Alina Lied Anwärterin für das Lehramt für-sonderpädagogische Förderung an der Schule an der Ruhraue in Olsberg Anschriften Dr. Daniel Klein Deutsche Sporthochschule Köln Am Sportpark Müngersdorf 6 D-50933 Köln d.klein@dshs-koeln.de Alina Lied Schule an der Ruhraue Stadionstraße 5 D-59939 Olsberg a.lied@gmx.de