eJournals motorik43/4

motorik
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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2020.art30d
7_043_2020_4/7_043_2020_4.pdf101
2020
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Forum Psychomotorik: Von der Psychomotorik zur Motologie - Einblicke und Ausblick Teil 2

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2020
Friedhelm Schilling
Der Beitrag skizziert die grundlegenden Annahmen der Marburger Motologie, um dem Menschen zu selbstverantwortlichem Handeln und einer harmonischen Persönlichkeitsentwicklung in sozialer Integration zu verhelfen. Dabei wird der Kompetenzerweiterung im Ich-, Sach- und Sozialbereich, einer stimulierenden Umgebung und der Motodiagnostik im Kontext der Motopädagogik und Mototherapie eine zentrale Bedeutung zugemessen. Weiterentwicklungen der Motologie in Praxis, Forschung und Lehre werden skizziert und runden den Beitrag ab.
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Zusammenfassung / Abstract Der Beitrag skizziert die grundlegenden Annahmen der Marburger Motologie, um dem Menschen zu selbstverantwortlichem Handeln und einer harmonischen Persönlichkeitsentwicklung in sozialer Integration zu verhelfen. Dabei wird der Kompetenzerweiterung im Ich-, Sach- und Sozialbereich, einer stimulierenden Umgebung und der Motodiagnostik im Kontext der Motopädagogik und Mototherapie eine zentrale Bedeutung zugemessen. Weiterentwicklungen der Motologie in Praxis, Forschung und Lehre werden skizziert und runden den Beitrag ab. Schlüsselbegriffe: Motologie, Motopädagogik, Mototherapie, Motodiagnostik, Persönlichkeitsentwicklung, Gruppendynamik, Masterstudium From psychomotricity to »Motologie«-- insights and outlook II This article presents basic assumptions of the Marburger »Motologie« aiming to support an individual’s self-responsible behaviour and balanced personal development within its social context. Fundamental importance is given to the development of motor skills, knowledge about the physical environment as well as socio-emotional skills and a stimulating environment. The diagnostic of motor skills within motor education and therapy are introduced. Further developments of »Motologie« in practical, research and teaching settings are discussed. Key words: »Motologie«, motor education, motor therapy, diagnostic of motor skills, personal development, master’s degree study [ 164 ] [ FORUM PSYCHOMOTORIK ] 4 | 2020 motorik, 43. Jg., 164-168, DOI 10.2378 / mot2020.art30d © Ernst Reinhardt Verlag Von der Psychomotorik zur Motologie-- Einblicke und Ausblick Teil 2 Grundlegende Annahmen und Entwicklungen Friedhelm Schilling Die Entwicklung der Motologie in Marburg in Lehre und Forschung gründete sich wesentlich auf den Erkenntnissen aus der kinderpsychiatrischen Vergangenheit und den sensorischen und motorischen Grundlagenforschungen. Im Mittelpunkt der Praxis stand die Kompetenzerweiterung im Ich-, Sach- und Sozialbereich durch neue Erfahrungen, Übertragungen und Lösungen finden. Die Marburger Motologie wurde daher als kompetenz-theoretischer Ansatz bezeichnet. Grundlegende Annahmen der Motologie-- die Basis Ursprünglich stand die Entwicklung und Fehlentwicklung des Kindes in Anlehnung an die Erfolge der psychomotorischen Übungsbehandlung im Vordergrund. Wesentliches Ziel dieser Therapieform war es, gehemmten, erziehungsschwierigen, motorisch und psychisch gestörten Kindern und Jugendlichen zu geordnetem Verhalten, zu Selbstsicherheit und zu einer harmonischen Persönlichkeitsentwicklung zu verhelfen. Das auffällige Kind soll sozusagen als Entwicklung im Nachvollzug sich selbst, seinen Körper, seine Emotionen sowie die anderen Kinder neu erfahren und durch tätige Auseinandersetzung mit der Welt und ihren vielfältigen materiellen und personellen Erscheinungen Erfahrungen sammeln, die ein geordnetes, selbstverantwortliches Handeln ermöglichen. Das Kind lernt und erfährt in der Gruppe und an der Gruppe. Es offenbart sich und sein Tun in der Gruppe und wird [ 165 ] Schilling • Von der Psychomotorik zur Motologie-- Einblicke und Ausblick Teil 2 4 | 2020 so allmählich zur sozialen Integration geführt. Voraussetzung für den Erfolg eines solchen Interaktionsprozesses ist jedoch, dass das Kind Kompetenzen erwirbt, mit sich selbst und der dinglichen Umwelt schrittweise effektiver umgehen zu können. Es lernt, möglichst selbsttätig etwas zu leisten, Lösungen und Wege selbst zu finden und im Handeln mit den eigenen Emotionen umzugehen. Letztlich sind es Anpassungsprozesse, die Realität dieser Welt und der menschlichen Gemeinschaft in sich abzubilden, um handelnd damit umgehen zu können (Schilling 1973). Das Neugeborene ist im Vergleich zu anderen höheren Lebewesen nur mit wenigen bereits festgelegten Verhaltensweisen ausgestattet, die biologisch sinnvoll ein Überleben garantieren sollen. Aus diesem ersten Reflexverhalten entsteht durch eigentätigen Informationsaustausch mit der Umwelt nach und nach selbst gesteuertes Willkürverhalten, das in immer differenzierterer Weise eine effektive Auseinandersetzung mit der materialen und personalen Umwelt ermöglicht. Wir wissen heute, dass motorische Störungen sich nicht allein aus organischen Defiziten herleiten lassen. In früheren Untersuchungen konnten wir zeigen, dass Schulkinder mit gleicher Ätiologie einer frühkindlichen Hirnschädigung beispielsweise sehr viel unterschiedlichere Verhaltensbilder zeigten als gleichaltrige hirngesunde Kinder (Schilling 1973). Noxen in der frühen Kindheit verändern zwar Entwicklung, bestimmen aber nicht allein ihre Richtung. Die individuelle Entwicklung ist von vielen anderen inneren und äußeren Faktoren ebenso abhängig. Das Verhaltensbild, das sich schließlich im Schulalter zeigt, ist nur interaktionistisch aus dem Gesamtentwicklungsverlauf zu verstehen. Bewegungsentwicklung orientiert sich an den Erfordernissen des sachlichen und personalen Umfeldes sowie an den Möglichkeiten und Bedürfnissen des Kindes. Eine gesunde Bewegungsentwicklung erfordert daher von Anfang an eine stimulierende Umgebung, immer wieder neue Aufgaben und eine vergleichende Orientierung an dem Verhalten und der Leistung anderer Kinder und Erwachsener, um eine Vielzahl von Bewegungsmustern zu erlernen und generalisieren zu können. Für die meisten Kinder wird dabei Wahrnehmungs- und Bewegungsleistung von den Erwachsenen mitbestimmt, indem ihnen ständig gesagt wird, was die betreuenden Personen gut finden und was nicht akzeptiert wird. Die eigenständige Erkundung der Welt wird somit in vielen Fällen gebremst oder in bestimmte Richtungen gelenkt. Eltern, die ihre Kinder zu sehr bevormunden und sie nicht rechtzeitig in die Selbstbestimmung entlassen, riskieren psychische und soziale Probleme ihrer Kinder im Erwachsenenalter (Schilling 1988). Dieser Prozess einer gesunden fein- und grobmotorischen Entwicklung kann durch eine Reihe von Faktoren gestört werden-- es ist eben nicht nur ein rein organischer Vorgang: Die Hirnentwicklung kann durch toxische Einflüsse während der Schwangerschaft, durch Erbfaktoren, durch Schwierigkeiten während der Geburt und in der späteren Entwicklung durch Infektionen oder Unfallereignisse beeinträchtigt werden mit der Folge einer verzögerten oder gestörten motorischen Entwicklung. Ebenso können Vernachlässigung, Deprivation, Übungsmangel und mangelhaftes soziales Eingebundensein ähnliche Symptome hervorrufen. Schließlich gibt es noch die Persönlichkeitsbzw. Verhaltensvariante des Zuwenig und Zuviel an Bewegungsaktivität, die dem sozialen Umfeld Probleme bereiten. Die Vielzahl möglicher Ursachen und die Ähnlichkeit in der Symptomatik dürften eine differenzierte Diagnose erschweren und auch eine weiterführende Befundung als Behandlungsgrundlage für die Mototherapie nicht einfacher machen. Nach eigenen Untersuchungen (Schilling 1973) zeigen frühkindliche Hirnschäden bis ein Jahr nach der Geburt im Schulalter in 91 % der Fälle und bei Spätschäden in nur 39 % der Fälle nachweisliche Koordinationsstörungen im Grundschulalter. Unter den hirngesunden Kindern mit Auffälligkeiten in den sensomotorischen Leistungen im Schulalter fanden sich Schwachbegabung, Übergewicht und körperliche Retardierung. Motorische Schwächen, Fehlentwicklungen und Retardierungen lassen sich in aller Regel sehr erfolgreich behandeln. Motorik ist im Gegensatz zur Intelligenz hoch übbar und wirkt sich äußerst positiv auf die Persönlichkeitsstruktur und das soziale Verhalten aus (Schilling 1973). [ 166 ] 4 | 2020 Forum Psychomotorik Motodiagnostik War in den Anfängen der Psychomotorik in Deutschland Motodiagnostik eher an den klinischen Bereich geknüpft und mit Aufgaben eines ergänzenden motorischen bzw. psychomotorischen Befundes für Mediziner befasst, so hat sich mit der wissenschaftlichen Weiterentwicklung der Motologie die Aufgabenstellung der Motodiagnostik erheblich gewandelt. Ausgehend von der Grundannahme der Motologie, dass der Wahrnehmungs- und Bewegungsentwicklung nicht nur der kognitiven, sondern der gesamten Persönlichkeitsentwicklung eine erhebliche Bedeutung zukommt, werden in der heutigen Motodiagnostik unterschiedliche Informationsquellen zu Fragen über den Entwicklungsverlauf genutzt, um ein Gesamtbild des Kindes oder der PatientInnen zu erfassen. Die Beurteilung der Problematik basiert daher nicht mehr allein auf den Ergebnissen von psychomotorischen Tests, sondern auf der Interpretation von Informationen verschiedenartiger Quellen nach Maßgabe wissenschaftlicher Grundpositionen in der Motologie. Motodiagnostik geht damit über eine deskriptive Bewegungsdiagnostik weit hinaus. Wir versuchen eher, die wesentlichen Persönlichkeitsprobleme eines Individuums vornehmlich über das psychomotorische Leistungs- und Verhaltensrepertoire aufzuspüren und entwicklungslogisch zu interpretieren, um eine Basis für individuelle Förder- und Therapiepläne zu erhalten. Eine Testerhebung zu einem bestimmten Zeitpunkt innerhalb der individuellen Entwicklung hat nur bedingt prognostischen Aussagewert, denn für eine Behandlung psychomotorischer Störungen ist es notwendig, herauszufinden, welche Lernstadien erreichbar sind, welche Spielräume der Entwicklung offenstehen und welche individuellen Lernbedingungen zu Veränderungen im Verhalten führen werden. Testergebnisse sind daher nicht allein auf die Altersnorm zu beziehen, sondern müssen ipsativ betrachtet werden, d. h. die Testleistungen müssen auf ihren Stellenwert innerhalb der Gesamtpersönlichkeit hin untersucht werden. Defizite in einzelnen Funktionsbereichen können unterschiedliche Wirkungen auf den weiteren Entwicklungsverlauf haben. Je nach Ausstattung der Primärpersönlichkeit können sie zu Entwicklungsblockaden führen oder aber auch so kompensiert sein, dass Handlungs- und Kommunikationsfähigkeit des Einzelnen davon kaum berührt sind. Motodiagnostik bedient sich unterschiedlicher Informationsquellen Motodiagnostik muss daher neben den Ergebnissen psychomotorischer Tests, Daten aus der Anamnese, aus Schulberichten, aus der ärztlichen Diagnosestellung oder aus psychologischen Untersuchungen mit zur Beurteilung der Problemsituation heranziehen. Ausgangspunkt ist dabei ohne Zweifel die Störsymptomatik, die jedoch nur indirekte Bedeutung für die Behandlung oder Förderung hat, da sie als ein dem sozialen Umfeld zum Problem gewordenes und äußerlich sichtbares Merkmal einer veränderten Gesamtpersönlichkeitsentwicklung anzusehen ist. Ziel der Motodiagnostik ist es daher, zu versuchen, ganzheitliche Strukturen und damit Zusammenhänge von organischen, psychischen und sozialen Faktoren in dem individuellen Entwicklungsgeschehen von PatientInnen auf der interpretativen Ebene herauszuarbeiten. Ein Weg, dieser Zielvorstellung näher zu kommen, liegt darin, Symptome, Verhalten, individuelles Können, Interessen und Werthaltungen der Person in Beziehung zu setzen und unter dem Aspekt der individuellen Entwicklung zu werten. Ergebnisse von Testverfahren sollten daher nie isoliert interpretiert werden, da selbst Verfahren, die allein funktionelle Defizite aufdecken, nicht die Auswirkungen der funktionellen Ausfälle auf die Entwicklungsstrukturen der PatientInnen berücksichtigen. Wichtiger ist es, zu erfahren, wie der Organismus in seiner Umweltbezogenheit auf diese Ausfälle reagiert hat, wie die personale Umwelt das resultierende Verhalten bewertet. Schließlich ist die Frage zu stellen, wie durch einen derartigen Prozess die Entwicklungsbedingungen von PatientInnen sich möglicherweise verändert haben. Jede vermeintliche Leistung im Kindesalter wird erst durch das Urteil und die Bewertung anderer zu einer Leistung. Das eigene Urteilsver- [ 167 ] Schilling • Von der Psychomotorik zur Motologie-- Einblicke und Ausblick Teil 2 4 | 2020 [ 167 ] Schilling • Von der Psychomotorik zur Motologie-- Einblicke und Ausblick Teil 2 4 | 2020 mögen ist noch nicht in der Lage, objektiv eine Handlung in die sozialen Bewertungsstrukturen einzuordnen. Damit ist auch eine Minderleistung immer der sozialen Bewertung unterworfen. Entscheidend ist, wie sehr sich das Kind von einer solchen Minderbewertung leiten lässt. Für die Entwicklung der Ich-Stärke, für die Entwicklung einer stabilen Selbstbestimmung in sozialer Integration sind diese Zusammenhänge von außerordentlicher Bedeutung. Angewandte Motologie: Motopädagogik und Mototherapie Motologie geht von der Grundannahme aus, dass Persönlichkeitsentwicklung durch Wahrnehmen, Erleben und Handeln in immer differenzierteren Formen auf der Basis von Aneignungsprozessen in Abhängigkeit von Wachsen und Reifen geschieht. Die dingliche und soziale Welt in sich aufzunehmen, in sich abzubilden, sich selbständig kritisch mit ihr auseinanderzusetzen, sind elementare Prozesse in der Persönlichkeitsentwicklung. Bei einer Analyse bewegungsbeeinträchtigter Kinder zeigte sich, dass die ihnen zur Verfügung stehenden Wahrnehmungs- und Bewegungsmuster nur in alltäglichen eingeschliffenen Situationen anwendbar waren. Es fehlte ihnen an einem breiten Erfahrungsschatz, an Generalisierungsmöglichkeiten und an variablen Anpassungsmöglichkeiten des Gelernten an neue Situationen. Sie hatten Schwierigkeiten, sich in ihrem sozialen Umfeld zu behaupten. Daraus resultierte eine hohe Verletzbarkeit, Irritierbarkeit, Selbstunsicherheit. Ihre Persönlichkeitsentwicklung entsprach nicht ihrem Alter, sie hatten Schwierigkeiten, mit sich selbst und ihrem personalen Umfeld. Trotzdem versuchten sie, ihre Bewegungs- und Wahrnehmungsschwächen zu verbergen. Diese Kinder erleben sich so, wie sie sind und nehmen gar nicht wahr, dass sie in ihrer Entwicklung rückständig sind. Sie brauchen eine Entwicklungsförderung im Nachvollzug, wie ihn die Motologie anbieten kann. Damit wird auch ihnen die Chance zu einer stabileren Persönlichkeitsentwicklung eröffnet. Je nach institutionellen Setting ist eher von Motopädagogik (z. B. Fördergruppen) oder Mototherapie (z. B. Klinik) zu sprechen. Die Grundannahmen der psychomotorischen Übungsbehandlung lassen sich auf die Erziehung nicht behinderter Kinder ohne weiteres übertragen. Motopädagogik ist damit als Unterrichtslehre zu verstehen, die Entwicklung der Gesamtpersönlichkeit der Kinder durch Bewegung zu fördern. Das Kind lernt durch den Erwerb von variierbaren Wahrnehmungs- und Bewegungsmustern, sich selbst und seine Umwelt optimal zu beherrschen und sich aktiv mit dem sozialen Umfeld zu arrangieren. Als Richtziel der Motopädagogik wird die Befähigung angesehen, sich sinnvoll mit sich selbst, mit seiner dinglichen und personalen Umwelt kritisch auseinandersetzen und entsprechend handeln zu können. Die Bedeutung der Gruppe in der Motopädagogik und Mototherapie Ein wichtiger Faktor in der Motopädagogik und Mototherapie ist die Gruppe. Bereits ihre Zusammenstellung von sechs bis acht Kindern bestimmt den Behandlungserfolg. Einzeltherapien sind nur in Ausnahmefällen sinnvoll, wenn z. B. das Kind noch nicht gruppenfähig ist. In der Gruppe übernehmen die Kinder unterschiedliche Rollen, z. B. eine Führungsrolle oder eine vermittelnde Rolle. Den behandelnden Fachkräften eröffnen sich dadurch gute Einflussmöglichkeiten, indem der Gruppe Aufgaben gestellt werden, die sie selbständig lösen müssen. Dabei können die Rollen der Kinder verändert werden: Das dominante Kind muss sich im Verlauf des Rollenwechsels anderen Kindern unterwerfen und erfährt dabei einen bisher kaum erlebten sozialen Rahmen. Beliebt sind hoch motivierende Geschichten mit hoher Erlebnisqualität für die Gruppenmitglieder, wie beispielsweise eine Schiffsreise auf hoher See, auf dem Bauernhof oder andere Themen, die den Kindern vielfältige Möglichkeiten bieten, Neues zu erfahren und zu erleben. Das Thema Gruppe ist bisher in der Motologie nur unzureichend thematisiert und erforscht worden. Gerade die Dynamik des Gruppengeschehens eröffnet eine enorme therapeutische Einflussnahme auf die soziale Entwicklung der Gruppenmitglieder. [ 168 ] 4 | 2020 Forum Psychomotorik Zur Weiterentwicklung der Motologie Motologie und Mototherapie haben ihren Ursprung in der Kinderpsychiatrie. Zur Theoriebildung diente vor allem der Gestaltkreis von Weizsäcker, Ergebnisse der Adaptationsforschung, der Entwicklungstheorie von Piaget sowie Handlungstheoretische Ansätze. Vor allem durch die Öffnung zur Pädagogik wurden die theoretischen Begründungen vielfältiger, in deren Mittelpunkt Handlungs- und Entwicklungstheorien stehen. In Arbeiten, beispielsweise von Klaus Fischer (2001), Marianne Eisenburger (1991), Astrid Krus (2004) und Ruth Haas (1999) sowie Jürgen Seewald (2007), werden Weiterentwicklungen der Motologie ausführlich dargelegt. In der Marburger Nachfolge ab 2002 vertrat Prof. Dr. Jürgen Seewald den Lehrstuhl Motologie. Mit seinem »Verstehenden Ansatz« in Psychomotorik und Motologie brachte er verstärkt einen psychoanalytischen Blick in die Motologie. Er erweiterte die Diagnostik um den Faktor »Verstehen« und verließ damit den ursprünglich aus dem klinischen Verständnis heraus notwendigen motodiagnostischen Ansatz. Im »Verstehenden Ansatz« geht es darum, herauszufinden, welche entwicklungsdynamischen Prozesse innerhalb des Kindes ablaufen, wie MotologInnen diese Prozesse (psychoanalytisch) deuten können und welche Interventionsmöglichkeiten abgleitet werden. Heute werden- - je nach Erfordernis- - beide Richtungen angewendet, oft ineinander verzahnt und aufeinander abgestimmt. Mit der Weiterentwicklung wurde auch ein neuer Wissenschaftsgegenstand in die Motologie aufgenommen. Neben »Bewegung« ist nun auch »Körper« Gegenstand und Bezugspunkt von Forschung und Lehre. So kamen auch körperorientierte Ansätze bis hin zum körperpsychotherapeutischen Ansatz (für die Arbeit mit psychisch kranken Erwachsenen in Kliniken) hinzu, die in die Studienordnung mit aufgenommen wurde. Erstaunlich ist, wie tief das psychomotorische Gedankengut nicht nur in der Pädagogik und Sportpädagogik, sondern allgemein in der Gesellschaft Fuß gefasst hat. In der Frühpädagogik, im Schulbereich und auch im Erwachsenalter vor allem im Altenbereich sind Spuren psychomotorischen Gedankenguts zu erkennen. Damit sind unsere Ziele und Wunschvorstellungen aus den Anfängen der psychomotorischen Bewegung und der Motologie in die Tat umgesetzt worden. Literatur Eisenburger, M. (1991): Motologie. Reihe Motorik Bd. 12, Hofmann, Schorndorf Fischer, K. (2001): Einführung in die Psychomotorik, Ernst Reinhardt, München / Basel Haas, R. (1999): Entwicklung und Bewegung. Reihe Motorik Bd. 22, Hofmann, Schorndorf Krus, A. (2004): Mut zur Entwicklung. Reihe Motorik Bd. 26, Hofmann, Schorndorf Schilling, F. (1988): Motorische Entwicklung und Sprachförderung. In: Irmischer, T., Irmischer, E. (Hrsg.): Bewegung und Sprache: Bericht vom Symposium »Bewegung und Sprache« in Marburg vom 30.09.-02.10.1987. Reihe Motorik Bd. 7, Hofmann, Schorndorf, 56-62 Schilling, F. (1973): Motodiagnostik des Kindesalter. Empirische Untersuchungen an hirngeschädigten und normalen Kindern. Marhold, Berlin Schilling, F. (1970): Experimentelle Untersuchungen zur Motodiagnostik im Kindesalter. Diss. phil. Uni Gießen Seewald, J. (2007): Der Verstehende Ansatz. Ernst Reinhardt, München / Basel Ich danke Frau Dr. Marianne Eisenburger für Ihre Korrektur und Textergänzungen in diesem Beitrag. Der Autor Prof. Dr. phil., med. habil. Friedhelm Schilling Dipl. Psychologe und emeritierter Professor für Sozialpsychologie des Sports und Bewegungstherapie, etablierte 1983 den Dipl. Aufbaustudiengang Motologie, Verantwortlicher Redakteur der »motorik« bis 2006, Begründer des Lehr- und Forschungsbereiches Motologie. Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit: Motodiagnostik, Motogenese, Graphomotorik und Linkshänder Diagnostik Anschrift Altkönigstr. 16 D-61194 Niddatal-Assenheim friedhelm.schilling@arcor.de