motorik
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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Aktuelles Stichwort: Halten (holding function)
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Amara Renate Eckert
Halten, Halt geben und aushalten können – diese Formulierungen tauchen seit den 1990er Jahren zunehmend in der psychomotorischen Fachliteratur auf (Eckert/Fichtner 1991; Esser 1992; Olbrich 1993; Hammer 2001; Eckert/Hammer 2004). Dabei wird in der Regel auf den englischen Kinderarzt und Psychoanalytiker D.W. Winnicott verwiesen, der mit zahlreichen Schriften zu seiner psychoanalytischen Entwicklungstheorie auch heute unverändert aktuell ist. [...]
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[ 144 ] 3 | 2020 motorik, 43. Jg., 144-146, DOI 10.2378 / mot2020.art25d © Ernst Reinhardt Verlag [ AUF DEN PUNKT GEBRACHT ] Aktuelles Stichwort: Halten (holding function) Amara Eckert Halten, Halt geben und aushalten können- - diese Formulierungen tauchen seit den 1990er Jahren zunehmend in der psychomotorischen Fachliteratur auf (Eckert/ Fichtner 1991; Esser 1992; Olbrich 1993; Hammer 2001; Eckert/ Hammer 2004). Dabei wird in der Regel auf den englischen Kinderarzt und Psychoanalytiker D. W. Winnicott verwiesen, der mit zahlreichen Schriften zu seiner psychoanalytischen Entwicklungstheorie auch heute unverändert aktuell ist. Winnicott (1896-1971) lernte direkt nach seiner pädiatrischen Ausbildung bei Melanie Klein, einer Pionierin der Kinder-Psychoanalyse. Seiner Zeit weit voraus, erkannte er, dass auch Säuglinge schon unter psychischen Erkrankungen leiden können. Aus der Rekonstruktion der Analysen erwachsener Borderline-PatientInnen entwickelte er seine Erkenntnisse zur frühen Beziehungsentwicklung zwischen Mutter und Kind, ohne den Anspruch auf eine in sich geschlossene Theorie. Sein bekannt gewordener Ausspruch »thereʼs no such thing as an infant« verweist darauf, dass die frühe haltende Verbindung (holding function) zur Umwelt, repräsentiert durch die Mutter, für das psychosoziale und physische Überleben des Säuglings erforderlich ist. Beide können also nur als Einheit beschrieben werden (Winnicott 1984, 50). Das mütterliche Halten beinhaltet die körperliche Fürsorge, den Körperkontakt, das Getragen- und Bewegtwerden sowie die Vermittlung von Geborgenheit, Sicherheit, Zärtlichkeit, Schutz und Trost. »Zum Halten gehört besonders das physische Halten und Tragen des Säuglings, das eine Form der Liebe ist«, in gewissem Sinne auch »eine Fortsetzung der physiologischen Versorgung, die [schon] den pränatalen Zustand kennzeichnet« (Winnicott 1984, 62f ). Darüber hinaus hält die »genügend gute« Mutter die »erbarmungslosen« Angriffe des Säuglings auf ihren Körper aus, ebenso seine Lebendigkeit, seine Ängste und seine unaufschiebbaren Bedürfnisse. Sie hält in der Verbundenheit des Haltens ihre eigene Erschöpfung und auch ihren eigenen Hass auf das Kind aus, ohne ihn ausagieren zu müssen. Winnicott anerkennt damit, dass »negative« Gefühle erlebt und ausgehalten werden können, wenn sie bewusst sind. Somit beinhaltet sein Konzept des Haltens die Selbstreflexion und den damit verbundenen Lern- und Reifungsprozess des Erwachsenen. Ein Kind, das auf diese Weise gehalten wird, erlebt sich in der Folge als Einheit von Psyche und Körper. Eine wesentliche Funktion des Haltens ist somit die Unterstützung der Integration des Selbst, d. h. der Erfahrung der Kontinuität des Seins, der Einheit der Person und des inneren Sinnzusammenhangs. Halten schützt den Säugling vor Desintegration, d. h. dem Ausgeliefertsein an seine tiefen Ängste, wie der Angst vor dem Absturz ins Bodenlose, der Angst vor dem Zerfallen, dem Chaos und der Sinnlosigkeit (Sesink 2002, 56). Nach der Erfahrung der Einheit beginnt der Säugling, sein Gegenüber zunehmend als ein von ihm getrenntes »Objekt«, als andere Person [ 145 ] Eckert • Aktuelles Stichwort: Halten (holding function) 3 | 2020 wahrzunehmen. Damit beginnt die Phase der Realisierung, die Entstehung der Objektbeziehungen, die vom Kind auch Versagungen hinsichtlich seiner Bedürfnisbefriedigung sowie das Akzeptieren von Grenzen verlangt. Durch die Funktion des Haltens gelangt das Kind in seiner Entwicklung von der absoluten Abhängigkeit zur relativen Unabhängigkeit und zur Annäherung an die Unabhängigkeit (Stork 2008). Bei Stern (1992) kommt diese Phase der Einheit von Psyche und Körper der Phase der Entwicklung des auftauchenden Selbst gleich, während die Phase der Entstehung von Objektbeziehungen der Entstehung des Kernselbst gleicht. Mit seiner Art und Weise, kindliche Entwicklung zu betrachten, erweiterte Winnicott die psychoanalytische Sichtweise um die Einbeziehung des Umfeldes und gehört damit zu den Objektbeziehungstheoretikern. Er hob die Spaltung zwischen Individuumsbezug und Umweltorientierung der Psychoanalyse seiner Zeit auf und wirkte vermittelnd. Seine Erkenntnisse zur Bedeutung des Haltens wurden zu seiner therapeutischen Haltung in der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. »Entwicklung findet eben zwischen Menschen und nicht im Menschen statt« (Gerspach 2018, 48) Um Missverständnisse beim Bezug auf die Theorie Winnicotts im psychomotorischen Kontext zu vermeiden, sollten folgende Kritikpunkte beachtet werden: Das Fehlen des Vaters und anderer bedeutsamer Bezugspersonen des Säuglings werden von Winnicott nicht thematisiert. Vermutlich ist dies u. a. der Methode seiner Forschung, der Rekonstruktion von Psychoanalysen, in denen Väter in der Säuglingszeit noch keine Rolle spielten, zuzuschreiben. Zu diesem Thema ist zwingend weitere Forschung erforderlich. Die Diskussion um eine »genügend gute Mutter« enthält oftmals das Missverständnis, eine Mutter dürfe keine Hassgefühle hegen, müsse »gut« im Sinne von »immer verfügbar« sein. Winnicotts Ausführungen zeigen, dass angemessene temporäre Nicht-Verfügbarkeit dem Kind Differenzerfahrungen ermöglichen, die bei Wieder-Verfügbarkeit integriert werden können und speziell zur Phase der Realisierung gehören. Halten in der Psychomotorik Die Begriffe Halten und Containing gehören mittlerweile zum Fachvokabular, das im psychomotorischen Kontext, überwiegend im Bereich der sinnverstehenden Psychomotorik, verwendet wird (Seewald 2007). Containing geht über Halten hinaus. Es impliziert Vorschläge zur erträglichen Verarbeitung von Affekten (Crepaldi 2018). Die psychomotorische Therapie nach Aucouturier basiert wesentlich auf den Arbeiten von Winnicott (Esser 1992). Die therapeutische Fachkraft stellt dem Kind ihren Körper auf »nachnährende« Weise im Spiel zur Verfügung. »Der Körper der Therapeutin steht dem Kind nicht als passives, sondern als aktives Objekt zur Verfügung. Die Therapeutin handelt und antwortet über ihren Tonus. Sie wird tonisch zur ›Mutter‹ oder zum ›Vater‹, über den Tonus bietet sie Widerstand oder nimmt das Kind an, tonisch bietet sie Sicherheit, über den Tonus drückt sie Zerstörungswut oder Angst aus. Es geht um eine ständige Anpassung an die tiefen Bedürfnisse des Kindes« (Esser 1992, 57f ). Eine ausführliche Rezeption des Werkes von Winnicott sowie seine Übertragung auf den Bereich der Kinder- und Jugendhilfe finden sich bei Hammer (2001). Der haltende Umgang mit Ängsten, Aggressionen und Hilflosigkeit im Rahmen der Psychomotorik wird dort ausführlich thematisiert und reflektiert. Halten, verstanden als Haltung in der Arbeit mit Kindern wird u. a. von Eckert (2004) und für den Bereich der Arbeit mit Erwachsenen u. a. von Wolf (2019) beschrieben. Literatur Crepaldi, G. (2018): Containing. Psychosozial, Gießen, https: / / doi.org/ 10.30820/ 9783837974096 Eckert, R. A., Fichtner, R. G. (1991): Angst und Aggression als Wegweiser des Lebendigen im pädagogisch-therapeutischen Kommunikationszusammenhang. In: Lotzmann, G. (Hrsg.): Aggressionen und Ängste im stimm- und sprachtherapeutischen Prozess. Profil, München, 18-42 Eckert, A., Hammer, R. (Hrsg.) (2004): Der Mensch im Zentrum. AKP, Lemgo Esser, M. (1992): Beweg-Gründe. Ernst Reinhardt, München / Basel Gerspach, M. (2018): Psychodynamisches Verstehen in der Sonderpädagogik. Wie innere Prozesse Verhalten und Lernen steuern. Kohlhammer, Stuttgart [ 146 ] 3 | 2020 Auf den Punkt gebracht Hammer, R. (2001): Bewegung allein genügt nicht. borgmann, Dortmund Olbrich, I. (1993): Förderung, Entwicklung und Prozessanalyse leiblicher Ausdrucksmöglichkeiten in der integrativen Kindertherapie. In: Lotzmann, G. (Hrsg.): Körpersprache. Ernst Reinhardt, München / Basel, 53-67 Seewald, J. (2007): Der verstehende Ansatz in Psychomotorik und Motologie. Ernst Reinhardt, München / Basel Sesink, W. (2002): Psychoanalyse und Pädagogik. Eine pädagogische Einführung in die psychoanalytische Entwicklungstheorie D. W. Winnicotts. In: http: / / www.sesink.de/ wordpress/ wp-content/ uploads/ 2014/ 09/ Vermittlungen-des-Selbst_ Sesink_2002.pdf, 12.12.2019 Stern, D. (1992): Die Lebenserfahrung des Säuglings. Klett-Cotta, Stuttgart Stork, J. (2008): Versuch einer Einführung in das Werk von D. W. Winnicott. In: Winnicott, D. W. (Hrsg.): Von der Kinderheilkunde zur Psychoanalyse. Psychosozial, Gießen, 9-25 Winnicott, D. W. (2008): Von der Kinderheilkunde zur Psychoanalyse. Psychosozial, Gießen Winnicott, D. W. (1984): Reifungsprozesse und fördernde Umwelt. Studien zur Theorie der emotionalen Entwicklung. Fischer, Frankfurt/ M. Wolf, B. (2019): Sinnverstehende Psychomotoriktherapie mit Erwachsenen. Ernst Reinhardt, München / Basel Die Autorin Prof.in Dr. Amara R. Eckert Dipl. Pädagogin; Arbeitsschwerpunkte: Psychomotorik, Soziale Arbeit, Körperpsychotherapie, Pränatale Psychologie, Supervision Anschrift Auf dem Leihen 21 D-72534 Hayingen amara.eckert@h-da.de
